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Ausgabe:

1885

Spalte:

512-514

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Ein Vermächtniss Straussens an den deutschen Liberalismus, kirchlichen wie politischen 1885

Rezensent:

Köhler, Karl

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5"

Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 21.

512

Seiten Hardegg's fchlägt kläglich fehl (451). Zweifelhafte fondern auch nicht ohne Begabung in diefer Richtung
Perfonen bemächtigen fich des proclamirten Bedürf- ift. Vielleicht glückt es ihm ein ander Mal beffer, jeden-
niffes; das Ende ift Skandal und Betrug (511 ff.). Träume falls aber nur dann, wenn er das nonutn prematur in
wenigftens hat auch Hoffmann und beachtet fie (468 f. annum forgfältig* berückfichtigt.

477. 489). Rührend find die Verfuche, Anknüpfung zu j Berlin. Kaftan.
zu finden bei den verfchiedenften religiöfen und politifchen

Richtungen und Mächten: beim Proteftantenverein Ein Vermächtniss Straussens an den deutschen Liberalismus.

(f^tfrt&ote ^atl0n^lv^rei" (ßennigfen) bei den kirch|ichen wie politischen. Commentirt von einem
JJeutlchkathohken (Ronge), bei den Grofsdeutfchen, bei ,T „ 00

den internationalen Revolutionären (Garibaldi in Genf), I Veteranen. Königsberg, Härtung, 1885. (III, 45 S.

beim Bundestage und beim Könige von Preufsen (Audienz
bei Friedrich Wilhelm IV.). Nur die preufsifche
Regierung nahm fich der neuen Templer an, was doch
allein dem Umftande zuzufchreiben ift, dafs der General-
fuperintendent Wilhelm Hoffmann Chriftoph's Bruder
war. Von diefem Wilhelm H. werden zwei Briefe mit-
getheilt, worin er feinen Bruder von feinem Unternehmen
abmahnt (378 ff. 402 ff.); fo auch ein Briefwechfel mit
Kapff (385 ff.), deffen Haltung H. fehr fcharf beurtheilt

gr. 8.) M. —. 60.
Wir haben es in den Arbeiten des ungenannten
,Veteranen' mit einer Erfcheinung zu thun, an welcher
ftillfchweigend vorüberzugehen ein Unrecht wäre, fo
wenig auch das Urtheil darüber ein durchweg zuftim-
mendes fein kann.

Das Vermächtnifs von D. F. Straufs, welches der
Veteran dem deutfehen Liberalismus in die Erinnerung
ruft, ift in der Vorrede zu deffen Leben Jefu von 1864

(vgl. 418). — Von Seite 384 an verweift H. oft auf eine i niedergelegt, wo es heifst: ,In Bibel und Chriftenthum

,Gefchichte des Tempels', welche mir nicht zugänglich
gewefen ift. Dagegen bleibt zu bedauern, dafs H. in
feiner Abgefchiedenheit von deutfehen Bibliotheken
vieles Alte und Neue nicht hat benutzen können, was
leinem Gedächtnifs und feinem Urtheil zu Hülfe gekommen

eine fichere Scheidung des Wefentlichen vom Unwefent-
lichen, des Kerns von der Schale vorzunehmen, ift die
nächfte Aufgabe des Proteftantismus'. Der Verf. weifs,
dafs Straufs felbft zur Löfung jener Aufgabe wenig oder
nichts gethan hat, benachrichtigt uns jedoch, dafs jene

wäre; fo mufs er ab und zu bekennen, dafs er fich in | Scheidung des Kerns von der Schale, im Fundament
dem und jenem auf feine Erinnerungen nicht verlaffen ', wenigftens, nunmehr vollbracht fei, u. zwar ,vollbracht
könne. j durch mich' (S. 30), wenn er auch weiter unten diefe

Ob wohl der Verf. noch an feinem Entfchluffe feft- Ankündigung, wenigftens nach einer Richtung, dahin erhält
, den dritten und letzten Theil einer anderen Feder zu j mäfsigt: es fei nie feine Meinung gewefen, ,dafs ich etwas
überlaffen (Bd. 1 S. 726)? Ref. würde das bedauern und | grofses Neues in diefer Sache zu fagen wüfste' (S. 44).
kann nicht glauben, dafs der Schlufs des zweiten Bandes [ Es fei ihm, fagt er (S. 31), fein Leben lang perfönliches
fein letztes Wort fein foll. Wie möchte er fich auch Bemühen gewefen, ,den Glauben mit der Vernunft in
entgehen laffen, felbft noch von einer Periode feiner ; Einklang zu bringen'; nachdem ihm dies zu feiner perGründung
zu berichten, die viel erfreulicher ift, als die i fönlichen Befriedigung längft gelungen, habe er es in den
im zweiten Band befchriebene Wartezeit, und dem j letzten paar Jahren feines Lebens, da er die gänzliche
Tempel auch bei folchen, die ihm innerlich fernftehen, I Werthlofigkeit der liberalen Theologie kennen gelernt,
Anerkennung gewonnen hat (vgl. H. R. E. 2. Aufl. Ad. J für nützlich gehalten ,feine Ergebnifse zu veröffentlichen'.
15 S. 299)? Das Schlufscapitel feines Lebens hat frei- j Es ift in einer Reihe von Schriften gefchehen, von
lieh noch kein Autobiograph felber fckreiben können; welchen die erfte, eine Specialfrage der neueren preufsi-
fo möge denn die vollendende andere Hand wenigftens 1 fchen Kirchengcfetzgebung behandelnde, in Nr. 5, 1883
die Hauptarbeit noch vom Verf. gethan finden. diefer Lit.-Ztg. von dem Unterzeichneten befprochen

Schönbach (Sachfen). Rade. worden ift. In der vorliegenden kleinen Schrift fetzt

fich der Verf. zuerft mit dem kirchlichen, dann mit dem

Gallwitz, Paft. Hans, Das Evangelium eines Empiristen. Pü,litif,chenLiberalismus aus einander und lenkt fchliefs
r *u t? a. d ,e 00- ,wti o c- „, hch die Aufmerkfamkeit auf feine feit 1883 in raicher

Gotha, F. A. Perthes, 1885. (VII, 108 S. gr. 8.) M. 2. - ; Fo,ge crfchiencnen Arbeiten, wobei von ihm eine Reihe

Wer die Entftehungsgefchichte diefes Büchleins im ! lobender Zeugnifse, welche diefe in verfchiedenen Zeit-
Geift feines Verfaffers kännte, würde vielleicht den Schlüf- ! fchriften erhalten haben, regiftrirt u. einzelne abfällige
fei zum Verftändnifs und zur gerechten Würdigung des- | Beurtheilungen in feiner Weife abgethan werden,
felben befitzen. Ihm wäre wahrfcheinlich auch offenbar, | Der ideale Zug, der Ernft des Wahrheitfuchens, der
wie dasfelbe zu feinem Namen .Evangelium eines Em- überall herauszufühlen ift, nöthigt Achtung ab und ftimmt
piriften' gekommen ift. Gewöhnliche Lefer, welchen ; zur Nachficht gegen die etwas hochgefpannte Selbft-
diefe Kunde abgeht, befitzen jenen Schlüffel nicht und | fchätzung, womit der Verf. redet, und die nicht immer moti-

können über letzteres nur eine Vermuthung wagen. Ver-
muthlich alfo hat, was man Empirismus nennt, während
der geinigen Entwicklung des Verf.'s einen nachhaltigen
Eindruck auf ihn gemacht, und hat er fich in Folge

virte Biffigkeit des Tones. Es ift aller Ehren Werth,
dafs ein Nicht-Theologe, ein folcher ift der Verfaffei,
fich mit fo ernftem Intereffe um die religiöfen Lebensfragen
der Zeit bemüht. Was dem kirchlichen und poli-

deffen die Aufgabe geftellt, diefe F.rkenntnifsmethode | tifchen Liberalismus zu Gehör gefagtw-ird^trifft unleugbar
mit dem Glauben an das Evangelium zu vermitteln, ja
letzteres mitteilt jener zu vertheidigen. Die vermittelnden
Zwifchenglieder find freilich eben fo undurchfichtig
wie die Refultate fragwürdig. Schlimmer noch ift, dals
die von ihm befolgte Methode gar nicht die des Empirismus
ift, und dafs es zweckwidrig wäre, fich mit Hülfe
feiner Darfteilung über das gefchichtliche Evangelium zu
orientiren. Es fehlt ebenfofehr an ausgereiften Gedan-

vorhandene verhängnifsvolle Mängel beider Richtungen.
Treffend und höchft beachtenswerth ift z. B„ was S. 43
vorkommt: ,Es ift brennend, dafs in niederen und höheren
Schulen die Schüler in Bibelverftändnifs und Bibelbenutzung
eingeführt werden und dafs darum auch die Lehrer
Klarheit und Freudigkeit für diefe Befchäftigung ... gewinnen
. Daran fehlt es jetzt faft gänzlich. Und ift es
mit den Geiftlichen beffer, als dafs lie namentlich unter
ken, wie an einem conftanten Sprachgebrauch, fo dafs ! liberaler Führung ziemlich arm an Bibelverftändnifs und
der gewöhnliche Lefer bisweilen auf der einen Seite das I Bibelbegeifterung in das Amt kommen?' Treffend ift

Gegentheil von dem lieft, was er auf der vorangehenden
gelefen hat. Doch gewinnt man den Eindruck, dafs der
Verf. nicht blofs ein warmes Intereffe für die Bearbeitung
philofophifch-theologifcher Principienfragen befitzt,

ebenfo das Urtheil über die Impotenz des politifchen
Liberalismus gewöhnlichen Schlags in Allem, was mit der
Religion zufammenhängt, und den öden Formalismus, womit
von ihm in der Regel die Dinge behandelt werden.