Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1885 Nr. 18

Spalte:

428-429

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Steitz, Geo. Ed.

Titel/Untertitel:

Geschichte der von Antwerpen nach Frankfurt a. M. verpflanzten Niederländischen Gemeinde Augsburger Confession, fortgesetzt und hrsg. zur Feier des 300jährigen Bestehens der Gemeinde von Herm.

Rezensent:

Schott, Theodor

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

427 Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 18. 428

allerdings zugänglich ift (gegen S. 9), ja dafs er von Du- 1 vertagen kann, es in extenso hierherzufetzen: .Gerade in
ruy (1882) eingehende Bearbeitung erfahren hat, weifs er der Gegenwart ift die Kirchenmufik ein Labfal fowohl
nicht; ob thatfächlich wie einft dem Canonicus Sala zu für den Sängerchor, wie für die predigtmüde und nach
Pius' IX. Zeiten fo auch jetzt noch bei der etwas gröfse- anbetender Feier fich fehnende Gemeinde. Ergreifen wir

ren Liberalität in der Benutzung des vatic. Archivs die
Briefe des Cardinais Borromeo ganz unzugänglich fein
würden (vgl. S. 113), müfste doch erft conftatirt werden.

jetzt die Zeit nicht, kehrt fie vielleicht nie wieder. Und
ich fage es, nicht als Mufiker, fondern als Theologe, die
Kirche wird es aufs bitterfte bereuen müffen, wenn nicht

Und fo ftöfst man Schritt für Schritt auf Flüchtigkeiten, ; mit dem falfchen Begriff des Gemeindegottesdienftes, als
falfche Angaben und haltlofe Urtheile. Dafür entfchä- 1 fei er, mit der Predigt als Mittelpunkt, eine religiöfe
digt dann wahrlich nicht das durch die ganze Schrift ! Lehrunterweifung, anftatt ein Act der gemeinfamen Got-
gehende unmotivirte abfällige Gerede über die mangel- : tesverehrung, bei dem dann freilich das Element der
haften Fähigkeiten des Helden — ,mediocre d'ingegnoi . Chormitwirkung kaum zu entbehren ift — wenn nicht
wird er mit Vorliebe genannt —, und noch weniger die i damit bald und gründlich aufgeräumt wird in Praxis und
immer wiederkehrende Auskunft, dafs alles, was Borro- Theorie'.

meo thut — und das ift nach dem Verf. eigentlich nur Giefsen Ge Schloffer

Schlimmes —, ihm von den Jefuiten eingegeben wor- _[___'_

den fei.

Bonn. Benrath.

Steitz, Senior D. Geo. Ed., Geschichte der von Antwerpen
nach Frankfurt a. M. verpflanzten Niederländischen Gemeinde
Augsburger Confession, fortgefetzt und hrsg.
Zimmer, Prof. Dr. Friedr., Königsberger Kirchenliederdichter J zur Feier des 300jährigen Beftehens der Gemeinde
u. Kirchenkomponisten. Vortrag, geh. am 16. Febr. 1885 i von pfr. Dr. Herrn. Dechent. Frankfurt, A. Neu-
im Saale d. Landeshaufes zu Königsberg in Pr. Kö- mann, 1885. (72 S. 4.) M. 2. —

nigsberg, Beyer, 1885. (40 S. gr. 8.) M. -. 80. D Jt jubiläumsfchrift verdient wohl eine kurze An-

Die Bedeutung, welche das fern an der Nordoft- zeige an diefer Stelle, denn fie giebt uns ein anfchau-
mark unferes Vaterlandes gelegene Königsberg in der liches Bild von einer jener zahlreichen FTüchtlingsge-
politifchen Gefchichte Deutfchlands und in der Gefchichte meinden, deren Anfänge beinahe mit dem Aufkommen
der Wiffenfchaften hat, ift allgemein bekannt. Weniger | der Reformation verwachfen find und deren Ausläufer
gilt das von der Thatfache, dafs es durch zwei Jahrhun- noch in unfere Gegenwart hereinragen. Stets haben diefe
derte hindurch auch eine höchft ehrenvolle und zum 1 Gemeinden zahlreiche glaubenseifrige und willensltarke
Theil führende Stellung auf dem Gebiet der Kirchen- Mitglieder in fich beherbergt, denn nur folche Charaktere
mufik eingenommen hat. Wir dürfen dem um die Kir- I zogen Verbannung und Auswanderung um des Glaubens
chengefangvereinsfache hochverdienten Verfaffer dank- willen dem Uebertritte vor, enge fchloffen (ich die Glieder
bar fein, diefe Thatfache durch feinen anregenden Vor- derfelben aneinander an und meiftens erft nach mehreren
trag in das rechte Licht geftellt zu haben. Nennen wir, Generationen vollzog fich der Verfchmelzungsprocefs mit
um feinen reichen Inhalt anzudeuten, nur einige Namen, j den Glaubensverwandten der neuen Heimath. Kirchen-
Unter der verftändnifsvollen Pflege Herzogs Albrecht und Culturgefchichte theilen (ich in das Intereffe an den
find ein Paul Speratus, der Dichter von: ,Es ift das Heil . Schickfalen diefer Fremdlinge, und wenn den Nachkommen
uns kommen her', und Johann Gramann (Poliander), der j der Geflüchteten, den Bewohnern der Stadt, welche diefen
Dichter von: ,Nun lob, mein Seel, den Herren', mit dem gaftlich Thor und Bürgerrecht öffnete, in erfter Linie

herzoglichen Capellmeifter Hans Kugelmann, dem Com-
poniften des letztgenannten Liedes und vielleicht auch
von .Allein Gott in der Höh fei Ehr', den der Herzog
ausdrücklich zu dem Zweck, dafs er ,ihm helfe einen

folche Mittheilungen gelten und alte verklungene Ueber-
lieferungen wieder lebendig werden, auch der Wiffenfchaft
kommen fie zu gute. Die Kenntnifs des kirchlichen Lebens
wird dadurch wefentlich gefördert. Um die Theilnahme

fchönen evangelifchen Gottesdienft einrichten durch die für ihre alte Gefchichte zu beleben, hatte der verewigte
edle Mufika' zu fich berufen, für Hebung des Kirchen- ; Dr. Steitz in einer Reihe von Vorträgen die früheften
gefangs thätig. Es folgen die Meiner der ,preufsifchen Schickfale der Gemeinde erzählt, von Pfr. Dechent über-
Tonfchule', ihnen allen voran der leider noch zu wenig arbeitet und bis zur Gegenwart fortgeführt bilden die-
bekannte grofse Meifter Johannes Flccard, deffen Choral- , felben in der vorliegenden Feftfchrift eine vollftändige,
fatz in eine bedeutfame Parallele mit dem Bach'fchen auch für weitere Kreife intereffante Gefchichte. In leben-
geftellt wird; fodann fein Schüler Johannes Stobäus, et- diger Schilderung werden die Gründung der Antwerpener
was fpäter Heinrich Albert, der in dem von ihm gedieh- lutherifchen Gemeinde durch Jakob Probft von Ypern,
teten und componirten Liede: ,Gott des Himmels und | die Verfolgungen, welche fie Jahrzehnte lang erdulden
der Erden' in der evangel. Kirche fortlebt; und in innig- ' mufste, die kurze Blüthezeit von 1578 bis 1584 und die
fter Wechfelwirkung mit ihnen Kirchenlieddichter wie: Vernichtung derfelben durch Alexander von Parma beGeorg
Weifsei (,Such, wer da will ein ander Ziel', und richtet; die Einwanderung nach Frankfurt, welche fchon
vor allem: ,Macht hoch die Thür, die Thür macht weit'), 1554 begonnen hatte, nahm in der Folgezeit immer mehr
und die der ,preufsifchen Dichterfchule' angehörigen: zu und 31. Mai 1585 wurde die niederländifche Gemeinde
Simon Dach, Valentin Thilo jun. (,Mit Ernft, ihr Men- Augsb. Conf. in Frankfurt eigentlich gegründet; ihr erfter
fchenkinder'). Von unferem Jahrhundert urtheilt der , Seelforger.demindeffendie ordentlicheBerufungzum Geift-
Verf., es habe ,mit dem Eingehen ftändiger befoldeter liehen fehlte, war der fpanifche Bibelüberfetzer Caffiodoro
Kirchenchöre auch die Kirchenmufik verloren'. Er be- de Reina. Im Ganzen war die Antwerpener Gemeinde,
gnügt fich aber nicht, diefe Thatfache mit der kühlen ! die gegen IOOO Seelen zählte, nur ein Glied im ürga-
Objectivität eines innerlich unbetheiligten Hiftorikers zu ' nismus der lutherifchen Gemeinde Frankfurts, hatte aber
regiftriren; es ift ihm überhaupt nicht um die Vergangen- ein eigenthümliches kirchliches Leben und eigene wohl-
heit als folche zu thun, fondern um die Gegenwart und thätige Anftalten. Seit 1876 ift fie eine obrigkeitlich

Zukunft; durch den Blick in .Königsbergs grofse kirchen
mufikalifche Vergangenheit' will er das Gefchlecht unfiY
rer Tage zur Nacheiferung anfeuern. Und was er da

anerkannte, die Rechte einer juriflifchen Perfon ge-
niefsende Privatgefellfchaft von evangelifch-lutherifchen
Glaubensgenoffen.

zum Schlufs über die unterer Zeit in Betreff der mufi- j Es wäre wohl der Mühe Werth, dafs der Verfalle 1
kalifchen Reform unferer Gottesdienfte geftellten Auf- diefe mehr populär gehaltene Studie durch ftrengere
gaben fagt, ift fo beherzigenswerth, dafs ich mir nicht wiffenfehaftliche Forfchungcn ergänzen würde. Frank-