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Ausgabe:

1885 Nr. 2

Spalte:

30-31

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Loserth, Johann

Titel/Untertitel:

Neuere Erscheinungen der Wiclif-Literatur. In Histor. Zeitschrift, Neue Folge, Bd. XVII, S. 43 - 62 1885

Rezensent:

Lechler, Gotthard Victor

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Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 2.



fo hat Muir. wie es fcheint, ganz recht: denn Muham-
med's Judenfchlächtereien und Haremsfkandale in Medina
zeigen uns in der That einen ganz anderen Menfchen, I
als die begeifterten und begeifternden Infpirationen zu |
Anfang feiner Thätigkeit in Mekka ahnen laffen. Trotzdem
glaube ich allerdings, dafs fich Muir's Anficht nicht
wird halten laffen. Muhammed's verhängnifsvolle Be- J
fchränktheit in feinen dogmatifchen wie ethifchen Be-
griffen hat zu Anfang nicht weniger als fpäter darin be- j
ftanden, dafs er nicht im Stande war, das Wefen Gottes ;
als des Heiligen zu erfaffen. Ein in der That gänzlich j
unarabifcher Begriff; und es ift ein Verdienft Krehl's, die |
Abhängigkeit des Propheten von feiner arabifchen Nationalität
befonders ftark betont zu haben. Man verkennt
— fo hat Wellhaufen neulich, treffend wie immer,
hervorgehoben — das Sachverhältnifs allerdings voll- |
ftändig, wenn man mit Sprenger das Verdienft der Gründung
des Islams von Muhammed auf Omar überträgt:
Omar war eine viel zu fehr auf das Handeln angelegte
Natur, als dafs er fo leidenfchaftlich von der religiöfen
Idee hätte fortgeriffen werden können, wie es nöthig ift,
wenn man Andere mit fich fortreifsen foll. Aber das
ift ganz richtig, das eigentlich Charakterimfehe, was den
Islam vom Chriftenthum und Judenthum eigentlich unter-
fcheidet, ift das Arabifche, was Muhammed hinzugethan j
hat*; — die Erhebung Mekka's zum Mittelpunkt der
Gemeinde und die Hineinnahme des Pilgerfeftes in die i
neue Religion äufserlich, die Umgeftaltung Gottes in
einen orientalifchen Despoten und die hieraus fich ergebende
mechanifche Faffung des Dogmas von der Prä-
deftination innerlich; wobei auch zuzugeben, dafs die j
letztere in ihrer vollen Confequenz erft von den Theologen
durchgeführt worden ift. Somit bin ich der Anficht
, dafs ein folcher plötzlicher Bruch in Muhammed's i
innerer Entwicklung, wie ihn Muir annimmt, fchliefslich
doch unwahrfcheinlich ift: es find die neuen Aufgaben,
welche ihm Medina ftellt, deren Löfung ihn zwingt, fich
von anderer Seite zu zeigen, als er in Mekka Veranlaffung
hatte. Und da foll man eben nicht mehr von ihm verlangen
, als felbft für einen Propheten im damaligen
Arabien möglich war. Ein Volk, welches die freund-
liehen Eigenfchaften hatte, den Strafsenraub für eine [
Tugend, das Morden für eine Ehrenfache und das Lebendigbegraben
der eigenen Töchter für eine liebenswürdige
Schwäche zu halten, konnte noch weniger mit
Glacehandfchuhen angefafst werden als das Ifrael, welchem
zum Exenipel Elias die Baalspfaffen fchlachten
mufste. Und wieder hat Wellhaufen hier Recht, wenn !
er daran erinnert, dafs Muhammed mit feinen 600 Juden j
fchwer gegen Carolus Magnus aufkommt, der an der j
Aller 4500 Sachfcn köpfen liefs. Eins bleibt freilich,
was uns Chriften und modernen Abendländern die Per- I
fönlichkeit ftets verleiden wird: dafs er nicht als orien-
talifcher Herrfcher — als folcher wäre er einer der
gröfsten und beften Männer der Weltgefchichte —, fondern
als Prophet im Namen Gottes gehandelt und gekündigt
hat. Da wären wir alfo wieder bei der Frage, j
ob Muhammed ein Prophet war oder nicht: aber die foll
hier um fo weniger erörtert werden, als fie jedem Theologen
, fei er Chrift, Jude oder Muhammedaner, in feiner
Dogmatik längft beantwortet ift. Indefs, man foll wegen
der Dogmatik keinen Menfchen verunglimpfen: darum
empfehle ich Krehl's Werk gerade den chriftlichen Theologen
, die mit einem ungünftigen Vorurtheil an die Persönlichkeit
Muhammed's heranzutreten die Gefahr laufen.
Zwar haben wir bereits Nöldeke's Leben Muhammed's
(Hannover 1863), welches man wahrfcheinlich viel gelefen

J Wie gleichzeitig mit Krehl auch Beftmann richtig betont hat.
Mir fehlen die Kenntnifse, ,Die Anfange des katholifchen Chriftcntums
und des Islams. Nördlingen 1884', auf ihre dogmenhiftorifchen Voraus-
fetzungen und Einzelangaben zu prüfen; find diefelben überall correct, fo .
ergeben fich aus der Schrift mehrere werthvolle Bereicherungen unferer
Emficht in die Entfteliung des Islams.

hätte, wenn es nach feinem Erfcheinen von den Kirchenzeitungen
empfohlen worden wäre. Es ift eine gerade,
gerechte und dabei vortrefflich zu lefende Darfteilung
deffen, was Muhammed wirklich gewefen ift. Aber es
ift für den, welcher in Arabien noch nicht Befcheid
weifs, etwas kurz, läfst insbefondere auch dem Theologen
manche Frage mehr pfychologifcher Art unbeantwortet
. Noch kürzer ift Wellhaufen's Artikel in der
neuen Ausgabe der Encyclopaedia Britannica: verfchie-
dene ausgezeichnete Parallelen und neue Bemerkungen
des zum Schmerze der wiffenfehaftlichen Theologen unter
uns ürientaliften gegangenen Hiftorikers enthaltend, wird
er doch, bei der Seltenheit des Gefammtwerkes in
Deutfchland, wenigen hier zu Geftchte kommen. So wird
denn Krehl's Werk ohne Zweifel die vorhandene Lücke
ausfüllen: geeignet ift es dazu durchaus. Wie der Heraus-

feber des Bochäri das Gebiet der muhammedanifchen
radition beherrfcht, weifs man; faft unnöthig alfo, zu
fagen, dafs in materieller Beziehung überall jene Correct-
heit herrfcht, die gerade für den von der Benutzung der
Originalquellen ausgefchloffenen Angehörigen der benachbarten
Disciplin ebenfo unentbehrlich ift, wie fie
feiten angetroffen wird. Der Verf. mag nicht unab-
fichtlich auf dem Titel das Buch als eine Darfteilung
bezeichnet haben. Wer fich auch nur oberflächlich mit
dem Leben Muhammed's befchäftigt hat, weifs, dafs trotz
der durch Sprenger, Muir und Nöldeke geficherten Haupt-
thatfachen an mancherlei Stellen noch weiterer Fort-
fchritt möglich bleibt. Krehl hat fleh nicht zur Aufgabe
geftellt, durch neue, in folchem Falle zunächft mehr oder
weniger gewagte Hypothefen den Schein der Originalität
zu erwecken: hier ift ja auch die Monographie die
richtigere Form, neue Fragen aufzuwerfen oder alte in
neues Licht zu fetzen. Seine Darftellung zeigt das Be-
ftreben, die geficherten Refultate dem Lefer in einer
Weife vorzuführen, die ihm das volle Verftändnifs eines
den meiften fo fernliegenden Stoffes flehert. Es fehlt
nicht an Bemerkungen und Citaten, welche zeigen, wie
er überall aus den Originalquellen fchöpft und felbft das
entlegenere Material zu voller Verfügung hat; aber mit
befonderer Vorliebe ift er beftrebt, den Lefer in das
wirkliche Verftändnifs der Verhältnifse und Perfönlich-
keiten einzuführen, die Beweggründe des Handelns aufzudecken
und die gerechte Beurtheilung der Handelnden^
insbefondere Muhammeds felbft, zu ermöglichen. Dabei
verfäumt er nicht, wenigftens hie und da befonders cha-
rakteriftifche Producte der überall wuchernden Mythenbildung
anzuführen, deren Art für den ganzen Geift des
Islams fo bezeichnend ift. Füge ich hinzu, dafs fein
Werk fich fliefsend und jedenfalls auch für den Laien
leicht verfländlich lieft, fo glaube ich meine Empfehlung
genügend motivirt zu haben. Sie fchliefst mit dem Ausdrucke
der Hoffnung, dafs dem verehrten Verf. vergönnt
fein möge, den zweiten Band feines Werkes, welcher die
Lehre des arabifchen Propheten enthalten foll, recht
bald folgen zu laffen, um fo eher, als er damit gleichzeitig
einem der fchmerzlichft empfundenen Bedürfnifse
jedes Orientaliften begegnen würde, zu deffen Befriedigung
er als ausgezeichneter Kenner des Korans wie
der ganzen funnitifchen Ueberlieferung in erfter Linie
berufen ift.

Königsberg. A. Müller.

Loserth, J., Neuere Erscheinungen der Wiclif-Literatur. In

Hiftor. Zeitfchrift, Neue Folge, Bd. XVII, S. 43—62.
München, Oldenbourg. (gr. 8.)

Der Verfaffer des werthvollen Buchs: ,Hus und
Wiclif', 1884, Prof. der Gefchichte an der Univerfltät
Czernowitz, giebt in diefer Abhandlung eine intereffante
Ueberficht über die wichtigften Arbeiten in Betreff Wiclif's.
Man fleht an der Hand des Verf.'s hinein in die vielfache
Arbeit, welche theils in England, theils in Deutfch-