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Ausgabe:

1884 Nr. 24

Spalte:

587-588

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Majer, Bist du ein Geistlicer? Eine Pastoralfrage über Predigt und Seelsorge. I. Tl. 2.

Titel/Untertitel:

verm. Aufl 1884

Rezensent:

Bassermann, Heinrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1884. Nr. 24.

588

den gegenwärtigen Stand der allgemeinen Religions-
wiffenfchaft auch der aufserdeutfchen Länder.

Ref. mufs es fich vertagen, näher auf diefen Abfchnitt
einzugehen. Nur 2 Punkte feien erwähnt, ein fcherzhafter
und ein betrübender. Der fcherzhafte: Bei der Befprechung
von Stirners ,Der Einzige und fein Eigenthum* wird dem
erkenntnifstheoretifchen Nominalismus allen Ernftes die
Perfpictive eröffnet, dafs der cynifche Egoismus die
Confequenz feiner Denkweife fei. Der betrübende: Er
betrifft Pfl.'s Beurtheilung des Buches von W. Herrmann:
,Die Religion im Verhältnifs zum Welterkennen und zur
Sittlichkeit'. Nicht zufrieden damit, dafs er ihm abge-
fehen von Deismus, irreligiöfem Moralismus, katholifchem
Auctoritätsftandpunkt fogar Schuld gegeben hat, er fei
in der Frage nach der Realität der Gottesidee zweideutig,
was doch wirklich zur Stillung feines Zornes gegen
diefen Theologen ausgereicht hätte, hat er fich fogar
dazu herbeigelaffen, mit dem Verf. der Kaftan-Reichard-
Artikel um die Palme zu ringen und H. der Unaufrichtig-
keit zu bezichtigen. Dabei citirt er den folgenden
Satz H.'s: ,Dabei brauchen wir das Opfer des Intellects,
welches nur das eines metaphyfifchen Vorurtheils fein
würde, nicht zu vollziehen, weil wir die Weisheit, auf
welche verzichtet werden foll, gar nicht befitzen', und
fcheut fich nicht, daran die Bemerkung zu knüpfen:
,Hiermit haben wir genug. Denn wiffenfehaftlich läfst
fich mit einem Theologen, der felbft zugiebt, dafs er
das Opfer des Intellects nicht erft zu vollziehen brauche,
ein für allemal nicht weiter verhandeln'. Auf wie ge-
dankenlofe Lefer hat Pfl. bei diefer Verdrehung gerechnet
?

Giefsen. J. Gottfchick.

Majer, Dekan, Bist du ein Geistlicher? Eine Padoral-
frage über Predigt und Seelforge. I. Tl., 2. verm.
Aufl., u. 2. Tl. Gotha, Schloefsmann, 1884. (VII,
142 u. III, 227 S. 8.) M. 4.20.

Dem Ref. ift beim Durchlefen diefer 37 Betrachtungen
über die geiftliche Amtsführung doch fraglich
geworden, ob es rathfam iflt, wenn ein Pfarrer feine mehr
oder minder reichen Amtserfahrungen — nicht etwa
niederfchreibt; denn das ift unter allen Umftändeu ge-
wifs heilfam — wohl aber das fo Niedergefchriebene
dann auch ohne Weiteres veröffentlicht. Dazu gehört
doch, dafs er über feinen Gegenftand Mehr oder Befferes
zu fagen wiffe, als Andere fich auch fagen können oder
fchon gefagt haben, ferner dafs er ihn in einer originellen
, oder wenigftens anziehenden Form darzuftellen verliehe
. Keines von Beidem kann man aber von vorliegendem
Buche behaupten. Der Inhalt desfelben, welcher
die Oberfrage ,Bift Du ein Geiftlicher ?' in die zwei Unterfragen
,Wie predigft Du?' und ,wie feelforgft Du?' zerlegt
, ift faft durchweg derart, dafs man wirklich nur
fagen kann ,Sie haben ja fo Recht', abgefehen von
einem gewiffen pietiftifchen Hauche, welcher nicht nur
in der vorherrfchend biblifchen Sprache, fondern auch
in den Ausführungen felbft fich bemerklich macht (fo
im 1. Bdchn. die 5. u. 8. Betrachtung: Seelforge im
eignen Haufe und öffentlichen Leben) und nicht Jedermanns
Sache ift. Die Form aber ift die einer behaglichen
Converfation und nicht einmal immer correct.
Doch läfst fich nicht fagen, dafs fich das Buch fchlecht
läfe, wie es ja denn auch offenbar gelefen wird. Die
Wiffenfchaft der Homiletik und der Paftoraltheorie kann
es füglich übergehen; es fehlt zu fehr an einem feiten
wiffenfchaftlichen Standpunkte und klaren Principien.
In guten Lehrbüchern der genannten Disciplinen wird
man das Allermeifte beffer gefagt und folider begründet
finden. Wozu alfo diefe im evang. Kirchen- und Schulblatt
für Württemberg 18Ö2 und 1877 fowie in Oehler's
Zeltfchrift , Halte, was Du halt' 1878, 1880, 1881 fchon

zum gröfsten Theile abgedruckten Betrachtungen noch
einmal auf den Büchermarkt bringen ?

Heidelberg. Baffermann.

Kümmerle, S., Encyklopädie der evangelischen Kirchenmusik
. 1—3. Lfg. Gütersloh, Bertelsmann, 1883 und
84. (1. Bd. S. 1—240. gr. 8.) ä M. 2.—

Der Gedanke, welcher dem bis jetzt in drei Lieferungen
vorliegenden Werke zu Grunde liegt, ift als ein
entfehieden glücklicher zu bezeichnen. Durch unfere
Zeit geht das Verlangen einerfeits nach vollerer und
reicherer Betheiligung der Gemeinde am Gottesdienlt,
andererfeits nach Ausfchmückung und Bereicherung der
Liturgie durch die heilige Tonkunlt; diefem Verlangen
entfpricht das in weiten Kreifen erwachte Intereffe für
die Kirchenmufik. Noch aber harrt die Frage nach dem
Begriff und den Ausfchlag gebenden Merkmalen der
Kirchenmufik überhaupt und der evangelifchen Kirchenmufik
insbefondere der endgültigen Löfung: die
Anflehten darüber ftehen einander diametral gegenüber
und es wird noch vieler Arbeit auf dem Gebiete der
Liturgik und der Aefthetik der Tonkunlt bedürfen, bis
die Frage zum Austrag gebracht wird. Bis dahin wird
es, foll die gegenwärtige Bewegung nicht im Sande verlaufen
, vor allem eindringender Studien feitens der Betheiligten
, der Theologen, Cantoren und Organiften bedürfen
, damit nur einmal das Urtheil über liturgifch-mufi-
kalifche Dinge geweckt und gefchärft werde, und es
fleht dabei obenan die Gefchichte des Cultus und der
kirchlichen Mufik. Was bis jetzt über die letztere vorliegt
, ift einerfeits fehr umfänglicher und weitfehichtiger
Natur, andrerfeits nicht vollftändig und nicht immer
zuverläffig; daher kann das Unternehmen, ein Nach-
fchlagebuch zu fchaffen, das die Betheiligten rafch und
ficher über das Nöthigfte und Wiffenswcrthelte orientirt,
! nur mit Freuden begrüfst werden, ohne dafs natürlich
der Befitz eines folchen Buches je von tiefer eindringen-
; der Studien dispenfiren könnte. Solch' ein Nachfchlage-
buch müfste fich legitimiren durch relative Volldändig-
keit und durch Genauigkeit wie Zuverläffigkeit der von
ihm gebotenen Angaben und Daten. Auf dem Gebiete
der Gefchichte der Mufik begegnet jedoch das Streben
nach Vollftändigkeit wie das Streben nach Zuverläffigkeit
in allen Punkten ganz befonderen Schwierigkeiten,
wie jeder weifs, der einmal auf diefem Felde gearbeitet
hat: ganze Strecken der Entwicklung liegen noch in
tiefem Dunkel, eine Unfumme von unficheren Daten ift
i von Buch zu Buch gegangen und hat zuletzt den Schein
! der Gewifsheit erlangt. Ein Nachfchlagebuch, das nur
das Sichere, Ausgemachte und Feftftehende bieten foll
, und will, fordert daher forgfältige Kritik und, was die
I Vollftändigkeit betrifft, eine gewiffe befcheidene Selbft-
befchränkungi'wie fie z. B. an J. Sittard's Compendium der
I Gefchichte der Kirchenmufik rühmend hervorzuheben
ift); die Vorausfetzung für beides bildet die möglichft
gründliche und möglichft allfeitige Vertrautheit mit dem
j gefammten in Frage kommenden Wifiensffoff; Arbeits-
I theiluug fcheint uns wenn irgendwo fo hier geboten, da
I es — wie Ref. aus perfönlicher Erfahrung nur zu gut
weifs — faft nicht möglich ift, dafs Einer das vielfchich-
j tige Gebiet mit völliger Sicherheit beherrfche. Sehen
! wir uns die vorliegenden drei Lieferungen darauf an, ob
I fie den an ein Nachfchlagebuch zu (teilenden Anforde-
I rungen genügen, fo dürfen wir mit Freuden conftatiren,
j dafs das Werk alles in allem und in Erwägung der grofsen
Schwierigkeiten, die es zu überwinden hat, billigen An-
j forderungen entfpricht. Die meiden Artikel geben das
Nöthige in coneifer Form, dützen fich auf die neueden
I Ergebnifse der Forfchung, oder laden P'ragen, die der
j Löfung noch harren, offen. Dafs nicht alle auf gleicher
I Höhe dehen und der oder die Verf. nicht überall