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Ausgabe:

1885 Nr. 11

Spalte:

252-253

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Birt, Theodor

Titel/Untertitel:

De moribus christianis quantum Stilichonis aetate in aula imperatoria occidentali valuerint disputatio 1885

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. II.

252

Baethgen feiner Zeit einige treffende Bemerkungen veröffentlicht
hat u. f. f. — aber bei einer derartigen Ueber-
fetzung, welche nur das Refultat der exegetifchen Studien
ohne jede weitere Begründung giebt, verbietet fich
eine umfaffendere Auseinanderfetzung von felbft. Wir
hoffen, dafs jeder Lefer die Ueberfetzung Cheyne's aus
der Hand legen wird mit dem Dank dafür, dafs er es
verftanden hat to enable lovers of literature to read the
Psalter intclligently and witli pleasure. Der Druck ift
correct (S. XIV Z. 19 ift ft. LXXVII zu lefen LXVII),
die Ausftattung des Buches mufterhaft.

2. Auch die zweite Schrift wendet fich an ein grö-
fseres Publicum und will es über eine Reihe der wich-
tigften die Pfalmen angehenden Fragen orientiren. Da
das Büchelchen neben einigem Neuen im Wefentlichen
eine Wiedergabe des betreffenden Abfchnitts aus dem
von Crofs 1882 herausgegebenen Buch Introductory
Hints to English Readers of the Old Testament, das
Kamphaufen in diefer Zeitfchrift 1883 Nr. 1 eingehend
befprochen hat, ift, fo verweife ich auf das treffende Ur-
theil K.'s, das auch für diefe kleine Publication feine
Giftigkeit hat und befchränke mich auf die Angabe der
14 Abfchnitte, in die der Verf. den Stoff zerlegt hat:
1. Hebrew Poetry. 2. The Psalms in the Jewish and Christian
Chnrclies. 3. Different Versions of the Psalms in the
English Bible and in the Prayer-book of the Church of
England. 4. Origin of the Psalter. 5. Personal and National
Elements in the Psalms. 6. Faith militant. 7. Faith
Triumphant and Unclouded. 8. Unforgiving Spirit of some
of the Psalms, p. ,By the Waters of Babylon1. 10 Self-con-
fidence of the Writers of the Psalms. 11. The Enemies
12. ,jl ivill sing with the unterstanding also' (ein Hinweis
auf den hiftorifchen Hintergrund der Pfalmen). 13.
Nature Psalms. 14. The Psalter as a Modern Book of
Devotion.

Druck und Ausftattung auch diefes Buches laffen
nichts zu wünfchen übrig.

Strafsburg i/E. W. Nowack.

Schmidt, Prof. Paul, Der erste Thessalonicherbrief neu

erklärt. Nebft einem Excurs über den zweiten gleichnamigen
Brief. Berlin, G. Reimer, 1885. (128 S.
gr. 8.) M. 4. -
Wie der Verfaffer 1880 des Philipperbriefs fich angenommen
, als die Echtheit desfelben von Neuem durch
Höhten (Jahrbb. f. proteftant. Theol. 1875—1876) in Abrede
gezogen worden war, fo ift er hier gegenüber
neueren Beftreitungen fehr entfchieden für die Authentie
des erften Briefes an die Theffalonicher eingetreten. Es
gefchieht dies fo, dafs er der exegetifchen Arbeit (S.
12—74) Darlegungen über die Sprachform, die Entfteh-
ungszeit und die gefchichtliche Situation folgen läfst,
um, wie vorher (S. 91 ff.) mit dem ablehnenden Urtheil
Holften's (Jahrbb. 1877 S. 731 ff.; das Evangel. des Paulus
I, 1. S. VIII ff.), fchliefslich mit der Steck'fchen An-
fchauung (Jahrbb. 1883 S. 509 ff.) fich auseinanderzu-
fetzen. Wir bekennen, der Auslegung des Verfaffers
nachgegangen zu fein, ohne Anlafs zu tiefer greifendem
Widerfpruch zu finden. Das ,neu erklärt' des Titels
will nämlich nicht von exegetifchen Wagnifsen verftanden
werden, von neuen Hypothefen, mit welchen eben
widerlegte erfetzt werden follen: vielmehr weifs der
Verfaffer faft allenthalben in den Bahnen unbefangener,
meift zu gutem Ziele führender Exegefe zu bleiben und
wie in der Gefammtanfchauung fo in feiner freilich meift
ziemlich kurz gehaltenen Einzelerklärung vielfach an
Bewährtes anzuknüpfen. Wo er (S. 86 ff.) die Entfteh-
ungszeit des Briefes zu beftimmen fucht, greift er auf
die Deutung von 2, 16 (ifü-aosv de in uvvovg f) oqyi)
etg zü.oc) zurück, welche vor ihm W. Grimm (Stud. u.
Krit. 1850, 4) vorgetragen hat, ohne diefelbe durch den
Hinweis auf das Claudius-Edict de pellendis Judaeis

unferes Erachtens zu gröfserer Klarheit zu erheben. Für
um fo dankenswerther haften wir die fortgehende Con-
trolirung des fprachlichen Elementes, als deren Refultat
S. 75 der Satz erfcheint: ,die Sprachform des Briefes
trieft alfo von Paulinifcher Art', — bedeutfam aus der
Feder Eines, der am wenigften als Kritiker mit apolo-
getifcher Tendenz gelten darf und aus der Reihe der
Paulinen nur die ,Anerkannten' herbeigezogen hat.

Mit dem zweiten Theffalonicherbriefe findet fich der
Verfaffer (S. 111 —128) in einem Excurfe ab, welcher
diefen Brief zwar nicht mit Hilgenfeld (Einleitung
S. 642 ff.) aus trajanifchen oder mit Bahnfen (Jahrbb. f
proteft. Theol. 1880 S. 681 ff.) aus gnoftifchen Entfteh-
ungsverhältnifsen abzuleiten unternimmt, aber anderer-
feits ihn in der Geftalt, die unfer Kanon ihm giebt, nicht
auf den Apoftel Paulus und nicht auf das Jahr 53 zurückzuführen
wagt. In einer Periode äufserer wie innerer
Unruhe für die Chriftenheit, auf deren Gemüth die
frifche Erinnerung an die Neronifche Verfolgung, der
Ausbruch des jüdifchen Kriegs und die drohenden Anzeichen
des weitgreifenden römifchen Zornes lafteten,
hat nach P. Schmidt ein Paulus redivivus neben Plinigem
im erften Capitel (v. 8 fg. 11) den Inhalt von 2, 1—12
d. h. die hervorftechendften Bilder aus Apoc. 13 ff. mit
überliefertem echtem Pauluswort verknüpft. Diefer
Rückgang auf die Plypothefe Kerns (Tübing. Zeitfchr.
f. Theol. 1839, 2 S. 145 ff.) wäre nicht nöthig gewefen,
wenn der Verfaffer (S. 113 ff.) fich nicht dem verfchloffen
hätte, was B. Weifs (Lehrb. S. 217 ff.) zu 2, 1 ff. im
Wefentlichen zutreffend vorgetragen hat.

Im erften Satze (S. 5) wird der Lefer durch die
Bemerkung überrafcht, E. Reufs (Gefch. der h. Schriften
N. T.'s 5. A. S. 143 fg.) fei ein Vertreter der vorpau-
linifchen Abfaffung des Jacobusbriefes. Wir nehmen
gern Act von der Erklärung des Verfaffers an die
Redaction der Theolog. Lit.-Ztg., dafs dies in Folge
eines peinlichen Satz- oder Schreibfehlers gefchehen ift.
,Es follte natürlich „trotz E. Reufs* (nicht „mit E.
Reufs*) heifsen.'

Leipzig. Wold. Schmidt.

Birt, Theodor, De moribus christiams quantum Stilichonis
aetate in aula imperatoria occidentali valuerint disputatio.

(Indices Lect. Marburg. 1885, Semestre aestivum.
23 S. gr. 4.)

Diefe den Theologen vel antiqaariis iis, quibus fidei
christianae fata cordi sunt, gewidmete Abhandlung des
zukünftigen Herausgebers der Dichtungen Claudian's belehrt
in überzeugender Weife darüber, dafs der abend-
ländifche Kaiferhof, fo lange er unter dem Einflufs des
allgewaltigen Stilicho (395—408) geftanden, eine Freiftätte
für paganifche Neigungen gewefen ift. Aus der Hofpoefie
Claudian's zieht Birt Schlüffe auf die Gefinnungen des
,Herrn' Stilicho, und umgekehrt weifs er es recht wahr-
fcheinlich zu machen, dafs man auch von Stilicho auf
Claudian fchliefsen darf — mit anderen Worten, dafs
Claudian ein Chrift gewefen ift, aber ein Chrift wie Stilicho.
Eine überrafchende Beftätigung empfangen diefe Ergeb-
nifse durch die Entdeckung, dafs Claudian's Laudatio
de quarto consulato Honorii abhängig ift von dem löyog
ntQt ßaoileiag, den Synefius an Arcadius gerichtet hat.
Die Vergleichung des Plagiats mit dem Original, welche
Birt angeftellt hat, verfchafft die befte Einficht in die
religiöfe Haltung Claudian's und des Hofes, und zwar
fowohl in den Partien, welche der Dichter beibehalten,
als in denen, welche er unterdrückt hat. Der Verf. hat
am Schlufs die Refultate feiner Unterfuchungen zufam-
mengefafst. Da fie ein kleines Stück Kirchengefchichte
enthalten, welches bisher nicht genau in's Auge gefafst
ift _ herkömmlich wird die Kirchlichkeit des Ilonorius,
nicht aber die viel wichtigere Unkirchlichkeit des Stilicho