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Ausgabe:

1885

Spalte:

393-397

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schegg, Peter

Titel/Untertitel:

Das Hohe Lied Salomo‘s von der heiligen Liebe. Für einen größeren Leserkreis dramatisch bearbeitet und erklärt 1885

Rezensent:

Ryssel, Viktor

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack und D. E. Schürer, Proff. zu Giefsen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 17.

2 2. Auguft 1885.

10. Jahrgang.

Schegg, Das hohe Lied Salomo's (Ryfiel).

Salmon, A historical introduction to the study
of the books of the N. T. (Holtzmann).

Burk, Gefchichte der chriftlichen Kirche (Bornemann
).

Roth, Die Einführung der Reformation in

Nürnberg (Tfchackert).
Lindau, Lucas Kranach (Tfchackert).
Creighton, A history of the Papacy during

the period of the reformation (Benrath).
Samuel Gobat, Bifchof von Jerufalem (Baffer-

mann).

Hoelemann, Letzte Bibeltludien (Löber).

Partifch, Sylvefterglockenklang (SchlotTer).

Zum Pastor Hermae und zur Stöa/r], von Bornemann
.

Bemerkung von Lipfius.

Schegg, Geiftl.-R. Prof. Dr. Peter, Das Hohe Lied Salomo
's von der heiligen Liebe. Für einen gröfseren Lefer-
kreis dramatifch bearbeitet und erklärt. München,
Stahl, 1885. (VIII, 136 S. 8.) M. 2.70; geb. M. 3.20.
Diefe neuefte exegetifche Leiftung eines namhaften
katholifchen Gelehrten ift für die moderne katholifche
Exegefe nach zwei Seiten hin charakteriftifch: einerfeits
in der völligen Abhängigkeit von unferer protefiantifchen
Auslegung und andererfeits in der Unfreiheit der exege-
tifchen Methode.

Der Verfaffer fchliefst fich in der dramatifchen Auf-
faffung des Hohen Liedes, in der Vertheilung der Reden
an die einzelnen Perfonen und vor allem in der Einzeldernes
Empfinden, als die naive Anfchauung der alten
Zeit ins Auge faffen: er verweift nicht nur die Schilderung
der Reize der Sulamith in 7, 1—6 mit Delitzfch an
den Chor der Frauen, fondern auch die ähnlichen Schilderungen
Cap. 4, V. 1—5 und V. 7 und 6, 4—7, welche
Delitzfch dem Salomo in den Mund legt. Die wenigen
Veränderungen, die Schegg fonft noch in der Beftim-
mung der Perfonen vornimmt (1, 17 beide ftatt Sulamith
allein; 2,7 und 4, 16 Salomo ftatt Sulamith; 7, 7 Gefammt-
chor ftatt Salomo), find ganz ohne Bedeutung und werden
hier nur der Vollftändigkeit halber erwähnt. — Das
Gleiche gilt von den Abweichungen in der dramatifchen
Gliederung. Schegg unterfcheidet zwei Abtheilungen.
Die erfte, mit der Ueberfchrift ,Bis zur Verlobung', um-

auslegung aufs engfte an Delitzfch's Commentar zum ; fafst I, 2—4, 7; ihr 1. Act zerfällt in 4 Scenen ' von

Hohen Liede an. Dabei liegt feiner poetifchen Ueber-
fetzung durchweg die Profaüberfetzung Delitzfch's zu

denen die erfte von 1, 2—14, die zweite von 1, 15 bis
2, 7 (Delitzfch: 1, 2—8; 1, 9-2, 7) reicht, während

Grunde, wie er auch das von diefem zur Erläuterung ; die beiden letzten fich mit denen des 2. Actes Delitzfch's
herangezogene fachliche Material verwendet. Es ent- j decken; der 2. Act reicht von 3, 6 bis 4, 7 und umfafst
zieht fich dem Urtheile des Referenten, wie fich mit : zwei Scenen, von denen die erfte mit der I. Scene des

einem fo engen Anfchluffe an Delitzfch's Auslegung die
Auseinanderfetzung verträgt, welche Schegg in der Einleitung
über feine Auffindung der dramatifchen Auffaf-
fung des Hohen Liedes giebt: ,Eine fchwere Erkrankung,
von der ich fehr langfam genas, nöthigte mich, eine
umfaffende Arbeit, die feit ein paar Jahren meine ganze
Thätigkeit in Anfpruch nahm, bei Seite zu legen. . . Ich
nahm . . . das Hohe Lied zur Hand, ob fich ein Anhaltspunkt
zu einer Charakterifirung diefes, wie es fcheint,
proteusartigen Gedichtes finden laffe. Nach wiederholtem
Durchliefen, Ueberdenken und, wenn ich fo fagen
darf, Michverfenken in feinen Inhalt, kam ich zur Ueber-
zeugung, dafs ein folcher Punkt, ein folches archimedi

3. Actes Delitzfch's zufammenfällt, während deffen 2. Scene
von 4, 1—5, 1 fich erftreckt. Die zweite Abtheilung, mit der
Ueberfchrift ,Nach der Verlobung bis zur Vermählung',
umfafst 4, 8—8, 14; der erfte Act reicht von 4, 8—6, 3 und
umfafst 2 Scenen: 4, 8—5, i; 5, 2-6, 3. Der zweite
Act reicht von 6, 4—8, 14 und umfafst 4 Scenen: 6, 4—9;
6, 10 — 12; 7, 1—8, 4; 8, 5—14 (bei Delitzfch entfprechen
nur die 2 Scenen des 4. Actes: 5, 2—6, 3; 6, 4—9; der
5. und 6. Act haben andere Eintheilung: 6, 10—7, 6; 7,
7—8,4; 8, 5—7; 8, 8 — 14). Dafs durch diefe veränderte
Eintheilung Schegg's der Gedankengang des Hohen Liedes
fich nicht ändert, wurde fchon angedeutet.

In der Auffaffung des fprachlichen Ausdrucks ift

"V*6—&L T~'~:f w0 ich flehe" in der genauen Ausfchei- Schegg nur einige Male von Delitzfch abgewichen, in-
fches „Gieb mir, pcrf0nen und des Wechfels der I dem er fich für Auslegungen entfeheidet, welche Delitzfch
dung der redenaen ^ dafür am beften dne , wohl anfühjt( aber nicht biUigt (fo ^ g uber.

Scenen gegeben lei,.u _ ^ m—-„----• fchreite', vgl. Delitzfch S. 73; 6, 12 .ich dachte picht,

dafs meine Neigung mich zu meines edlen Stamms Streitwagen
mache' f. a. a. O. S. 105; 7, 10 nrVH ,der im Schlaf
noch fchlürfen macht die Lippen', f. S. 118). An den
wenigen Stellen, wo fich Schegg in feiner Auslegung von
Delitzfch emaneipirt, ift er meift nicht glücklich. Wenn
er 8, 9 überfetzt: ,ift eine Mauer fie, fo werden wir von
Silber eine Zinne um fie bauen', fo mifsverfteht er dem
Gliederparallelismus zu Liebe (wegen des Nachfatzes von
9b) den Sinn und Zufammenhang der Stelle; I, 15 bezweifelt
er mit Unrecht, dafs die Worte SVri"1 Ipr? den ^inn
haben: deine Augen find Taubenaugen; auch wird der
Plural ISFVfi 4, 13 nicht ,Nardenforten' bedeuten. Aber
abgefehen von folchen Einzelheiten ift Schegg der Ueber-
fetzung Delitzfch's überall treu gefolgt, und wenn man
einzelnen Wendungen, die aus irgend einem Grunde über-
rafchen, näher nachgeht, fo kann man ficher fein, fie

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dramatifchc Bearbeitung des Textes eigne'. — Oder
follte Schegg erft, nachdem er zu diefer Ueberzeugung
gelangt war, den Commentar von Delitzfch zur Hand
genommen haben? Aber in diefem Falle bliebe doch
wieder die höchft überrafchende Thatfache beftehen, dafs
Schegg von der Dramatifirung des Hohen Liedes bis
dahin nicht das Minderte vernommen hätte.

Auch die Ausführungen über den ethifchen Gehalt
des Hohen Liedes, über ,die wunderbare Harmonie bräutlicher
Liebe und ungetrübter Herzenslauterkeit, wodurch
es fich über alle verwandten Dichtungen des Alterthums
erhebt', werden ganz im Anfchlufs an Delitzfch gegeben.
Einzelne unvvefentliche Abweichungen von deffen Vertheilung
der einzelnen Reden auf die verfchiedenen Perfonen
des dramatifchen Apparates gehen zweifelsohne
auf die Tendenz zurück, die ethifche Haltung des Hohen
Liedes noch klarer ins Licht zu Hellen, indem Schegg
dabei von Vorausfetzungen ausgeht, die mehr unfer mo-