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Ausgabe:

1885

Spalte:

7-9

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Plenkers, Wilh.

Titel/Untertitel:

Der Däne Niels Stensen. Ein Lebensbild, nach den Zeugnissen der Mit- und Nachschriften entworfen 1885

Rezensent:

Möller, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. r.

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guter Anfang, aber unter Vorausfetzung desfelben hat welche allgemeinen Glauben genoffen, als gänzlich grund-
nun erft die Arbeit des Hiftorikers zu beginnen, pünkt- | los erkennen laffen. Wie wenn es mit den ihm von
lieh den Umfang der Stoffe, die aus dem einen in das j Kindheit auf eingeprägten confeffionellen Dogmen auch
andere Chriftenthum übergeführt worden find, zu be- I fo wäre? Die Cartefianifche Methode ,gab ihm den erften
ftimmen, die Art und Weife des Uebergangs, die Zeit i Anftofs, hinter feine Vorurtheile zu kommen' (S. 149 f.).
desfelben u. f. w. zu ermitteln und fo einen Zufammen- Dazu kommt nun die proteftantifche Uneinigkeit; alle behäng
feftzuftellen, der auch von H. felbft nicht in Abrede | rufen fich auf die Bibel und jeder legt fie anders aus.
geftellt werden kann2). Die deutfehe Wiffenfchaft, fofern | In Köln läfst er fich mit einem Jefuiten ins Gefpräch ein,
fie noch immer unter den Nachwirkungen der Auffaffung der ihm vorhält, dafs in allen Confeffionen zwar gleich
Baur's fleht, wird vom Verf. in die richtige Richtung viel lafterhafte Menfchen zu finden feien, nicht fo aber fei
gewiefen; aber darüber hinaus vermag Ref. dem Werke J es mit den tugendhaften; da habe die kathol. Kirche fo
Verdienfte nicht beizulegen und hofft, dafs die fumma- 1 viele Bekenner, Märtyrer, Jungfrauen, Ehelofe, Arme,
rifche Kritik, welche der Verf. geübt hat, fich niemals Miffionäre, was habe die proteftantifchc Kirche dagegen
bei uns einbürgern werde. j aufzuweifen? Nun nimmt in Italien die feine und gelehrte

Giefsen. A Harnack ■ Gefellfchaft von Florenz den jungen nordifchen Gelehrten
von Ruf liebenswürdig und zuvorkommend auf, der
Herzog von Florenz macht ihn zu feinem Leibarzte. Der
fchon in Holland empfangene Eindruck verftärkt fich,
dafs hinter den engen Schranken der eigenen Confeffion
auch noch Leute wohnen, ja dafs da ein reicheres
geiftiges Leben zu finden ift, als dermalen in der abge-
fchloffenen nordifchen Heimath. Eine Fronleichnamspro-
ceffion inLivorno imponirt ihm und er reflectirt: entweder
ift diefe Hoftie ein einfaches Stück Brod, dann find alle jene
Leute Thoren, oder hier ift wirklich der Leib Chrifti,

Plenkers. Wilh., S. J., Der Däne Niels Stensen. Ein

Lebensbild, nach den Zeugnifsen der Mit- und Nachwelt
entworfen. Mit dem Porträt Stenfens. Freiburg
iBr., Herder, 1884. (VIII, 206 S. gr. 8.) M. 2. 75.

Ein im Lutherthum geborener und erzogener Mann,
der fich einen bedeutenden Ruf als Gelehrter erwirbt,
auf dem Gebiete der Anatomie wie der Geologie feiner

Zeit voraufeilt und neue Bahn bricht, und der dann für i weshalb ehrft du ihn nicht? Unmöglich, dafs Betrug
die römifche Kirche gewonnen, ihr als gelehrter Ver- j einen fo grofsen Theil der Chriftenheit, darunter fo viele
teidiger, ja, mit Darangabe feiner naturwiffenfehaft- gefcheute und gelehrte Leute gefangen hält — ergo.
liehen Beftrebungen, als Priefter und Bifchof dient und *« aber die lutherifche Religion in einem fo wefentlichen
das von ihr gepriefene Ziel der mönchifchen Vollkom- i Punkte des chriftlichen Glaubens auf Irrwege gerathen,
menheit mit Eifer in Selbftkafteiung, Entfagung und j fo kann fie nicht die wahre fein. Eine fromme Frau aus
Demuth verfolgt, ift felbftverftändlich ein fehr willkom- | der hohen Gefellfchaft und eine fromme Nonne beginnen
menes Object römifcher Gefchichtsfchreibung, was denn , an feiner Seele zu arbeiten; täglich ftudirt er die Con-
auch in diefem Sinne fchon mehrfach verwerthet worden , troversfragen; ein Jefuit kommt ihm mit dem beliebten
ift (vgl. auch Räfs, die Convertiten feit der Ref. XII, Argument, dafs die römifche Kirche die wahre Kirche
155—263). Der Verfaffer obiger Monographie, in der Lage fein müffe, denn wo wäre diefe fonft vor der Reforma-
auch manches Handfchriftliche zu benutzen, liefert in ! tion gewefen? Endlich überwindet der brennende Be-
der That ein intereffantes Bild, verzichtet auch in der ; kehrungseifer der Frau Lavinia alles Zaudern, indem fie
Hoffnung, dafs das Bild durch fich felbft zu wirken ver- ; ihm verbietet, wieder vor ihr zu erfcheinen, wenn er
möge, kluger Weife auf allzu tendenziöfe Farben, und ; nicht entfchloffen fei, Katholik zu werden, und das fchlägt
mag bei manchen gläubigen Seelen den Eindruck hinter- durch. Wir haben gleichwohl keinen Grund, die Auf-
laffen, welche faule Sache es doch um den Proteftantis- j richtigkeit und das ernfte Streben nach Wahrheit irgend
mus fein müffe, den ein fo hervorragender Mann mit fo zu bezweifeln; aber es zeigt fich auch, dafs der Gelehrte
aufrichtigem Wahrheitsftreben und fo frommer Gefinn- ; die religiöfe Frage nicht anders anfleht, als wie jedes
ung in feiner Grundlofigkeit erkannt habe. Für uns haben Forfchungsobject: Hier fteht die eine Lehre, dort die an-
die zahlreichen Mittheilungen aus Briefen und Schriften '< dere, und nun gilt es eifrig zu forfchen und abzuwägen;
Stenfen's eine andere Bedeutung. Ueber den Gang der Autorität hier und Autorität da, und es fragt fich nur,
Entwicklung des Mannes, die ihn zur Converfion führte, i wo die zuverläffiger garantirte ift, die das Meifte für fich
läfst fich freilich ein ganz ficheres Urtheil nicht gewin- , anzuführen hat. Was Wunder, dafs ein Mann, der — frei-
nen, doch läfst er fich im Allgemeinen wohl fpüren. Kch nicht ohne Schuld feiner angebornen Confeffion —
Ausgegangen vom herkömmlichen Lutherthum Däne- fo von jedem Hauch des Geiftes der Reformation ab-
marks bringt ihn das erfolgreiche Studium der Anatomie 1 gefperrt erfcheint, fchliefslich in den Reformatoren Men-
in Holland auch in Gelehrtenkreife mit weiterem Blick, fchen fieht, welche durch taufend Kunftgrifte ihren Ab-
auch folche, in denen die die Gemüther bewegen- fall vor der Welt als ehrenvolle That hinftellen wollten
de Cartefianifche Philofophie eine kühle und lkeptifche j und deshalb die heil. Kirche als falfch und verabfeheu-
Stimmung den überlieferten Dogmen gegenüber hervor- ungswürdig darftellen (S. 104). Lieft dcrfelbe doch aus
gerufen hat, ja auchSpinoza felbft tritt er nahe, einem Mann, Spinoza's tractatus theologico-politicus nichts anderes her-
,der ihm einft fehr befreundet war'(S. 122) und an welchen i aus, als dafs derfclbe kein höheres Ziel kenne als die
er .Liebe zum Frieden und zur Wahrheit' beobachtete, eigene perfönliche Sicherheit. — Der Convertit ergreift
Leider erfahren wir, abgefehen von den Streitigkeiten nun mit Eifer und Hingebung das römifche Ideal der
über feine anatomifche Entdeckung, von jenen Bezieh- ! Frömmigkeit und Vollkommenheit. Molanus ift es, der
ungen nicht viel. Seine Naturbetrachtung erfcheint durch- | einen andern Convertiten Johann hnedrich von Hannozogen
von einer warmen allgemein-religiöfen Empfindung, ver auf Stenfen als cum B. Thoma a Kcmpis comparan-
die den Schöpfer hinter feinen Werken fpürt, feine Le- dum hinweift; Leibniz urtheilt: e magno physico factus est
bensanfehauung von einem ftarken Gefühl der vor- ; medioeris theologus (S. 133). Manches intereffante Detail
fehungsvollen göttlichen Leitung. Aber feine wiffen- , aus feiner Thätigkeit in Hannover, Hamburg und Schwe-
fchaftliche Beobachtung hat ihn überlieferte Anflehten, rin, wo es galt Seelen zu fifchen, und wo ihn die Erfahrung
, dafs fich angefehene Herren bei Hofe nur durch
2) Havel hat das jüdifche Element, welches im griechifchen Chriften- die Furcht vor einem lutherifchen Nachfolger von der
thum des 2. Jahrhunderts fteckt, unterfchätzt, und es ift ihm ferner nicht Converfion abhalten liefsen, nicht an den Werth feiner
deutlich geworden, dafs das ältefte griechifche Chriftenthum mit dem pais- Eroberungen irre machte, wäre hervorzuheben Es fei

ftinenfifchen Chriftenthum durch ein Einheitsband verbunden war, welches i __,ö ^„„„„r u:„„„„,;0f0„ Ar.Cc: Acr U*>;v.~m-iCerrc

erft allmählich aufgelöft worden ift, nämlich durch diefelhe religiöfe nur noch darauf hingewtefen dafs der heihgmafsige
Stimmung und Hoffnung. Mann' in aller feiner Selbltqualerei und feinem rühren-