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Ausgabe:

1885 Nr. 17

Spalte:

404

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Roth, Friedrich

Titel/Untertitel:

Die Einführung der Reformation in Nürnberg 1517 - 1528. Nach den Quellen dargestellt 1885

Rezensent:

Tschackert, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 17.

404

hält nur die Gefchichte der christlichen Kirche bis zu
ihrer Pflanzung auf deutfchem Boden. Er zerfällt in
3 Bücher, deren erftes ,die Kirche im Kampf d. h. bis
zur ftaatlichen Anerkennung der chrifllichen Religion
fchildert, während das 2. ,die römifche Reichskirche'
und das 3. ,die Pflanzung der chrifllichen Kirche unter
den deutfchen Stämmen' behandelt.

Ich kann nicht leugnen, dafs ich vom 1. Buch etwas
enttäufcht war. Nach meinen oben entwickelten An-
fprüchen mufste ich hier manchen Einwand erheben, und
zu manchen einzelnen Behauptungen fügte ich ein Fragezeichen
hinzu. Mit um fo gröfserer Freude habe ich die
andern beiden Bücher gelefen, die m. E. das erfte weit
hinter fleh laffen. Denn während diefes nach einer nicht
gerade vortheilhaften und präcifen Dispofition den bunten
und zerfplitterten Stoff der erften drei Jahrhunderte in
fortlaufendem Zufammenhange zu bewältigen fucht —
faft nach Art eines Lehrbuchs, aber ohne die Ueber-
fichtlichkeit eines folchen —, bieten die beiden folgenden
Bücher abgerundete Einzelbilder. Von Capitel zu
Capitel wird die Darftellung unfern Wünfchen ent-
fprechender, und befonders im 3. Buche, wo wir den
heimathlichen deutfchen Boden betreten, fleht fie auf ihrer
Höhe. Die Bilder werden immer anfehaulicher und
wärmer, die Entwicklung einheitlicher, die Perfonen
lebensvoller, die Auswahl des Stoffes freier, die Grup-
pirung gefchickter, das Ziel deutlicher. Wenn die Erzählung
fo ihren einheitlichen Charakter nicht völlig gewahrt
hat (die Länge der zweckmäfsigen Epifode über
Bafilius d. Gr. S. 149—169 fleht in keinem Verhältnifs
zum 1. Buch), fo ift das nicht zu bedauern. Diefe Ungleichheit
bezeichnet einen Fortfehritt. Reicht auch die
Darfteilung an Uhlhorn's meifterhafte Schriften oder an
die neue, grofse, populäre Lutherbiographie Paul Martin's
nicht heran, fo wird doch Burk's Kirchengefchichte in
jedem gebildeten Haufe mit Freuden gelefen werden.

Erfreulicherweife tritt die cultur- und fittengefchicht-
liche Seite des Gegenftandes deutlich und greifbar hervor
, die Gefchichte der Lehre mehr zurück. Es wird
freilich für eine Popularifirung der Kirchengefchichte
immer eine befonders fchwierige Frage bleiben, inwieweit
es möglich und nothwendig ifl, auch den Gebildeten im
Volk die Vorausfetzungen, den Gang und die Ergebnifse
der grofsen theologifch-kirchlichen Lehrftreitigkeiten klar
zu machen. Hier ifl ein beachtenswerther Beitrag geliefert
; aber er fcheint mir doch noch nicht völlig den
Anforderungen zu entfprechen. Noch deutlicher und
lebendiger mufs es zur Darftellung kommen, worin
eigentlich die umfaffende Bedeutung z. B. des arianifchen
Streites und der Bilderftreitigkeiten beruht; fonft bleibt
die Heftigkeit jener Kämpfe und die Stellung der evan-
gelifchen Kirche zu den altkirch'lichen Lehrentfchei-
dungen unverständlich.

Es fei mir geftattet, noch einige andere Punkte zu
berühren, die ich als Mängel empfinde. Von einer Anzahl
ungenauer und unrichtiger Angaben (z. B. S. 134.
142. 182. 185. 246. 318 etc.) will ich abfehen, auch davon
, dafs S. 31 eine kritifche Anficht etwas vertufcht
wird. Auch über die Auswahl der Citate und über eine
Reihe von Urtheilen, die ich mir nicht fo aneignen kann
(z. B. S. 9. 13. 20. 35. 43. 71. 119. 120. 122. 133. 155.
178. 247 f.), will ich nicht rechten. Aber die Bedeutung
des Kaifercultus für die Verfolgungen, die Entstehung
des neuteftamentlichen Kanons, die efchatologifche Bestimmtheit
des Chriftenthums in den erften beiden Jahrhunderten
, der v erweltlichte und sittlich verwahrloste
Zustand der Gemeinden um 200, die Gefchichte des
geistlichen Amtes, des römifchen Bisthums, des Sonntags
, — das alles find Punkte, die entweder gar nicht
oder nicht genügend behandelt find.

Allein diefe Ausfetzungen follen weder meinen Dank
für die auch äufserlich trefflich ausgestattete Gabe zurückdrängen
noch den Wunfeh, dafs dies Büchlein

fich viele Freunde erwerben und in den beiden folgenden
Theilen eine würdige und zweckmäfsige Vollendung
erhalten möge! Bei der Wichtigkeit des Gegenftandes
wird der geehrte Herr Verfaffer die kritifchen Bemer?
kungen feines jugendlichen Recenfenten und der geneigte
Lefer die Länge diefer Anzeige verzeihen.

Göttingen. W. Bornemann.

Roth, Dr. Friedrich, Die Einführung der Reformation in
Nürnberg 1517—1528. Nach den Quellen dargestellt.
Würzburg, Stuber's Verl., 1885. (IV, 271 S. gr. 8.)
M. 5. —

Diefe höchft dankenswerthe Studie führt uns das Bild
des geistigen Umfchwunges vor, der fich in der freien
Reichsftadt Nürnberg zwifchen 1517 und 1528 zu Gunsten
der lutherifchen Reformation gegen die römifch-katho-
lifche Kirche und gegen Kaifer Karl V., aber auch gegen
das fectirerifche Täuferthum vollzogen hat. Unter prin-
cipieller Anerkennung der Wittenberger Reformation hat
der Verfaffer hier der Stadt Nürnberg ein weithin leuchtendes
Denkmal gestiftet. Aus feiner befonnenen Quellen-
forfchung, für welche ihm die Schätze des Nürnberger
Kreisarchivs zu Gebote standen, ergiebt fich mit Sicherheit
, dafs der kluge und doch fromme Rath der Reichsftadt
und die unter feinem Schutz flehenden reformato-
rifchen Männer von der Geiftesrichtung eines Andreas
Ofiander den geistigen und religiöfen Umfchwung vom
Mittelalter zur Neuzeit, von der Papftkirche zum reinen
Evangelium mit mannhafter Energie durchgefetzt haben,
während humaniftifche Halbevangelifche, wie Wilibald
Pirkheimer und Christoph Scheurl, in ihrer ganzen Halbheit
und Charakterlofigkeit offenbar werden. Mit Freude
folgt man den Mafsnahmen des Rathes, wie er klug mit
Kaifer und Reich jeden Bruch vermeidet und doch, trotz
des Wormfer Edictes von 1521, fchon vor dem Speyerer
Reichstage von 1526 ein evangelifches Kirchenwcfen in
Nürnberg einrichtet, üfiander's Bild erfcheint dabei in
hellem Lichte; wir fehen ihn hier in feiner ganzen Frifbhe.
Seiner evangelifchen Nüchternheit ift es auch befonders
zu danken, dafs die drohende Gefahr des anabaptiftifchen
Sectenthums von der Stadt abgewandt wurde. Durch
diefes Stück Localgefchichte ift Roth's Buch eine objec-
tive Widerlegung von Ludwig Keller's Werk ,Die Reformation
' (1885), das unfer Verfaffer leider noch nicht
hat berückfichtigen können. Ich gebe ein Beifpiel
an. Nach Keller S. 422 ff. find die Nürnberger Maler
Penz und die Brüder Beheim Mitglieder einer Waldenfer
Brüdergemeinde, welche angeblich das ,altevangelifche'
Chriftenthum vertreten. Nach Roth S. 250 ff. leugnen
fie im Verhör, wie aus den Acten hervorgeht, alles po-
fitive Chriftenthum, ja alles Chriftenthum überhaupt. Die
vorzügliche Studie Roth's hat mich daher wefentlich in
meinem Urtheil über Keller's Buch (vgl. Theol. Lit.-Ztg.
1885, Nr. 14; beftärkt. — Man kann die Nürnberger
Reformationsgefchichte nicht ohne befondere Aufmerk-
famkeit auf Wilibald Pirkheimer ftudiren. In diefem Buche
fällt auf fein Bild düsterer Schatten (S. 192 ff.). Es ift
wichtig, darauf zu achten. Denn noch giebt es viele Hi-
ftoriker, nicht blofs Männer von der Richtung Janffen's,
fondern auch fcheinbar neutrale Berichterstatter wie Ludwig
Geiger (in feiner Gefchichte des »Humanismus und
der Renaiffance' 1882), welche mit Berufung auf Pirkheimer
die lutherifche Reformation anklagen, dafs fie
keine Umwandlung der Sittlichkeit hervorgebracht habe.
Seit dem Erfcheinen von Roth's Studie wird man auf
Pirkheimer's Jammerreden kein Gewicht mehr zu legen
haben. — Aus diefen unteren Andeutungen wolle man
abnehmen, dafs wir in diefem Buche eine dankenswerthe
Bereicherung unfererKenntnifs der Reformationsgefchichte
empfangen.

Königsberg i. Pr. Paul Tfchackert.