Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1884 Nr. 25

Spalte:

602-604

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pflugk-Hartung, Jul. von

Titel/Untertitel:

Iter Italikum 1884

Rezensent:

Harnack, Otto

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

6oi

Theologifche Literaturzeitung. 1884. Nr. 25.

602

ihrem Mufter erhoben. Durch folche ,Repräfentation der
allgemeinen Ideen knüpfte Juftinian das Volk an die
Monarchie.'

Die äufseren Ereignifse der Regierungszeit Juftinian's
zeigt R. als durch drei Grofsmächte beflimmt: neben
dem Kaifer die Franken und die Perfer; nur fo lange die
letzteren in Ruhe gehalten werden, kann fich der Kaifer
nach Weiten wenden. Um die Freundfchaft der Franken
wetteifert er mit den Ofigothen; die letzteren erhalten
den Vorzug, da die nationale Gemeinfamkcit über die
religiöfe Feindfchaft gegen den Arianismus fiegt; dennoch
unterliegen die Gothen im Kampfe; ,Italien fchien wirklich
für das römifche Imperium zurückerobert'. So übermächtig
war des Kaifers Autorität, dafs felbft der römifche
Stuhl fich ihm nicht zu widerfetzen wagte; vor
dem auf Wunfeh des Kaifers gefafsten Befchluffe des
Concils zu Conftantinopel wich Vigilius zurück und fein
Nachfolger Pelagius ,trat ebenfalls den Tendenzen des
Kaifers bei'. ,lier Verfuch, die Einheit der Kirche im
Orient zu behaupten und über den Occident auszudehnen',
war gelungen.

Der fchnelle Verfall des juftinian eifchen Baues wird
in den vier letzten Capiteln des Bandes, die wohl dem
allgemeinen Intereffe am fernften liegen dürften, darge-
ftellt, indem die Gefchichte des Kaiferthums bis auf
Conftans, die Italiens bis auf Papft Severinus, die der
germanifchen Völker bis aufGrimoald, Reciswinth, Chlo-
thar II., und Oswin den Angelfachfen, alfo bis zur Mitte
des fiebenten Jahrhunderts geführt wird. Nach Juftinian's
Tode trat das germanifche Princip mit Mächtigkeit wieder
hervor'. Für YVeftgothen und Langobarden in Spanien und
Italien ,wurde der Gegenfatz gegen die oftrömifchen An-
fprüche ein Antrieb, fich mit den Provinzialen zu verständigen
; vollendet wird diefe Verbindung durch die
Annahme des Katholicismus; die Kirche hat bei der
Verfchmelzung der Nationalitäten hier wie auch in Gallien
das Befte gethan.' ,Das Syftem, welches hierdurch auf
dem weltlichen Continent begründet wurde, war bereits
itark genug, auf Britannien zurückzuwirken.' Auffallend
ift, dafs Irland gar nicht bcrückfichtigt wird.

Das Imperium verlor feine Bedeutung; die chriftliche
Kirche und das römifche Rechtsfyftem erhielten den
univerfalhiftorifchcn Zufammenhang; fie leiteten die Elemente
der Cultur in die neuen Reiche über, wo fie mit
den nationalen Gewohnheiten zufammenftiefsen, — in
,Werkftätten des allgemeinen und befonderen Lebens der
MenSchheit.' — —

Zum Schluli'e noch einige Worte über die .Analekten',
die das letzte Drittheil des zweiten Halbbandes einnehmen
. Auch diesmal Sollen fie vorzüglich einer Gefammt-
würdigung der wichtigsten Autoren, nicht der lfinzelkritik
dienen. Eufebius, Zofimus, Procop, Jordanes und Gregor
von Tours werden behandelt, die Vita Constantini wird
trotz ihrer eutfehiedenen oratorifchen Färbung und reli-
giöfen Tendenz doch im Ganzen als zuverläffig beur-
theilt. ,Bei einer hiSorifch-kritifchen Darfteilung wird
man immer auch die früheren Arbeiten des Eufebius
berückfichtigen muffen, nicht allein die letzte, aber auch
diefe hat ihren befonderen Werth.' Intereffant ift R.'s
Urtheil über die berühmte Scene der Erfcheinung des
Kreuzes. ,Ueber das Objective, das Myfterium hat die
Hiftorie kein Urtheil; aber das fubjective Moment . . .
darf fie nicht mit Stillfchweigen übergehen . .. Wie es fich
auch mit dem Miraculofen verhalten mag, fo läfst fich
doch aus der Erzählung die Stimmung des Kaifers mit
Sicherheit entnehmen. Diefe aber beruhte auf einer von
langer Hand angebahnten, in der Tiefe der Seele ruhenden
, religiöfen Ueberzeugung, die inmitten der Krife die
Oberhand erhielt.' —

Zofimus wird mit Polybius verglichen; wie jener die Erwerbung
der Weltherrfchaft durch die Römer, fo wollte
er den Verluft derfelben durch den Abfall vom Götterglauben
, durch die Vergeudung der Staatsmittel, durch

die Verbindung mit den Barbaren darfteilen; ,ein auf
einen engen Horizont befchränkter Reichsbeamter der
alten Zeit, — heidnifch-orthodox.'

In Bezug auf Procop wird befonders fein Gefchichts-
werk mit den unter feinen Namen gehenden Anecdotis
befprochen; das erftere wird in jeder Richtung gelobt;
die letzteren als eine Compilation verschiedener Stücke
bezeichnet, vereinigt, um fie alle von Procop herzuleiten,
doch fämmtlich zeitgenöflifchen Urfprungs, eine Kundgebung
der Oppofition gegen Juftinian; ein Beftandtheil:
Ergänzungen der Gefchichte, von Procop felbft flammend,
unterrichtend und brauchbar; ein zweiter: Ausfälle auf
Juftinian, ,eine wilde Manifeftation des in der Tiefe wirk-
famen Haffes im mönchifchen Sinne'; ein dritter: ,eine
einigermafsen rationelle Erörterung über die Mängel
feiner Verwaltung.'

Jordanes Getka werden ,als eine auf hiftorifche Vor-
ftudien bafirte, aber zugleich auf den Moment angelegte,
politifch-hiftorifchc Arbeit' charakterifirt, und Caffiodor
als der intellectuelle Urheber derfelben vermuthet; Jordanes
hätte nur den Namen gegeben; er wäre mehr Re-
dactor als Autor.'

Mit entfehiedener Sympathie wird Gregor von Tours
beurtheilt; zwar werden Fredegar und die Gcsta Francorum
ihm als eigenartige, felbftändig-werthvolle Quellen zur
Seite geftellt; feine .exaete Richtigkeit' wird bezweifelt;
dagegen aber feine hiftorifche Art und Kunft als mafs-
gebend für das gefammte Mittelalter hoch gewürdigt.
.Wollte man die Epoche des Ueberganges der alten
Weltanfchauung in die chriftliche im Allgemeinen angeben
, fo möchte die zweite Hälfte des fechften Jahrhunderts
als dafür entfeheidend zu bezeichnen fein. Am
meiften hat Gregor felbft hiezu beigetragen.' — —

Wir haben verbucht, aus der Fülle der Einzelheiten
des vorliegenden Bandes die zu Grunde liegenden und
verbindenden Ideen hervorzuheben, die oft in langen
Abfchnitten faft gänzlich verdeckt erfcheinen; noch weniger
als die bisherigen Bände ift diefer für leichte und
fchnelle Leetüre gefchaffen; wer aber die Mühe der Vertiefung
und der Durchforfchung auch mancher einförmiger
und weniger anziehender Partien nicht gefcheut
hat, wird auch hier in Verftändnifs und Beurtheilung der
dargeftellten Epoche fich weit gefördert fehen.

Birk enruh bei Wenden. Otto Harnack.

Pflugk-Harttung, Prof. Dr. Jul. v., Iter Italicum, unternommen
mit Unterftützung der Kgl. Akademie der
Wiffenfchaften zu Berlin. 2 Abtheilgn. Stuttgart, Kohlhammer
, 1883 u. 84. (XIV, 908 S. gr. 8.) M. 25.—

Das vorliegende Werk würde wegen der Summe von
Arbeit, die darin niedergelegt ift, fowie wegen der Fülle
[ des neuen dargebotenen Materials der allgemeinen Anerkennung
ficher fein, auch wenn der Verf. in der Einleitung
weniger gefliffentlich den eigenen Fleifs zu rühmen
I und die Leiftungen feines nächften Vorgängers (Kalten-
: brunner) herabzufetzen fich bemüht hätte.

Dafs das grofse Werk der Regesta pontif. usq. ad a.
1198 trotz der ungeheueren Arbeitskraft Jaffe's dennoch
! bei weitem nicht das Material erfchöpfen konnte, war
unvermeidlich, und über eine Reihe von Ergänzungen
hatte der neue Herausgeber des Werkes bereits 1879 »t
den Sitzungsberichten der Wiener Akademie referirt, indem
er die Ergebnifse einer bis Rom ausgedehnten For-
fchungsreife verwerthete. Weit jedoch find diefe Ergebnifse
durch das vorliegende Werk übertroffen, indem der
Verfaffer nicht nur feine Reife bis Neapel ausdehnte
fondern auch in den fchon von Kaltenbrunner befuchterl
Städten eine Reihe von Jenem bei Seite gelaffener Archive
fich zu eröffnen verftand, und aufserdem auch die
Unterfuchungen Kaltcnbrunner's nachprüfend vielfach
berichtigte.

**