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Ausgabe:

1885

Spalte:

259-266

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Carriere, Mor.

Titel/Untertitel:

Die Kunst im Zusammenhange mit der Culturentwicklung und die Ideale der Menschheit. 3. verm. u. neu durchgearb. Aufl. 1 - 4. Bd 1885

Rezensent:

Baehring, Bernhard

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259

Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. u.

diefer Art wird man nicht fowohl mit der Forderung
felbftändiger Quellenforfchung oder neuer Gefichtspunkte,
als mit der mehr äfthetifchen einer überfichtlichen Zu-
fammenfaffung und einer eindrucksvollen Darftellung
des gegebenen Stoffes herantreten, und diefe Forderung
hat der Verf. in der Thatauchin anerkennenswerther Weife
zu erfüllen verftanden. Nach einer biographifchen Einleitung
, in welcher hauptfächlich die Entwickelung Zwing-
li's zum Reformator und die Anfänge feines Reformationswerkes
in Zürich ins Auge gefafst find, werden in je zwei
Abfchnitten feine Lehre vom Heil und von den Sacra-
menten und anderfeits fein kirchliches und fein politi-
tifches Wirken gefchildert und in einem Schlufsabfchnitt
endlich noch die Hauptzüge feines perfönlichen Charakterbildes
und feiner gefchichtlichen Verdienfte zufammen-
gefafst. Vollftändigkeit fei es in der Mittheilung des
biographifchen Stoffes oder in der Lehrdarfteilung ift
nicht angeftrebt und gerade die complicirteren Fragen,
denen wir uns auf beiden Gebieten, in dem Leben
wie in der Lehre Zwingli's, gegenübergeftellt fehen, werden
mehr geftreift als wirklich erörtert; auch läfst der apolo-
getifch erbauliche Ton, der die Darftellung beftimmt, eine
klare Zeichnung der gefchichtlichen Umriffe vielfach nicht
aufkommen. Aber es ift doch eine Apologie, welche der
beftimmten Eigenart von Zwingli's Perfönlichkeit und
Wirken nirgends aus dem Wege geht, und fowohl diefe
Treue gegen die gefchichtliche Individualität, wie auch die
reichhaltige und wohlgetroffene Auswahl der diefelbe beleuchtenden
Citate aus Zwingli felbft machen die Schrift
ganz geeignet, die Bedeutung feines Reformationswerkes
fowohl für feine Zeit, wie für die fpätere Zukunft der
evangelifchen Kirche nach den entfcheidenden Seiten hin
klarzulegen und das Verftändnifs derfelben auch in weiteren
Kreifen zu fördern. In der Auffaffung zeigt fich der
Verf. hauptfächlich von der bekannten Abhandlung Hun-
deshagen's in deffen Beiträgen zur Kirchenverfaffungslehre
und von der Biographie Mörikofer's abhängig, an welche
er fich auch da, wo die Anführungszeichen fehlen, oft bis
auf den Wortlaut und den Gedankengang hinaus anfchliefst.
(Vgl. z. B. S. 2 mit Hundesh. S. 128, S. 11 mit H. S. 143,
S. 21 m. H. S. 162, S. 110 m. H. S. 137, S. 22 m. Mörikofer
1, 46.) Zuverbeffern ift die zweimal vorkommende falfche
Jahreszahl 1521 ftatt 1522 (S. 29. 30 offenbar nach dem
Druckfehler bei Mörikofer 1. S. 97), fowie die vielleicht
gleichfalls durch eine falfche Jahreszahl bei Hundeshagen
veranlafste Behauptung, dafs Zwingli durch Wyttenbach
zum Studiren der Theologie angeregt worden fei (S. 9):
der letztere ift nicht wie H. angiebt, 1503, fondern erft
im November 1505 nach Bafel gekommen, und ich finde
in den überlieferten Nachrichten über fein Verhältnis zu
Zwingli keine Stelle, die uns eine Beeinfluffung nicht
nur auf deffen Denkweife, fondern auch auf feine Berufswahl
andeutete. Ebenfo ift das Citat S. 118 ungenau; die
dort angeführten Worte find nicht von Zwingli, fondern
von einem feiner Freunde gefprochen. Zu rügen find endlich
in formeller Hinficht die zahlreichen ftörenden Interpunktionsfehler
, durch welche in der fonderbarften Weife
oft die nächften Satzglieder auseinandergeriffen werden,
und in fachlicher die öftere Wiederholung der gleichen
paränetifchen Gedanken (z. B. S. 91. 120. 144), die vielleicht
in dem mündlichen Vortrage am Platze war, aber
in einer Schrift von fo knappem Umfange hätte vermieden
werden follen.

Bafel. R. Staehelin.

Carriere, Mor., Die Kunst im Zusammenhange mit der
Culturentwickelung und die Ideale der Menschheit. 3. verm.
u. neu durchgearb. Aufl. 1—4. Bd. Leipzig, Brockhaus,
1877-84. (XX, 656; XVI, 653; XIII, 317; XIII, 554
u. XII, 721 S. gr. 8.) M. 45. —
Wenn bei unferer raftlofen literarifchen Thätigkeit

fich ein Werk zwanzig Jahre lang auf der Höhe der allgemein
gefchätzten und gefuchten Bücher erhält, fo bedarf
es bei einer neuen Bearbeitung und Ausgabe eigentlich
keiner befonderen Empfehlung. Bei Carriere's
berühmtem ,Kunftbuch' wird eine Ausnahme von diefer
Regel infofern geftattet fein, als feine Bedeutung für die
theologifchen Leferkreife noch nicht hinreichend gewürdigt
zu fein fcheint. Gerade in der Gegenwart, wo das Bc-
dürfnifs nach fefter Grundlage für die Theologie wieder
fo mächtig erwacht ift, kann es nur von Segen fein, wenn
die Theologen den Blick auch auf die Offenbarung Gottes
in der allgemeinen Menfchengefchichte lenken und da
die ewigen Gefetze alles Werdens und aller Entwickelung
zu erkennen fuchen. Das Verftändnifs der Heiligen Schrift
wird dadurch nur gehoben werden und für die praktifche
Wirkfamkeit in der Kirche wird eine folche Erweiterung
des Gefichtskreifes auch von Nutzen fein.

Der Grundgedanke, den Profeffor Moritz Carriere in
München in feinem jetzt in dritter Bearbeitung erfchei-
nenden Hauptwerke durchgeführt hat, dafs nämlich die
Gefchichte der Künfte der ficherfte Wegweifer ift zum
Verftändnifs der Gefetzc aller menfchlichen Entwickelung
und der fittlichen Weltordnung, ift fo tief religiös und
darum auch fo wahrhaft chriftlich, dafs er einen chrift-
lichen Theologen nicht gleichgültig laffen follte. Kunft
und Religion ftehen in einem wesentlichen Zufammen-
hange. Jede neue epochemachende Kunftentwickelung
ift hervorgegangen aus religiöfen Motiven. Keine Religion
hat in der Kunftgefchichte eine fo tiefgehende und
fruchtbringende Reform erzeugt als das Chriftenthum.
Diefen Zufammenhang zur Evidenz zu bringen und dadurch
fördernd auf die Fortbildung der Künfte und
belebend und erleuchtend auf den religiöfen Sinn zu
wirken, kann man als Carriere's Lebensaufgabe betrachten.
Schon in feinen erften philofophifchen Schriften: ,Vom
Geift. Schwert und Handfchlag für Franz Baader', und
,Die Religion in ihrem Begriff und ihrer weltgefchicht-
lichen Entwickelung und Vollendung' (1841) und der
Darftellung ,der philofophifchen Weltanfchauung des Re-
] formationszeitalters' (1847) ift die religiös - äfthetifche
1 Richtung ausgefprochen. Vollftändiger hat er fie entwickelt
in feinen ,Religiöfen Reden und Betrachtungen
; für das deutfche Volk' (1852) und feiner ,Aefthetik' (1859).
l Im Zufammenhang mit feiner gefammten Weltanfchauung
j hat er fie fyftematifch begründet in der Schrift: ,Die fitt-
liehe Weltordnung' (1877) und hiftorifch-philofophifch
I durchgeführt in diefem ,Kunftbuch', das wegen feiner
I claffifchen Darftellung, feines philofophifchen Tiefblicfces
und feiner hiftorifchen Gelehrfamkeit als eine wefent-
liche Bereicherung unferer Nationalliteratur betrachtet
I werden mufs.

Wer aber, um diefes grofsartige Werk mit vollem
[ Genufs ftudiren zu können, zuvor einen Einblick thun
möchte in die Werkftätte diefes reichbegabten Geiftes,
| aus dem ein fo klares, mildes, befruchtendes Licht über
1 die ganze Welt- und Menfchengefchichte fich ergoffen
I hat, der nehme feine ,Liebeslieder und Gedankendichtungen
', die er im Jahre 1883 nach einer Augenoperation,
die ihn einige Zeit ins Dunkel verbannt hatte, zur Er-
1 innerung an feine im Jahre 1862 verftorbene Frau, mit
deren Namen ,Agnes' betitelt, Freundinnen und Freunden
! dargeboten hat, und überzeuge fich, dafs wir in Carriere's
I Schriften mehr befitzen als gelehrte Forfchungen. Sie
find die reifen, edlen und durchaus fchöngeftalteten
Früchte einer durchgebildeten chriftlichen Perfönlichkeit,
in denen die Einheit von Kunft und Religion fich unmittelbar
veranfehaulicht.

,Ich habe als Schriftfteller', fagt Carriere im Vorwort
zu feiner ,Agnes', ,wie als akademifcher Lehrer ftets mich
ganz gegeben; ich habe mit den Kräften des Gemüthes
und Geiftes zugleich gearbeitet und neben Verkennung
und Enttäufchung auch die Freude gehabt zu vernehmen,
dafs in meinen wiffenfehaftlichen Büchern nicht tote
Lettern, fondern ein lebendiger Menfch den Lefern ent-