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Ausgabe:

1885 Nr. 2

Spalte:

28-30

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Krehl, Ludolf

Titel/Untertitel:

Das Leben und die Lehre des Muhammed. 1. Thl. Das Leben 1885

Rezensent:

Müller, August

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Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 2.

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lungen gemacht werden. Die wichtigflen darunter find
die der Klöfter xov yfeituovog und xnc c YxpnXov, fowie die
Gymnafialbibliothek in Mytilene; nur hier fand fich eine
gröfsere Anzahl älterer Handfchriften vor. Die Provenienz
liefs fich feiten ermitteln. Doch vermuthet der
Verf. wohl richtig, dafs die Mehrzahl der Handfchriften
aus den alten Klöftern der Infel (es gab deren einft 28,
vgl. S. 2 f.) flammt. Nicht wenige find nachweisbar auf
Lesbos felbft, andere auf dem Athos gefchrieben. Das
Schreiberverzeichnifs, welches der Verf. am Schlufs des
Katalogs zu geben verheifst, wird 40 Namen enthalten,
von denen bis jetzt nur 2 bekannt waren. Auch einen
,Tonfetzer' {xovioxig) lernen wir kennen, welcher im 9.
oder 10. Jahrh. eine Handfchrift der Apollelgefchichte
und der Briefe mit Lefenoten verfah (S. 5). Für den
nun folgenden Katalog (S. 17—44) diente dem Verf.
E. M i 11 er' s Catalogue des manuscrits grecs de t'Escurial 1
zum Mufter. Wenn erflerer die Ueberfichtlichkeit des
letzteren nicht erreicht, fo liegt dies wohl hauptfächlich 1
an dem Umftande, dafs die griechifchen Ueberfchriften
und Inhaltsangaben fich vom franzöfifchen Texte Miller's
deutlicher abheben als vom griechifchen der Macgoyog-
ddxuog BißXindxyy.t]. Gegen den Vorwurf allzu detaillirter j
Befchreibung derjenigen Handfchriften, die weder durch !
ihr Alter noch durch ihren Inhalt auf befondere Beachtung
Anfpruch haben, wahrt fich der Verf. mit dem '
Hinweis auf den Befchlufs des SvXXoyag, welcher ihm
ausdrücklich XtJTxoiiEQXj nttvxbg xetQoyQCKpOV avuyQucf iv 1
zur Pflicht machte (S. 15). Aber für diefe Beftimmung
wird man dem (DvXoXny. Süll, nur dankbar fein können, j
Haben wir es doch erft kürzlich erfahren, was bei oberflächlicher
Inhaltsangabe herauskommen kann. In dem
von Sathas im erften Bande der Mtaauovixi] BißXioirrxxi 1
(1872) mitgetheilten Kataloge der Jerufalemifchen Patriar-
chalbibliothek zu Conftantinopel wird der durch Bryenrtios
fo berühmt gewordene Cod. 456 (446 bei Sathas ifl wohl
Druckfehler) wie folgt abgethan : Xgvanaxoiiov avvoxpig
elg anaoav xx)v FI. xai IV. iv fte/ußgärrj. Von Clemens,
Barnabas, Ignatius und der Jidayr) xüv Stodexa anoaxöXwv
keine Silbe! Im Hinblick auf diefes Beifpiel wird gewifs
jeder das beklagte Zuviel gern in den Kauf nehmen.

Der Katalog beginnt mit der Befchreibung der Handfchriften
des Klofters xov y/tiiiwvog, von welchen uns in
diefem Hefte 28 vorgeführt werden. Die Mehrzahl (18)
ift auf Pergament gefchrieben , und zwar gehören dem
10.—11. Jahrh. 3, dem II.—12. Jahrh. 11, dem 12.—13.
Jahrh. 4 an. Von den Papierhandfchriften flammen 8 aus
dem 15., je eine aus dem 14. und 18. Jahrhundert.
Biblifchcn Inhalts ift nur No. 1: ein IWangeliftarium in
jüngfter Uncialfchrift, etwa aus dem 10. Jahrhundert
(bisher unbekannt;. Von Kirchenvätern find Chryfoftomus
(mit 8 Hff.) und Bafilius (mit 1 Hf.) vertreten, andere
nur in Sammlungen von Homilien und Reden (3 Hff).
Martyrologien (einzelne Monate und fonflige Sammlungen
von Heiligenlegenden) finden fich 10 an der Zahl, Menäen 3.
Kanoniftifchen Inhalts ift No. 7 (v. J. 1421), hymnologifchen
No. 8 (aus dem 18. Jahrh.). Die auf vier Tafeln beigegebenen
(farbigen) Schriftproben find dafür, dafs fie
nicht auf photographifchem Wege hergeftellt wurden,
recht wohl gelungen.

Wir begleiten den weiteren Portgang des vom
dhXoXoy. —vXX. ins Leben gerufenen Unternehmens mit
den bellen Wünfchen. Dafs mit den durch die Liberalität
des Herrn Maurogordatos zur Verfügung flehenden
Mitteln (f. o. § 2 der Befchlüffe) nur ein Anfang gemacht
werden kann, leuchtet ein. Wir theilen aber mit dem
Verf. die zuverfichtliche Hoffnung, dafs es hierbei nicht
fein Bewenden haben wird. Doch will es uns fcheinen,
dafs für die Löfung der fchwierigen Aufgabe auch noch
ein anderes Moment in Betracht kommt. Werden die
Kräfte eines Einzelnen ausreichen, das gewaltige Werk
zu vollenden? Empfiehlt es fich nicht, fchon jetzt eine
Theilung der Arbeit ins Auge zu faffen? Im Jahrg. 1881

diefer Zeitung, Sp. 289 ff., hat Ref. über eine von Prof.
Spyridion Lambros i. J. 1880 unternommene Expedition
nach dem Athos berichtet, welche auch dem Verf. nicht
unbekannt geblieben ift (vgl. S. /'). Wir wiffen, dafs
Lambros damals die Handfchriften von 20 Bibliotheken,
zufammen 5759 Bände, katalogifirt hat, und, wenn wir
nicht irren, harrt diefe mühfame Arbeit noch jetzt der
Drucklegung. Wäre nicht die MavQnynodäxEiogBißXiotrrr/.tj
der geeignetfte Ort zur Veröffentlichung derfelben? Der
Gedanke liegt fo nahe und die Verwirklichung desfelben
fo fehr im Intereffe der MavQoyoQÖ. BißX., dafs man
fich wundern mufs, ihn nicht von vornherein in das
Project aufgenommen zu fehen. Hoffen wir, dafs es
noch nachträglich gefchehen wird.

Berlin. O. v. Gebhardt.

Krehl, Ludolf, Das Leben und die Lehre des Muhammed.

1. Thl. Das Leben. Leipzig, O. Schulze, 1884. (VIII,
384 S. 8.) M. 6. —

Ich ergreife die Gelegenheit, das neue Werk meines
verehrten Lehrers in diefer Zeitfchrift anzuzeigen, um
fo lieber, als ich im Stande bin, es gerade den Lefern
derfelben aus befonderen Gründen auf das Wärmfte zu
empfehlen. Ift die Entftehung des Islams und die Ge-
ftalt feines Stifters für jeden Theologen von miffions-
freundlicher Richtung oder religionsgefchichtlichen In-
tereffen anziehend in mehr als einer Weife, fo war es
bisher einem folchen doch nicht leicht gemacht, fich
über den Gegenftand zuverläffig zu unterrichten. Spren-
ger's Buch ift dazu in jeder Weife ungeeignet, da es,
für den Fachmann eine Leiftung erften Ranges, den
Nichtorientaliften vollkommen irre führen mufs: nichts
charakteriftifcher für eine gewiffe Art apologetifch fein
wollender Schriftftellerei, als dafs fie ihre Kunde über
die intellectuellen und moralifchen Eigenfchaften des
merkwürdigen Mannes bei einem fo ausgefprochenen
Naturaliften holt, lediglich aus dem Grunde, weil der
Prophet der Araber bei ihm fchlechter wegkommt als
fogar bei dem hochkirchlichen Muir. Des letzteren
Werk ift bei uns viel zu wenig bekannt, dem weiteren
Kreife des theologifchen Publicums auch fo gut wie unzugänglich
. Ein claffifcher Beleg dazu, wie felbft eine
ziemlich ftark ausgeprägte confeffionelle Richtung bei
einem Manne von Kopf und Herz Gerechtigkeit gegen
Andersgläubige nicht ausfchliefst, fleht es bei uns in
Deutfchland in einem unverdienten Mifscredit, feitdem
fich durch Sprenger's etwas zugefpitzte Formulirung der
Anficht des englifchen Biographen die Meinung verbreitet
hat, Muhammed fei für diefen vom Teufel be-
feffen gewefen. Das ift eine unabfichtliche Verkehrung
von Muir's Standpunkt in fein gerades Gegentheil. Der
ernfte Mann war nicht in der Lage, der Frage nach der
Berechtigung von Muhammed's Anfprüchen auf die Pro-
phetie aus dem Wege zu gehen; mit der ihm eigenen
gewiffenhaften Objectivität erkennt er uneingefchränkt
an, dafs wenigftens in feiner erften mckkanifchen Zeit
er ganz ehrlich nach Wahrheit gerungen hat und auf dem
bellen Wege gewefen ift, der göttlichen Gnade in Chrifto
theilhaftig zu werden, die ihm felbft in der heruntergekommenen
orientalifchen Kirche damaliger Zeit vielleicht
zugänglich gewefen wäre. Dafs er diefen Weg
nicht zu Ende gegangen, dafs in feiner Entwicklung ein
Bruch ftattgefunden habe, durch welchen der Wahrheits-
fucher von Mekka zu dem Gottes Namen zu weltlichen
Zwecken mifsbrauchenden Politiker von Medina geworden
, beklagt Muir in einer Weife, welche von warmer
menfehlicher Theilnahme zeugt; und man thut ihm Unrecht
, wenn man nicht ausdrücklich hervorhebt, dafs er
felbft unter ausdrücklicher Ablehnung unchriftlichen Richtens
den Einflufs des Evtl One lediglich als eine aivfid
possibility bezeichnet. Ueberfetzen wir das aus dem
Hochkirchlich-Dogmatifchen in das einfach Hiftorifche,