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Ausgabe:

1885 Nr. 1

Spalte:

13-16

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rowel, M.

Titel/Untertitel:

Unter Christi Kreuz. Erzählungen 1885

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 1.

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alle in fchliefslich negativem Kefultat zufammenfaflen, ift
man gcfpannt auf das Pofitive, das der Verf. darbieten
wird. Eine Löfung des Problems der Auffindung eines
evang. Kirchenftils findet er angebahnt in dem vor etwa
20 Jahren vorgelegten, aber nicht angenommenen Entwurf
des -j- Prof. Gropius zum Bau der Thomaskirche in
Berlin. Er hatte die Aufgabe erkannt, ein evang. Gotteshaus
als Stätte der Verkündigung des göttlichen Wortes
herzuftellen, und diefem Zwecke Alles angepafst: die
Sitzreihen des Schiffes im Halbkreis um die Kanzel fich
zufammenfchliefsend, zwei Emporen für die männlichen
Kirchenbefucher, überlicht für das Schiff, hohes Seitenlicht
für das Chor, die nicht von Eenftern durchbrochene
Umfaffungsmauer unten von einem Arkadenbau, oben
von Nifchen mit Statuen umgeben; ein niedriger, viereckiger
Thurm und ein Einbau für die Sacriftei fchlofs
das Ganze ab. Die gewählte Stilart war die klaffifche.
Nach dem Urtheil des Verf.'s läfst fich vom theologifchen
wie vom technifchen Standpunkt aus über Manches dabei
rechten, befonders über die Wahl des klaffifchcn
Bauftils, aber im Ganzen feien hier die Mittel gefunden,
um dem Evangelium ein rechtes Haus zu bauen. Für
den Stil möchte der Verf. der deutfehen Renaiffance,
bei der nahen Beziehung, in welcher die Wiedererweckung
antiker Kunft und Wiffenfchaft zu dem Werke
der Reformation ftand, den Vorzug geben, befonders
in ihrem für die Akuftik vorzüglichen und auch für die
Ausfchmückung geeigneten Holzbau. ,In einer mit Holzarchitektur
würdig und gefchmackvoll ausgekleideten
Kirche wird es der evang. Gemeinde warm, wohl und
heimatlich werden. Sie wird die Hallen und Säulen der
gothifchen Dome nicht mehr vermiffen, denn fic wird
das Gefühl haben, in ihr Eigenthum gekommen zu fein.'
Dem Einwand fchliefslich, dafs man auf diefem Wege
wohl einen Hörfaal, aber keine Kirche bekomme, begegnet
der Verf. damit, dafs das, was dem Gebäude den kirchlichen
Charakter verleihen würde, der Chor fei, der fich
von dem Hauptraum fondert. Wir vermögen uns trotzdem
den kirchlichen Eindruck, den ein folches Gebäude
machen foll, nicht recht zu vergegenwärtigen, können
überhaupt dem pofitiven Theil des Schriftchens weniger
zuftimmen, als dem negativen. Ein unbeftreitbares Ver-
dienft des Verf.'s wird es jedenfalls bleiben, die Unange-
meffenheit der oft fo enthufiaftifch gepriefenen Stilartcn
für das evang. Gotteshaus nachgewiefen zu haben, und
wird diefer Nachweis beherzigt, fo ift vorerft fchon viel
gewonnen. Mehr fcheint auch der Verf. im Ganzen
nicht zu beablichtigen, wenn er gegen den Schlufs hin
ausfpricht: ,Wir find zwar ferne davon, den Meiftern
der Baukunft irgend eine bauliche Form als die allein
wahre anpreifen zu wollen. Aber die eine Bitte möchten
wir uns geftatten, dafs unfere evangelifchen Architekten
Verzicht leiden möchten auf das Bcftrcben, vor allen
Dingen nur folche Werke zu erzeugen, die den Kunftfinn
und die äfthetifchc Genialität des Meifters loben, und
dafs fie fich cntfchliefsen möchten, bei grofsen Problemen
einmal vorläufig jede Rücklicht auf Tradition und
Gewöhnung aus den Augen zu fetzen und einzig und
allein darnach zu trachten, wie fie der nach dem Hcils-
quell lebendigen Wortes dürftenden Gemeinde den
gröfseften Licbcsdienft erweifen möchten.' giat!
Oberrad. Enders.

1. Phelps, Ehf. Stuart, Im Jenseits. Aus dem Amerika-
nifchen. Leipzig, Lehmann, 1884. (140 S. 8.) geb.
M. 3. -

2. Weber, Pfr. Lic. L., A. Ebrard: Ein Totentanz und M.
Rowel: Briefe aus der Hölle. Zwei bedeutfame neuere
Dichtungen über die Zuftände des Jenfeits. Vortrag,
gehalten in M.-Gladbach und Elberfeld. Leipzig,
Lehmann, 1884. (31 S. 8.) gratis.

3. Rowel, AI., Unter Christi Kreuz. Erzählungen. Aus dem
Dänifchen von Ose. Nothnagel. Leipzig, Lehmann,
1884. (205 S. 8.) M. 3. —

1. infolge einer Gehirnentzündung fällt die Verfafferin
in einen Starrkrampf, welcher dreifsig Stunden anhält.
Während diefer Zeit ift fie ,aufser dem Leibe' und durchwandelt
die jenfeitigen Sphären, den Himmel der Seligen.
In fünfzehn Capiteln erzählt fie, was fie dort erlebt.
Wirklich erlebt; denn nicht Phantafiegebilde will fie
geben, fie beanfprucht den Glauben an die Wirklichkeit
des Gefchauten und Erfahrenen, obgleich fich jedes
Gemälde deutlich aus den Erinnerungen von ihrer Kindheit
an, und aus den Anregungen zufammenfetzt, welche
; die Bilder über dem Bett der Kranken, ein Crucifixus,
Leonardo's Chriftus und das Bild ihres verftorbenen
Vaters bewirken.

Die Verfafferin, eine vierzigjährige Jungfrau, Vor-
ftcherin einer Mädchenfchule, glaubt an ,die Wahrheiten
| der chriftlichen Religion', d. h. ,an Gott, an Unfterblich-
, keit und an die Gefchichte Jefu'; fie verwahrt fich —
kaum nöthig — gegen den Verdacht, pietiftifch oder
myftifch angelegt zu fein. In den erften lieben Capiteln
vergifst der Lefer die mangelhafte religiüfe Grundlage.
Die Einfachheit und Nüchternheit der Darftellung, die
echt menfehlichen und tiefen Empfindungen wirken ungemein
anziehend. Befonders lieblich find Cap. 6 und 7 ;
durch die Aufrichtigkeit der Selbllerkenntnifs, durch das
ungefchminkte, von dem Lichte der zukünftigen Welt
geborene Gefühl eigener Unwürdigkeit und Verkehrtheit
fcheint fie für die Offenbarung der Gnade im himm-
lifchen Leben der Seligen ganz disponirt zu fein; befonders
fchön eben durch die Einfalt und Wahrheit ift
im fiebenten Capitel ihre Begegnung mit dem Herrn,
den fie nicht erkennt und der fie doch befeligt. In diefen
Abfchnitten, aber auch fonft, ift ein Rcichthum an feinen
pfychologifchen Zeichnungen und Schilderungen bemerkenswerte
In der zweiten Hälfte des Buches kommt dagegen
der Grundfehler in feinen Confequenzen zum Vorfchein.
i Vom chriftlichen Glauben im evangelifchen Sinne
des Wortes ift kaum eine Spur. Ein chriftlich angehauchter
Cultus des Genius ift die Religion der Verfafferin
. Bis zur Abgötterei gefteigerterfcheint diefer Cultus im
11. Capitel, wo Beethoven, mit Anbetung empfangen,
ein felbftcomponirtes Oratorium dirigirt; ,Alle erwachen
zu einem Beethoven dankbaren himmlifchen Sinn'; ,Gott
hat uns erwählt, Beethoven unfterblich zu machen'. Auch
im 12. Capitel, wo der Apoftel Johannes predigt, ift
diefer Cultus wahrnehmbar: ,er enthüllt uns feine eigenfte
Perfönlichkeit, fo grofs und fchuldlos, wie die heiligen
Kräfte der Natur' (?!) u. dgl. m.

Dafs der religiöfe Grundfehler fich auch in den fitt-
lichen Anfchauungen fpiegeln werde, läfst fich erwarten.
Der fittliche Ernft fehlt ebenfo wie die fittliche Klarheit.
Auch die frivolften Menfchen kommen ohne Weiteres
in den Himmel, wenn fie nur .berühmte Schriftftcller'
und derartige Leute gewefen find. Aber auch ein
verkommenes junges Mädchen, dem die Verfafferin
cinft im Hofpital vergeblich Liebe erwiefen, findet fie
am Orte der Seligen, es bekennt ihr, es habe fic geliebt:
,da ich Euch liebte, liebte ich das Gute, und hier ift's
deutlich, dafs Gott das Gute ift'. Sonft ift nach der
Verfafferin das Natürliche das Gute und alle Schlechtigkeit
ift blofsc Unnatürlichkeit. Flach rationaliftifch ift es,
dafs ein Locomotivführer, der feine Pflicht gethan und
bei der Bewahrung von 400 Paffagieren umgekommen
ift, mit den höchften Ehren im Himmel empfangen wird,
dafs gleicher Ehre werth ift eine Frau, die ftill voll
Hingebung gewandelt, nichts, auch von Gott nichts,
gehofft, aber an eine unfichtbare Liebe geglaubt hat.
Naturwiffenfchaftliche Entdeckungen aller Art finden im
Jenfeits ihre Anwendung und volle Beftätigung, und in