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Ausgabe:

1885 Nr. 18

Spalte:

426-427

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Villaflora, Cino di

Titel/Untertitel:

Vita di San Carlo Borromeo, secondo la verità storica 1885

Rezensent:

Benrath, Karl

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425 Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 18. 426

Mannes zu geben'. Die Beftimmung der Quellen der
Randnotizen Eufeb's, des werthvollften Theils des Kanon,
wird nicht über das bereits im erften Theil Gebotene
hinausgeführt: ,es ift im Ganzen ein ausfichtslofes Ge-
fchäft' (S. 95). Ref. meint, dafs die Bifchofsliften bei
Eufebius mit grofser Wahrfcheinlichkeit fämmtlich auf
Africanus zurückzuführen find ').

In der Folgezeit blieb im Orient doch Africanus
der leitende Forfcher, während die Arbeiten des Occi-
dents durch Hieronymus' Vermittelung auf Eufebius
bahren. Geizer befpricht ausführlich die Chronik des
Sulpicius Severus und den rohen, aber durchaus eigen-
thümlichen Verfuch des Julius Hilario. Der Erftere hat
fowohl Eufebius-Hieronymus als Africanus gekannt. Als
vorzüglich und fehr fcharfhnnig wird die Beftimmung
von Judith's Zeit unter Artaxerxes Ochus hervorgehoben
(f. v. Gutfchmid in Fleckeifen's Jahrbb. 1863 S. 714).
Hilario hat den Africanus berückhchtigt. ,Wenn wir von
den apokalyptifch-chiliaftifchen „Diliria" abfehen, zeigt
hch uns in H. ein freier und kühner, bei aller Barbarei
des Vergleichs mit Sulpicius nicht unwürdiger Geift.
Der Occident, ehe er völlig auf alle wiffenfchaftliche
Thätigkeit auf diefen Gebieten verzichtete, hat in den
beiden Galliern zwei an Geiftesfreiheit die Oftländer weit
überragende Vertreter ins Feld gefchickt.' Gewifs —
das kirchliche Abendland mit feinen eigenthümlichen
Beftrebungen ift im 5. Jahrhundert zwei Feinden nahezu
erlegen, den Barbaren und — der morgenländifchen
Dogmatik.

Ich mufs es mir vertagen, auf die griechifchen und
orientalifchen Chronographen hier einzugehen, obgleich
es eines der Hauptziele der Unterfuchungen des Ver-
faffers gewefen ift, ein möglichft deutliches Bild von der
wiffenfchaftlichen Thätigkeit der bisher noch fo wenig
gewürdigten alexandrinifchen Chronographen Panodoros
und Annianos zu entwerfen. ,Wenn die dogmatifchen
Leiftungen der Antiochener in demfelben Verhältnifs zu
denen der Alexandriner ftänden, wie auf hiftorifchem Gebiet
, fo wären fie mit vollem Recht vom Chor der heil.
Väter verurtheilt worden. Panodoros und felbft Annianos
erfcheinen uns noch als bedeutende Gelehrte, wenn wir
ihre Leiftungen mit dem einzigen uns erhaltenen Machwerk
der antiochenifchen Schule, der Chronographie des
Joh. Malalas (Epoche Juftinian's) vergleichen' (S. 129).
Die Unterfuchungen über die Compofition und die
Quellen der Ofterchronik, welche Geizer auf einen
conftantinopolitanifchen Geiftlichen zurückführen will
(S. 138 ff., namentlich S. 149 ff.), werden die Kirchen-
hiftoriker befonders intereffiren. Geizer unterfcheidet den

1) Beherzigenswerth ift die Mahnung S. 93 n. I: .Beiläufig bemerkt,
ift ein Studium des Eufebius nützlich zur Zerftreuung des ebenfoweit
verbreiteten, als fchlecht begründeten Vorurtheils von der grofsartigen
wiffenfchaftlichen Fälfchungsfabrik der erften chriftlichen Jahrhunderte.
Auf andere Gebiete einzugehen, verbietet Kaum und Zweck diefes Buches.
Wer fich abe die chronographifchen Refte des Africanus und Eufebius
anfleht, kann der abfoluten Aufrichtigkeit und aufsergewöhnlichen Wahrheitsliebe
diefer Männer feinen Beifall nicht vertagen.- Es ift fehr dan-
kenswerth, dafs der Verf. wider den Mythus der Fälfchungsfabrik aufgetreten
ift; unfereiner läuft immer noch Gefahr, von .liberalen' Ignoranten
für unkritifch oder für noch etwas fchlimmeres gehalten zu werden, wenn
er jenes bequemfte aller Dogmen antaftet. Allein andererfeits find die
Stoffe, mit denen es der Verf. bei den Kirchenvätern zu thun gehabt
hat, gröfstentheils relativ indifferente. Man wird den Mythus der Fälfchungsfabrik
nicht zerftören können, wenn man nicht die eigentümliche
Gefchichtsbetrachtung als Quelle zahlreicher Illutionen nachgewiefen hat,
welche in der Sicherheit ihres Rechtes felbft den Buchftaben_ heiliger
Schriften gemeiftert und verändert haben (f. ein Beifpiel bei Geizer
S. 262 Panodoros betreffend). Was wir aus dem chriftlichen Alterthum
haben, befitzen wir durch das Medium einer Tradition, die nur fehr
wenige der überlieferten Stücke nicht irgendwie übermalt hat. Erft wenn
überall an die erfte Stelle der hiftorifch-kritifchen Unterfuchung nicht die
abftracte Frage: ,echt oder unecht', fondern vielmehr die andere: ,rein
oder unrein überliefert' gefetzt werden wird, wird man aus dem traurigen
Dilemma herauskommen, mit einer unzweifelhaft echten Schrift auch ihre
gefälfchten Etiquetten und ihre Appretur als echt in den Kauf nehmen
oder fie um eben diefer Zufätze willen felbft für eine Fälfchung halten
zu müffen.

I Chronographen Theophilus von dem Bifchof des zweiten
Jahrhunderts. ,Ich denke, diefer gloriofe Autor (der
Chronograph) hat die Patriarchen des apoftolifchen Zeitalters
erfunden und nach der Himmelfahrt datirt' (S. 167;
f. auch S. 130). Aber ob es einen Chronographen Theophilus
wirklich gegeben hat, fcheint mir noch nicht ausgemacht
(f. meine Zeit des Ignatius S. 43 f., Texte u.
Ünterf. z. altchriftl. Lit.-Gefch. I, 1. 2. S. 291 f.; Zahn,

| Forfchungen II S. 6; III S. 58. 59); möglicher Weife find
unter den Namen des Clemens (Alex.), Theophilus
(Antioch.) und Timotheus Compilationen ,fubtilfter Art'
gegangen, welche Malalas ebenfo als Quelle benutzt
hat, wie den famofen Servius (6 aocphg u '/'<.)-

fia/av avyygacptt:^; f. Geizer, Bd. I, S. 229). Neu und
namentlich den Exegeten zu empfehlen, find die forg-
fältigen Ausführungen über die apokryphen Refte der
Byzantiner und ihre Abdämmung aus Panodorus und

! Africanus (S. 249—297). Befonders Syncellus kommt
liier in Betracht. Er citirt die kleine Genefis, das Henoch-
buch und das Leben Adam's und theilt aus allen dreien
gröfsere Abfchnitte mit, welche Geizer genau befprochen

; hat. Aber Syncellus id fchon ängdlich gegenüber diefen
Stoffen gewefen. Er hat fie nicht felbd herbeigefchafft,
fondern von Panodorus und Annianus übernommen. ,Aus
den Fragmenten diefer Hidoriker fieht man, mit wel-

[ chem Eifer Jubiläen und Henoch von den nitrifchen und

1 fketifchen Mönchscolonien gelefen worden find' (S. 262).

; Nimmt man hinzu, dafs die Leetüre der Ascensio Iesaiae
für den Mönchsverein der Hierakiten bezeugt id, fo
kommt man zu dem Schluffe, dafs die aegyptifchen
Mönche für diefe Stoffe ein befonderes Intereffe gehabt
haben und verdeht nun auch, woher es kommt, dafs
fich in äthiopifcher Ueberfetzung verhältnifsmäfsig fo
Vieles von diefer Literaturgattung erhalten hat. In

i dem Abfchnitt über das Adambuch S. 264 ff. wird
man viel Neues finden. Apokryphe Rede werden auch
(S. 280 ff.) bei Cedrenus, in der 'Exkoyi] 'tozogudv, bei
Leo Grammaticus, Georgius Monachus und Glykas nachgewiefen
. Africanus felbd hat ausgiebigen Gebrauch

! von der kleinen Genefis gemacht und wohl auch den
Henoch benutzt.

Ich breche hier in meinem Referate ab, eingedenk

1 des ,ne sutor ultra crepidam', und fchliefse mit dem

I Wunfche, dafs wir für die griechifchen Kirchenhidoriker

! recht bald eine Arbeit erhalten mögen, welche der vor-
dehenden an unverdroffenem Fleifs, gefunder Kritik und

! Reichthum der Ergebnifse gleichkommt.

Giefsen- Adolf Harnack.

Villaflora, Cino di, Vita di San Carlo Borromeo, secondo
la veritä storica. Milano, G. Civelli, 1885. (152 S. 8.)
L. 1. —

I Kaum Mittelgut. Der Zufatz auf dem Titel ,secondo
la veritä storica' darf nicht zu der Annahme verleiten,
1 als habe der Verf. felbdändige Quellendudien über
feinen Helden gemacht, oder als befitze er ein mafsge-
bendes allgemeines Urtheil über die Zeit, das es ihm
möglich machte, nun die Gedalt desfelben in eine neue,
und zwar die allein zutreffende, Beleuchtung zu rücken!
Seine .Quellen' find vielmehr der unzuverläffige Cantü
{Storia universale), die lobrednerifche Vita di S. Carlo
Borromeo von Sala, fowie die von Locatelli u. a. • felbft
den Raynald citirt er nur nach Cantü (S. 14, A. 1),
und wo es den Anfchein nimmt, als ftänden eigene ar-
chivahfche Studien im Hintergrunde (z. B. S. 10, A. 1,
2, 3), da (lammen die betr. Documente doch auch aus der
Sala'fchen Sammlung und es ift nur vergeffen worden,
fie als dort gedruckt zu bezeichnen. Die allgemeine ge-
fchichtliche Bildung des Verf.'s erweift fich durch die Ur-
theile, die er einftreut, als recht mangelhaft; dafs der
Procefs der Caraffa heutzutage und fchon feit 15 Jahren

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