Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1885

Spalte:

509-511

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hoffmann, Chrph.

Titel/Untertitel:

Mein Weg nach Jerusalem. Erinnerungen aus meinem Leben. 2 Thl.: Erinnerungen des Mannesalters 1885

Rezensent:

Rade, Martin

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

509 Theologifche Literatarzeitung. 1885. Nr. 21. 510

machen diefe Annahme fichcr. Es ift bekannt, dafs Noah j zu einer wirkfamen Selbftrechtfertigung gegen die harten
unter den Hochzeitszeugen in den Liedern in dedicatione Anklagen, die er fich wegen feiner Haltung im Parlament
ccclcsiac mit auftritt; feine typologifche Bedeutung für hat müffen gefallen laffen (vgl. Palmer, Die Gemein-
die Paffion Chrifti wird von Honorius Auguftod. oft her- [ fchaften und Sekten Württembergs. S. 119). Freilich ge

vorgehoben (Specul. eccl. de epiphania Domini />. 848; in
passionc Domini p. 910; Gemma An. lib. II. c. XXI); die
Pflanzung des Weinberges d. i. der Kirche durch den
Tod Chrifti, welcher durch das Trinken des Weines angedeutet
ift, pafst trefflich in den auf unferer Thüre zur
Darftcllung gekommenen Gedankenkreis, um fo mehr
als die Beziehung auf die Paffion hier überwiegt. Die
Bildtafel würde dann unter Nr. V einzuordnen fein; das
Genenftück ift freilich verloren. Für die Frau mit den

winnt man den Eindruck, dafs der Held, der doch fchon
eine Rolle im kirchlichen und politifchen Leben feiner
Heimath fpielt, fich in lauter Unklarheiten bewegt; aber
diefes Urtheil ift dem Lefer leicht gemacht durch die
unbefangene Selbftkritik, die wir fchon dem erften
Bande nachrühmen durften und die der Verf. bis dahin
zu üben fortfährt. Das wird anders in der zweiten Hälfte.
Zwar merkt man dem Verf. wohl an, dafs er auch die
ferneren Frlebnifse noch mit dem kritifchen Auge anfleht,

Huhnern läfst fich, wie es fcheint, in den Schriftquellen j aber er fpricht fich nicht mehr fo offen darüber aus und
kein fchlagender Beleg beibringen. Doch kann man es | geht in feiner Kritik jedenfalls nicht fo weit, wie der
lehr wohl bei der Deutung des Verf.'s bewenden laffen; Lefer, der kein Genoffe des Tempels ift. An den Gehe
ftimmt durchaus zu den Bildern, welche das frühe ; fchichten, welche diefe zweite Hälfte erzählt, wird aller-
Mittelalter auf die Kirche anzuwenden liebte als der mater, dings nur jener kleine Kreis fich erbauen können. Seit
qitac et lactat parimlos et panc confirmat provectos. Diefe 1848 — es ift bemerkenswerth, dafs das tolle Jahr das
Figur aus der Glcichnifsrede Jefu ift dann das Gegenftück 1 Geburtsjahr feines Reformgedankens ift — fängt H. an,
zur Frau mit der wiedergefundenen Drachme, der gegen- die Zeitlage von den biblifchen Weisfagungen aus zu
über, alfo über dem Centauren, fie ihren Platz findet. beurtheilen (S. 256. 329), und die Apokalypfe fammt den
Doch das find Kleinigkeiten. Das nähere Fingehen Propheten des Alten Teftaments wird ihm nun ,die
auf diefelben mag dem Verf. bezeugen, mit wie lebhaftem Quelle wahrhaft guter Entfchlüffe und Unternehmungen-
Intereffe Ref. feine vortreffliche Arbeit verfolgt hat, (345)- Fr erkennt je mehr und mehr die unhaltbare
welche eine fchöne Frucht ift aus der Verbindung von Geiftesfchwäche der Kirche und fieht endlich keinen
Theologie und Kunftgefchichte. ■ ' andern Ausweg als den Auszug aus Babylon. Dabei

Leipzig. Johannes Ficker. vermag er es noch immer für ein Mifsverftändnifs zu er-

r B J klaren, dafs ,wir an Deutfchland und an der evangehfehen

Kirche verzweifeln' (420); Ref. gefteht, dafs er beim beften
Hoff mann, Chrph., Mein Weg nach Jerusalem. Erinnerungen Willen von diefem Mifsverftändnifs fich nicht hat erholen
aus meinem Leben. 2. Thl.: Erinnerungen des Mannes- können. Zugeben mufs man, dafs die Idee einer reli-
alters. Jerufalem, 1884. (Stuttgart, J. F. Steinkopf.) gjjj«'Erneuerung voni E anfangs die ganze Kirche um-
' JR 6 * , faffend gedacht ift, dafs er keine Secte gewollt hat

(526 S. 8.) | (4j4 f). 1^1,3. jn-'g docn vorläufig auf eine Secte hin-

Der Verfaffcr befcheidet fich bei dem Gedanken, , ausgekommen (461:, ... die Geftalt einer Secte für
dafs diefer zweite Theil feiner Erinnerungen, welcher j den Augenblick annehmen mufste'. Vergl. S. 499).
fein Mannesalter — von den erften Verbuchen eigener : Kaum hat H. den reformatorifchen Gedanken einer geifti-
Wirkfamkeit bis zum glücklichen Gelingen der Ueber- gen Neugeburt der Chriftenheit (und Judenheit) durch Ge-
fiedelung nach dem gelobten Land, (1841 bis 1868) um- j horfam gegen die Weisfagungen verkündigt und zur Samm-
fafst, nur in einem kleinen Kreifc Lefer finden werde, d. I hing des Volkes Gottes in Jerufalem aufgefordert, fo
h. nur im Kreife des Tempels. Dagegen hatte Ref. bei j ift man mitten im fectircrifchen Treiben drin, dafs einem,
der Anzeige des erften Theils (Jahrg. 1884 Nr. 14) die ! der die Luft des Württembergifchen Pietismus nicht kennt,
Hoffnung ausgefprochen, dafs gerade der zweite dem fchier der Athem ausgeht. In den Vordergrund der BeTheologen
und Hiftoriker reichere Ausbeute bieten werde.
In der That bringt diefer Band Stücke von allgemeinerem
Intereffe, freilich mehr in der erften Hälfte. Hat doch

wegung tritt diefer unheimliche Hardegg, dem fich Hoff-
mann während der ganzen erften Zeit des Tempels
(1853—1868) bis in die Principien hinein mit Selbftver-

Hoffmann bei dem .Vifcherfchen Skandal' die Rolle ! leugnung unterordnet, der dem Tempel feinen Namen
eines Vorkämpfers der verletzten Kirche gefpielt und, gegeben (406; vgl. aber 384), der vor allem die Gaben
wie aus feiner Darftellung fich ergiebt, immerhin in einer | und Kräfte der älteften Gemeinde aus 1 Kor. 12 und 14
fo achtenswerthen Weife, dafs man nicht nur Jefuitismus ! in das Programm der Gemeinfchaft hineingebracht hat
und Pfaffenthum auf Seiten der Gegner Vifcher's darf ! (413), der nach jahrelanger Bekanntfchaft für Hoffmann
fehen wollen, wie diefer felbft (vgl. Vifcher, Mein Lebens- noch ein Gegenftand ernften Studiums ift (486 f.) und
gang. Gegenwart 1874 Nr. 50. S. 379). Wogegen es j auch noch beftimmen und regieren darf, als Hoffmann
erfreulich gewefen wäre, wenn H. hätte von der Beur- innerlich an ihm irre geworden ift (437—524). Der Band
theilung Kenntnifs nehmen können, die Vifcher ebendort , endet mit der erften .Kundgebung der Meinungsverfchie-
feinerberüchtigten Habilitationsrede angedeihen läfst: ,Es denheit' (dies die letzten Worte!) zwifchen Hardegg und
waren darin freilich einige Stöfse jugendlicher Leiden- Hoffmann, alfo mit einer fchrillen Diffonanz; fo gar nicht
fchaft geführt, die ich in meinen fpäten Jahren nicht kann 1 findet die peinliche Stimmung, worein man durch die
vertreten wollen. Doch wufste man im Kreife meiner zweite Hälfte des Buches verfetzt wird, eine Löfung.
Zuhörerwohl, wie der „offene Hafs", den ich ankündigte, Wie viel nöthiger hätte es der Verf. gehabt, dem zweiten
eigentlich zu verliehen war . . . •' Mit Vergnügen hört Bande einen Abrifs der nächftfolgenden Gefchicke hin-
man dann H. die Gefchichtc feiner Wahl ins Frankfurter zuzufügen, als dem erften, der in fich harmonifch abParlament
erzählen, von der wir fchon eine lebendige fchlofs. Man athmet auf, wenn man von den Anfängen
und nun trefflich ergänzte Darftellung haben, welche die ; der Reformation in Kirfchenhardthof etwa zu den AnPartei
feines Gegencandidaten Strau fs nimmt (Hausrath, fängen der Wittenbcrgifchen Reformation fich zurück-
D. F. Straufs und die Theologie feiner Zeit. 2. Theil. wendet, und man fafst nur eins nicht, nämlich dafs dem
S. 107 ff). So folgt man gern dem Verf. auch nach Reformator felbft die Luft an feiner Idee unter den
Frankfurt, wo der Abgeordnete des fchwäbifchen Pietis- trüben Erfahrungen der Wartezeit nicht vergangen ift.
mus gewifs einer der feltfamften Gälte war, feltfam und j Welche Wendungen mufs diefe Reform machen, um nur
cinfam, in Fühlung nur mit Gfrörer und den Katholiken. 1 nicht völlig an den harten Thatfachen zu fcheitern!
Diefer Bericht, fowie die in der Paulskirche von H. ge- | Vergeblich beten die Vorfteher des Tempels um die
haltenen Reden, welche zum Abdruck kommen, werden Geiftesgaben (506;. Der .Verfuch einer Weisfagung' von