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Ausgabe:

1885 Nr. 15

Spalte:

354-358

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ritschl, Albrecht

Titel/Untertitel:

Geschichte des Pietismus. 2. Bd. Der Pietismus in der lutherischen Kirche des 17. und 18. Jahrhunderts. 1. Abth 1885

Rezensent:

Weizsäcker, Carl

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Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 15.

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an dem gefammten vorlutherifchen deutfchen Bibelwerke I im Wort der Kirche, als dem Träger des heiligen Geifte
hat Mainz, der erfte und glänzendfte Sitz der deutfchen i fich uns wirkfam darbietet, fo dafs er felbft den Heils-
Buchdruck'erkunft, keinen Antheil genommen —; in keiner j glauben erzeugt, deffen einheitlicher Gegenftand er ift.
einzigen bifchöflichen und fürftlichen Stadt Deutfchlands, ■ Insbefondere fällt auch der I. Artikel aus diefem Ein-
und viele derfelben befafsen zu Ende des 15. Jahrhunderts heitsrahmen des chriftlichen Glaubens nicht heraus, als
bedeutende Druckerfirmen, find in der vorlutherifchen Zeit ob ihn Luther etwa der natürlichen Religion oder dem
deufche Bibeln, deren Abfatz offenbar ein ganz enormer vorchriftlichen Heilsglauben zurechne, vielmehr weifs
war, gedruckt worden; ihre Veröffentlichung ift allein auf Luther von keiner Offenbarung Gottes als des Vaters
die 3 mächtigften Reichsftädtc Süddeutfchlands, Augsburg, aufser in Chrifto, und auch der L Artikel fpricht ihm
Nürnberg und Strafsburg befchränkt geblieben). Somit das Verhältnifs zu Gott aus, welches wir als folche
ergiebt fich, dafs das deutfehe Volk feine erfte gedruckte haben, die durch Chriftum Gottes Kinder geworden
deutfehe Bibel und damit einen der erften und mächtigften | find. Was die Schrift von der Freiheit eines Chriftens
Impulfe zu einer freieren Regung der Geifter den bibel- menfehen lehrt, dafs die gläubige Seele durch ihre Vergläubigen
Ketzern, den Waldenfern, zu danken hat, und ; bindung mit Chriftus an feiner göttlichen Königswürde
dafs aus diefen Kreifen das Bedürfnifs nach einer deut- Theil nimmt, fo dafs der Chriftenmenfch ein freier Herr
fchen Bibel auch in dieKreife der katholifchen Kirche ge- j wird über alle Dinge in jeder Lebenslage, von der freu-
drungen ift, dem aber die Hierarchie höchft wahrfcheinlich digen Gewifsheit erfüllt, dafs niemand wider uns fein
nirgendwo entgegengekommen ift. Haupt hatdenBeweis kann, wenn Gott für uns ift, dafs denen, die Gott lieben,
für^diefe Thefcn durch exaete Vergleichung der Details fo alle Dinge zum Beften dienen müffen, das hat Luther
ficher und fo umfaffend, zugleich aber ohne jede Voreinge- ; auch mit feiner Auslegung des I. Artikels fagen wollen,
nommenheit für die Waldenfer, in dem kritifchen Geifte wofür die kurze Form, die deutfehe Meffe und die bei-
Herzog's — z. Th. auf Grund eines Materials, welches den Katechismen als Zeugen aufgerufen werden. Mit der
Herzog gefammelt hat — geführt, dafs fich an den Er- Einheit der drei Artikel ift aber zugleich die Zurückfüh-
gebnifsen nicht rütteln läfst, wenn diefelben auch in vieler 1 rung aller ihrer Glaubenswahrheiten auf die Perfon Chrilti
Hinficht noch der Ausführung bedürfen. Was wird nun gegeben. Von derfelben Vorausfetzung des chriftlichen
die katholifche Gefchichtsfchreibung fagen, die, bekannt- Glaubens wird nun auch die Auslegung des Dekalogs
lieh der deutfchen Bibel abhold, doch vor der gebildeten beherrfcht, fo dafs es nicht in Luthcr's Sinn ift, ihn in
Welt den Ruhm der deutfchen Bibelüberfctzung für fich 1 der Hauptfache als Mittel zur Erweckung der Sünden-
in Anfpruch zu nehmen liebt und in gewiffen Ausfüh- erkenntnifs beim Unterricht zu verwerthen, wie denn
rungen kein Bedenken trägt, die mütterliche Sorgfalt I auch der Gebrauch des Vaterunfers den Chriftenglauben
der Kirche des 15. Jahrh. in der Verbreitung der Bibel i bereits vorausfetzt. — Hiernach ift es nicht Luther's Ab-
in der Landesfprache hervorzuheben? 1 ficht gewefen, in den 3 erften Hauptftücken drei aufein-

r , A Harnack anderfolgende Stadien des Heilweges zu zeichnen, den

' in diefer Reihenfolge die Kinder geführt werden follen,

von Sündenerkenntnifs zur theoretifchen Glaubenser-
Gottschick, Prof. Dr.Johs., Luther als Katechet. Vortrag, kenntnifs und dann zum Gebet um Glauben und Erfül-
gehalten in der oberheffifchen Paftoralconferenz am fefi der Gebote Die Zusammengehörigkeit der 3 Haupt-
. 00 n r d- 1 .Co, /in „ c o, ftucke, die Luther vorfchwebt, ift überhaupt nicht die
14. Aug. 1883. Giefsen, Ricker, 1883. (III, 42 S. 8.) , der nothwendigen Succeffion, fondern die ftetiger con-
M. —.60. ftitutiver Factoren des chriftlichen Lebens. Sie ftellen

Der Strom der Lutherbegeifterung aus dem Jubi- denfelben Inhalt des chriftlichen Glaubenslebens dar,
läumsjahre hat fich freilich verlaufen, aber einige kräftige ; das eine Mal als Aufgabe, das andere Mal als Bekennt-
Rinnfale und befruchtende Bächlein find geblieben. Zu nifs der Glaubensgewifsheit, das dritte Mal als Object
ihnen dürfte auch obiger Vortrag zu rechnen fein, in des fchuldigen Verlangens.

dem uns Luther von einer Seite gezeigt wird, deren Diefe Skizzirung einiger Grundgedanken des VorWürdigung
für die Geftaltung unferes gegenwärtigen trags. wird zur Genüge zeigen, wie geeignet derfelbe ift,
Katechismusunterrichts von grofser Bedeutung ift. an eine gründliche Revifion der gebräuchlichen Verwen-

In fteter Berückfichtigung refp. Bekämpfung der dung des Katechismus im Geifte Luther's, im Geifte des
bahnbrechenden Arbeit von Zezfchwitz wirft der Verf. i reformatonfehen Glaubens zu mahnen,
zunächft einen kurzen Blick auf die Genefis des Luther- ! Salbke bei Magdeburg. M Beffer

fchen Katechismus und fein Verhältnifs zu den römifchen ! ___

Beichtbüchern oder Seelenfpiegeln, berührt auch die

Eintheilung desfelben durch Luther in die zwei Haupt- Ritsehl, Albr., Geschichte des Pietismus. II Bd Der Pie-
gruppen der erften drei und der letzten zwei refp. drei tismus in der iutherifchen Kirche des d g . h

Hauptftücke entfprechend den beiden Merkmalen des hunderts. , Abth B M ' _J'T

evangelifchen Kirchenbegriffs, der doctrma evangeln und 1 • Donn> Marcus, 1004. (Vitt, 590 S.

administratio sacramentorum, um dann fofort die Inhalt- S • °d 1Vi- 9-5°-

liehe Auffaffung darzulegen, nach der Luther thatfachheh Dem erften in diefer Zeitfchrift 1880 Nr. 13 ange-

und abfichtlich die ererbten Beftandthcile des Katechis- zeigten Bande ift hiermit der zweite, beinahe ganz gleich
mus ausgelegt hat. Es folgt der Nachweis, dafs für , ftarke gefolgt. Nach dem urfprünglichen Plan behandelt
Luther das Centrum der erften Hälfte des Kat der 1 derfelbe nunmehr den Pietismus in der Iutherifchen
Glaube ift, und zwar der Glaube als Vertrauen auf die Kirche, wie jener in der reformirten. Als erfte Abthei-
Heil fpendende göttliche Gnade, alfo weder ein wiffen- lung ift derfelbe bezeichnet, weil zwei Gruppen diefes
fchaftlicher noch ein hiftorifcher Glaube. Glaube und Pietismus, die Württembergifche und die Zinzendorfifche
Gottheit find Correlatbegriffe: ,ein Gott heifst das dazu einem folgenden Bande vorbehalten find. Auch das
man fich verfehen foll alles Guten'. Diefer Glaubens- übrige ift nicht fo weit herunter in der Zeit verfolgt, wie
begriff bildet den Anfang und das Fundament des im erften Band. Denn die Gefchichte des Iutherifchen
t Hauptftücks; er führt Luther dazu, die kathohlche 1 letismus fchlicfst hier mit Semler, während die des
Eintheilung des apoftolifchen Symbols in 12 Artikel zu , reformirten bis auf Gottfried Daniel Krummacher und
befeitigen und zu der urfprünglichen Dreiheit der laut- Kohlbrügge gefuhrt ift. Der vorliegende Band enthält
formel zurückzukehren, welche Dreiheit wiederum zur nun das vierte, fünfte und fechste Buch der Gefammt-
Einheit verbunden ift durch den einen Glauben an den darftellung. Im vierten die Myftik in der Iutherifchen
Gnadenwülcn Gottes, der in Chriftus erfchienen ift und Kirche des 17. Jahrhunderts. Im fünften die Grund-

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