Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1884 Nr. 3

Spalte:

75-76

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Frommhold , W. (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Sammlung von Vorträgen 1884

Rezensent:

Krauss, Alfred

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

75

Theologifche Literaturzeitung. 1884. Nr. 3.

76

noch dem Staat, als der Kirche diene, denn fie fei, wie
kaum etwas anderes, ein Zufammenfaffen und ein Wirken
der ftaatserhaltenden Kräfte. An Stelle einer Definition
der I. M. ftchen vier treffende und erfchöpfende Merkmale
: 1. Sie ift chriftlich. 2. Sie ift barmherzige rettende
Liebe. 3. Sie ift Freiheit und Freiwilligkeit. 4. Sie ift
Zufammenfaffung von Kräften oder Affociation.

Im II. Theil ftellt der Verf. dann die Forderung auf:
Verpflanzung der I. M. auf das Land. Aus dem Leben
weift er das Bedürfnifs dazu nach und widerlegt die
Einwürfe. ,Es wird die Zeit kommen, da wird man in
manchen Orten nicht begreifen können, wie man früher
ohne Pfennigfparkaffe, ohne Gemeindepflege, ohneKinder-
bewahranftalt fein konnte'.

Sehr fein ift die Bemerkung, dafs die Ausdehnung
der I. M. auf das Land den Anftalten der I. M. felbft
zu gutekommen, ihnen Arbeitskräfte zuführen werde, denn
erft durch den Anblick der Arbeit felbft werde die Luft
dazu geweckt.

Die praktifchen Vorfchläge desVerfs'. gehen nun dahin
, Gemeindefchweftern anzuheilen, welche zu gleicher
Zeit Krankenpflege üben und Kleinkinderfchule halten
follen. Durchaus überzeugend weift erNothwendigkeit und
Möglichkeit diefer Verbindung nach. Allerdings mufs
bei anfteckenden Krankheiten die Kleinkinderfchule ausgefetzt
werden, aber das fchadet auch nichts. Die
Schwefter ift eben für beides da und treibt immer das,
was gerade im Augenblick am nothwendigften ift. In
der Kleinkinderbewahranftalt follen dann noch ein oder
zwei Zimmer für Sieche und Verlaffene eingerichtet werden
, dort follen andere Arbeiten der I. M., Pfennigfparkaffe
, Bibliothek, Suppenanftalt, Armenvorräthe ihre Unterkunft
finden. Sehr treffend ift, was über die Noth-
wendigkeit, dafs die Schwefter eine Ortsfremde fei und
an dem Verband einer Anftalt einen Halt habe, gefagt
wird. Ob es aber nicht zweckentfprechender fein wird,
wenn die Schwefter vom Kirchenvorftand angeftellt ift,
als wenn fie einem freien Vorhände unterfteht?

Es kann nicht zweifelhaft fein, dafs diefe Vorfchläge
dem wirklichen Bedürfnifs entfprechen, und dafs fie bei
gutem Willen an vielen Orten durchführbar fein werden.
Der Verf. giebt auch dafür noch praktifche Winke.

Es ift eine weite Perfpective, welche durch diefe
Gedanken eröffnet wird, und grofse neue Aufgaben
werden damit unferen Diakoniffenhäufern geftellt. Möchte
das treffliche Schriftchen die weitefte Verbreitung finden
und zur Verwirklichung diefer Gedanken fruchtbare Anregung
geben!

Giefsen. G. Schloffer.

Sammlung von Vorträgen, herausgegeben von W. From-
mel und Friedr. Pfaff. 9. Bd. 3., 6. u. 10. Hft. Heidelberg
, C. Winter, 1883. (8.) M. 2. —

3. Schaarschmidt, Prof. Dr. C., Ueber den Unsterblich-
keitsglauben. Ein Vortrag. (34 S.) M. —. 60.

Zwingende wiffenfehaftliche Beweife giebt es weder
für noch wider die Unfterblichkeit der Seele. Unfer
moralifches Bewufstfein nöthiget uns aber, auch wenn
Kant feinen Beweis irrig formulirt hat, zur Annahme
derfelben. Dies wird mit warmem Appell an das Ge-
müth und mit einigen Seitenhieben auf Spiritismus und
egoiftifche Kirchlichkeit gut durchgeführt.

6. Krümmel, Lic. L., Die Religion der alten Aegypter.

(29 S.) M. —. 60.

Auch die hamitifchen Völker feien urfprünglich
Henotheiften gewefen. Dafür habe die Aegyptiologie
den Beweis erbracht. Als Schlufs: ,es wird keine allzu
gewagte Hypothefe fein, wenn wir annehmen: die Verehrung
des wahren Gottes ift von der nach der Sintflut
in Aegypten eingewanderten Pkamilie Ham's als eine

Mitgift aus dem Haufe Noah's mitgebracht worden'.
Die Prüfung diefer Hypothefe wollen wir dahingeftellt
fein laffen, dagegen auf die Darftellung des in polythc-
iftifchen Formen verborgenen Henothcismus der Aegypter
als auf ein wohl abgerundetes Bild aufmerkfam machen.

10. Kleinert, Prof. Dr. P., Die revidierte Lutherbibel.

(37 S.) M. — 80.

Der Verfaffer legt mit wünfehenswerthefter Klarheit
und Bündigkeit fowohl die Gründe dar, welche das Ge-
wiffen der deutfehen evangelifchen Kirche und Theologie
zu einer Revifion der Lutherüberfetzung drängten, als
auch die Grundfätze, von denen fich die Commiffion,
welche dazu eingefetzt wurde, leiten liefs. Der hier be-

1 fprochene Gcgenftand gehört zu den allerwichtigften des
kirchlichen Lebens in Deutfchland. Er nimmt nicht blofs
des Pfarrers Intereffe in Bezug auf alle feine fpeeififeh
kirchlichen Thätigkeiten (Predigt, Jugendunterricht, Seel-
forge), fondern eben fo fehr die Theilnahme des bibel-
lefenden und den Gottesdienft befuchenden Laien in

! Anfpruch. Je verworrener die Anflehten find, defto
dringender thut fachkundige Belehrung Noth, wie fie
hier geboten wird. Der Vortrag Kleinert's fei wärmftens
empfohlen.

Strafsburg iE. Alfred Kraufs.

Zeitfragen des christlichen Volkslebens. Begründet von
Oberkirchenr. Dr. Mühlhäufser und Prof. Dr. Geffcken.
Fortgeführt v. E. Frhrn. v. Ungern - Sternb erg und
Pfr. G. Schloff er. 8. Bd. 7. Hft. und 9. Bd. 1. Hft.
Heilbronn, Henninger, 1883. (gr. 8.) M. 2. 60.

VIII, 7. Nathusius, Paft. Martin v., Naturwissenschaft und
Philosophie. Zur Beleuchtung der neueften materialift-
ifchen Kundgebungen du Bois-Reymonds u. A. (70 S.)
M. 1. 20.

Ausgehend von der vielbefprochenen Rede, die
du Bois-Reymond am 25. Jan. 1883 gehalten, wendet
fich Nathufius zu dem Nachweife, dafs nicht blofs der
Darwinismus in feinem keckften Vertreter Pläckel, fondern
auch die Naturwiffenfchaft eines Virchow und du Bois-
Reymond eine feichtc epikureifche Philofophie unter dem
Scheine von Naturforfchung fei. Er befchränkt feine Anklagen
lediglich auf die philofophifche Seite diefer Naturwiffenfchaft
und ftützt fie theils durch naturwiffenfehaft-
liche, theils durch philofophifche Gründe. Manchmal
läfst ihn fein Pathos über das Ziel hinausfehiefsen. Zu
einer alle Zweifel löfenden Behandlung ift der Raum viel
zu enge. Doch ift die Darfteilung fcharffinnig und mannigfach
belehrend.

IX, 1. Weber, Paft. em. Dr. Ed., Der moderne Spiritismus.

(84 S.) M. 1. 40.

Unter völliger Ignorirung der wiffenfehaftlichen Erklärung
vifionärer Zuftände, giebt der Verf. eine Gefchichte
des Spiritismus von überlin und Stilling an bis auf die
neuefte Zeit, Die Möglichkeit des Verkehrs mit jenfeitigen
Geiftern wird zugegeben. Daher könne an den fpiri-
tiftifchen Gefchichten viel Wahres fein. Aber die citirten
Spirits feien nur die Eph. 2, 2 erwähnten. Einem Chriften
müffe deshalb der Spiritismus ein Gräuel bleiben, um
fo mehr als auch fo mannigfacher Betrug mit unterlaufe
und der in Krankheit, Verrücktheit, Verbrechen fich
äufsernde Schaden, den der Spiritismus anrichte, immer
offener zu Tage trete.

Strafsburg i/E. Alfred Kraufs.