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Ausgabe:

1885

Spalte:

382-384

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Enders, Ernst Ludwig (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Dr. Martin Luther’s Sämmtliche Werke. 25. u. 26. Bd. Nach d. ältesten Ausgaben kritisch aufs Neue bearb. v. E. 2. Aufl 1885

Rezensent:

Brieger, Theodor

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kritifchen, auf der ganzen handfchriftlichen Ueberlieferung
bafirten Ausgabe von Bonnardot vorliegt, nachdem
fchon 1881 von Friedrich Apfelftedt derfelbe Text allerdings
nur nach der Hs. der Bibl. Mazarine veröffentlicht
worden war, läfst fich, obgleich aus verfchiedenen
Beftandtheilen zufammengefetzt, mit der altnormanni-
fchen Verfion vielleicht in Verbindung bringen. Bonnardot
, nachdem er in dem erften Bande des Psautier de
Metz einen zuverläffigen Text geliefert hat, der von hohem
Intereffe für den Dialektforfcher ift, verfpricht in
einem zweiten Bande, der fich unter der Preffe befindet,
eine Einleitung, kritifche Studie, Grammatik und Gloffar;
wir dürfen alfo weiterer Aufklärung über Urfprung und
Entftehung des Metzer Pfalmenbuchs entgegenfehen.
Auch Berger hat der Bcfprechung desfelben ein Capitel
feines werthvollen Buches gewidmet. Soviel aber feheint
ficher zu fein, dafs diefe Ueberfetzung aus dem 14. Jahrhundert
nicht zurückgeht auf eine unter den Waldenfern
verbreitete Uebertragung eines Theils der heil. Schrift.
An die Legende der Waldenferbibel glaubt Berger, nach
den Unterfuchungen von Reufs, nicht mehr; doch ifl
das Vorhandenfein einzelner Bücher der Bibel in volks-
thümlicher Uebertragung mehrfach bezeugt, und aus
zwei Bullen Innocenz' III. geht hervor, dafs fich gegen
Ende des 12. Jahrhunderts in Metz Conventikel gebildet
hatten, in denen man ,die Evangelien, die Epiftel Pauls,
den Pfalter, die Moralitäten über Hiob und mehrere
andere Bücher' in franzöfifcher Sprache las. Dafs diefe
.Gottesfreunde' Waldenfer waren, ift ficher, denn Alberich
von Trois-Pontaines bemerkt zu demfelben Jahre, in dem
die letzte der erwähnten Bullen erlaffen ift, zum J. 1199,
dafs die Secte der Waldenfer um diefe Zeit in Metz gewuchert
habe und dafs man quosdam libros de latino in
romanum versos verbrannt habe. Neuerdings ift nun ein
Evangeliar in lothringifcher Mundart des 13. Jahrhunderts
(Arfenalbibl. Nr. 283) aufgefunden worden, das Berger
einer Befprechung unterzieht und aus dem er ausführliche
Auszüge mittheilt. Die Handfchrift enthält die
Evangelien und Epifteln für die beiden Wochen vor Oftern
nebft einer Paraphrafe von Haimon. Diefes Evangeliar,
deffen Text und Commentar übrigens nach dem Urtheile
Berger's von vorwurfsfreier Orthodoxie find, ift die einzige
noch erhaltene oder bekannte volksthümliche Er-
bauungsfehrift, die mit annähernder Sicherheit für die
Waldenfer aus dem Zeitalter Innocenz' III. angefprochen
werden darf. Diefe wenigen Fragmente find vielleicht
das Einzige, was von den Verfuchen des Petrus Waldus
übergeblieben ift.

Eine vollfiändige franzöfifche Bibel entftcht in Frankreich
erft unter dem heil. Ludwig. Vielleicht hat die
Parifer Univerfität diefer Ueberfetzung nahe geftanden,
jedenfalls ward fie gefchrieben in den Arbeitsftuben von
Buchhändlern, die der Univerfität angehörten, nach einem
Texte, der im Schofse der Univerfität felbft verbeffert
und gereinigt worden war. Neben diefer Verfion aus
dem zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts hat keine
andere aufkommen können. Paris bildet den eigentlichen
Mittelpunkt für die Herftellung von Bibeln das ganze
Mittelalter hindurch, es entfteht hier auch für den Bilder-
fchmuck eine ganz beftimmte Ueberlieferung, fo dafs bei
abweichendem Texte verfchiedener Exemplare in den
Miniaturen vollkommene Uebereinftimmung ftattfindet.
Trotz der immer zunehmenden Vervielfältigung, Berger
behandelt die grofse Zahl von 189 Handfchriften, werden
aber diefe Ueberfetzungen kaum den breitern Schichten
des Volkes die Kenntnifs der hl. Schrift vermittelt
haben: denn es find koftbar ausgeflattete Werke, bc-
rtimmt für das königliche Haus und die Grofsen des
Randes; unter den Befitzern begegnet feiten ein ange-
icnener bürgerlicher Name; aber in zahlreichen vornehmen
familien rechnete man fich den Bcfitz einer franzö-
"icnen Bibel zur Ehre an und betrachtete fie auch wohl
als das Buch, in das man die wichtigften Familienereig-

nifse mit Vorliebe eintrug, fodafs manche der erhaltenen
Handfchriften den Eindruck einer Familienbibel machen.
Das erfte Mitglied des königlichen Haufes, das im Be-
fitz einer franzöfifchen Bibel erfcheint, ift Clemence von
Ungarn, die zweite Gemahlin Ludwig's X. Die Bibel des
13. Jahrhunderts hatte verfchiedene Mängel, fie war lang,
ungleichmäfsig, zu Anfang mit weitläufigem wcrthlofen
Commentar verfehen. Zu Ende des 13. Jahrhunderts
unternahm es ein Canonicus von Aire in Artois, Guyart
Desmoulius (geb. 1251) die Historia Sclwlastica des Petrus
Comeftor in franzöfifcher Bearbeitung herauszugeben
unter dem Titel: Bible historiale, die nicht blofs eine
Ueberfetzung von Comeftor's Historia ift, fondern häufig
eine Nebeneinanderftellung des biblifchen Textes und
des Textes'der Historia. In diefer Form hat die Bibel,
fpäter vervollftändigt durch die Parifer Verfion, grofsen
Erfolg gehabt. Denn feit Anfang des 14. Jahrhunderts
verbreitet fich diefe Bible historiale in erweiterter und
ausgedehnter oder auch in verkürzter Form in zahlreichen
Handfchriften über das ganze Gebiet Frankreichs,
und es giebt kaum ein Schlofs eines grofsen Haufes, wo
nicht eine diefer koftbaren Bibelhandfchriften vorhanden
ift. Die Kirche hat keinen Einfpruch gegen diefe Bibeln
erhoben, denn fie waren ja Gegenftand des Luxus. Die
Könige und Königinnen von Frankreich, die Prinzen und
Prinzeffinnen von Geblüt nahmen perfönlich Antheil an
der Bibelüberfetzung. Die Bibel des Königs Johann kam
nach der Schlacht von Poitiers mit nach England. Karl V.
beftellte fich eine neue Ueberfetzung bei Raoul de Presles,
aber auch diefe geht auf die Uebertragung des 13. Jahrhunderts
zurück. Aber erft im 16. Jahrhundert wurde
die franzöfifche Bibel, die bisher in den Händen der
Grofsen gewefen, dem Volke zugänglich gemacht. Unter
Karl VIII. hatte Jean de Rcly auf Befehl feines Königs
die Bible historiale drucken laffen (nach 1496). Diefer
Druck bildet nacli Berger das verbindende Glied zwi-
fchen der Bibel des Mittelalters und der Bibel der Neuzeit
. Le Fevre d'Etaple, deffen berühmte Bibel (1523 —
1530) die Grundlage geworden ift für alle fpätern Ueberfetzungen
, bezieht fich ausdrücklich auf feinen Vorgänger
Jehan Rcly, er hat deffen Werk vervollftändigt, nach dem
lateinifchen Text verbeffert und zum Theil vollftändig
erneuert, aber die Abhängigkeit diefer erften modernen
Schriftübertragung, die unter dem Wahrfpruch: ,voici
maintenant le tanps acceptable, voici viaintenant /es jonrs
de salnt1 dem Volke dargeboten wurde, ihre Abhängigkeit
von der letzten mittelalterlichen Bibel ift auch von
dem Verfaffer der trefflichen Schrift nachgewiefen worden
. Den Schlufs des Buches bildet ein Verzeichnifs
und eine eingehende Befchreibung aller dem Verf. bekannt
gewordenen Bibelhandfchriften der franzöfifchen
und ausländifchen Bibliotheken.

Giefsen. Ad. Birch-Hirfchfeld.

Luther's, Dr. Martin, sämmtliche Werke. 25. und 26. Bd.

[Reformations-hiftorifche deutfehe Schriften, 2. und
3. Bd.] Nach den älteften Ausgaben kritifch aufs
Neue bearb. von Pfr. Ernft Ludw. Enders. 2. Aufl.
Frankfurt aM., Schriftenniedcrlage des Evangel. Vereins
, 1883 u. 85. (VII, 448 u. VII, 426 S. 8.) a M. 3.—

Von diefen beiden Bänden gilt, was fchon von dem
1. in Bezug auf das Verhältnifs diefer zweiten Auflage
zur erften in diefer Zeitfchrift (1883, Sp. 341 f.) gefagt
ift. Vor allem macht fich ein bei weitem reicherer bi-
bliographifcher Apparat bemerklich; desgleichen das ernft-
liche Bemühen, auch wirklich die authentifchen Drucke
zur Grundlage des Neudruckes zu machen; endlich die
forgfältige Revifion der knappen Einleitungen, bei der
fich überall die Vertrautheit des Herausgebers mit der
neueften Literatur zeigt. Eine erfreuliche Bereicherung;