Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1885

Spalte:

229-230

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mueller, Carl

Titel/Untertitel:

De nonnullis doctrinae gnosticae uestigiis quae in quarto euangelio inesse feruntur dissertatio 1885

Rezensent:

Lipsius, Richard Adelbert

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

22Q

230

Herrn beten hörte, und eine fofortige Mittheilung nicht j
denkbar ift, fo ift das Gebet entweder vom Auferftandenen
erzählt oder magifch infpirirt, — beides wird Sch. nicht
annehmen, — oder es ift unhiftorifch, vielleicht ein Reflex
der Scene Joh. 12, 27.

Je fchmerzlicher aber die Einzelausführungen des
Sch.'fchen Buches die Uneinigkeit im Geift innerhalb der
evangelifchen Chriftenheit zu Tage fördern, defto mehr
hat man fleh des Endurtheils zu freuen. Das timco Danaos
et dona fereiltes hat im kirchlichen Leben ftets nur Unfrieden
gefäet.

Der Ucberfetzer gehört mehr zu den kriegsfrohen
Achäern. Nur aus folch kriegerifchem Sinn fcheint es
erklärlich) dafs er ohne näher erkennbare Veranlaffung
eine bereits 16 Jahre alte Schrift überfetzt. Er Breitet
(Vgl. Vorrede p. V) mit diefer geliehenen Waffe für eine
Zukunft, in der ein Widerfpruch gegen H. Lang's Wort
verftummen wird: ,Eine Gemeinde, die Taufe und Abendmahl
abfehaffte, entweder weil fle gegen alle religiöfen
Ceremonien ift u. f. w. . . . würde darum keineswegs auf-
hören eine chriftliche zu fein'. Nun die Verantwortung [
dafür, dafs der Ueberfetzer mit feiner Ueberfetzung bei
uns eine Frage anregt oder anregen will, die bislang
ruhte, — diefe haben nicht die kirchlichen Parteien zu
fordern, wir flehen oder fallen dem Herrn. Aber das
wird der Ueberfetzer wohl erfahren, dafs einem Chriften-
thum gegenüber, welches (Vorrede VI) .das Zeugnifs
feligmaclienden Glaubens zufammenfafst in das Fichte'fche
Wort: Nur das Metaphyfifche, keineswegs aber das Hifto-
rifche macht uns feiig', fobald es aggrefiv vorgeht gegen
die heutzutage wahrlich facrofaneten Grundlagen tadcl-
lofcr Gemeindefitte, noch viele Theologen, ohne zu ver- j
geffen, ,dafs das Wefen des Chriftenthums an keine
menfehliche Satzung gebunden ift', fleh der Wahrheit
erinnern werden, die in dem Art. X der Form. conc. de
adiaplioris enthalten ift.
Leipzig. F. Loofs.

Mueller, Gymn.-Lehr. Dr. Carl, De nonnullis doctrinae
gnosticae uestigiis quae in quarto euangelio inesse
feruntur dissertatio. Freiburg i/Br., Herder, 1883.
(47 S. gr. 8.) M. — 80.

Eine Habilitationsfchrift an der katholifch-theologi-
fchen Facultät zu Breslau. Der Verf. beklagt es, dafs
die katholifchen Theologen die Vertheidigung des Johannesevangeliums
gegen die adversarii bisher faft aus-
schliefslich den Protcftanten überlaffen haben und fchickt
fleh für feine Perfon an, diefetn Uebelftand abzuhelfen.
Bei folchem Nachholen alter Verfäumnifs ifts kein Wunder,
wenn der Verf. etwas zu fpät kommt. Die Ableitung
des johanneifchen Prologs aus der Aeonenlehre der
valcntinianifchen Gnofis, welche ihr Urheber felbft nicht
mehr in ihrer urfprünglichen Strenge aufrechtzuhalten
vermag, bedarf heute keiner eingehenden Widerlegung.
Soll aber einmal das Verhältnifs des vierten Evangeliums
zur valcntinianifchen Gnofis erörtert werden, fo darf zu-
nächft letztere nicht lediglich nach Irenaus i, i—7 dar-
geftellt, fondern es rtiufs auf ihre Urgeftalt zurückgegangen
werden, und zum Andern darf von den valcntinianifchen
Erklärungen zum Johannesprolog nicht blofs das Fragment
des Ptolemäus Iren. 1, 8, 5 herausgegriffen, fondern
es müffen auch die Erklärungen des Herakleon und der
diöc<xi) uvarnhyii] bei Gem. AI. exc. ex T/ieod. $ 6 sq.
hinzugenommen werden. Auch fonft fteht die UnterEichung
, bei aller anerkennenswerthen Belefenheit des
Vcrf.'s auch in der proteftantifchen Literatur, doch nicht
auf der Höhe der Zeit. Das Verhältnifs des johanneifchen
Chriftus zum Alten Teftament ift durch die paar
dürftigen Bemerkungen S. 17—21 ebenfo wenig ins Reine
gebracht, als der metaphylifche Dualismus des vierten
Evangeliums fchon durch Zurückweifung der Hilgenfeld'-
fchen Auslegung von Joh. 8, 44 abgethan ift. Auch die

etwas eingehendere Beftreitung von Hilgenfeld's Ausführungen
über den anthropologifchen Dualismus des
Evangeliums (S. 25—47) erfchöpft doch die Fragen,
welche hier in Betracht kommen, nicht von Ferne. An-
ftatt Stelle für Stelle einzeln durchzunehmen und bei
jeder von Neuem die Möglichkeit fubjectiv-moralifcher
Bedingtheit der Geburt aus Gott zu erftreiten, mufste die
ganze geiftige Atmofphäre des Evangeliums beleuchtet,
und die Tragweite der die johanneifche Weltanschauung
beherrfchenden grofsen geiftigen Gegenfätze Licht und
Finfternifs, Leben und Tod, Wahrheit und Lüge unter-
fucht werden. Dann hätte fleh vielleicht von felbft ergeben
, dafs auch die Geburt aus Gott und die Geburt
von der Welt oder vom Teufel, die Geburt aus dem
Geifte und die Geburt aus dem Fleifch, die Geburt von
Oben und die Geburt von Unten durchgreifende Gegenfätze
find, die bei aller ethifchen F"ärbung doch einen
metaphyfifchen Hintergrund haben, und es wäre nicht
möglich gewefen mit dem Verfaffcr das yswq&rpiat oVgi-
iltv Joh. 3, 3 von der Wiedergeburt ftatt von der Geburt
von Oben zu deuten.

Jena. Lipfius.

Biedermann, Prof. Dr. Alois Eman., Christliche Dogmatik.

(In 2 Bdn.) 1. Bd.: Der principielle Thl. 2., erweiterte
Aufl. Berlin, G. Reimer, 1884. (XVI, 382 S. gr. 8.)
M. 6. —

(Schlufs.)

Suchen wir ein Urtheil zu gewinnen, fo mufs zunächft
ein Wort darüber gefagt werden, inwiefern es B gelingt,
die Vorwürfe des Pantheismus und Hegel'fchen Intel-
lectualismus von fleh abzuwehren. Wir werden bereitwillig
zugeftehen, dafs B. das nicht lehrt, was er Pantheismus
nennt. Aber die Vorausfetzungen, unter welchen
er feine Lehre gegen diefen als eine Form des abftracten
Monismus abgrenzt, beftehen für andere nicht zu Recht.
Und ich glaube, dafs diefe anderen von ihrem (fagen
wir: vorftellungsmäfsigen) Standpunkt aus nach wie vor
bei dem beften Willen einen Unterfchied zwifchen B.'s
Lehre und dem, was fie Pantheismus nennen, nicht
werden ausfindig machen können. Etwas anders und
doch ähnlich fleht die Sache, was das Verhältnifs B.'s
zu Hegel betrifft. Hier findet nämlich allerdings ein fehr
beftimmter, auch für andere erkennbarer Unterfchied der
Methode ftatt, und dafs ein folcher beftehe, ift wenigftens
mir nie zweifelhaft gewefen. Wenn man aber den Grundirrthum
Hegel's nicht in feiner Methode, fondern in dem
von B. gebilligten Satz erblickt, nach welchem das
logifche Sein die Subftanz des Geiftes ift, fo ift man
wieder nicht in der Lage, diefem Unterfchied der Methode
die Bedeutung beizumeffen, welche er in B.'s Augen
begreiflicher Weife hat. Zumal der vermag es nicht, dem
es zweifelhaft ift, ob nicht die Biedermann'fche Methode
(mag fie auch unter der gemeinfamen Vorausfetzung viel
für fleh geltend zu machen haben) gerade das aufgiebt,
was der Hegel'fchen Speculation bei aller Verirrung das
Gepräge echter Speculation verleiht. Oder ift es nicht
an dem, dafs die fpeculative Wclterklärung (hierin dem
religiöfen Glauben ähnlich) es unternimmt, die gemeine
Wcltwirklichkeit mitteilt einer Idee zu deuten, deren
der Geift innerlich gewifs ift? Der Irrthum Hegel's war,
dafs er die logifche Idee für diefe Idee genommen, aber
nicht beftand er in dem Flug des Geiftes zu einem höheren
Standort, um von diefem aus der gemeinen Wirklichkeit
Herr zu werden. Bei B. ift freilich diefer Reiz
ganz verfchwunden, und das, was vielen anderen als der
Irrthum Hegel's erfcheint, wird von ihm mit erftaunlicher
Confequenz und Nacktheit vorgetragen. Er gelangt
dahin, indem er die fpeculative Welterklärung in Widerfpruch
mit dem, was ihr Wefen und ihre relative Wahrheit
ausmacht, in einer ihm eigentümlichen Weife auf
der empirifchen Wiffenfchaft aufbaut.