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Ausgabe:

1885 Nr. 15

Spalte:

361-363

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Der geschichtliche Christus und seine Idealität. Alter Wein in neuem Schlauche, dargeboten allen gebildeten Freunden der Religion von einem Veteranen 1885

Rezensent:

Hartung, Bruno

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Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 15.

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indem er an Gemeindewahlen Antheil nehme, Gefahr laufe, thefe wird (ich Aeufserungen aneignen wollen, wie S. 47:
in Parteiungen verwickelt zu werden) fällt die gefammte ,Man kann wohl fagen, dafs man fchon in den erften
Betrachtung der Gemeinde ins Gewicht, welche der in zwanzig Verfen gegen diefen Schriftfteller eine rechte
der K.-G.-S.-ü. gegebenen Organifation zu Grunde liegt. Antipathie bekommt. So unklar, fo bisweilen nachläffig,
Treffend hat fich der O.-K.-R. in einem Erlafs vom j manchmal unheimlich und apokryphifch iff feine Dar-
14. März 1877 (S. 7 unferer Schrift) darüber folgender- | Heilung' oder S. 49: .Kommt man zu dem ganz origi-
mafsen ausgefprochen, und der Verf. ftimmt ihm (S. 19) J nalen Zufatz ,er war bei den Thieren" (vielleicht den
bei: ,Wie die Kirchengemeinde begriffsmäfsig dadurch ' Thieren Jef. II, 2 [?:]), fo kann man fich nur verftimmt
zu Stand komme, dafs ein Pfarramt und Gemeindeglieder i von einem folchen Autor abwenden, und, wenn's nicht
vorhanden und beide rechtlich mit einander vereinigt I beffer kommt, fragen: wer hat denn dem die Aufnahme
feien, fo habe die Kirchengemeindc-Ordnung die Ver- in den Kanon yerfchafft?' Ich gebe zu, wenn folche und
tretung der Kirchengemeinde folgerichtig in der Weife ähnliche, m. E. übrigens fehr inhaltreiche Zufätze erft
gebildet, dafs die beiden Bildungsfactoren der Gemeinde ; hinterdrein gemacht find, fo verrathen fie ein mehr als
in ihr zur Erfcheinung kämen und nicht einander ent- i taciteifches Raffinement, da ein folches aber zu den

übrigen Eindrücken des EVangeliums nicht pafst, fo er-
weifen gerade fie fich als die lapidaren Ueberrefte un-
mittelbarfter Ueberlieferung. — Ich ftimme dem bei, was
über die grundlegende Bedeutung der Bergpredigt für
das Verftändnifs Jefu gefagt wird — allein mit welchem
Recht wird cap. 7 derfelben einfach geftrichen Und
gerade die Beigpredigt eröffnet eine ganz andere dog-
matifche Perfpective, als folche annehmen, welche das
Chriftenthum der Bergpredigt dem Chriftenthum des
Paulus entgegenfetzen. Auch für den Verf. ift das
Lebensbild, wie die Lehre Jefu nur infoweit gefchicht-
lich, als es mit den beiden Capiteln Matth. 5 und 6

gegengefetzt, fondern zu gemeinfehaftlicher Wirkfamkeit
verbunden würden. Dabei würden der oder die Träger
des Pfarramts durch das Amt von felbft bezeichnet; der
zweite Beftandtheil gehe aus der Wahl der Gemeindeglieder
hervor: daher ergebe fich, dafs die K.-G.-O.,
wenn fie die berechtigten Gemeindeglieder zu diefer Wahl
berufe, darunter den Träger des geiftlichcn Amtes nicht
mit befafst haben könne.' Durch den Ausfchlufs des
Pfarrers vom activen Gemeindewahlrecht wird das geift-
liche Amt weder in unevangelifcher, an den katholifchen
Begriff vom Klerus ftreifender Weife als abgefonderter
Stand über die Gemeinde erhoben, wie man von der

einen Seite gemeint hat, noch, wie man von der andern ; ftimmt, nach Abzug alles Wunderbaren und vieler juda-
befürchtet, herabgefetzt und in feinem Anfehen gefchä- ! iftifcher, meffianifcher Gedanken fonft. Von dem Meffias-
digt, fondern nur in die natürliche Stellung innerhalb der- gedanken gilt, ,dafs die drei erften Evangelien es rein un-
felben gerückt, welche ihm nach dem organifchen Begriff möglich machen, das Leben der fogenannten Meffiasidee
der Gemeinde zukommt. Der paftorale Eifer, welcher und Erwartung im Volke zur Zeit Jefu gelten zu laffen
die Frage der Wahlberechtigung bei Gemeindewahlen , (doch vgl. Luc. 3, 15), ebenfo wie das vierte es unmög-
faft zu einer grofsen Principienfrage erhoben hat, erfcheint lieh macht, ein Bekenntnifsjefu zu derfelben zuzugeftehen'
ubel angebracht. ■ (weift denn Jefus das Bekenntnifs Joh. 6, 68. 69 zurück?) —

Dirrnftadt K Köhler. So wird denn alles Dogmatifche, insbefondere der Melfia-
' _._ nismus, die Auterftehung, die Taufe, die Wiederkunft unter

,. .... 1 ftL . , ,„„ AU • I dem gemeinfamen Titel ,die Ausgänge der Gefchichte

Der geschichtliche Christus und seine Idealitat. Alter Wein Jefu' abgethan. Die Auferstehung Jefu ift nichts, als
in neuem Schlauche, dargeboten allen gebildeten ,die Projection des concentrirten Charakterbildes Jefu auf
Freunden der Religion von einem Veteranen. Königs- die Sinnesnerven'. Doch ift es ein Irrthum, wenn gefagt
berg, Hartung'fche Buchdr., 1884. (XVI, 307 S. gr. 8.) ' w.ird> es bätten b-reits *u Corinth viele an Jefum ge-
M _ g v ° ' s ; , glaubt, ohne an feine Auferftehung zu glauben. Was

M> 3- | jene Christen leugneten, war vielmehr die Auferstehung

Es ift wirklich nicht leicht, ein Buch, wie das vor- der Todten, und wenn Paulus argumentirt: wenn die
liegende, öffentlich zu beurtheilen. Der Verf. legt, wie ; Todten nicht auferftehen, fo ift auch Chriftus nicht auf-
befonders aus der Vorrede und den Beilagen hervor- erftanden, fo erfcheint Chrifti Auferftehung vielmehr als ein
geht, auf die Recenfionen feiner Schriften befonderen allgemein Zugestandenes. ,Der erft nach der Auferftehung
Werth. Und man möchte dem .Veteranen' nicht wehe ertheilte Auftrag der Taufe' bedeutet — confequenter
thun, der die Gefchichte der Kritik vielleicht nahezu in Weife — den Mangel eines folchen für den Verf. (S 254)
dem' lezten Halbjahrhundert durchlebt hat und bei ,Die älteste Taufe kann auch nicht auf Jefum Christum
grofser Beherrfchung des Stoffes der evangelifchen Ge- oder in feinem Namen gefchehen fein, fonft wäre der
fehichtsfehreibung ein warmes Herz für die Perfon Christi Verdacht unmöglich, dafs Paulus jemanden könnte auf
und das Chriftenthum an den Tag legt. Allein der ,alte feinen Namen getauft haben'. Aber dafs die Taufe in
Wein' enthält foviel abfonderheh neues und die .neuen 1 dem Namen Jefu vollzogen wurde, wird — abgefehen von
Schläuche' find zum Theil fo veraltet, zudem iflt der anderen Stellen — durch 1. Cor. 1,15 nicht unmöglich ge-
Ton, in welchem moderne und bibhfche Schriftfteller macht, durch 1, 13 gefordert. Nach des Verf.'s Anficht
abgehandelt werden, ein fo eigenthümhcher, dafs man ift fie erft in der Gemeinde im Anfchlufs an die Johannis-
nicht weifs wo mit der Kritik anfangen oder aufhören. | taufe entftanden. Der Wiederkunftsgedanke ift erft
Verf betont allen pantheiftifchen Abirrungen gegen- { durch Daniel 7, den Menfchenfohn, ,den danielifchen
über feinen Glauben an den perfönlichen Gott, aber
unverftändlich find dabei Aeufserungen, wie Seite 5: Der

Wolkenmann' entftanden. Er findet fich zuerft ,in der
unheimlichen Inftructionsrede Matth. 10 aus verärgerten
Begriff der Allgegenwart palst für den Gott der Bibel j judenchriftlichen Kreifen', ,in der ftark judenchriftlichen

abfolut nicht. — Die Schulmeifter mögen darauf ein
gehen, wenn fie die Aufgabe bekommen, das Grufeln
zu lehren'. Verf. will, um die Idealität des gefchicht-
hchen Chriftus zu erweifen, fein Bild aus Jefu Stellung
zu feinem Volk und zu feiner Zeit nach den Quellen
darftcllen, allein die Gefchichtlichkeit der Quellen er-
■cheint doch als eine recht befchränkte, trotz manches
anerkennenden Urtheils ,über die Maffenarbeit, die unfern

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Offenbarung'; Paulus, ,der thatendurftige Mann', hat auch
hierin ,wohl die mitgefchleppten Schuldogmen modificirt,
aber zur festen Geftalt nicht ausgebildet', fo dafs .nicht
alles ganz klappt'. Als nun nach der Zerstörung Jerufa-
lems die Wiederkunftshoffnung ihren Niedergang begonnen
, fuchte man ,in dem Werthgefühl deffen, was
man befafs und nicht aufgeben konnte, fchon im Leben
des erhabenen Menfchenfohnes die Spuren der Hoheit,

Evangelien zu Grunde liegt und die refignirte und nach- die fich durch die Auferftehung offenbart hatte'. So ent
denkende Arbeit unferer Sammler'. Am wenigften halt J itand die .Chnftusfage', die Spiegelung ,der Chriftusidee,
er von Markus. Allein welcher Gegner der Markushypo- die in den falomonilchen Pfalmen ihren erften Ausdruck