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Ausgabe:

1885 Nr. 22

Spalte:

538-541

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Romundt, Heinr.

Titel/Untertitel:

Grundlegung zur Reform der Philosophie. Vereinfachte und erweiterte Darstellung von Immanuel Kant‘s Kritik der reinen Vernunft 1885

Rezensent:

Reischle, Max

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Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 22.

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17. Jahrhunderts corrigiren wolle. Seine Ausführungen
find durchhaucht von religiöfer Wärme und tiefer Verehrung
der heil. Schrift; es ift ihm um religiöfe und fitt-
Iichc Selbftändigkeit der Gemeindeglieder zu thun, gegen
todte Kirchlichkeit und gedankenlofe Gläubigkeit macht
er gleicherweife Front. Wir glauben allerdings, dafs mit
der blofsen Verurtheilung und Verachtung der kirchl.
Infpirationslehrc, ohne dafs diefelbe dargeftellt oder widerlegt
wird, wenig der guten Sache gedient ift; auch fcheint
es uns nicht in der Ordnung, dafs der Herr Verf., ftatt
einen pofitiven Beweis für feine höchft Schätzenswcrthes
enthaltenden Behauptungen anzutreten, lediglich feinen
Gegnern den Gegenbeweis zufchiebt.

Der ,Eingang' S. 1—3 legt, uns nebenfächlich, das
Syriern der Religionsichre des Herrn Verf.'s dar. Er beginnt
eigentümlicher Weife mit der Sittenlehre', deren
Norm ihm nur der Dekalog ift; es folgt die .Glaubenslehre
', welche fich am Apoftolicum orientirt; als dritter
Haupttheil erfcheint die .Cultuslehre', welche unter Anderem
die Aufgabe der Chriften darlegt, ,im Namen ihres
Heilandes und in Kraft feines Geiftes der Gemeinfchaft
mit Gott zu leben'. Die Cultuslehre behandelt 1) das
Wort Gottes; 2) die Sündenvergebung; 3) das Gebet;
4) die Taufe; 5) das Abendmahl; der erfte Abfchnitt der
Cultuslehre ift nun der Inhalt unferes Buches. Nach einer
.Orientirung' (S. 4—6), in welcher über das Verhältnifs
der heil. Schrift zur Tradition in der Lehre der römi-
fchen, der lutherifchen und reformirten Kirche geredet,
fodann die Bibel und das Wort Gottes definirt wird, entfaltet
fich die Abhandlung in drei Abfchnitten: 1. Chriftus
und das Wort Gottes (S. 7. 8); 2. Das Wort Gottes und
die heil. Schrift (S. 8—26); 3. Das Wort Gottes und das
Gemeindeamt (S. 26—38); mit einer uns unverftändlich
gebliebenen Kritik des Herrn Verffs über diefe feine
Schrift fchliefst die zweite Auflage.

Referent hält es für einen durchaus gefunden und
zweifellos richtigen Gedanken, dafs uns der Herr Verf.
von vornherein Chriflum als das .Wort Gottes' zerr'
>-£0X>t'' zeigt; damit wird dem Worte Gottes die denkbar
höchfte Dignität vindicirt, und es wird fofort ein Mafs-
llab gewonnen für Alles, was Anfpruch auf das Prädicat
des Wortes Gottes macht. Allerdings kann dann nicht
mehr die heil. Schrift und das Wort Gottes identificirt
werden, indem die heil. Schrift nicht mehr und nicht
weniger ift als die gefchichtlichc Urkunde des Wortes
Gottes oder der Heilsoffenbarung; fie deckt fich nicht
mit dem Worte Gottes, aber fie enthält das Wort Gottes,
und Irrthümer find in ihr nicht ausgefchloffcn. Von
Chriflo aus wird ein Stufenunterfchied des Offenbarungsgehaltes
heiliger Schrift erwiefen, und die Unterfcheidung
deffen, was die Träger des Gottesgeiftes von fich aus
erkannten, von dem was fie von Gott her erkannten
und bekannten, wird feftgehalten. Wo der Glaube an
Chriftus bezeugt wird in Heilserkenntnifs und Heilserfahrung
, da giebt's Gottes Wort: auch heute noch und
allezeit, gleichgültig, ob diefe Bezeugung von einem rei- |
fen Mitgliede oder von einen beauftragten Vertreter der
Gemeinde gefchieht; denn was der einzelne Chrift für
feine Mitmenfchen, das foll der Amtsträger für die Gemeinde
fein (S. 29).

Der hier nur dürftig fkizzirte treffliche und gefunde
Kern der Abhandlung wird leider beeinträchtigt theils
durch eine nichts weniger als klare und überfichtliche
Schreibweife des Herrn Verf.'s, theils aber auch durch
eine Fülle theils nebenfächlicher, theils fehr wefentlicher
haltlofer Behauptungen. So fordert der Herr Verf., da-
mit die Offenbarung in Chriflo treu überliefert werde, J
dafs die Verfaffer der heil. Schriften Augen- und Ohren- !
zeugen Jcfu mit natürlicher geiftiger Begabung, von edlem
perfönlichen Charakter und von heilsgefchichtlichem
Beruf gewefen feien. Es entgeht ihm, dafs damit die
unmögliche Verfafferfchaft des Apoftcls Matthäus für das
erfle Evangelium gefordert wird, und dafs nicht nur das

zweite und das dritte Evangelium, fondern auch fämmt-
liche Paulinifche Schriften entwerthet werden. Um das
willkürliche und unnöthige Poftulat der natürlichen geifti-
gen Begabung der Schriftfteller des N. T.'s zu ftützen,
behauptet der Herr Verf., dafs das Volk Israel zu Chrifli
Zeit überhaupt eine fehr hohe humane Bildungsftufe erreicht
, dafs jene Fifcher und Hirten Israels auf gleicher
Standeslinie mit unferen Kaufleuten und Handwerkern
fich bewegt haben, dafs befonders Johannes (?) und Paulus
hochgebildete Männer gewefen feien. Uebcr die Behauptung
, dafs vorzüglich die gebildeten Griechen und
Römer in den Städten das Evangelium des Paulus und
feiner Gehilfen aufgenommen hätten (S. 28), gehen wir
mit Hinweis auf 1 Cor. I, 26 ff. hinweg, und für bedenklich
halten wir die auf fehlerhaftem Unterbau erwachfende
Behauptung, dafs ,in der offenbarten und erkannten, bezeugten
Gewifsheit jener Gottesmänner unfere Glau-
bensficherheit und unfere Heilserkenntnifs beruhe'.

Unfere Ausftellungen haben nur den Zweck, die reinigende
und aufbauende Wirkung der Schrift des Herrn
Verf.'s in ihren weiteren Auflagen, die derfelben, wie es
fcheint, nicht fehlen werden, zuverftärkenunddem Wunfche
Ausdruck zu geben, dafs die übrigen Theile der .Cultuslehre
' diefem erften Theile in die Oeffentlichkeit folgen
mögen.

Marburg. Ach e Iis.

Loesche, Lic. Dr. Georg, Florenzer Predigten. Halle, Strien,
1884. (88 S. 8.) M. 1. —

Es ift, wie mir fcheint, fchon ein grofses Lob, wenn
man von einer der heute fo zahlreich erfcheinenden Pre-
digtfammlungen fagen kann, fie fei nicht gewöhnlich.
Dies Lob darf den fünf Piorenzer Predigten des Verfaf-
fers gelten, von denen freilich, wie das Vorwort gefleht,
einige auf Berliner Kanzeln gehalten find. Irre, ich mich,
wenn ich die letzten zwei für Producte des Nordens
halte? Die erften drei wenigftens athmen viel mehr
Wärme, Frifche, Leben, Schönheitsempfindung, Naturfreude
und Kunftenthufiasmus. Es liegt auf ihnen ein
Strahl italienifcher Sonne, es fpiegelt fich in ihnen ein
Stück der ,Blumenfladt', deren Frühling die zweite Florenzer
Predigt in fo hohen Tönen zu preifen verficht.
Solches gelingt nur dem, der offenen Auges durch das
Leben geht, dem das .Alles ift Euer' die häfsliche Schranke
zwifchen Chriftenthum und ,Welt' niedergeriffen hat. So
ftrahlt dem Florenzer Prediger alles, was zu letzterer gehört
, Sinnliches und Geiftiges, in hellem Freudcnglanze —
trotz der nicht verkannten Schatten — aber dies doch
nur von dem hellen Schein chriftlicher Klarheit und
Freude, die ihm in's Herz gegeben ift. Als ein frifches,
jugendlich-warmes Zeugnifs eines von Chriftus ergriffenen
und zugleich die Welt felbft ergreifenden Gemüthes flehen
diefe Predigten da; fie erheben und erfreuen, vorab
die drei erften, und lalfen Gutes verfprechen für die Zukunft
, zumal da keine homiletifche Schablone diefe entwicklungsfähigen
Keime einzwängt. Freilich Worte wie
.genufslich', .Spinnengcfpinnfte', ,Teufelsaugenblicke',
.Gottebenbildlichkeitsgefühl' und die .quirlenden Quellen',
das mufs der Verf. noch abthun, auch Tobias Beck,
Rothe, Doellinger würde ich nicht namentlich zu citiren
rathen. Im Uebrigen aber und im Ganzen fleht man hier
mit Freuden ein homiletifches Talent auf einer richtigen
Bahn.

Heidelberg. Baffermann.

Romundt, Dr. Heinr., Grundlegung zur Reform der Philosophie.

Vereinfachte und erweiterte Darftellung von Immanuel
Kant's Kritik der reinen Vernunft. Berlin, Nicolai's
Verl., 1885. (VII, 264 S. gr. 8.) M. 5. —

Der Verf., welcher fich in feinen früheren Schriften
bemüht hat, einen neuen Aufbau der Lehre Kant's über