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Ausgabe:

1884 Nr. 26

Spalte:

629-634

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jeep, Ludw.

Titel/Untertitel:

Quellenuntersuchungen zu den griechischen Kirchenhistorikern 1884

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1884. Nr. 26.

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Gedanke ift in etwas ftarke Ausdrücke gekleidet. Aber
der Verf. prefst diefelben in ungerechtfertigter Weife,
wenn er in v. 16 den Sinn findet, Paulus predige nur
gezwungen (S. 167), durch äufserliche Umftände, aber
nicht durch fittliche Motive gezwungen, bei innerer Abneigung
oder Indolenz, fein Predigenmüffen fei ein Straf-
und Fluchverhängnifs (S. 164 f.). —Etwas Anfprechendes
hat die Erklärung von 1 Cor. 12, 31: erftrebt lieber die
gröfseren d. h. perfönlich-fittlichen Charismen! Und wenn
ihr etwas (y.al ti ti) ganz Unvergleichliches erftreben
wollt, fo zeige ich euch im Folgenden an mir felbft den
Weg dazu. Den Ausgangspunkt für diefe Faffung bildet
aber die unrichtige Meinung des Verf.'s, Paulus habe in
Cap. 13 die Liebe an Stelle der aufserordentlichen
Geiftesgaben als das Erftrcbenswerthe ohne Gleichen hin-
ftellen wollen, neben dem jene gar nicht mehr erftre-
benswerth erfcheinen (S. 190 f.). Dagegen fpricht deutlich
Cap. 14, 1 ff., wonach P. die Liebe als das abfolut Er-
ffrebenswerthe in der Abficht preift, um dann nach dem
durch fie gegebenen Mafsffabe der Heilfamkeit für
Andere die Geiftesgaben beurtheilen zu laffen. Wie wenig
der Verf. diefen Zufammenhang verftanden hat, zeigt recht
fein in diefer Beziehung gänzlich unpaffendes Beifpiel
von den Leibesübungen des Jünglingsvercins. — In 16, 22
mag bei den gewöhnlichen Erklärungen etwas Befremdliches
zurückbleiben, aber ficher nicht weniger befremdlich
wäre es, wenn P. hier, wie der Verf. will, die Weigerung
des gebräuchlichen Bruderkuffes ohne Weiteres
als eine Weigerung den Herrn Jefum zu küffen {qjthiiv)
bezeichnet und mit der Excommunication belegt hätte,
die Chriften aber ihren Bruderkufs mit den Worten ,der
Herr ift das Zeichen' begleitet haben follten.

Uebrigens gefteht Ref. gerne, obfehon er dem Verf.
auf feinen exegetifchen Wegen und zu feinen Zielen hin
fo gut wie gar nicht zu folgen vermag, doch durch die
feinen, fcharffinnigen und gelehrten Unterfuchungen des-
felben zu neuem Nachdenken über eine Reihe exegetifcher
Probleme willkommene Anregung erhalten zu haben.

Erlangen. Sieffert.

Jeep, Dr. Ludw., Quellenuntersuchungen zu den griechischen
Kirchenhistorikern. iBefonderer Abdruck aus dem
14. Supplementbande der Jahrbücher f. claffifche
Philologie S. 56—178.) Leipzig, Teubner, 1884. (gr. 8.)
M. 2. 40.

Jeep. Dr. Ludw.. Zur Geschichte Constantin des Grossen.

(Hiftorifche und Philofophifche Auffatze, Ernft Curtius
zu feinem 70. Geburtstage am 2. Sept. 1884 gewidmet,
S- 79—95 ) Berlin, Asher & Co., 1884. (gr. 8.)
I. In der vorftehenden Arbeit haben wir endlich einmal
umfaffende Unterfuchungen über die Quellen und das
Abhängigkeitsverhältnifs der byzantinilchen Kirchen-
hiftoriker erhalten. Was der Verf. auf 7—8 Druckbogen
geboten hat, ift fo reichhaltig und dabei von fo grundlegender
Wichtigkeit, dafs der Kritiker vor Allem die
Pflicht hat, über die Ergebnifse der Unterfuchungen zu
berichten. Ich werde verfuchen, im Folgenden diefelben
darzulegen, und mich auf kurze Bemerkungen befchränken.
Der Kühnheit des Verfaffers bei der Annahme von Benutzungen
vermag ich in vielen Fällen nicht zu folgen;
wirkliche Sicherheit ift häufig defswegen nicht zu erzielen,
weil wir die wichtigften Werke theils überhaupt nicht
mehr, theils nur in Auszügen befitzen.

1. Philoftorgios (S. 56—64). Es wird nachgewiefen,
dafs derfelbe fpäteftens i. J. 365 geboren ift und mithin
feine Kirchengefchichte in einem Alter von mindeftens
60 Jahren gefchrieben hat. Ob er noch am Leben war,
als die KGG. des Sokrates und Sozomenos erfchienen,
ift zweifelhaft. Phil, hat nach Eunapios gearbeitet, was
bewiefen wird 1) aus dem Verhältnifs zu Zofimos und

I anderen Ausfchreibern des Eunapios, 2) aus den Ueber-
einftimmungen mit Ammian, der von Eunapios aus-
gefchrieben worden ift (f. Jeep, Quaestioncs Frieder. 1881
gegen Sudhaus, de ratione quae intercedat tnter Zosimi
et Ammiani etc. relationes 1870). Eine directe Benutzung
des Ammian durch Phil, wird abgelehnt. Auch Zonaras
wird zum Beweife herangezogen, der den Eunapios
(direct oder indirect) verwerthet habe. Für erwiefen

I kann ich die Abhängigkeit des Phil, von Eunapios nicht

j halten. Hier wie überhaupt an vielen Stellen Itatuirt
Jeep bereits ein Abhängigkeitsverhältnifs zwifchen zwei
Hiftorikern, wenn fie, fei es auch in ganz anderen
Worten, in ihrer Darfteilung oder in ihrer Beurtheilung
eines einzelnen Factums refp. einer Perfönlichkeit zu-

| fammenftimmen. Allein in folchen Fällen reicht die Annahme
derfelben, mündlichen oder fchriftlichen, Ueber-
lieferung bereits aus oder mufs doch mindeftens allem

1 zuvor forgfältig erwogen werden.

2. Eunapios und Zonaras (S. 64—73). Zonaras
j geht auf Eunapios zurück, was durch eine Vergleichung
| des Letzteren mit Zofimos erwiefen werden foll. Zonaras
I ift dem Philoftorgios gegenüber felbftändig, mag diefe

Selbftändigkeit auch nur indirecten Beziehungen zu
Eunapios verdankt werden.

3. Philoftorgios und ülympiodoros (S. 73—81).
; Phil, hat auch den Olymp, benutzt (Excurs: obgleich
I beide Hiftoriker mit ihren Darftellungen bis 425 gehen,
j ift O. die Quelle*); denn 1) an eine Benutzung eines

Kirchenhiftorikers durch einen Heiden könne nicht gedacht
werden [r], 2) O. fei überhaupt bei den Kirchen-
hiftorikern beliebt gewefen, 3; die Annahme einer gemein-
famen Quelle fei nur eine abftracte Möglichkeit, da wir
von keinem Fortfetzer des Eunapios aus dem Anfang
des 5. Jahrh. wiffen). Der Beweis, der hauptfächlich nach
den Ausfchreibern des Ol., Zofimos und Sozom., geliefert
werden mufs, ift m. E. nicht ganz überzeugend. Es find
doch manche Differenzen vorhanden, und Phil, bietet oft
j Genaueres als jene Ausfchreiber und als die uns erhal-
1 tenen FVagmente des OL, was Jeep dann durch einen
' Machtfpruch auf Ol. felbft zurückführt. Beiläufig deutet
i Jeep auf eine befondere chriftliche Kosmographie hin,
die Phil. III, 6 sq. und XII, 9 sq. benutzt fei; über diefelbe
will er demnächft handeln.

4. Philoftorgios und Theophanes (S. 81—86).
Jeep zeigt, dafs Theoph. nachweisbar faft durchweg auf
andere Quellen als auf Phil, zurückgeht und ftellt die

! directe Benutzung desfclben durch Theoph. beftimmt in
[ Abrede; nur durch Vermittelungen fei Philoftorgifches
• Gut zu Theoph. gekommen (durch Theodoret, das Chron.
pasch, u. f. w.J. Die Nachweife Rheinen mir hier fchlagend
j und für die Gefchichte des Werkes des Phil, in der Kirche
höchft werthvoll.

Dasfelbe gilt von den Abfchnitten 5 und 6 (Zu den
1 Quellen des Theophanes S. 86—98; Philoftorgios
j und Nicophoros Kall. S. 98—105;. Zum Abfchlufs
j des Beweifes, dafs man aus Theoph. für Phil, nichts ge-
] Winnen könne, analyfirt Jeep die Quellen desfelben
j genau (für die SS. 29—106 der Bonner Ausgabe; S. 106 ff.
; ift analyfirt worden von Sarrazin i. d. Comment. Jenens.).

Man erhält hier ein lehrreiches Bild von der Weife, in
, welcher die fpäteren byzantinifchen Kirchcnhiftoriker gearbeitet
haben. Es find nur kirchliche Quellen benutzt.
In Bezug auf Niceph. wird durch eine Analyfe des
13. Buches der Beweis geliefert, dafs derfelbe lediglich
die uns erhaltenen FVagmente des Phil, gekannt und im
Eingang feines Werkes die von ihm benutzten Quellen
nicht vollftändig angegeben hat.

7—9. Zu den Quellen des Sokrates S. 105_137.

Sokrates und Sozomenos S. 137—154. Theodo-
detos S. 154—157- Durch die hier gebotenen Unter-

*) Dafs Zofimos im J. 425 bereits geftorben war, darüber f h
Rhein. Mufeum XXXVII. S. 425 fl ' J