Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1885

Spalte:

333-335

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weckesser, Alb.

Titel/Untertitel:

Der empirische Pessimismus in seinem metaphysischen Zusammenhang im System von Eduard von Hartmann 1885

Rezensent:

Hartung, Bruno

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

333

334

foviel Kraft und Fleifs auf die tolle Idee verwandt ift, zu , Denn, ,wie der Bergfee die hundert Wafferadern, Bäche
Gunften der Wiedertäufer dem deutfchen Volke feinen und Wildwaffer, nach dem fie in feinen Abgründen ihre
Luther zu nehmen.1 j Trübung und ihren Schutt abgelagert haben, als kryftall-

■ ■ ■ tj v> TfA,APrt hellen Strom aus fich entläfst, fo klären fich die vielen

Königsberg .. Pr. i. 1 ichackert. Momente des peffimiftifchen Bevvufstfeins in Hartmann's

----- ! tiefen (!) Geift von den mannich(!)faltigen Trübungen

t. Pliimacher, O., Der Pessimismus in Vergangenheit und und culturfeindlichen (!) Schutte fubjectiver Vorftel-
Gegenwart. Gefchichtliches und Kritifches Heidelberg, j 1»»B« »• ^ ffl diefer modeme Peffimismus X der
Weifs' Verlag, 1884. (XII, 355 S. gr. 8.) AI. 7.20. Gegenwart nicht unangefochten." Von Seiten des natura-

2. Weckesser, Alb., Der empirische Pessimismus in feinem üpifchen Optimismus, des ethifchen Optimismus, des
metaphyfifchen Zufammenhang im Syftem von Eduard religiöfen Optimismus, des panlogiftifchen Optimismus
von Hartmann. Inaugural-Differtation. Bonn, Druck ' wird er bekämpft.' Diefe Reihenfolge zeigt, welche Stel-
n r ■ ,ce^ tmA <S rr,- s-, lung er feinen theologifchen Gegnern einräumt, nicht die

von C. Georg., 1885. (74 S. gr. 8.; bedeutendfte, allein doch eine recht bedeutende, wie

Jahr für Jahr einmal über die anwachfende Literatur denn in wenig Schriften von diefer Seite die religiöfen
in der Frage des Optimismus und Peffimismus berichten Einwendungen gegen Hartmann gleich anftändig ge-
zu müffen, ift eine recht ermüdende Arbeit, für Ref. die würdigt werden. Freilich ,wer Religion kurzweg mit
verhängnifsvolle Folge einer Jugendfünde, dafs er fich Chriftenthum identificiren will, wer geneigt ift, jeden als
nämlich auch einmal einer Veröffentlichung in Rede und irreligiös, ja als Atheiften zu bezeichnen, welchem es
Schrift über diefen Gegenftand fchuldig gemacht hat. nicht gelingt, die reale Weltbefchaffenheit mit dem
Das Material ift ja im wefentlichen abgefchloffen. Ob Begriff eines felbftbewufsten, allmächtigen, die Welt aus
man vor das Ganze ein Plus- oder Minuszeichen fetzt, rcjner Liebe erfchaffen habenden perfönlichen Gottes in
hängt zumeift von perfönlichen Gründen ab. Je mehr man Einklang zu bringen, der mufs allerdings in der Lehre
im Strom des fittlichen und geiftigen Lebens denkend > des Peffimismus eine grofse Gefahr für das religiöfe Leben
oder handelnd fleht, um fo mehr verliert man das In- erblicken; er mag mit einigem Rechte fagen: der Peffi-
tereffe für theoretifche Verhandlungen über jene Frage, mismus führe zum Atheismus'. Wir nehmen diefes Zusagen
doch die Peffimiften felbft, wie es am Schlufs geftändnifs dankbar an. Denn fo wenig wir das Dafein
des erftgenannten Buches heifst:,Dafs es dazu komme, der Religion vor und aufserhalb der chriftlichen Gottcs-
dafs wir leben lernen, „als ob es kein Leid gäbe", d. h. und Weltanfchauung leugnen, ja fo gewifs wir aner-
eben: wie ein im Drachenblut gehärteter Siegfried die kennen, dafs ein religiöfes Streben auch in der Hart-
Bahn der Pflicht wandern, ohne Rückficht aut die hm- mannTchen Bewegung nach Durchbruch rinot fo er-
dernden Dornen am Wege, das walte der das Kreuz fcheint uns, nachdem das Chriftenthum einmal' in die
des Seins tragende Gott!' Welt gekommen ift, zum minderten das Dafein einer

Gleichwohl wird man eben diefer Schrift von felbftbewufsten, allgütigen u. f w. Gottes dcrgeftalt als
O. Plümacher wegen der umfaffenden, klaren Behand- Merkmal eines richtigen Religionsbegriffes, dafs wir ein

lung des Stoffs und der Litteratur aus beiden Lagern,
der frifchen und anftändigen Schreibart und mehrfach
neuer Gefichtspunkte eine hervorragende Stelle anweifen
dürfen. Der erfte gefchichtliche Theil handelt von dem
Peffimismus im Alterthum, und es ift wahr, dafs
die peffimiftifchen Gedanken z. B. in der Philofophie

Syftem, welches dies auch als Glaubenspoftulat verwirft,
nothwendig als irreligiös bezeichnen müffen, ohne dafs
wir uns als Herzenskündiger über die Religiofität der
Träger diefes Syftems anfehen. Auch ftimmen wir dem
Verf. bei, dafs ,an der religiöfen Apathie' der Maffen
Hartmann keine Schuld trägt, denn dort wird er nicht

immer mehr an Bedeutung gewinnen. Dagegen ift der gelefen. In dem Zugeftändnifs jedoch, dafs gegenüber
peffimiftifche Zug im Judenthum auch trotz Hiob und dem noch nicht philofophifch geläuterten .Entrüftungs-
Kohelet und in diefen Büchern felbft durch die Energie , peffimismus' der Proletarier das Chriftenthum noch einen
des Gottesgedankens aufgehoben, ja im Anfchauen des Fortfchritt bilde, können wir nur die Erneuerung hegeewigen
Gottes erft wird da die Nichtigkeit des Irdifchen Hanifcher Doctrinen fehen, die das ungebildete Volk
recht bewufst. Auch im Chriftenthum fteht die Er- gern einer Religion überlaffen, welche für die Weifen nicht
kenntnifs der Sünde und Vergänglichkeit des Lebens inehr da ift. Vielmehr halte ich jenen Entrüftungspeffi-
dergeftalt in Wechfelwirkung mit der des Gottesreiches, rniSmUs' der Armen, und den feingekleideten mit der
dafs nicht nur die erftere nach letzterem Sehnfucht er- Weltbildung verföhnten der Hartmann'fchen Schule nur
weckt, fondern dafs auch gerade angefichts der Herr- für Früchte eines Samens, verfchieden nach dem Boden,
lichkeit des letzteren die Welt und ihre Luft ihre Schatten aus dern fie hervorgehen: Weltverachtung in Folge einer
zeigt. Dies gilt auch von der Askefe und Weltverach- falfchen Weltgebundenheit. Freilich fcheint jene in allen
tung der alten und mittelalterlichen Kirche. Wurde Farben des Weltintereffes prangende Gewandung der
Innocenz III. feine ausführlich vom Verf. behandelte jüngften peffimiftifchen Philofophie, welche ihr anfangs
Schrift de contemptu mundi verfafst haben, wenn er nicht f0 vjele Jünger verfchafft hat, auf die Dauer nicht vor-
anderfeits eines dominium mundi im eminenten Sinn fich zuhalten. — Wenigftens wird mir von buchhändlerifcher
bewufst gewefen wärer . _ Seite verfichert, dafs Hartmann's Schriften gar nicht

Merkwürdig wenig wird betont, dafs ja die Re- mehr recht gehen wollen, während der alte Schopen-
formation in ihrer Lehre von der Erbfunde von einer hauer nach wie vor feine Käufer findet
tief peffimiftifchen Anfchauung ausgegangen ift wie , Den ijnterfchied zwifchen Schopenhauer und Hart-
denn überhaupt der moderne Peffimismus vergelten zu mann nndet die zwejte der obengenannten Schriften
haben fcheint, dafs die Schuld der Uebel grolstes ift. ■ eine Bonner Inauguraldiffertation, darin, dafs bei jenem
In intereffanter Weife wird die Entwickelung der 1 ni 0- j der Peffimismus Folge feiner Metaphyfik ift, während
fophie von dem Skepticismus ,dem Peffimismus in der , bej Hartmann der Peffimismus das erfte ift' und von
Wiffenfchaft' bis zu Kant's radicalem Böfen, zu der Welt- djefem aus die Metaphyfik conftruirt, bez. corrigirt wird,
fchmerzpoefie in den Fauftdichtungen und bei Leopardi, Verf. beftreitet nun das Recht, die Glückfeligkeit zum
Heine, Byron, wo fich ein en ergifcher Individualismus Mafsftab der Werthfehätzung der Welt zu machen, aus
gegen das Leid des Lebens fträubt, bis auf Schopen- j dem praktifchen Grunde, weil durch eine ,Gefühlshauer
, den Vorläufer des grofsen Meifters, gefchildert. bilanz' nur eine ungefähre Durchfchnitts- und Wahr-

fcheinlichkeitsrechnung zu Stande komme, auf welche
*) Vgl. Th. Kolde in Brieger's Zeitfclir. f. Kgefch. VIF, S. 426 ff. 1 metaphyfifchc Confeciuenzen zu bauen von vornherein