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Ausgabe:

1885 Nr. 15

Spalte:

348-349

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vogel, Aug.

Titel/Untertitel:

Nach Kanaan. Tagebuch einer Reise durch Aegypten, Palästina und Griechenland. Mit 4 Plänen 1885

Rezensent:

Guthe, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 15.

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heit gekannt haben. Der Herr Verf. ift der Anficht, dafs
,die religiöfe Entwickelung derfelben zu jener Zeit noch
nicht zu dem Begriff des Göttlichen, felbft nicht im
Homerifchen Sinne, vorgedrungen war, fondern fich noch
mehr oder weniger innerhalb des Stadiums einer einfachen
«Naturanfchauung» bewegte und die mythifchen
Elemente felbft noch in gewiffem Sinne flüffig waren'; i
daneben mache fich allerdings ,fchon ein gewiffer homogener
Hintergrund in betreff einer allgemeinen, mythifch-
religiöfen Weltanfchauung bemerkbar, der als eine
gemeinfame Entwickelungsphafe in diefer Hinficht anzufeilen
fei' (p. V f.). Mir fcheint, dafs der Herr Verf.
hier zu weit geht. Der altindifche Dyäus pitar, welcher |
dem griechifchen Zsvg 7razrjg, dem römifchen Jupiter ent- ;
fpricht und ohne Zweifel bereits der Zeit angehört, da
die Indogermanen noch ein Volk bildeten, zeigt allein
durch fein Epitheton ,pitar' f== Vater), dafs die vergött-
lichende Perfonificirung des ftrahlenden Himmels {dyäus)
damals bereits recht weit vorgefchritten war, wenngleich j
die alte Bedeutung ,Himmel, Tag' noch hindurchfchien;
auch der Gattungsbegriff ,deva' für ,Götter' ift zweifellos
urindogerm., und die eranifche Entwickelung des Wortes
(p. XVIII) eine fecundäre. Wie viele diefer göttlichen
Himmelskinder {devd) bereits in der Urzeit eine felbftän-
dige Exiftenz führten, ift eine fehr fchwierige Frage,
deren Verfolgung uns hier zu weit führen würde; bis zu
welchem Punkte die Perfonificirung der Devas und des
Vater Dyäus damals durchgeführt war, läfst fich fchwer
beftimmen: foviel ift aber gewifs, dafs, wenngleich unfre
Vorfahren zu jener Zeit ihren Göttern vielleicht noch
nicht immer menfchliche Geftalt gaben, fie in ihnen doch
Perfönlichkeiten verehrten; denn den Gott über alle
Götter, den lichten Himmel, der fich über Götter und
Menfchen wölbt, nannten fie den ,Vater', den ,nati]g
ävÖQiov ze Sbmv rt'. Unfere Kenntnifs der älteften indo-
germ. Religionsgefchichte wäre in der That wefentlich
geringer, und geringe Hoffnung bliebe uns für die Zukunft
, wenn dem anders wäre. Auch der Herr Verf.,
der mit vielem Scharffinn Mythen der Germanen, Griechen
und Römer verknüpft, und infonderheit den Gewittermythos
durch die Sagen diefer Völker hin zu verfolgen
fucht, bemerkt gelegentlich: ,Gerade derartige
Verfchiedenheiten und Unbestimmtheiten find der volks-
thümlichen Sage eigenthümlich, nur der einzelne Erzähler
oder Dichter ftrebt nach einheitlicher, möglichfl konfe-
quenter Geftaltung des Stoffes; das gilt hier wie überall'
(p. 25). Der Sagennoff fchwankt eben nebelartig hin
und her, fich zu wunderlichen Gebilden zufammenballend,
und fchwer ift er zu faffen. Wenn wir wirklich ,den bisherigen
Wahn aufgeben müfsten, als ob „Geftalt" mit
„Geftalt" fich decke'; wenn wirklich, nur die Elemente,
aus denen fie gebildet, in den verfchiedenen Mythologien
der Indogermanen analog, die Geftaltung im einzelnen
ein hiftorifcher Procefs wäre, der fich auf dem
Boden derjenigen Nationalität, welcher fie angehört, vollzogen
hat' (p. 227 f.); fo würden wir am Gedeihen der
indogerm. Religionsforfchung verzweifeln müffen. — Obwohl
ich, wie ich geftehe, nur ungern an einem Gebäude
rüttele, das mit foviel Phantafie und nicht geringem Scharffinn
aufgebaut ift, und an welchem fich der eine Stein
fo wohl zum andern fügt; fo vermag ich doch auch in
anderen Punkten den intereffanten Ausführungen des j
Hrn. Verf.'s gegenüber meine Zweifel nicht zu unter- I
drücken. Im Mittelpunkte des Werkes, welches uns hier
befchäftigt, fleht das Gewitter: aufdiefes und was drum
und dran hängt werden faft alle mythifchen Vorftellun-
gen zurückgeführt. Dem gegenüber regt fich im Lefer
nicht ganz feiten die Frage: mufs denn wirklich dies
alles mit dem Gewitter zufammenhängen ? follte wirklich
unter den fo unendlich mannigfachen himmlifchen
Phänomenen das Gewitter in fo ungeheuerem Grade, man
könnte faft fagen ausfchliefslich die Vorftellungen unferer
Vorfahren von den überirdifchen Dingen beherrfcht

haben? Läfst fich, um nur ein Beifpiel anzuführen,
Odhin's Einäugigkeit nicht im Ganzen und Grofsen
leichter auf das eine mächtige Gluthauge des Himmels,
die Sonne, als auf das Blitz-Auge eines Gewitterwefens
deuten? Was nöthigt uns ferner, die natürliche Grundlage
eines folchen Auges immer am Himmel zu fuchen?
Kann das rothe Gluthauge phantaftifcher Nachtgeftalten
nicht urfprünglich ebenfowohl etwa auf nächtliche Feuer
zurückgehen, deren Entftehung man nicht kannte, und
die fpukhaft wie ein grofses Auge durch die Nacht
leuchteten? Wie viele Durcheinandermengungen können
hier fpäter eingetreten fein, als das Naturobject, welches
den Anftofs zu folchen oder ähnlichen Vorftellungen gegeben
hatte, dem Gedächtnifse entfchwunden war! Eben-
fowenig erfcheint es mir nothwendig, einen jeden fagen-
umraufchten Quell oder Baum auf den Himmelsquell
oder Himmelsbaum zu beziehen. Erquickt uns noch
heute der Schatten eines Baumes und der Trunk, den
der Quell bietet: welch ungemeine Bedeutung müffen
beide zu einer Zeit gehabt haben, da man es noch nicht
gelernt hatte, Brunnen zu graben oder Bäume zu pflanzen
und mit Sorgfalt zu pflegen! So gern unfere Phantafie
den kühnen Combinationen des Hrn. Verf.'s folgt,
der das eine fo fchön ans andere zu knüpfen weifs: der
kühlere Verftand wird mitten in der Pulle des Gebotenen
bisweilen Halt machen; und wenn wir (p. 79 A. 2)
lefen, dafs der Herr Verf. den Schwanz des göttlichen
Affen Hanumant nicht mit de Gubernatis auf die Sonnen-
ftrahlen, fondern auf die Schlangenblitze bezieht, fo fragen
wir uns unwillkürlich: follte nicht auch eine dritte
Möglichkeit denkbar fein?

Giefsen. P. v. Bradke.

Vogel, Paft. Aug., Nach Kanaan. Tagebuch einer Reife
durch Aegypten, Paläftina und Griechenland. Mit
4 Plänen. Gütersloh, Bertelsmann, 1885. (III, 200 S.
gr. 8.) M. 2. 80; geb. M. 3. 60.

Der Verf. fchildert in der Form eines Tagebuches
die Erlebnifse und Eindrücke einer mit 14 Gefährten
(unter ihnen PaftorNinck, Dr. Bornemann und Dr. Sieveking
aus Hamburg, Prof. H. L. Strack aus Berlin etc.) um
Oftern 1884 unternommenen Reife durch Unterägypten,
Syrien und Griechenland. Er berichtet knapp, nüchtern
und, foviel ich zu beurtheilen vermag, mit wenigen Ausnahmen
zuverläffig. Kurze erbauliche Sätze und Betrachtungen
erinnern häufig daran, dafs der Verf. in erftcr
Linie frommer Pilger ift. Hätte er daneben dem Be-
fchaulichen mehr Raum vergönnt, fo würden die Lefer
des Buches wohl häufiger frifchen, lebensvollen Bildern
begegnen und fich in höherem Grade an der Darftellung
ergötzen können. Manche Urtheile find auffallend. Die
tanzenden Derwifche haben es dem evangelifchen Paftor
angcthan: ,Auch kann man fich wohl eine Idee von ihrem
Thun machen, dafs es etwa urfprünglich bedeuten foll,
was wir Chriften ausdrücken würden mit der dritten
Bitte: „Dein Wille gefchehe wie im Himmel alfo auch
auf Erden". Wie am Himmel die Geftirne in ruhigen
Bahnen fich um ihr himmlifches Centrum bewegen, fo
follen auch die Menfchen thun, dem Willen Gottes vollkommen
ergeben, mit der einen Hand feine himmlifchen
Gaben annehmend, mit der anderen die Erde verachtend
und ihr weltliches Treiben' (S. 21)!! Dagegen ift das
Treiben der heulenden Derwifche ,ebenfo unverftänd-
lich als über alle Mafsen widerlich'. Die Verfchieden-
hcit der Form hat den Beobachter über die Identität
der Sache vollkommen hinweggetäufcht! Wer die erz-
bifchöfliche Kathedra in der Auferftehungskirche in Jeru-
falem mit dem Antichriftenthum in Verbindung bringt
(81 f.), der follte doch über die casa santa von Loreto
nicht das befchönigende Wort niederfchreiben: ,0 du
heilige Einfalt!' (104).—Der Verf. befpricht daneben mit