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Ausgabe:

1884 Nr. 24

Spalte:

577-587

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pfleiderer, Otto

Titel/Untertitel:

Religionsphilosophie auf geschichtlicher Grundlage. 2., stark erw. Aufl 1884

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung. 1884. Nr. 24.

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die dabei gehaltenen Vorträge herausgegeben und dadurch
auch Fernerflehenden einen Einblick verftattet in ihr
wohlthuend chriftliches und mildes Wefen. Ober-Confift.-R.
D. Rüling eröffnete fie durch eine Predigt über Hebr.
13, 8, in welcher er Chriftum als den unveränderlichen
Mittel- und Sammelpunkt der Conferenz darffellte. Den
Hauptvortrag hielt der Vorfitzende Prof. D. Fricke über
die kirchliche und theologifche Entwicklung der letzten
25 Jahre. In feiner und lebendiger Weife, überall kurz
charakterifirend, fchildert er, wie der Ultramontanismus
feit dem Dogma von der unbefleckten Empfängnifs er-
ffarkt, wie durch Schleiermacher und Straufs die Perfon
Chrifti der Mittelpunkt der dogmatifchen Arbeit geworden
fei, fodann den Kampf der Neulutheraner gegen die Vermittlungstheologie
, die pofitive Arbeit der inneren Mif-
flon, den evangelifchen Kirchentag und die Eifenacher
Conferenz als Samenkörner der kirchlichen Conföderation,
die Beftrebungen des ProteftantenVereins, deffen Bafis
aber zu vag und leer fei, endlich die evangelifche Allianz.
Auf Sachfen übergehend führt Redner an unferem Auge
vorbei die neue Synodalordnung, die Reorganifation des
Confiftoriums, die neue Gottesdienftordnung und das einheitliche
Gefangbuch, das neue Tauf- und Traugefetz
und die dadurch nothwendige Kirchendisciplin. Mit Recht
erkennt er überall einen Fortfehritt des kirchlichen Lebens,
der fleh auch in Theilung grofser Parochien und Erbauung
neuer Kirchen bekunde. Die Schattenfeiten, dafs
die Kirchenvorfteher noch zu wenig ihre Pflichten begreifen
, dafs Taufe und Trauung verfchmäht oder verzögert
wird, werden in liebenswürdiger Weife nur angedeutet
. Der intereffante Vortrag fchliefst mit einer pietätvollen
Erinnerung an den bedeutfamen Einflufs des verewigten
Liebner.

Am Abend hielt D. G. Baur einen Vortrag über
,Luther und die Politik'. Der Vortrag des zweiten Tages,
gehalten von D. Woldemar Schmidt über den Charakter
und die Abfaffungszeit des Jacobusbriefes, fuchte darzu-
thun, dafs derfelbe vonjacobus, dem Bruder des Herrn,
kurz vor feinem Martyrium (62) verfafst fei. Den Befchlufs
der Conferenz bildeten die Thefen von D. Rud. Hofmann
über die freien kirchlichen Vereinsthätigkeiten und die
Kirche. Wenn derfelbe die Forderung aufftellte, die
Kirche müffe jetzt anfangen, die Arbeiten, welche fie
bisher freien Vereinen überliefs, felbft in die Hand zu
nehmen, fie müffe nicht nur Vorgefetzte, fondern Vorfitzende
derfelben werden, fo wird es wohl nicht an
lebhaftem und wohlbegründetem Widerfpruch gegen
diefe Forderung gefehlt haben.

Das Heftchen wird befchloffen durch eine kurze
Gefchichte der Meifsner Conferenz von D. Woldemar
Schmidt und durch die Mittheilung der 26 Tagesordnungen.

Den Werth diefer Conferenz finden wir mit Profeffor
Fricke darin, dafs fie bei der Verfchärfung des confeffio-
nellen Gegenfatzes den grofsen kirchlichen Blick erhalten
foll. Je weniger in unferen Tagen die Kirchenpolitik
darauf aus fein kann, beftehende Landeskirchen dogma-
tifch oder auch nur regimentlich zu verbinden, um fo
mehr ift die Conföderation unter Wahrung der Selbftän-
digkeit zu erftreben. Dazu gehört vor allem weiter Blick,
d. h. Kenntnifs und Achtung andersartiger kirchlicher
Gebilde bei gemeinfamer evangelifcher Grundlage. Möge
die Meifsner Conferenz dielen Sinn, wie bisher, fo auch
weiterhin pflegen.
Herborn. Profeffor D. Sachfse.

Pfleiderer, Prof. Dr. Otto, Religionsphilosophie auf geschichtlicher
Grundlage. 2.ftark erweiterte Aufl. in 2 Bdn.
1. Bd. Gefchichte der Religionsphilofophie von Spinoza
bis auf die Gegenwart. Berlin, G. Reimer, 1883. (XII,
640 S. gr. 8.) M. 9. —
Durch Erweiterungen nach rückwärts und vorwärts,

durch Einbehaltungen und Ausfuhrungen auf mehr als

den doppelten Umfang angevvachfen, liegt der I. ge-
fchichtliche Abfchnitt von Pfleiderer's Religionsphilofophie
in der II. Auflage als ein ftattlicher Band vor.
Denfelben eingehender zu befprechen, hat Ref. um fo
mehr Anlafs, als er feiner Zeit in der Th. L.-Ztg. 1879
Nr. 12 den betreffenden Abfchnitt nur wenig berück-
fichtigt hat.

Das, was der Darftellung Pfl.'s Reiz giebt, ift befon-
ders die Beurtheilung der einzelnen Erfcheinungen und
des gefchichtlichen Fortfehritts, eine Beurtheilung, vermöge
deren die Reihe der Religionsphilofophen fleh als
ein Strebeprocefs ausnimmt, in welchem die richtige
Religionsphilofophie fleh Schritt für Schritt zu immer
gröfserer Klarheit herausarbeitet, d. h. die gefchicht-
liche Darfteilung eine Propädeutik für Pfl.'s Anficht wird.

Diefe Anlicht ift die durch Schleiermacher und
Sendling modificirte Hegel'fche. Sie fchwebt in der Mitte
zwifchen einer blofs metaphyfifchen Speculation, die in
ihrem Verlaufe auch auf religiöfe Probleme oder auf
Analogien dazu ftöfst, und einer kritifchen Vergleichung
der gefchichtlichen Religionen, die zu der Würdigung
einer derfelben als der abfoluten führt. Er lehnt ebenfo
entfehieden die Stiftung einer neuen philofophifchen
Religion, wie E. v. Hartmann fie unternommen, ab, wie
er andererfeits die religiöfe Gefammtanfchauung, welche
er als Religionsphilofoph gewinnt, von dem unterfcheidet,
was als Glaubenslehre den Bedürfnifsen der cultifchen
Gemeinde zu dienen geeignet ift. Durch rein theoretifches
Erkennen glaubt er die Weltanfchauung eines ,concreten
Monotheismus', d. h. eines moniftifchen teleologifchen
I Idealismus als Wahrheit erweifen zu können. Das Be-
dürfnifs des Erkennens fetzt ihm nämlich die Parallelität
der Formen und Gefetze des Seins und Denkens voraus,
I die fich ihm daraus erklärt, dafs er mit Schelling und
Hegel eine objective Vernunft als den immanenten
Weltgrund und Weltzweck anfleht. Diefe Anficht foll
das Höhere fein gegenüber dem abftracten Deismus, dem
Welt und Natur den reinen Gegenfatz zu Gott bilden, —
Gott fei der lebendige, fofern er die Unterfchiede aus
fich herausfetze und in fich zurücknehme — und gegenüber
dem Pantheismus, dem Gott im Weltprocefs aufgehe
— Gott fei die von der Vielheit fich unterfcheidende
und fie beherrfchende felbftändige Einheit, abfolutes
Selbftbewufstfein, für das ihm nur der Name Perfön-
lichkeit nicht geeignet fcheint. Diefer Monismus foll es
ihm ermöglichen, die in der Religion fich vollziehende
Lebenseinheit mit Gott zu begreifen, den Gedanken an
Eingriffe Gottes in die gefetzmäfsige Weltordnung fern
zu halten, endlich die gefchichtlichen Religionen als
nothwendige Stufen der Entwicklung des Geiftes zu verliehen
und fo den gefchichtslofen Vernunftglauben und
den unvernünftigen Gefchichtsglauben zu verlohnen.
Von Hegel unterfcheidet er fich befonders dadurch, dafs
er ftatt der idealgenetifchen Begriffsdialektik eine real-
genetifche Methode fordert, welche von der Erfahrung,
von dem gefchichtlichen Gottesbewufstfein ausgeht.

Diefer Monismus ift an einem fehr abgeblafsten
Begriff des Geiftes orientirt. Das kann ja nicht anders
fein, wenn auch die Natur um ihrer Gefetzmäfsigkeit
willen Erfcheinung des Geiftes heifsen foll. Aber derfelbe
dürfte eben deshalb ein wenig geeignetes Inftru-
ment fein, um die chriftliche Religion zu begreifen, in
! der der concretefte Begriff des Geiftes als des durch die
Zwecke des Gottesreichs beltimmten charaktervollen
Willens für die Eigenart der religiöfen Phänomene con-
1 ftitutiv ift und fowohl die Unterfcheidung Gottes von
der Welt als die Gefetzmäfsigkeit feines Wirkens als
die vollkommene Lebenseinheit der Gläubigen mit Gott
garantirt. Freilich können diefe concreten Pofitionen
nicht Object eines Wiffens werden, welches auch demjenigen
fich andemonftriren läfst, defs Wille jenen Schlüf-
fel der chriftlichen Weltanfchauung verwirft. Gelegentlich
gefleht freilich Pfl. felbft zu, dafs er es mit dem

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