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Ausgabe:

1884 Nr. 7

Spalte:

171

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jacoby, Herm.

Titel/Untertitel:

Christliche Tugenden. Predigten 1884

Rezensent:

Diegel, J. Gustav

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1884. Nr. 7.

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Bedingungen der irdifchen Exiftenz einer Perfon ein-
fpruchsfrei ift, Gott als Perfon vorzuftellen.

Giefsen. F. Kattenbufch.

Jacob y. Prof. Univ.-Pred. Dr. Herrn., Christliche Tugenden.

Predigten. Gotha, F. A.Perthes, 1883. (111,109 S.gr.8.)
M. 2. —

In 13 Pedigten werden gut ausgewählte chriftliche
Haupttugenden dargelegt. Die Ueberfchriften nennen
diefelben mit je Einem Worte überhaupt; auch die etwas
näher beftimmten Ankündigungen innerhalb der Predig- :
ten können meift weit eher Ueberfchriften als eigentliche
Themata genannt werden. Oefter befteht die Be- !
grenzung nur in dem Beiworte ,chriftlich' oder ,heilig'.
So weite Themata werden dann natürlich nur nach
einzelnen Seiten hin behandelt, und die engeren Gefichts- !
punkte der Betrachtung pflegen erft in den Theilen her- 1
vorzutreten. Einfeitige Moralpredigten, wie fie der I
Rationalismus veranlasste, liegen hier durchaus nicht vor;
die Tugenden werden vielmehr in inniger Verbindung
mit dem Glauben dargeftellt. Der Verf. verweilt lieber
bei den Wurzeln und feineren Grundlagen des chrift-
lichen Lebens, als er in die äufseren und einzelnen Be- 1
thätigungen desfelben genau eingeht. Seine Dispofitions-
weife ift feltener die ftreng analytifche als die thematifch-
analytifche oder auch rein thematifche. Die Predigten
wachfen demnach keineswegs immer bloss aus den freigewählten
Texten hervor, aber fie fchliefsen fich deren
Hauptgedanken in geiftvoller Weife an. Für Texterklärung
im eigentlichen Sinne gefchieht wenig. Die
Partitionen find fehr einfach und fachgemäfs. Aus welchen
Gründen und auf welchen Wegen fich die Ausführung ;
innerhalb der Theile entwickelt, erkennt man nicht
immer bei dem erften Blicke. Schärfere Prüfung jedoch |
wird auch dann eine wohlüberlegte und finnreiche An- ]
läge entdecken. Die Sprache zeichnet fich nicht durch ;
befondere Volksthümlichkeit, alfo Anfchaulichkeit, Deutlichkeit
und Kraft aus, aber fie ift klar in ihrer Art,
anmuthig und wohlgebildet. An fchwungvollen Stellen
und fchönen, gut ausgeführten Bildern fehlt es nicht.
Feine, finnreiche, religiös werthvolle Gedanken erfreuen
in grofser Anzahl. Wie der Verf. einerfeits fehr ernft I
in die Tiefen des Himmelreiches eingeht, fo beurtheilt
er andererfeits die irdifchen Verhältnifse mit mafsvoller
Besonnenheit. Ueberall merkt man nicht bloss den
kenntnifsreichen pofitiven Theologen, fondern auch den
religiös erfahrenen Chriften warmen Herzens und frommen I
Gemüthes. Kennzeichnend in diefer Beziehung ift S. 62
in der Predigt über die chriftliche Treue die Stelle:
.Nicht durch die Kraft wiffenfehaftlicher Forfchung, !
fondern durch die Kraft des Lebens vor Gottes Augen,
durch den Gebetsumgang mit ihm, durch die Gemein-
fchaft feines Reiches wird die Glaubenstreue im Kampfe
gegen die Verfuchungen der Weltweisheit bewahrt und
befeftigt'. — Uns hat die theologifche und religiöfe
Haltung diefer Predigten in hohem Grade befriedigt,
und wenn wir auch diefelben als vorzugsweife für Gebildete
genufsreich bezeichnen und fürchten müffen, dafs
bei Anderen Vieles nicht zu voller Wirkung kommt, fo
wird doch in ihnen jedermann mannigfache Erbauung
finden. Ungeübteren kann ja bei dem Hören ein ausdrucksvoller
Vortrag grofse Hülfe leiften. Auch da, wo
reicher und fchwerer Inhalt in knapper, hochgehaltener
Sprache dargeftellt wird, hat man nie das unangenehme
Gefühl, als ob fich Beftandtheile eines Collegheftes auf
die Kanzel verirrt hätten. Gehaltvolle, forgfältige Arbeiten
eines feinen Geiftes und Herzens find diefe Predigten
alle; am vorzüglichften aber erfcheinen uns
diejenigen, welchen am meiften Einfachheit, Ueberficht-
lichkeit und anfehauliches Hereintreten in das concrete
Leben nachgerühmt werden dürfen.

Friedberg. Diegel.

1. Firnhaber, Geh. Reg.-R. a. D. Dr. C. G., Die Nassauische
Simultanvolksschule. Ihre Entftehung, gefetzliche
Grundlage und Bewährung, nebft einer Gefchichte der
alten Naffauifchen Volksfchule. 2 Bde. Wiesbaden,
Kunze's Nachf., 1881 u. 83. (VIII, 368 u. IV, 484 S.
gr. 8.) M. 10. —

2. Keferstein, Dr. H., Die Confessionsschule und ihre Con-
sequenzen. Wien, Pichler's Wwe. & Sohn, 1883. JX,
180 S. gr. 8.) M. 2. —

Zwei Schriften zur Empfehlung der Simultan- und
Bekämpfung der Confeffionsfchule. Die erfte Schrift hat
durchweg apologetifche, die andere polemifche Tendenz.
Firnhaber geht darauf aus, durch die Gefchichte der
naffauifchen Simultanfchule, die fegensreichen Folgen
derfelben zur Förderung des confefüoncllen Friedens zu
zeigen; Keferftein zieht mit Eifer gegen die Confeffions-
fchulen in ihren Confequenzen zu Felde. Das bisherige
Herzogthum Naffau war ein aus 24 einzelnen Territorien
zufammengefetzter Staat von nicht grofsem Umfang, aber
von 3 refp. 2 verfchiedenen Confeffionen bewohnt, nachdem
nämlich dafelbft die Union zwifchen Lutheranern und
Reformirten vollzogen war; Proteftanten und Katholiken
wohnen hier fo vermifcht neben einander wie fonft faft
nirgends in unferem confeffionell zerklüfteten Vaterland.
Wir finden es darum natürlich, dafs die dortige Regierung
das Schulwefen auf einheitlicher Grundlage zu ordnen
fich beftrebte mit der Tendenz, dafs die Confeffionen
friedlich unter einander wohnen könnten. Allerdings war
gegenfeitige Toleranz fchon v o r hänführung der Simultanfchule
vorhanden, und zwar in einer Weife, wie fie fpäter
nicht mehr gefunden wurde und wie fie uns faft als ein
Phantafiegebilde vorkommen möchte. Katholifche Pro-
fefforen forderten unter Bekämpfung des kath. Dogma's
von der alleinfeligmachenden Kirche und von der Unfehlbarkeit
des Papftes zu gegenfeitiger Eintracht auf. Bei
verfchiedenen Feften befuchten Katholiken und Proteltanten
gemeinfehaftlich den katholifchen und evange-
lifchen Gottesdienft, ja die Geiftlichen fungirten vereint
in derfelben Kirche und reichten fich die Bruderhand.
Auch die erften Bifchöfe in Limburg waren in einer
Weife tolerant, dafs fie heutigen Tags der ernften Rüge
von Seiten des Papftes fich zu gewärtigen hätten. Sie
legten der Simultanfchule kein Hindernifs in den Weg.
Alle diefe Verhältnifse hat der Verf. actenmäfsig ge-
fchildert. Er hatte bei feiner Arbeit den grofsen Vortheil
, dafs ihm aus feiner Dienftthätigkeit die Acten
grofsentheils bekannt waren, und dafs ihm die Benutzung
derfelben ohne die geringfte Schwierigkeit geftattet wurde.
Er konnte nicht blofs die betreffenden Gcfetze und Verordnungen
authentifch mittheilen, fondern auch Auszüge
aus den Gutachten der verfchiedenen Schulreferenten.
Diefe Mittheilung ift allerdings für weitere Kreife von
geringerem Intereffe und erfchwert fogar theilweife ein
wenig die Ueberficht, aber für ein fpecielles Studium der
I naffauifchen Schulgefchichte find fie nicht ohne Bedeutung,
] fodafs wir dem Verf. dankbar fein müffen für die grofse
1 Mühe und Sorgfalt, mit welcher er hierbei verfahren ift.
Anerkennen müffen wir noch befonders die übjectivität,
welche in der ganzen Arbeit von Anfang bis Ende trotz
der in allen Punkten hervortretenden Vorliebe des Verf.'s
für die Simultanfchule nicht zu verkennen ift. Auch die
Gegner derfelben, zu denen fich Ref. offen bekennt,
werden aus diefer Schrift manches lernen und fich zu
merken haben, was geeignet ift, fie vor Einfeitigkeit zu
bewahren. Es giebt Verhältnifse, wo die Simultanfchule
ganz an ihrem Platze ift, wie fie auch in Naffau gleich-
fam indicirt war. Auch ift anzuerkennen, dafs auf die
Confeffionen die nöthige Rückficht genommen wurde,
und dafs man im Allgemeinen alles zu vermeiden fuchte,
was religiöfen und confeffionellen Anftofs erregen konnte.
Darin aber ift der Verf. im Irrthum, wenn er behauptet,