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1885 Nr. 17

Spalte:

408-410

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Samuel Gobat, evangelischer Bischof von Jerusalem. Sein Leben und Wirken meist nach seinen eigenen Aufzeichnungen 1885

Rezensent:

Bassermann, Heinrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 17.

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naiffancebewegung und des Papftes Stellung zu ihr über
dasjenige hinaus zu gehen, was G. Voigt grundlegend
und mafsgebend fchon vor mehr als zwanzig Jahren beigebracht
hat.

Wenn nun der oben erwähnte ftrengkatholifche Kritiker
, welcher die allerdings unverholen hervortretende
Sympathie Cr.'s für die der Reformation zuftrebende
Bewegung tadelt, als Schlufsverdict das Folgende giebt:
bei Cr. finde fich eine gute Ueberficht des fchon mehr
oder weniger Bekannten, aber ,die Forfchung' führe er
,nicht um einen Schritt' weiter — fo ift dabei doch zu-
nächft die Frageftellung felber zu beanftanden bezw. der
Klarlegung bedürftig. Denn die beliebte Wendung von
der ,Weiterführung der Forfchung' ift an fich fehr unklar.
Wenn nur diejenigen ,forfchen', welche zu dem vorhandenen
fei es auch noch fo reichhaltigen Materiale aus
Archiven oder fonftigen Documentenfammlungen Ungedrucktes
— fei es auch von noch fo geringem Belange —
an's Licht bringen und publiciren: dann ift allerdings
Cr. keiner von Denen, welche der ,Forfchung' dienen;
denn der Schaar derjenigen, welche keinen höheren Ge-
fichtspunkt kennen, als ,mehr Material' herbeizufchaffen,
gehört er nicht an. Wenn aber derjenige fich in werthvoller
Weife an der hiftorifchen Forfchung betheiligt,
welcher das auch Andern zugängliche Material unter
felbftändigen Gefichtspunkten und mit genauer Kennt-
nifs der einfchlagenden Literatur verarbeitet und fo auch
fchon Bekanntes in neue Beleuchtung rückt: dann wird
kein vorurtheilslofer Beurtheiler leugnen, dafs Cr. dies
in hervorragendem Mafse gethan hat. Nehmen wir ein
Beifpiel heraus. Es ift auch dem Anfänger in der Kir-
chengefchichte bekannt, dafs der vom Conftanzer Concil
gewählte Papft Martin V. die Hoffnungen, ja die von
ihm felber principiell als berechtigt zugeltandenen Forderungen
nach Reformen auf umfaffender Grundlage
gründlich enttäufcht hat. Auch die kleinen und grofsen
Mittel, durch welche der Papft dies fertig gebracht hat,
find längft aufgedeckt. Und doch ift fein ganzes Wefen
noch von keinem Hiftoriker fo klar herausgeftellt und
in die richtige Beleuchtung gerückt worden wie jetzt von
Cr., aus deffen vortrefflicher Charakteristik (Bd. II, S. 30 f.)
die Quinteffenz lautet: er war der Begründer derjenigen
Theorie päpstlichen Allvermögens, wie der moderne Ultramontanismus
fie in fich verkörpert. Die unter diefem
Gefichtswinkel hochbedeutfame Gestalt diefes Papstes
fpringt mit voller Lebenswahrheit aus Cr.'s Darftellung
heraus — wenn das nicht fördernde Forfchung ift, fo
weifs ich nicht, was man als folche anfehen foll. Und
die quellenmäfsige Grundlage ift fo umfaffend und ficher
exploitirt, dafs etwa noch auffindbare Einzeldaten daran
nichts ändern werden. Damit foll nicht behauptet fein,
dafs felbft an diefer Stelle alles Vorhandene benutzt
wäre. Ift es doch auffallend, dafs Cr., der gerade in
Martin V. den Typus eines die Erhöhung und die Con-
centration päpftlicher Gewalt auf jedem Wege erstrebenden
Pontifex zeichnet, dennoch deffen Concordat mit
Deutfchland von 1418 (trotz Hübler's ,Conftanzer Reformation
') nur ganz obenhin berührt; und noch auffallender
, dafs er die ,Advisamenta Nationis Germ.1 (bei Georgi,
Gravamina, in der grofsen Ausgabe S. 194 ff.) und die
Jiesponsio1 des Papftes darauf übergeht. Auch was über
des Letzteren Verhältnifs zu der tiefgreifenden Bewegung
der ,Brüder vom gemeinfamen Leben' (im I. Bde.
S. 408) gefagt wird, genügt nicht. Aber das fällt wenig
in's Gewicht, wenn man erkennt, mit wie grofser Umficht
und Sicherheit der Verf. die fonftigen gerade für feine
Charakteristik mafsgebenden Daten heranzieht und ver-
werthet. Und da ift er auch wieder der Erlte, welcher
die fundamentale Bedeutung des Concils von Siena
(1423—24) an's Licht stellt. Ift doch nichts bezeichnender
für die Unaufrichtigkeit der päpftlicherfeits stets betonten
Bereitwilligkeit zu Reformen, als die von dem
Papste felber vermittels der alle Forderungen vereitelnden
Legaten diefem Concil dictirte Haltung. Und Cr.
ift auch der Erste, welcher nach Hefele, übrigens felb-
ftändig, das neue von Palacky in den Monum. Conc. General
. Saec. XV. [Wien, 1857] dargebotene Material für
die Gefchichte des Sienefer Concils, nämlich den Bericht
in Johann von Ragufa's (Stojkovic) Jnitium et Prosecutio
I Basiliensis Concilii' verwerthet, indem er mit Recht in
wichtigen Punkten auch gegen Raynald und Manfi diefem
Augenzeugen folgt.

Mit ganz befonderer Sorgfalt und fehr eingehend
ift — um noch Einen Hauptgegenftand hervorzuheben —
das Bafeler Concil (Bd. IL, Buch 3, Cap. 4—7) behan-
delt. Auch hier war es dringend nöthig, die Darftellung
Hefele's, die ja in Bezug auf die Ereignifse und Ent-
I wickelungsphafen wohl brauchbar ift, doch nach der
j Seite hin zu ergänzen, dafs die wahren Motive der ober-
[ ften, von Rom aus verfuchten Leitung an den Tag ge-
[ bracht würden. So z. B. wird man aus Hefele's Darlegung
, obwohl er ftillfchweigend zugiebt, dafs die von
Eugen IV. unter dem 12. Nov. 1431 angegebenen Gründe
für die fofortige Auflöfung des Concils nur vorgefcho-
ben feien doch nicht herausfinden, was denn eigentlich)
den Papft dazu trieb — während Cr. (Bd. II, S. 64
klar zeigt, wie die in Rom als zu weit gehend erfchei-
nende Befliffenheit des Legaten Cefarini, in der huffiti-
tifchen Frage eine Vermittlung herzustellen, wie der meh
kirchlich-demokratifche Grundzug der Verfammlung und
die fchon gleich zu Tage tretende Schwierigkeit, das
Concil ganz nach Wohlgefallen zu lenken, dem Papft
und der Curie den Staatsstreich alsbaldiger Auflöfung
nahe legen mufsten. Ueberhaupt besteht darin ein Hauptvorzug
des Werkes, dafs der Verf. mit feinem Urtheil
an keiner entfeheidenden Stelle zurückhält und stets das
Urtheil des Lefers zu provociren bezw. zu leiten fucht
die Art aber, wie das Letztere gefchieht, bekundet durchweg
gereifte Einficht, von der man fich ohne Bedenken
leiten laffen mag.

Bonn, Benrath.

Samuel Gobat, evangelischer Bischof von Jerusalem. Sein
Leben und Wirken meist nach feinen eigenen Aufzeichnungen
. Mit Gobat's und feiner F'rau Bildern
in Stahlst, und acht Landfchaften in Holzfchn. Bafel,
Spittler, 1884. (VII, 550 S. gr. 8.) M. 4. 80; geb.
M. 6.

Die Leetüre des hier anzuzeigenden Buches hinter-
läfst einen tiefen und eigenthümlichen Eindruck, vor
Allem den: die Religion, das Christenthum ift nicht Lehre
und nicht Bekenntnifs, nicht Liturgie und nicht Ver-
faffung, fondern es ift inneres Gemüthsleben, es ift darauf
ruhende Ueberzeugung und daraus entfpringende Kraft
und That. Alles Erstgenannte ift fecundär, nur das
Zweitgenannte wefentlich, und nur diefes Wefentliche ift
fruchtbar und wirkfam. So mufs ich urtheilcn, obwohl
das Buch wie der Mann, welchen es fchildert, einem
theologifchen Geiste und einer religiöfen Richtung angehören
, welche nicht diejenigen des Referenten find.

Vor allem intereffant ift der erste Theil, welchen
Gobat's Autobiographie einnimmt, reichend bis zum Antritt
des Bifchofsamtes in Jerufalem (1846) und fehr gut
aus dem Englifchen ins Deutfche übertragen von Gobat's
jüngster Tochter, Frau Blandina Wolters in Jerufalem.
Schon die Entwickelung des am 26. Jan. 1799 in dem
kleinen, zum Berner Jura gehörigen Dorfe Cremine geborenen
und dort in befchränkten, fast aller Bildungsmittel
baaren Verhältnifsen aufwachsenden Knaben, deffen
ausserordentliche Regfamkeit auf religiöfem Gebiete fich
in einer fehr intenfiven Bibellectüre befriedigt, ift nicht
gewöhnlich. Hier wird der nachhaltige Grund gelegt zu
der starken Frömmigkeit, welche die treibende Kraft in
G.'s Wirken bildete, wie zu der fehr ausgeprägten Ein-