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Ausgabe:

1885 Nr. 17

Spalte:

412

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Partisch, H.

Titel/Untertitel:

Sylvesterglockenklang. Ein stilles Wort zur feierlichen Stunde. 1. Im Strome der Zeit. 2. Vor Jerusalems Thoren 1885

Rezensent:

Schlosser, Georg

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Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 17.

412

typifche Bedeutung bis ins Kleinfte hinein,bisweilen in fpie-
lender Manier nachzuweifen fuchten. (pag. 2.) AberWefen
und Gefetz fowol der Weiffagung als auch der Erfüllung,
ferner der innere Zufammenhang von gefchichtlichem
Typus und deutender Prophetie blieb ihnen verborgen.
Die unvergleichlich tief eindringenden Unterfuchungen,
welche vor 45 Jahren D. von Hofmann über diefe Punkte
angeftellt, fcheinen in jenen Kreifen noch völlig unbekannt
zu fein; auch der Verfaffer des vorliegenden
Buches hat fie bis jetzt noch nicht beachtet. Aber ein
hohes Verdienft hat er fich damit erworben, dafs er den
Jofeph als Propheten charakterifirt auf Grund des Wortes
Gen. 45, 7: ,Es fandte mich Gott vor euch her, zu
fetzen für euch eine Hinterlaffenfchaft auf der Erde und
am Leben zu erhalten für euch zu einer grofsen Ent-
ronnenheit'. Wie auf allen Punkten der heilsgefchicht-
lichen Entwicklung das meffianifche Ziel d. h. die mit
dem Erretter gegebene Errettung feines Volkes mehr
oder minder klar zu Tage tritt, fo ift auch jene Jofephi-
nifche Rede als eine Prophetie zu erfaffen. Gerade von
Jofeph, der in feinem Vater den Träger einer univerfalen
Verheifsung fah, können wir nicht glauben, dafs er die
grofsen Wendepunkte feiner Stammesgefchichte nur in
zeitgefchichtlichem Sinn erfafst haben werde. Der Verfaffer
hat dies mit überführender Klarheit nachgewiefen.

Mit lebhaftem Intereffe folgen wir ihm ferner, indem
er uns die biblifchen Acten über Judas Ifcharioth vorlegt.
Wir dürfen behaupten, dafs auch nicht Ein Moment dem
umüchtigen Bibelforfcher entgangen fei und nicht minder
hat er die im Verlauf der Zeiten immer umfänglicher
gewordenen Unterfuchungsacten mit gröfster Genauigkeit
durchforfcht. Dennoch tritt aus der hier gegebenen
Zufammenftellung das Bild des Judas nicht hervor
als ein charaktervolles Ganze; auch werden einzelne
Momente, welche geeignet find, in die dunkle Schlufs-
kataftrophe des Judas einiges Licht zu bringen, nicht
hinreichend verwerthet. Als Judas fah, dafs es mit Jefus
zu Ende ging, fo konnte er ihn nicht mehr für den
Meffias halten und was er feitdem von ihm fah und
hörte (die ftille Ergebung und der Hinweis auf die
Parufie), mufste ihn in der Anficht beftärken, dafs der
vorgebliche Meffias ein in grofsen Selbfttäufchungen befangener
fchwächlicher Schwärmer fei; nachdem Judas
im Bewufstfein überlegnen Scharfblickes von feiner unklaren
meffianifchen Begeifterung fich innerlich losgefagt
hatte und zu einer nüchternen Betrachtung der Dinge
zurückgekehrt war, fo wollte er fich wenigftens noch
einen materiellen Gewinn fichern, und der durch ein Ver-
fprechen bereits gebundene, aber noch zögernde Wille
kam zur Ausführung, als Judas fich von dem Herrn
durchfchaut und darum aus feiner Nähe fich verbannt
fah. Diefe zufammengehörenden Momente werden von
dem Verfaffer der Bibelftudien nicht zu einem pfychifchen
Ganzen verarbeitet.

Von der fchon wiederholt anerkannten exegetifchen
Umficht des Verfaffers zeugt auch die Studie: Jefu
Himmelfahrt nach der biblifchen Gefammtdarftellung'.
Doch hat er nicht überzeugend nachgewiefen, dafs die
Auferftehung von der Himmelfahrt zu trennen fei. Der
biblifche Bericht läfst uns nicht in Zweifel darüber, dafs
Jefus mit feiner Auferftehung fofort in die überweltliche,
für irdifche Augen unfichtbare Seinsweife eingetreten,
dafs alfo die Erfcheinungen des auferweckten Jefus nur
in einer Verfichtbarung des an fich Unfichtbaren beftan-
den haben. Die Himmelfahrt Chrifti wird daher von
Frank treffend als das letztmalige htntfchwinden der leiblich
fichtbaren Erfcheinung des Auferftandenen bezeichnet
und Gottfried Kinkel hat nicht unrichtig behauptet,
dafs Jefus neun Mal gen Himmel gefahren fei.

Die Hälfte diefer ,letzten' Bibelftudien bilden Scholien
zu fchwierigen Stellen der alt- und neuteftamentlichen
Schrift; auch hier fehen wir philologifche Akribie und
theologifche Gedankenfülle in bewundernswerther Weife

verbunden. Es fei mir geftattet, den Wunfeh und die
Hoffung auszufprechen, dafs diefe .letzten' Bibelftudien
nur einen relativen Abfchlufs bezeichnen mögen. Denn
die, welche einft zu den Füfsen des ehrwürdigen Verfaffers
gefeffen und feine bisher veröffentlichten Bibelftudien
mit reichem Gewinn verarbeitet haben, finden auch
in diefen ,letzten' Studien die Jugendfrifche vergangener
Tage wieder.

Dresden. Löber.

Partisch, Pfr. Dr. H., Sylvesterglockenklang. Ein ftilles
Wort zur feierlichen Stunde. I. Im Strome der Zeit.
II. Vor Jerufalems Thoren. Oldenburg, Schulze, (1883).
(III, 73 S. 8.) M. 1. -

Wie Referentem mitgetheilt wurde, ift diefes Schriftchen
inzwifchen bereits in zweiter Auftage erfchienen;
fehr zu feiner Verwunderung. Ich habe es daraufhin
nochmals durchgefehen, und mein Urtheil nochmals geprüft
, kann aber im Blick auf den unerwarteten Beifall,
den der Verfaffer gefunden hat, nur fagen: de gustibus
non est disputandum. Nicht, als ob in diefen Sylvefter-
betrachtungen nicht ganz gute, ernfte und finnige Gedanken
enthalten wären. Ich hätte aber vor allem nicht
vermuthet, dafs nach folchen Sylvefterbetrachtungen fo
viel Bedürfnifs wäre, da es doch einmal nicht Jedermanns
Gefchmack ift, derartige Betrachtungen an einem an fich
fo indifferenten, wie willkürlich gemachten Zeitabfchnitt
zu machen, und da zum andern, wem es denn darnach
zu Sinn ift, an Stoff zu eigenen Betrachtungen nicht
fehlt. Sodann ift aber der Wein, den der Verf. zu Markte
bringt, noch recht unausgegohren. Das macht fich nach
Form und Inhalt geltend. Die Ordnung der Gedanken
ift fehr ftark von dem Gefetz der Ideenaffociation be-
herrfcht, die einzelnen Gedanken häufig fchuef und übertrieben
ausgedrückt. Nicht feiten wird die im höchften
Pathos daherfchreitende Rede von ganz trivialen Gedanken
durchbrochen. Der Stil ift im höchften Mafse
fchwülftig, von Bildern überladen, die manchmal an jenen
,Zahn der Zeit, der fchon manche Thräne getrocknet
hat, und auch über diefe Wunde Gras wachfen laffen
wird', erinnern. An Stelle des dithyrambifchen Schwunges
hätte man oft etwas mehr nüchterne Correctheit zu
wünfehen. Vergl. S. 4 ,Das ift ein Bild des Menfchen, getragen
vom Strom der Zeit' — wer wird getragen: das
Bild oder der Menfch? S. 5: Die Glocke, die tönend
fchlägt ,an die tiefften Tiefen dein'. Ebendafelbft: Die
Zukunft, ,die vor dir aufgerichtet ftand, wie ein ftarker
Sorgenberg, jetzt mufst du bekennen, dafs du hindurch
gefunden'. S. 6 ,fo fiehft du dich mitten pilgern unter
Millionen auf einer Heerftrafse, die einen rüftig vorwärts
fchreitend, die andern mühfelig vorwärts ringend; noch

l andere ermattet liegen bleibend (!) mitten im Kampf.
S. 7 .Mütter feufzten zum Himmel empor über undankbare
verirrte Kinder; Väter durften danken für gottbegnadigte
Söhne und blühende Töchter'. Ebendafelbft:
,Dir ward's zu einer Ewigkeit, dir war's wie ein Traum,
nun ift beides vorüber, Ewigkeit (!) und Traum'. Das
ift hohle Rhetorik, die für klingende Worte klare Ge-

! danken preisgiebt. So geht es durch das ganze Buch
hindurch. Und trotzdem die zweite Auflage! Möchte
wenigftens für die dritte, wenn fie denn fein mufs, das

nonum prematur in annum beherzigt werden.

Giefsen. Gg. Schloffer.

Zum Pastor Hermae.

Die 24. Homilie des Caefarius von Arelate {maxima biblioth.patrum
VIII, p. 843) beginnt mit den Worten: ,/egimus in quodam libro, fra-
tres dilectissimi, de ulmo et vite propositam nobis simitiludinem, quam

I qui diligenter attendit, non parvam animae suae aedißcationem inveniel,
und reproducirt dann in freier Weife und verkürzt den Inhalt von Ilermas

j simil. II- Bei der Deutung ift der Weinftock freilich nicht mehr liild des
Armen überhaupt, fondern der ,servi Dei, abbates, monachi vel clerici