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Ausgabe:

1884 Nr. 7

Spalte:

174-175

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kögel, Rudolf

Titel/Untertitel:

Neue Christoterpe. Ein Jahrbuch. 5. Jahrg. 1884 1884

Rezensent:

Meyer, Ernst Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1884. Nr. 7.

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das friedliche Nebeneinanderwohnen verfchiedener Con-
feffionen fei eine fegensreiche Wirkung der Simultan-
fchulen; diefes Verhältnifs war fchon vorhanden, ehe
man an die Einführung der Simultanfchulen dachte.

Die zweite, kleinereSchrift ift nicht in gleich ruhigem,
von aller gehäffigen Polemik freien Geifte abgefafst, wie
die eben erwähnte. Gegen die proteftantifche Orthodoxie
und befonders gegen die kath. Kirche erlaubt fich
der Verf. Ausfälle, welche wir nicht zu billigen vermögen.
Er zieht Confequenzen, welche von anderen Bekämpfern
der Confeffionsfchule fchwerlich jemals gezogen worden
find. So fagt er S. V: ,Ohne weitere Beweife wäre u. a.
doch zuzugeben, dais confequenterweife nicht allein die
Volks-, fondern jede Gattung von Schulen das con-
feffionelle Gepräge tragen müfste, und doch würde fich
die praktifche Unausführbarkeit deffen fofort heraus-
ftellen. Und fo müfste man, was man auf der einen
Seite gewonnen, auf der anderen wieder preisgeben.
Ferner aber erfordert die Confequenz, dafs nicht
blofs im Allgemeinen evangelifche, katholifche und noch
etwa jüdifche Confeffionsfchulen in Scene gefetzt würden:
man müfste, um ganz gewiffenhaft zu verfahren, auch
feineren Unterfchieden innerhalb der Hauptkirchen und
Religionen gerecht werden, und demnach innerhalb des
Proteftantismus nicht blofs den Lutheranern und Refor-
mirten, fondern auch den Pietiften, Rationaliften und
Supranaturaliften u. f. w., oder innerhalb des Katholicis-
mus den ftreng Römifch-Katholifchen, refp. den ,Vati-
canern', und wiederum den ,Altkatholiken' mit Schule
und Unterricht entgegen kommen. Und wem wären nicht
auch die Spaltungen im Judenthum oder die zahlreichen
Vertreter einer völlig negativen religiöfen Richtung unter
den Eltern gerade auch der (modernen) Volksfchulkinder
bekannt geworden?' Bei dem Durchlefen diefes Paffus
fiel uns unwillkürlich das Wort ein: ,Wer zuviel bewein:,
bewein; nichts'. Confeffionelle Volksfchulen find nur für
ftaatlich anerkannte, mit Corporationsrechten verfehene
Confeflionen zu beanfpruchen, und zwar nur dann, wenn
die Zahl der Schulkinder für eine befondere Schule
grofs genug ift. Zunächft haben die Confeffionen zu
verlangen, dafs die in ihren Gemeinden beftehenden
Schulen nicht ohne den triftigften Grund ihres religiöfen,
refp. confeffionellen Charakters beraubt werden, dafs
der Staat fie nicht zwingt, ihre Kinder in Schulen zu
fchicken, die ihnen religiös anftöfsig erfcheinen müffen.
Bei den Volksfchulen ift anerkanntermafsen die religiöfe
und fittliche Bildung die Hauptfache, nicht die intellec-
tuelle, fo wenig auch diefe unberückfichtigt bleiben darf.
Erziehung ohne Religion ift aber kaum denkbar, eben-
fowenig wie bis jetzt Religion ohne Confeffion realifirt
worden ift.

Um die Confeffionsfchule zu bekämpfen, theilt der
Verf. ausführliche Auszüge aus Hafe's Polemik und aus
Beyfchlag: ,der Altkatholicismus' mit. Er will damit
beweifen, wie es auf den Selbftmord eines Volkes und
Staates hinausliefe, wenn die Regierungen folche An-
fchauungen, Grundfätze und Gewohnheiten einem Theil
der Jugend einprägen liefsen. Allerdings mufs man auf
Grund des Mitgetheilten zugeben, dafs der Staat Urfache
hat, nicht fein Auge zu verfchliefsen, wenn Windthorft
noch einen weiteren Kampf auf dem Gebiete des Schul-
wefens in Ausficht ftellt. Völlige Freigebung der Volks-
fchule an die Kirche, refp. an die kath. Hierarchie kann
der Staat, namentlich der paritätifche, nimmer gewähren.
Er kann fich nicht die Oberaufficht über die Schulen
entwenden laffen; aber er kann der Kirche eine Mitwirkung
an der Leitung der Schulen geftatten, dafs die-
felbe ihr Intereffe, foweit es fich irgend mit dem ftaat-
lichen vereinigen läfst, wahrnehmen kann. Es heifst
das Kind mit dem Bade ausfehütten, wenn man um
einiger zu befürchtenden Ausfchreitungen willen, gegen
die der Staat einfehreiten kann, die Kirche auf dem
Gebiete der Schule brach legt, und ihr die Möglichkeit

abfehneidet, die Kinder zu unterweifen zur Seligkeit
durch den Glauben an Jefum Chriftum.

Lang-Göns. K. Strack.

Neue Christoterpe. Ein Jahrbuch, hrsg. von Rud. Kögel,
Wilh. Baur u. Emil Frommel, unter Mitwirkung von
Frz. Delitzfch, Nie. Fries, Max Frommel etc. (5. Jahrg.
1884.) Bremen, Müller, 1884. (V, 378 S. 8.) M. 4. —

An diefem Jahrgang haben zumeift die bisherigen
Mitarbeiter fich wieder betheiligt. Eine Stimme von
jenfeit des Grabes leitet den Chor der Sänger ein, die
in zum Theil vorzüglichen Dichtungen fich vernehmen
laffen; ,zum Advent' betitelt fich das Gedicht einer in-
zwifchen Heimgegangenen, die mit ergreifenden Klängen
den .ewigen Morgen', den letzten Advent begrüfst, der
Tochter des Theologen Jul. Müller, der Gattin des
Dr. Kögel, der felbft mit einem tief gemüthvollen Gedicht
eine Scene aus dem Leben von ,Bruder Berthold'
befchreibt, und das ,Dies irae, dies illa1 mit grofser
Formvollendung in neuer trefflicher Uebertragung wie-
dergiebt, aufserdem unter der Ueberfchrift: ,ein Bibel-
I abend in Holland' in anheimelnden Erinnerungen aus der
! Zeit feines dortigen Aufenthaltes in den fünfziger Jahren
mit höchft charakteriftifchen Zügen die hervorragenden
Häupter der niederländifchen reformirten Kirche, obenan
einen Groen van Prinfterer, Ifaac da Cofta, Cappadofc
fchildert. Unter den verfchiedenen, durchaus trefflichen
Gedichten heben wir befonders zwei hervor, das eine
von Meifter K. Gerok, das fchwungvoll und farbenprächtig
,die Symphonie der Farben' befingt und ihre
J geheimnifsvolle Symbolik in nicht feiten tieffinniger Weife
deutet, das andere von Leop. Witte: ,Pelagia', das in
ergreifender Weife die Bekehrung jener gefeierten .Tänzerin
und Theaterfürftin unter der mächtigen Predigt
des Bifchofs Nonnus erzählt. Ein ,Mährchen' von Adele
Gründler ift fehr finnig gedacht, aber doch für ein
Mährchen zu didaktifch gehalten. Gröfsere Erzählungen
haben Nie. Fries und W. Steinhaufen geliefert. In
der plattdeutfchen Erzählung von Fries: ,Unf Herrgott
un de Nimod'fchen' find namentlich die ,Altmodfchen',
ein echtes altbäuerliches Ehepaar, treu nach dem Leben
in plaftifcher Anfchaulichkeit gefchildert, wenn auch der
alte Adam in der Bauernnatur hin und wieder zu geglättet
erfcheint. W. Steinhaufen verfteht mit feiner glücklichen
Imitationsgabe, die doch immerhin den modernen
Schriftfteller mit feiner eigenartigen Empfindung mehrfach
durchblicken läfst, in einer überaus feffelnden und
tief bewegenden Weihnachtsgefchichte: ,gloria in excelsis,
pax in terra' den Lefer in die Ausgangszeit des Mittelalters
zu verfetzen. Neben diefen gröfseren Erzählungen
finden fich zwei kleinere von einem neuen Mitarbeiter,
dem bekannten Rieh. Leander: ,die Rumpelkammer'
und ,die beiden Weifer', die durch ihre treffliche Erfindung
und ihren warmen Gemüthston ebenfo anregen,
als erquicken, ohne befondere religiöfe Wendungen doch
im beften Sinne fromm gedacht. Ludwig Renner
zeichnet aus den Quellen mit warmer Liebe und
lebendiger Anfchaulichkeit das Lebensbild der heil.
LTifabeth, deren edler, wahrhaft ritterlicher Gemahl,
Landgraf Ludwig, nicht minder das Recht hätte, heilig
gepriefen zu werden. Dem gefchichtlichen Urtheil des
Verf.'s, das im Wefentlichen mit dem allgemeinen Urtheil
übereinftimmt, wird man in der Hauptfache nur
beiftimmen können; was jedoch die düftere Geftalt des
Ketzermeifters und Grofsinquifitors Konrad von Marburg
anlangt, fo bleibt derfelbe, trotz der Verfuche, die
man in diefem Zeitalter der Ehrenrettungen macht, auch
diefe höchft unheimliche Erfcheinung in hellerem Lichte
darzuftellen, und denen fich der Verf. anfchliefst, auch
nach dem Mafsftab feiner Zeit gemeffen ein priefterlich.es
Ungeheuer, das die deutfehe Natur total verleugnet.
Die Verbindung von Religion und Graufamkeit, die fich