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Ausgabe:

1885 Nr. 22

Spalte:

533-536

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zahn, Theodor

Titel/Untertitel:

Forschungen zur Geschichte des neutestamentlichen Kanons und der altkirchlichen Literatur. III. Theil 1885

Rezensent:

Neumann, Karl Johannes

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533 Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 22. 534

fich damit, Gründe und Gegengründe zu referiren, ohne 1 des Clemens in den Mittelpunkt der Unterfuchungen ge-
ein beflimmtes Facit zu ziehen. Sehr häufig wird dies rückt werden. Eine folche Erwägung läfst jeden ernft-
doch wenigftens mit relativer Sicherheit gezogen werden 1 liehen Verfuch, das Dunkel aufzuhellen, mit entfehiede-
können, wofern man nur etwas weniger auf den Streit ner Sympathie begrüfsen; befonders lebhaft aber mufs
der Meinungen und etwas mehr auf das Gewicht der J diefelbe fein, wo eine gründliche Gelehrfamkeit das
Gründe achtet. Denn nicht alles, was ftreitig ift, ift un- Material erweitert, auf dem ein Urtheil fufsen kann,
iicher. Ich glaube alfo, dafs gerade im Intereffe der hi- ; Allerdings find es andere Erwägungen gewefen,
ftorifchen Kritik beflimmter unterfchieden werden müfste welche Zahn zu Clemens führten. Einen einzigen Com-
zwifchen dem, was wirklich unficher ift, und dem, was | mentar zur ganzen Bibel hat die alte Kirche hervorge-
fich mit relativer Sicherheit behaupten läfst. ; bracht, die Hypotypofen des Clemens. Zahn wünfehte

Die Methode Holtzmann's, in erfter Linie den Chor j zunächft die Bruchftücke diefes verlorenen Commentars
der Kritiker von rechts und links zum Worte kommen zu fammeln, um aus ihnen Auffchlüffe über die Gefchichte
zu laffen, bringt es auch mit fich, dafs die pofitive Dar- des N. T. Kanons zu gewinnen. Aber bekanntlich hat
ftellung der Sache auf das äufserfte Mafs des Möglichen der Fragmentenfammler faft ebenfoviel Arbeit bei der
eingefchränkt wird. Es wird vor allem immer der Streit Befchränkung auf eine Schrift wie bei der Heranziehung
der Meinungen über die Dinge dargeftellt. Das hiftorifche mehrerer. So hat Zahn uns fchliefslich die Bruchftücke
Bild felbft kommt darüber, wie mir fcheint, nicht immer von allen verlorenen Schriften des Clemens vorgelegt,
zu hinreichend deutlicher Anfchauung. Wie kurz find und zwar in einer vortrefflichen Sammlung. Dazu kommt
z. B. die paulinifchen Briefe behandelt. Von der hifto- i eine Angabe der Stellen, an denen Spätere Stücke aus
rifchen Situation, welche diefe Briefe vorausfetzen, be- den erhaltenen Schriften des Alexandriners citiren, eine
kommt der Anfänger in der Mehrzahl der Fälle durch die Zufammenftcllung, ebenfo nützlich für die Geftaltung des
knappen Andeutungen Holtzmann's kaum ein Bild von Textes diefer Schriften wie für die Beurtheilung der
wünfehenswerther Lebendigkeit. Beim zweiten Korin- Wirkung, die Clemens auf die Folgezeit geübt hat. Mit
therbrief verzichtet Holtzmann fogar faft ganz auf die bewunderungswürdigem Fleifse ift das Material, zum
Zeichnung der vorausgefetzten Situation und regiftrirt grofsen Theil aus den Catenen, zufammengetragen,
nur die Fragen, die darüber exiftiren. Auch in diefer J nicht nur aus gedruckten Büchern, fondern auch aus
Hinficht würde alfo das Werk, wenigftens für die Be- 1 Handfchriften. Codices aus Laon, München und Paris
dürfnifse der Anfänger, gewinnen, wenn die Rückficht- hat Zahn felbft benutzen können, Cheltenhamer, Floren-
nahme auf die Anflehten Anderer auf ein knapperes Mafs tiner, Londoner, Römifche und Wiener Handfchriften
befchränkt würde. Es könnte dadurch ohne wefentliche ' haben Fenwick, Pizzi, Hoerning, Zucker und Vogel für
Erweiterung des Umfanges Raum gewonnen werden für ihn eingefehen; für die Beilagen ift auch noch ein Codex
eine etwas ausführlichere Zeichnung des pofitiven hifto- der Moskauer Synodalbibliothek herangezogen. Auf
rifchen Bildes. j das in Pitra's analecta Sacra tom. II. und IV. beigebrachte

Auf den Inhalt im Einzelnen einzugehen, würde an | Material (vgl. Loofs, Th. L. Z. 1884, 459 f.) ift der Verf.

diefem Orte zu weit führen. Ich habe mir erlaubt,
meine Bedenken hinfichtlich der Form und Methode

felbft in einem Nachtrage (Luthardt's Zeitfchr. f. kirchl.
Wiff. u. kirchl. Leben 1885, Heft 1, S. 24 f.) eingegangen.

der Darfteilung in den Vordergrund zu rücken, weil j Den wichtigen cod. Rupefucald. der sacr. parall., auf deffen
mir diefe bei einem Lehrbuche das wichtigfte zu fein j Bedeutung de Lagarde mehrfach hingewiefen, hat leider
feheinen. Es foll aber zum Schluffe nicht verfchwiegen ' auch Zahn nicht wieder auffpüren können. Die Samni-
werden, dafs gerade das, was als eine Schwäche des | lung der testimonia befchränkt fich begreiflicher Weife
Buches bezeichnet worden ift, doch auch wieder feine auf die eigentlichen Citate. Natürlich find auch ohne
Stärke ift. Es giebt eine vortreffliche Orientirung über j Citirung ausgefchriebene Stellen von hohem Werth, ganz
den Stand der Fragen, nicht nur der Hauptfragen, fon- befonders für die Erkenntnifs der Wirkung des Clemens,
dern auch faft aller Detailfragen, die auf diefem Gebiete Aber ehe eine folche Sammlung geboten werden könnte,
exiftiren, mit einer Vollftändigkeit und zugleich Knapp- müfste man erft mehr Schriften haben wie die Zahn
heit, wie fie fonft nirgends zu finden ift. Und die fkep- unbekannt gebliebene Differtation von Roos, de Theo-
tifchc Zurückhaltung mit dem eigenen Urtheil wird ge- doreto Clementis et Ensebii covipilatore (Halle 1883).
rade denen willkommen fein, welche die vielfach nega- I ' Den Nachweis, dafs der unter dem Namen der adum-
tive Stellung Holtzmann's gegenüber der Tradition nicht
theilen. Nirgends drängt fich fein eigenes Urtheil in
den Vordergrund. Ueberall will er zunächft referiren

und dem Lefer das Urtheil felbft überlaffen. Es ift alfo | potypofenfragment zu 1 Joh. 2, 3 findet5in den aduin
ein Buch, das allen Richtungen und Parteien dienen
will. Möchten es auch alle fich zu Nutze machen!

brationes bekannte Commentar zu vier katholifchen Briefen
aus den Hypotypofen des Clemens überfetzt ift, hat jetzt
Zahn völlig überzeugend erbracht. Das griechifche Hy-

Giefsen. E- Schürer.

brationes (S. 89, 15 ff. vgl. S. 10) fein wörtlich ent-
fprechendes Correlat, und auf fchlagende Uebereinftim-
mungen diefes Commentars mit anderweitig bekannten
Anfchauungen des Clemens weifen die lehrreichen Anmerkungen
Zahn's mit Recht hin. Zahns Würdigung der
Zahn, Prof. Dr. Thdr., Forschungen zur Geschichte des Handfchriften und der ed. prineeps halte ich für richtig,
neutestamentlichen Kanons und der altkirchlichen Lite- : Auch der Identificirung der adumbrationes mit der von
ratur 1 Thl Sunolementum Clementinum. Erlangen, | Caffiodorius veranlagten Ueberfetzung des Commentars
■ o- -1 VV 1 zu den canonifchen Briefen möchte ich trotz der vor-

Deichert, 1884. (IV, 329 S. gr. 8.) M. 7. - , handenen Schwierigkeiten nicht widerfprechen. Ueber

In den letzten Jahrzehnten haben nur zwei Gelehrte die Stellung des Clemens zum N. T. Kanon vgl jetzt
Arbeiten veröffentlicht, durch welche fie fich um die Holtzmann, Einleitg. N. T. S. 151 f.
Förderung unferer Kenntnifs des Clemens von Alexan- Die epitomae ex Theodoto und die eelogae propheticae

drien bleibende Verdienfte erworben haben, Paul de hält Zahn, im Gegcnfatze zu der Mehrzahl der Patri-
Lagarde mit feiner Recenfion der Ausgabe Dindorf's ftiker, nicht für Stücke der Hypotypofen, fondern für
und Theodor Zahn mit diefem supplementum Cle- j Excerpte aus dem 8. Buche der Stromateis. Die Unter-
mentinmn. Die Frage nach dem Einfluffe, den die Re- fuchung diefes 8. Buches hat Zahn mit forgfamer Be-
ception der griechifchen Bildung auf die Entvvickelung achtung der Ueberlieferung wieder aufgenommen; ob
des Chriftenthums geübt hat, harrt noch immer einer freilich diefe Ueberlieferung überall richtig gedeutet ift,
befriedigenden Antwort; und diefe Antwort läfst fich ift eine andere Frage. Dafs Clemens am Schluffe des
nur geben, wenn die Perfönlichkeit und die Leiftungen 1 7. Buches noch andere Bücher Stromateis, nicht andere