Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1885 Nr. 17

Spalte:

400-404

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Burk, Carl

Titel/Untertitel:

Geschichte der christlichen Kirche bis zu ihrer Pflanzung auf deutschem Boden 1885

Rezensent:

Bornemann, Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

399

Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 17.

400

Horae paulinae1 gethan hat. Diefelbe Autorität genügt
namentlich auch, um die ganze Frage nach der Echtheit
des Epheferbriefes zu erledigen (S. 477). Die Paftoral-
briefe werden vom zweiten Timotheusbrief aus unter
Vorausfetzung einer zweiten Gefangenfchaft gerettet (S.
497 f.). Die Apokalypfe ift zwar von dem Apoftel Johannes
, welcher in Rom Zeuge der neronifchen Verfolgung
war, bald nachher gefchrieben (S. 302), die apoka-
lyptifche Zahl aber, die ebenfo gut auch Mar Salmon
(S. 300) und vieles Andere bedeuten kann, nicht auf
Nero zu beziehen, weil fonft der Apoftel falfch geweifsagt
haben würde (S. 291). Auch alle katholifchen Briefe find
echt, und die Unterfuchung derfelben fchliefst mit einem
heftigen Angriff auf den genannten Edwin Abbott, welcher
es gewagt hatte, den Stil des zweiten Petrusbriefes
mit dem ,Baboo-Englifch' zu vergleichen (S. 626 f.). Mehr
noch bildet Renan die ftändige Zielfcheibe bald fpötti-
fcher, bald ernft rügender Ausfälle des Verfaffers. Aber
auch Baur's Buch über das Chriftenthum der drei erften
Jahrhunderte giebt von Letzterem ein Bild, welches an
gefchichtlicher Treue etwa mit der Zeichnung wetteifern
kann, welche Victor Hugo's IJ komme qui rit von den
englifchen Zuftänden unter Jakob II. entwirft (S. 489).
Wenn die Tübinger die Darftellung der Apoflelgefchichte
um der petrinifch-paulinifchen Parallelen willen angezweifelt
haben, fo müffen fie auch die franzöfifche Revolution
aus der Gefchichte ftreichen um ihrer Parallelen mit der
englifchen willen (S. 388).

Man fieht: der Verfaffer ift nicht gut zu fprechen auf
die moderne Bibelkritik oder vielmehr auf denjenigen
Theil ihrer Vertreter, die er als ,fkeptifche Kritiker', auch
,moderne Kritiker' aus der ,rationaliftifchen Schule', von
den ,orthodoxen Kritikern' wie Böcke von den Schafen
fondert. ,Der Unterfchied ift der, dafs die orthodoxen
Kritiker das urfprüngliche Evangelium aus dem Munde
oder aus der Feder der Apoftel ableiten und die Bearbeitungen
desfelben Männern zufchreiben, welche in unmittelbarer
Berührung mit jenen geftanden haben, die
fkeptifchen Kritiker dagegen ihr urfprüngliches Evangelium
ungefähr zur felben Zeit entftanden denken, welche
wir für die Evangelien in ihrer gegenwärtigen Geftalt in
Anfpruch nehmen, während fie den letzteren ganz über-
einftimmend ihre Geburtsftunde erft nach Papias anweifen,
wobei Manche überdies den Tod diefes Papias irrthüm-
lich erft um 165 anfetzen' (S. 141). Sie ergötzen fich an
einem Urevangelium, welches nur fechs Wunder erzählt,
und halten dasfelbe für einen wahren Schatz darum, dafs
es von der Auferftehung fchweigt (S. 180). ,Baur hat
noch lange nicht den äufserften Punkt der negativen
Kritik erreicht. Er fand Schüler, welche es beffer machten
, als ihr Meifter, bis es für einen jungen Profeffor,
welcher doch für feine Reputation als genialer Kritiker
forgen mufste, fo fchwer wurde, einen neuen Angriff auf
neuteftamentliche Bücher zu machen, als es jetzt für
einen Alpenclubiften fchwer fein mag, in der Schweiz
einen Gipfel ausfindig zu machen, den vor ihm noch |
Niemand beftiegen hat' (S. 450).

Es widerftrebt mir, derartiger Aeufserungen, von
welchen das Buch leider ftrotzt, noch mehr auszufchreiben.
Dem Ausländer, der feine Lefer mit fo leichtfinnigen
Witzen unterhält, gereicht es einigermafsen zur Entfchul-
digung, dafs er eine aus eigenem Studium der deutfchen
Theologie gewonnene Einficht offenbar in nur fehr be-
fchränktem Umfange befitzt und fich im Uebrigen auf
die Urtheile verläfst, welche jetzt in Deutfchland felbft
gang und gäbe geworden find. Unfere gelefenften Kirchenzeitungen
und theologifchen Literaturblätter führen
ja fo ziemlich diefelbe Sprache, während fie andererfeits
zugleich fehr im Widerfpruche mit dem von unferem
Verfaffer gemalten Bilde deutfchcr Theologie Belege
genug zu der Beobachtung bieten, dafs bald keine, begründete
oder unbegründete, Thefe der Kritik mehr zu
finden ift, die nicht irgend einem Parteigänger heute

herrfchender kirchlicher Strömungen Anlafs geboten hätte,
fich als Ritter und Kämpfer für althergebrachtes Vor-
urtheil in den Sattel zu fchwingen. Im Uebrigen erlaube
ich mir für den wirklichen Gang, welchen die biblifche
Kritik feit Baur genommen hat, auf S. 194 f. meiner
demnächft erfcheinenden Einleitung in das Neue Tefta-
ment zu verweifen, wo ich diefen Dingen eine wefent-
lich vollftändige, aber auch eine wahrheitsgetreue Darftellung
gewidmet zu haben glaube. Dafs ich mich in
diefem Werke mit unferem Verfaffer nicht mehr über
einzelne, die Gefchichte des Kanons betreffende Schwierigkeiten
habe auseinanderfetzen können, bedauere ich
lebhaft. Im Allgemeinen leiden feine belehrenden und
eingehenden Darftellungen unter dem freilicli weit verbreiteten
Vorurtheil, dafs der Kanon fich, wie man zu
fagen pflegt, ganz von felbft gemacht habe (S. 144).
So fieht es freilich aus — wenn man nämlich die Dinge
von einer gewiffen Entfernung aus in Augenfchein nimmt,
wie es fich auch nur aus dem weiten Abftand, der zwifchen
der zu erkennenden Wirklichkeit der Gefchichte und dem
Standpunkte unferes Verfaffers in der Mitte liegt, oder
richtiger aus der geringen Leiftungsfähigkeit der von ihm
in Anwendung gebrachten Ferngläfer erklärt, wenn ihm
z. B. die Jud. 4 und die Phil. 3,19 gefchilderten Feinde
identifch erfcheinen (S. 599 f.). Dafs ihm die Differenzen
zwifchen Act. 15 und Gal. 2, 1 —10 faft gar nicht
in's Bewufstfein-treten, fällt unter fo bewandten Um-
ftänden kaum mehr auf.

Und doch ift es kein unintereffantes Buch, was der
Dubliner Theologe uns bietet. Trotz aller Breite feiner
faft ungegliederten Darftellung ift diefelbe belebt durch
eine gewiffe Frifche der Auffaffung, durch Humor und
Witz, durch eine Fülle von Veranfchaulichungsmitteln,
welche ein ausgebreitetes hiftorifches Wiffen und grofse
Belefenheit in der englifchen und franzöfifchen Literatur
zur Verfügung ftellen. Aber auch die eigentliche theologifche
Gelehrfamkeit des Verfaffers ift trotz der bezeichneten
Schranken feines Urtheils keineswegs gering
anzufchlagen. Auf nicht wenigen Punkten fchulde ich
dem Verfaffer Bereicherung des Wiffens, und zwar nicht
blofs in Bezug auf Gebiete, die feinem Dubliner Standpunkt
näher liegen und zugänglicher fein müffen, als mir
auf dem meinigen. Irrthümlich wird übrigens S. IOI f.
berichtet, dafs auf Möfinger's lateinifchen Ephram (Com-
mentar zum Diateffaron) durch Dr. E. Abbot 1880 erft-
malig aufmerkfam gemacht worden fei. ')

Strafsburg i. E. H. Holtzmann.

Burk, Üb.-Konfift.-R. u. Stiftspred. Dr. Carl, Geschichte
der christlichen Kirche bis zu ihrer Pflanzung auf deut-
fchem Boden. Stuttgart, Krabbe, 1885. (VIII, 337 S.8.)
M. 3. —; geb. M. 4. —
Wir wollen unferm Volk das Evangelium lieb und
verftändlich machen. Dazu ift die volksthümliche Einführung
in die Gefchichte der chriftlichen Kirche eines
der wichtigften Mittel. Wer die Vergangenheit der
Kirche kennt, fchätzt auch ihre gegenwärtigen Gaben
und Aufgaben richtiger. Er fcheidet ficherer Schein und
Wahrheit. Er überfieht deutlicher die Schäden und Gefahren
unferer Tage. Mit gröfserer Unbefangenheit freut
er fich an lebenskräftigen, neuen Geftaltungen. Als ein
Glied des grofsen Volkes Gottes auf Erden wahrt er
fich leichter den klaren, freien Blick und das freudige,
weite Herz im bunten Treiben des modernen Lebens.

Aber wie ift es mit unserm evangelifchen Volke
beftellt? — Mehr und mehr werden ihm die wichtigften
Gebiete menfehlichen Wiffens und Wirkens auch durch
Darftellungen ihrer Gefchichte vertraut; — die Kirche
ift hier, wie in manchen andern Punkten heutzutage,
weit zurück. Wir find über verfchiedenartige Anfätzc

i) Der Verf. hat diefen Irrthum in einer englifchen Zeitfchrift felbft
berichtigt. D. Red.