Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1885

Spalte:

297-299

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jacobsen, Aug.

Titel/Untertitel:

Die Quellen der Apostelgeschichte 1885

Rezensent:

Krüger, Gustav

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

Theologische Literaturzeitung.

Herausceo-eben von D. Ad. Harnack und D. E. Schürer, Proff. zu Giefsen.

Erfcheint . , ,. fre"

alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 13. 27. Juni 1885. 10. Jahrgang.

Beck, Grundrifs des gemeinen deutfchen Kirchenrechts
(Köhler).
I! a u r, Das deutfche evangelifche Pfarrhaus (Rade).
Keffelring, Die Aufgabe der proteft. Kirche
und Theologie in Bezug auf die äufsere Mif-
Thaufing, Dürer (Rade). fion (Rade).

Jacobfen, Die Quellen der Apoftelgefchichte
(Krüger).

Ritfehl, Cyprian von Karthago und die Ver-
faffung der Kirche (Zöpfel).

Oehninger, Die Anfechtungen des Glaubens
(Baffermann).

Spurgeon, Illuftrationen und Meditationen (Baffermann
).

Bröcker, von, Predigten (Diegel).

Denkfchrift des 3. Ev. Schuikongreffes (Achelis).

Jacobsen. Aug., Die Quellen der Apostelgeschichte. Berlin,
Gaertner, 1885. (26 S. 4.) M. 1. —

Der durch feine Unterfuchungen über die fynop-
tifchen Evangelien bekannte Verfaffer ift in diefer Schrift
einer Frage näher getreten, die, wie oft man auch fchon
eine Löfung verfucht hat, noch immer ungelöft geblieben
ift. Jeder erneute Verfuch ift darum mit Freuden zu
begrüfsen: denn Einverftändnifs über die betreffs der
Apoftelgefchichte fchwebenden Quellcnfragen erzielen,
heifst zugleich zur Kenntnifs der Gefchichte des älteften
Chriftenthums einen wichtigen Beitrag liefern.

Um fo mehr ift es zu bedauern, dafs wir den Verfuch
, den Jacobfen angeftellt hat, nur als einen verfehlten
betrachten können. Seit den letzten Bearbeitungen
der Apoftelgefchichte durch Overbeck und Wendt
ift man fich über das Verhältnifs der fogenannten ,Wir-
ftücke' zum Ganzen des Buches ziemlich klar geworden.
Das Hauptintereffe concentrirt fich daher gegenwärtig

Zeit noch eine Reihe anderer Relationen über die in
Frage kommende Periode des Urchriftenthums exiftirten,
wird Niemand beftreiten. Stände die Frage wirklich fo
wie Jacobfen meint, fo könnten wir die Apoftelgefchichte
als Gefchichtsquelle füglich zu den Todten legen; denn
wir könnten Nichts aus ihr erfahren, was wir nicht aus
erfter Hand bei Paulus haben könnten.

So fteht es nun aber doch nicht. Es ift charakte-
riftifch, dafs Jacobfen gerade mit den Stellen, an denen
das Gefühl, dafs eine alte Quelle zu Grunde liegt, für
den aufmerkfamen Beobachter am lebhafteften ift, Nichts
anzufangen weifs. Die Notiz über die Chriftenverfolgung
(8, 1) foll der Verfaffer der Apoftelgefchichte einfach
auf Grund des Berichtes Pauli Gal. 1, 13 f. gebildet haben.
Jacobfen hat nicht gefehen, dafs die Notiz an der Stelle,
wo fie jetzt fteht, fich als unpaffend eingefügt erweift
und aus einem andern Zufammenhang geriffen ift, deffen
Spuren fich vielleicht fchon in 6, 1 ff., dann in 8, 4, vor
allem aber in 11, 19 ff. wiederfinden. Dafs der Vers 8,

auf die erften Capitel des Buches Auch Jacobfen hat , einmal in einem Zufammenhang ftand, der die Einlei-
in dem Theile feiner Schrift, welcher den .Wirftucken t zu IJ?) ff bildete, fcheint faft zweifellos. 11, iqff
gewidmet ift, nur wenig Neues v<m Tkto£ ^7.""!!" aber ift ein fehr altes Stück: jeder Vers deutet hier auf

ein hohes Alter. Es fteht aufser jedem Zufammenhang
mit der voraufgegangenen Erzählung über Petrus, die wie
alle petrinifchen Stücke als Gefchichtsquelle völlig werthlos
ift, und hebt fich von derfelben auf das Vortheil-
haftefte ab. Die aus Jerufalem vertriebenen Evangeliften
wenden fich mit ihrer Predigt zunächft nur an Juden, wie
es erwiefener Mafsen immer gefchehen ift; nur in dem
grofsen Antiochien auch an Hellenen. Die jerufalemifche
Gemeinde fendet ihnen auf die Nachricht von ihrem Erfolg
den Barnabas als Genoffen. Wohlgemerkt, die
;■/././.itn!a fendet ihn und nicht in irgend welchem aueto-
ritativen Auftrage. Wie fticht dagegen der Bericht in
act. 8, 14 f. ab. Dort hören die Apoftel, d. h. das Colle-
gium der 12, von dem Erfolge des Philippus in Samarien:
fie fenden den Petrus und Johannes, welche für die Neukönnen
: aber er hat auf der anderen Seite die Frage
nach den den erften Capiteln zu Grunde liegenden Quellen
nicht nur nicht gefördert, fondern fogar um ein Stück
Wegs zurückgeworfen.

Seine Thefe für die erften 12 Capitel lautet: ,der
Verfaffer der Apoftelgefchichte trägt hier hauptfächlich
mehr oder minder glückliche Kombinationen vornehmlich
im Anfchlufs an Notizen, die er in Pauli Briefen
gefunden hat, zuweilen auf Grund von Nachbildungen,
refp. Entlehnungen aus der evangelifchen Gefchichte
vor. Demzufolge ift der hiftorifche Werth diefer Aufzeichnungen
nur ein geringer.' Und auf pag. 15 heifst
es dann: ,in den Grundzügen weift die Kompofition des
erften Theiles der Apoftelgefchichte überall auf die pau-
linifchen Briefe, vornehmlich auf den Galaterbrief, hin.

Dort finden fich alle Hauptpunkte: die von den Ur- gewonnenen beten follen, damit fie den heiligen Gcift

apofteln geleitete Jerufalemer Gemeinde, die Säulen- empfangen. Denn bisher waren fie nur getauft auf den

apoftel Petrus und Johannes, die erfolgreiche Wirkfam- Namen des Herrn Jefus. Alfo das hohe Concilium der

keit Petri, Petri Vifitationsreife — Pauli Chriftenver- j Apoftel erfcheint hier als die oberfte Inftanz, der es allein

folgung, Pauli Bekehrung, die Gemeinden in ganz Judäa.' I möglich ift, die Ausgiefsung des heiligen Geiftes zu er-

Wollte der Verfaffer uns weiter Nichts mittheilen, als dafs wirken. Das entfpricht genau der unhiftorifchen Vorftel-

diefelben Thatfachen, die Paulus in feinen Briefen be- i lung des Verfaffers, welche auch dem Pfingftbericht zu

rührt, auch in der Apoftelgefchichte behandelt werden, Grunde liegt, dafs Taufe und Geiftesmittheilung getrennte

fo hätte er feine Abhandlung nicht zu fchreiben brauchen.
Dafs der Verfaffer der acta die paulinifchen Briefe kannte,
hat noch Niemand in Abrede geftellt: dafs er aber
fchriftftellerifch davon abhängig fei, dafür ift Jacobfen
den Beweis vollftändig fchuldig geblieben. Schon der
Umftand, dafs die Apoftelgefchichte im nachapoftolifchen
Zeitalter gefchrieben wurde — und das nimmt auch

Acte find, letztere ein äufserer und allein von dem
Apoftelcolleg vorzunehmender. Davon weifs Cap. ir, 19 ff.
Nichts. Ebenfo ift das Auftreten der Propheten in 11,
27 cf- J3> 1 ein ficheres Merkmal, dafs wir es hier mit
einer alten Quelle zu thun haben. Auf die Wahl der
fogenannten Diakonen in Cap. 6 ift Jacobfen gar nicht
eingegangen. Sollen wir etwa die in Vers 5 angegebe-

Jacobfen an — hätte ihn darauf aufmerkfam machen fol- nen Namen dem Verfaffer der acta auf Rechnung fetzen?
len, dafs feine Thefe falfch fei. Denn dafs um diefe und trägt nicht diefer ganze Abfchnitt, von der Rede

297 298