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Ausgabe:

1885 Nr. 2

Spalte:

31-33

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Brieger, Thdr.

Titel/Untertitel:

Quellen und Forschungen zur Geschichte der Reformation. 1. Aleander und Luther 1521. Die vervollständigten Aleander-Depeschen, nebst Unteruchungen über den Wormser Reichstag. 1. Abtheilung 1885

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1SS5. Nr. 2.

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land der Herausgabe ungedruckter Werke des Mannes
gewidmet wird. Loferth felbft ift einer jener Gelehrten,
welche (ich daran betheiligen. Er ift damit befchäftigt,
den Wiclif'fchen Tractat De ecclesia, welcher die Grundlage
des viel bekannter gewordenen Buches von Hus,
De ecclesia ift (vgl. das foeben erwähnte Buch), kritifch
genau herauszugeben, im Auftrag der 1882 gegründeten
,Wiclif-Gefellfchaft' in England. In dem gegenwärtigen
Artikel der ,hiftorifchen Zeitfchrift' macht Loferth
darauf aufmerkfam, wie werthvolle Beiträge zur Ge-
fchi chte in den theologifchen Werken Wiclif's gelegentlich
zu finden find. Eine Begebenheit diefer Art
bildet eine Epifode des Buches De Ecclesia: es handelt
fich um die Herausholung eines caftilianifchen Grafen,
der in England gefangen gehalten war, aus dem Afyl in
der Weftminfterabtei, wohin er fich geflüchtet hatte,
11. Auguft 1378. Wiclif's Erörterung über den Vorgang
dient wirklich zur Ergänzung und Berichtigung unterer
Kenntnifs der Thatfache, wie fie bisher anderweitigen
Quellen zu entnehmen war. Die Auseinanderfetzung der
Begebenheit, welche jetzt zugänglich werden wird, war
urfprünglich ein dem englifchen Parlament eingereichtes
Gutachten Wiclif's.

Ferner eröffnet Loferth intereffante Einblicke in
die Verbreitung des Wiclifismus bis nach Polen, wo
jedoch die Bewegung mehr ihrer nationalen, als ihrer
kirchlichen Seite nach Sympathien erweckte.

Die Abhandlung, fo kurz fie ift, bietet bei einigen
Punkten, welche immerhin einiger Berichtigung bedürfen,
nicht wenige Andeutungen, welche jüngeren F"orfchern
Anregung zu fpeciellen Unterfuchungen zu geben im
Stande find.

Leipzig. G. Lechler.

Brieger, Prof. Dr. Thdr., Quellen und Forschungen zur
Geschichte der Reformation. I. Aleander und Luther
1521. Die vervollftändigten Aleander-Depefchen,
nebft Unterfuchungen über den Wormfer Reichstag,
t. Abtheilung. Gotha, F. A. Perthes, 1884. (XVI,
315 S. gr. 8.) M. 7. —

Habent sna fata libelli. Kann es für einen Gelehrten
eine unangenehmere Ueberrafchung geben, als die, welche
Brieger mit dem eben genannten Werke erleben mufste?
Der Ertrag einer mühfamen, monatelangen Arbeit auf
fernen Archiven war eben abgefchloffen und grofsen-
theils gefetzt. Da kommt die Nachricht, dafs ein Anderer
denfelben Text auf Grund einer vorzüglichen Vorlage
, die dem Originale näher fleht, als Brieger's Quelle
im Trienter Archiv, vermehrt mit unbekannten Depefchen
und den Antworten des Vicekanzlers Medici und einer j
Reihe von Actenftücken und Briefen, welche auf die
Nuntiatur Aleander's und den Reichstag zu Worms Bezug
haben, herausgebe. Ein Anderer hätte vielleicht
den Muth verloren, für feine Arbeit noch einen Erfolg j
zu erhoffen, da das coneurrirende' Werk 60 neue Stücke '
und darunter 26 Medici-Depefchen enthielt und Balan im
Ganzen mit einer für einen italienifchen Prete lobens-
werthen und von Brieger felbft anerkannten Correctheit
gearbeitet hat. Neidlos erkennt Brieger den Werth der I
Publication Balan's an und freut fich diefer feit langen |
Jahren zum erften Male wieder aus vatikanifchen Quellen
die Reformationsgefchichte beleuchtenden Publikation,
die er mit Recht zu den ungemein dankenswerthen
Früchten rechnet, welche der erleuchtete Wille Leo XIII.
fammt dem Streben Cardinal Hergenröther's, das Vati- |
kanifche Archiv zugänglich zu machen, in wenigen Jahren
getragen hat. Die Anerkennung Brieger's muthet um
fo eigenthümlicher und wohlthuender an, als Balan mit
feinem Werke auf katholifcher Seite einen fchlechtcn
Dank geerntet hat und vom Schauplatz verfchwunden ift.

Hatte er etwa den römifchen Eiferern Hoffnungen für
das Lutherfeft gemacht, die fein Werk nicht erfüllen
konnte, oder hatte die erhitzte Phantafie ihre Erwartungen
von Balans Publication zu hoch gefpannt, weil der
Wunfeh der Vater der Gedanken der Ultramontanen
gewefen war: Es wird fich das nicht fo leicht feftftellen
laffen, aber klar ift, dafs Balan das Opfer jener fchmerz-
lichen Enttäufchung geworden, welche dieZelantiüberkam,
als fie fahen, dafs die deutfehe Wiffenfchaft mit Freuden
den Gewinn aus den neuerfchloffenen Quellen regiftrirte
und auf die Perfon Luther's und die Sache der Reformation
nicht jener vernichtende Schatten fiel, den man
erträumt hatte. Ja in welchem Licht mufste Rom und
die Macht des Papftthums erfcheinen, wenn der Mönch
zu Wittenberg wirklich eine fo untergeordnete und
befchränkte Perfönlichkeit war, wie ihn Aleander fchil-
dert? Wie verblendet mufste die päpftliche Curie fein,
wenn felbft eines ihrer tüchtigften und rührigften Werkzeuge
der damaligen Zeit, wie Aleander, ein folch geringes
Verftändnifs für die gewaltigfte Bewegung der
Geifter verrieth, wie fich aus Balan's Monumenta Refor-
mationis Lutheranae deutlich ergab? Der eben noch tri-
umphirende Ultramontanismus hat das fchmerzlich
empfunden und wollte ein Opfer für feine Enttäufchung
haben — Balan wurde bei Seite gefchoben. Um fo
mehr gönnen wir ihm die Anerkennung Brieger's, die
ebenfo den deutfehen Gelehrten ehrt, wie fie Balan in
feiner Zurückgezogenheit wohlthun mag.

Mag Balan's Arbeit bei Brieger und dem Verleger
derQuellen undForfchungen erft einen gelindenSchrecken
hervorgerufen haben, die deutfehe Wiffenfchaft darf fich
freuen, dafs Brieger fein Werk nicht liegen liefs. Denn
Balan gab keine erklärenden Anmerkungen zu feinem Text,
während Brieger's Anmerkungen das Verftändnifs des-
felben wefentlich erleichtern und die Angaben Aleanders
kritifch beleuchten, vgl. S. 105 Anm. 6.

Balan hat die Aleanderdepefchen zu datiren ver-
fucht, aber feine chronologifchen Anfätze find meift nicht
glücklich. Von 31 Daten Balan's erwiefen fich nur 7 als
ftichhaltig, während Brieger's Datirung fich faft durchaus
als richtig bewährt hat.

Welcher Gewinn fich daraus für die wichtigften Depefchen
Aleander's, ich meine die aus Worms, ergiebt,
liegt auf der Hand und wird um fo einleuchtender, je
mehr man die Verlegenheit kennen lernt, in der fich
Joh. Friedrich und fein fcharfer Kritiker Karl Janfen befanden
, um der bisher herrfchenden Verwirrung in der
Aufeinanderfolge der Wormfer Verhandlungen ein Ende
zu machen.

Weiter aber giebt uns Brieger eine diplomatifch-
genaue, textkritifche Ausgabe der Aleander-Depefchen,
während Balan trotz feiner entfehieden befferen Vorlage
offenbar folche Ablichten bei feiner Arbeit ferngeblieben
find. Man fcheint in Italien den Werth folcher mühevollen
Feftftellungen noch nicht genug zu würdigen, denn
Balan verwifcht ohne Bedenken fprachliche Eigenthüm-
lichkeiten feiner Vorlage: das eine Mal befeitigt er falfche
Lesarten derfelben, das andere Mal behält er fie bei,
ohne über die Gründe dem Forfcher Rechenfchaft zu
geben. Den Vortheil, den Balan's Vorlage vor der Brieger
's gewährte, hat letzterer im Anhang ausgeglichen,
indem er erft die beachtenswerthen befferen Lesarten
des Vatikanifchen Textes, aber auch die offenbaren Fehler
derfelben, zweifelhafte Stellen und Auslaffungen zufam-
menftellt, wie auch die nicht kleine Anzahl Druckfehler
der Balan'fchen Edition. Soweit Referent ohne genauere
Kenntnifs der italienifchen Sprache beurthcilen kann,
hat diefe mühfame Zufammenftellung Brieger's auf den
Dank aller Kenner zu rechnen.

Für die deutfehe Theologie hat Brieger's Ausgabe
die Aleander-Depefchen erft dadurch allgemeiner zugänglich
gemacht, dafs er denfelben ausführliche Regelten
voranftellt, welche den wefentlichen Inhalt des Textes