Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1885 Nr. 8

Spalte:

188-191

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Chemnitz, Martin

Titel/Untertitel:

Examen Concilii Tridentini, das ist Beleuchtung und Widerlegung der Beschlüsse des Tridentinischen Konzils 1885

Rezensent:

Gass, Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

i87

Theologifche Literaturzeitung. 1885. Nr. 8.

[88

der Infchriften und monumentalen Denkmäler vorzuwerfen
wagen wird, fich über die Bedeutung derfelben für die
ältefte Kirchengefchichte alfo ausgefprochen hat (p. 536
n. 1): ,Les inscriptions chretiennes des eatacombes ne retnon-
tent qii'au commencement du III* siede. Les inscriptions
plus anciennes qu'on y rencontre ne sont pas chretiennes;
dies ont etc apportees dans les eatacombes au IV' siede,
avec tant d'autres mater'iaux etrangers pour le scellage des
loculi . . . En somme, Tinteret des eatacombes ce rapporte
surtout au III siede. On peut faire une exception pour 'la J
catacombe de Domitilla; mais le caractere primitif de ce
monument est tres incertain'; f. p. 543 n. 1: ,En general,
on a exagere P anciennete des peinturcs des eatacombes. La
plupart sont du IV' siede, une petite partie du IIL. L'l/ypo-
gee de Domitille peut etre anterieur.'

In dem Vorftehenden find Einzelheiten angemerkt
und befprochen. Die Bedeutung des Renan'fchen Werkes
liegt nicht in diefen, fondern in der Gefammtan-
fchauung. Der Schlufsabfchnitt, der mit den Worten beginnt
: ,Ainsi une religion faite pour la consolation interieure
ePun tout petit nombre d'elus devint. . . la religion de mil- j
lions a"kommes, constituant la partie la plus active de Fhu-
manite', führt dicfelbc bis in die Gegenwart. Diefe Ge-
fammtanfehauung kennen zu lernen und zu prüfen, ift
eine Aufgabe, an welcher kein Kirchenhiftoriker in Zukunft
wird vorübergehen können. Welche Vorbehalte
man auch mit Recht machen mag — Renan's grofses
Werk ift die erfte und bisher einzige, mit allen Mitteln |
der gefchichtlichen Wiffenfchaft ausgearbeitete, vollftän-
dige Gefchichte der zwei erften Jahrhunderte der chrift-
liehen Kirche.

Giefsen. Adolf Harnack.

Martin, Paul, Doktor Martin Luthers Leben, Thaten und
Meinungen, auf Grund reichlicher Mitteilungen aus j
feinen Briefen und Schriften dem Volke erzählt.
I. Bd. 2. Aufl. Neufalza i/S., Oefer, 1884. (XI, 772 S.
gr. 8.) M. 4. 50; geb. M. 6. —; billige Ausg. M. 3. 50;
geb. M. 4. 50.

Zu den eigenartigen buchhändlerifchen Erfcheinungen
des Lutherjahres gehört auch der Verfuch eines fächfi-
fchen Verlegers, eine umfängliche Biographie des Reformators
auf dem Wege der Colportage in die weiteften
Volkskreife hinauszutragen. Der den Lefern diefes Blattes j
wohlbekannte Pfarrer Lic. Rade fand fich unter dem j
Pfeudonym ,Paul. Martin' bereit, feine Feder für diefe
eigenthümliche Aufgabe in Thätigkeit zu fetzen. Eine
volksthümlich gehaltene, aber zugleich auf 100 Bogen
auszudehnende Lebensgefchichte Luthcr's zu fchreiben,
dahin lautete der Auftrag, dem er fich unterzog. Für
einen wiffenfehaftlich regiamen Theologen gewifs eine
Arbeit, die viel Selbftverleugnung forderte; aber dem
Verleger kann man dazu Glück wünfehen, dafs er eine
mit dem literarifchen Apparat fo wohl vertraute Perfön- |
lichkeit hiefür gewinnen konnte. Man wird dem vorliegenden
1. Bande, der bis zur Verbrennung der Bann- ;
bulle auf 772 Seiten führt, die Anerkennung nicht ;
vertagen dürfen, dafs die fchwierige Aufgabe nach Möglichkeit
gelöft ift. Eigene Forfchungen dürfen natürlich
nicht erwartet werden, aber die neueften Hülfsmittel
find überall verwerthet. Die Füllung fo vieler Bogen
war nur dadurch möglich, dafs eine Anzahl von Schriften
Luther's aus diefer Zeit theils vollftändig, theils in
längeren Auszügen eingefügt find; fodann dafs aus den
Briefen des Reformators fehr reichliche Proben in die
Erzählung eingeflochten find; endlich dadurch, dafs der j
Verf. ausführliche Belehrungen über Lehre und Gefchichte
des Katholicismus, über die religiöfen Zuftände am Ende
des Mittelalters, über Ablafs und Heiligenverehrung,
über Papftthum und Mönchthum u. dgl. eingefchaltet hat.
Durch diefe Zuthaten ift das Buch reich geworden an

allerlei belehrendem Stoff, den man zunächft nicht darin
vermuthen würde. Diefe Excurfe in das Gebiet mittelalterlicher
Kirchengefchichte find gefchickt an geeigneten
Stellen der Biographie eingefügt, bei Luther's Eintritt
ins Klofter, der Romreife, dem Thefenftreit u. dgl.
Gerade bei diefen Excurfen merkt der Kundige, dafs der
Verf. mit den rieueften kirchengefchichtlichen Arbeiten
wohl vertraut ift. Für Lefer, denen Luther's lateinifche
Schriften, befonders auch fein Briefwechfel aus den
älteren Jahren, um der Sprache willen fonft unzugäng
lieh find, ift damit Gelegenheit geboten, einen Einblick
in das Schaffen und Arbeiten des Reformators zu erhalten
, wie er in ähnlicher Vollftändigkeit ihnen bisher
durch keine der zahlreichen Biographien gegeben worden
war. ,Den Nichtftudirten dürfte diefes Buch jedenfalls
eine Menge Stoff bieten, den fie in anderen Lutherbüchern
vergebens fuchen und den aus der Quelle zu
fchöpfen fie nicht im Stande find'. Diefe Worte der
Vorrede bezeichnen den Gefichtspunkt, von welchem aus
wir diefer umfänglichften aller Lebensbefchreibungen
Luther's ihre Exiftenzberechtigung zugeftehen können.
Spätere Volksfchriftfteller werden ficher gern nach die-
fem Arfenal greifen, wenn einmal wieder populäre ,Leben
Luther's' über unfer Volk ausgefchüttet werden. Die
Sprache ift meift dem Zwecke angemeffen; einige alter-
thümelnde, der Bibelfprache nachgeahmte Wendungen
wären meines Erachtens beffer vermieden worden. Ich
kann freilich nicht leugnen, dafs mir der Gedanke an
die 100 Bogen, die der Verleger vorgefchrieben hat, bei
der Leetüre nicht aus dem Sinne kommen wollte, und
dafs ich oft die Empfindung gehabt habe, dafs der
Verf. künftlich durch Recapituliren, durch Vorbereitung
auf das Nachfolgende, durch häufige Ruhepunkte u. dgl.
feinen Stoff habe dehnen müffen.

Magdeburg. G. Kawerau.

Chemnitz, Martin, Examen Concilii Tridentini, das ift Beleuchtung
und Widerlegung der Befchlüffe des Triden-
tinifchen Konzils. Deutfch bearb. von Diak. R. Bendixen
in Verbindung mit D. Chr. E. Luthardt.
Leipzig, Dörffling & Franke, 1884. (XVI, 487 S. gr. 8.)
M. 7. —

,Dafs Martin Chemnitz'a Examen concilii Tridentini
unter den klaffifchen Werken der theologifchen Literatur
unterer Kirche in erfter Linie fleht, ift bekannt und anerkannt
. In aller Beftimmtheit und Siege.sgewifsheit ift
darin die Glaubenserkenntnifs unferer Kirche gegenüber
den römifchen Schriftwidrigkeiten und Täufchungen zum
Ausdruck gekommen. Und die Bedeutung diefer Schrift
ift nicht blofs eine hiftorifche, fondern für die Gegenwart
nicht minder grofs wie für die Vergangenheit. Und wir
werden fagen dürfen, für die Gegenwart doppelt. Denn
auf der ganzen Linie fehen wir die römifche Armee in
offenfiver Bewegung. — Kein anderes Werk ift fo geeignet
, die nöthigen Waffen darzureichen wie Chemnitz's
Examen.' Mit diefen Worten eröffnet Herr Dr. Luthardt
feine Vorbemerkung zu der von ihm und R. Bi ndixen
beforgten deutfehen Bearbeitung des genannten Werks.

Im Allgemeinen ift Ref. für diefe Verdeutfchungen
von Hauptwerken des reformatorifchen Zeitalters darum
nicht fehr eingenommen, weil fie den Theologen, die
fie verliehen müffen und an richtiger Stelle zu verwenden
haben, entbehrlich find, von Anderen aber doch nicht
eigentlich überfehen noch beurtheilt werden. Gleichwohl
haben wir das vorftehendc Buch willkommen geheifsen,
fowie wir auch einräumen, dafs der alte Chemnitz felblt
von uns Theologen im Zufammcnhang mit den fymbo-
lifchen Studien nicht oft genug und nach Verdienft benutzt
wird. Der Zeitpunkt der Publication ift durchaus
der geeignete. Wir befinden uns abermals im Stadium
der Polemik. Heimgefucht von Angriffen, Infmuationen