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Ausgabe:

1885

Spalte:

618-621

Autor/Hrsg.:

Funcke, Otto

Titel/Untertitel:

Der geadelte Mord oder das Duell 1885

Rezensent:

Rade, Martin

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Täeologifcl e Literaturzeitung. 1885. Nr. 25.

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vorbereitet war, doch im Ganzen die lehrhafte Breite, j
das Vermeiden entlegenerer Einzelfragen, und das An- j
bequemen an das Mafs des Verftändnifses von Studi-
renden an, welche die Aufgabe akademifcher Vorlefungen
mit fich bringt. Und Niemand wird billigerweife von den
Vorlefungen eines Theologen, der mehr als ein Menfchen-
alter hindurch feine Anfchauungen zahlreichen Schülern
mitgethcilt und einzelne ihn bewegende Fragen mono- j
graphifch behandelt hat, Ausführungen erwarten, welche I
fachlich neu und die Wiffenfchaft weiter zu führen geeignet
wären.

Die Vorlefungen, nachdem fie einlcitungsweife die
üblichen Fragen nach dem Verhältnifse der Ethik zur
Dogmatik, fowie der theologifchen zur philofophifchen
Ethik und nach dem Wefen des Sittlichen beantwortet
haben (1—48), fchicken der eigentlichen Entfaltung des 1
Syftems unter dem Titel ,Ausgangspunkt' eine Reihe
von Lehnfätzen aus der Dogmatik voraus, welche über
das Ethifche in Gott und über das ethifche Ziel der 1
Welt belehren follen (—99). Die Nothwendigkeit diefer j
Ausführungen wird denen kaum einleuchten, welche in
der theologifchen Ethik von dem feften Boden des i
chriftlich erfchienenen fittlichen Ideals ausgehen. Bei |
Dorner's Abficht, die Ausfagen der Dogmatik und Ethik j
aus dem ,chriftlich erleuchteten, ebendaher mit der heil.
Schrift in innerer Einheit flehenden und durch fie fich !
normirenden Geifte, der durch die Kirche und die Ge- |
fchichte ihres fittlichen Bewufstfeins gebildet ift' (35), j
fpeculativ abzuleiten, mochten fie nothwendig fein. Ebenfo
fällt demjenigen, welcher Dogmatik und Ethik als fich j
parallel laufende Darftellungen des chriftlichen Heils- I
proceffes einerfeits als einer Reihe von Gottesthaten, j
andererfeits als einer Summe von menfehlichen Freiheits-
bethätigungen anfleht, das Abhängigkeitsverhältnifs auf, j
in welches Dorner die Ethik zur Dogmatik ftellt. Und
wer beiden Disciplinen eine apologetifche Wiffenfchaft
,vom Wefen und von der Wahrheit des Chriftenthums' |
voranzuftellen gewohnt ift, der wird in den vorliegenden j
Vorlefungen viel Material der Apologetik wiederholt fin- i
den, — fo in dem, was gegen den Materialismus 90 ff.,
was über die menfehliche Leiblichkeit 105 ff., was gegen
den Darwinismus 152 ff., und was über das Gewiffen !
211 ff. gefagt wird. Sicher aber gehört die Frage nach j
dem Gegenlätze von Determinismus und Indeterminismus
(236 ff.) nicht in eine theologifche Ethik.

Die eigentliche Ausführung der Ethik wird in zwei
Haupttheilen gegeben. Die Fundamentallehre fchil-
dert die göttliche Weltordnung als Vorausfetzung der
chriftlichen Sittlichkeit (—314), — und zwar zuerft wie fie |
fchöpferifch die allgemeinen Bedingungen des Sittlichen
in der Menfchennatur und die befonderen fittlichen :
Anlagen in Gefchlecht, Race, Temperament und Talent I
fetzt und damit die naturwüchfigen Anfänge der Cultur
nothwendig hervorruft, — fodann wie fie fich in dem
formal fittlichen Proceffe als Gefetz der Bewegung
bezeugt durch die drei Factoren des objectiven Sitten-
gefetzes, des Gewiffens und der Freiheit, — endlich wie
fie als inhaltliches Ziel der Bewegung des fittlichen
Proceffes hervortritt, indem fie zuerft die
Rechtsftufe hervorbringt und nach dem PTweife der Un-
vollkommtnheit derfelben zur Stufe der Liebe führt und
das fittliche Ideal im Reiche Gottes offenbart. Auf Grund
diefer Principienlehrc bietet dann der zweite Haupttheil
die pofitive Darftellung der Welt des chriftlich
Guten (—560), alfo die chriftliche Tugend-, Pflichten-
und Guterhhre (11). Mit Recht, wie mir fcheint, wird
die Entwicklung der tugendhaften chriftlichen Perfönlich-
keit und ihrer Pflichten vor der Bethätigung des Chriften
in den fittlichenGemcinfchaften behandelter,), Nur mufs
dann, wie ich meine, in der Lehre von der Tugend und
von den Pflichtgrundfätzen wirklicli nur das handelnde
fittliche Subject mit feinen Kräften und Maximen be-
fchrieben werden, — und die concrete Anwendung der

fittlichen Kräfte nach den fittlichen Grundfätzcn erft bei
der Betrachtung der fittlichen Gemeinfchaften zur Sprache
kommen. Da aber bei Dorner ziemlich das ganze Material
vonTugend und Pflicht vor der Lehre von den Gütern ausgeführt
wird, fo müffen wir von Eigenthum, Communis-
mus, Sclaverei etc. hören, ehe wir vom Staate wiffen, —
von Keufchheit, bevor von der Ehe, — von Bildung, ehe
von der Gefellfchaft die Rede war etc.

Dorner behandelt den ganzen chriftlich-fittlichen Stoff
zuerft chrifto logifch, — indem in Chriftus, als dem
Offenbarer des Gefetzes, als der allumfaffenden Tugend
und als dem Princip des Gottesreiches, Pflicht-, Tugend-
und Güterlehre ihren gemcinfchaftlichcn Ausgangspunkt
haben. Sodann wird die chriftliche tugendhafte
Perfönlichkeit in ihrem Werden (durch Glaube,
Liebe und Hoffnung [Weisheit]), — in ihrem Beliehen
(durch Treue, Beharrlichkeit und Befonnenheit), — und
in ihrer Entfaltung (im Verhältnifse zu Gott, zu fich
felbft und zum Nächften) gefchildert. Endlich wird der
Organismus der chriftlich-fittlichen Welt befchrieben, —
im Haufe als der fittlichen Grundgemeinfchaft, — in
Staat, Kunft und Wiffenfchaft als den durch menfehliche
Kunft erzeugten fittlichen Gemeinfchaften, — und
in der abfohlten Sphäre, der Kirche, als der religiöfen
Gemeinfchaft. Mir ift die Art, wie hier die chriftlichen
Tugenden aus dem Glauben entwickelt werden, wenig
einleuchtend vorgekommen; am wenigften fchien mir die
Identificirung von Hoffnung und Weisheit glücklich
(326—40). Und die Eintheilung der Pflichten in Pflichten
gegen Gott, uns felbft und den Nächften wird doch
eigentlich von Dorner felbft widerlegt, wenn er (410) ur-
theilt: ,unfer ganzer Abfchnitt (von der Selbftliebe)
kann auch als Pflicht der Gottesliebe behandelt werden,. . .
und ift auch Vorausfetzung und Mafs der chriftlichen
Nächftenliebe'.

Die Darfteilung der fittlichen Gemeinfchaften ift fehr
kurz ausgefallen, wie das bei akademifchen Vorlefungen
das Doos des letzten Thcils zu fein pflegt, und läfst
gegenüber Rothe, v. Oettingen und Martenfen viel ver-
milfen. Die Stellung, welche der Kirche gegenüber dem
Staate angewiefen wird, ift, obwohl principiell evange-
lifch, doch thatfächlich zu fehr von der Identificirung
der Kirche mit dem chriftlichen Gemeinwefen beherrfcht
(270). Im Einzelnen ift mir noch aufgefallen, dafs 157 die
Negerrace mit den Kufchiten der Bibel zufammengeftellt
wird, — dafs 254 ffilOlS ,zu Gottes Ebenbild' überfetzt
ift, — dafs 415 der Selbftmord auf die Fälle befchränkt
wird, wo das Subject fich und feinen Vortheil fucht, —
dafs 416 die Trauermale Lev. 19, 28.21, 5 mit ,Anfät'zen
zum Selbftmord' zufammengeftellt werden, — dafs 453
das bürgerliche Ehrenwort mit unter den Begriff des
Eides befafst ift, — und dafs 539 die Sculptur als bildende
Kunft unter dem Charakter der Subjectivität auf-
gefafst und mit der Lyrik parallel geftellt wird.

Göttingen. H. Schultz.

1. Funcke, Otto, Die Welt des Glaubens und die Alltagswelt.

Dargelegt nach den Fufstapfen Abrahams. Bremen
Müller, 1885. (XVI, 411 S. 8.) M. 3. —

2. Derfelbe, Der geadelte Mord oder das Duell. [Aus: ,Die
Welt des Glaubens und die Alltagswelt.'] Ebenda
1885. (15 S. 8.) M. — 20.

Im Winter 1884 auf 85 predigte F. über das Leben
Abraham's. ,Oefter als fouft und von den bellen Leuten
kam die Bitte an mich, diefe Predigten in Druck zu
geben.' Er zog es vor, auf Grund jener Predigten eine
Reihe von Artikeln in das Bremer Kirchenblatt zu
fchreiben. Und weil er daran Freude fand, verarbeitete
er die ganze Predigtfolgc in diefer freieren Weife. So
entftand das vorliegende Buch.