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Ausgabe:

1884 Nr. 23

Spalte:

561-562

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Knapp, Geo. Chr.

Titel/Untertitel:

Beiträge zur Lebensgeschichte August Gottlieb Spangenbergs 1884

Rezensent:

Ritschl, Albrecht

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1884. Nr. 23.

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erlangt hat, und endlich weift uns der Ausfpruch Sed jam
nulla in ecclesiasticis personis spes. — Nulluni restat reme-
dinm nisi seculares liunc nostrum torporem conspexerint.
In pontificibus igitur et majoribus nostris nulla est resi-
piscentia (S. 77) für den Schlufs des Commentars in den

vor Ablauf des Jahres 1732 kam aber zur Kunde feiner
Vorgefetzten, dafs er im Verkehr mit Separatiften fich
gegen die in der lutherifchen Kirche übliche Verwaltung
der Beichte und des Abendmahls ausgefprochen, auch
mit ihnen ein Liebesmahl gehalten hatte. Eine von der

Anfang des Jahres 1520, in die Zeit, wo er den Sermon Facultät und den Directoren des Waifenhaufes unter-
von den guten Werken fchrieb, in dem es heifst: Das i nommene Unterfuchung führte dazu, dafs Sp. feiner
bette wäre und auch das einzig übrig bleibende Mittel, Aemter entlaffen wurde. Ueber diefe Vorgänge hat
fo König, Fürften, Adel, Städte und Gemeinden felbft G. Chr. Knapp, Prof. der Theologie und Director des
anfingen0 der Sache einen Einbruch zu machen (Erl. A. Waifenhaufes in Halle eine Darltellung aus den Acten
6, 197), womit man obige Stelle vergleichen möge, j verfafst (1792), welche von Risler, dem Biographen
während er in dem Widmungsbriefe zum Galatercom- 1 Spangenberg's, ferner von Eckftein, Chronik der Stadt
mentar die Hoffnung auf die römifchen Grofsen noch Halle benutzt worden ift. Jetzt veröffentlicht fie der
nicht ganz aufgegeben hat. Vgl. hierzu meinen Martin j gegenwärtige Director der Francke'fchen Stiftungen aus
Luther I, 239—250. Hiernach präcifire ich meine Mei- j einer in dem Herrnhuter Archiv vorhandenen Abfchrift,
nung dahin, dafs die Vorlefung von Luther in der Zeit | und begleitet das Actenftück noch mit einigen auf die
von 1516—20, wahrfcheinlich mit grofsen Unterbrechungen ! Sache bezüglichen Briefen u. dgl. Der Herausgeber
und in bei weitem gröfserem Umfange gehalten worden . beruft fich auf die von Eckftein, Tholuck, G. Kranit r
ift, als wir fie haben. — i geäufserten Wünfche, dafs das Actenftück zugänglich

2. Ueber die zweite Veröffentlichung Buchwald's gemacht werde. Referent, welcher kürzlich mit diefer
mufs ich mich, um nicht zu viel Raum in Anfpruch zu Epifode des Pietismus nach Mafsgabe der bisher vornehmen
, nur kurz faffen. Der Herausgeber legt dem Lefer j liegenden Mittheilungen fich befchäftigt hat (vgl. Geich,
darin eine Reihe Predigten Luther's aus der Sammlung des Piet. II. S. 427), hat freilich aus diefer Publication
Poach's gewiffermafsen als Probe war, denen er fpäter nichts über die Sache erfahren, was nicht fchon feft-
andere folgen laffen will, wie er denn ziemlich gleich- ftand. Neu find nur einige Beiträge zur Charakteriftik von
zeitig (man weifs nicht, wozu diefe Zerfplitterung dienen Aug. Gotthilf Francke dem Jüngeren und Joachim Lange,
foll) in Luthardt's Zeitfchrift (1884 5. Hft.) andere unge- von denen jener in herrfchfüchtiger und heftiger Weife
druckte Predigten Luthers aus dem Jahre 1529 zum die Unterfuchung gegen Sp. leitet, diefer fchmollend
Abdruck gebracht hat. In dem vorliegenden Heftchen gegen das Uebergewicht des jüngeren Collegen bei Seite
werden 5 refp. 6 bisher unbekannte Predigten vollftandig ' fteht, fich von den Verhandlungen der Facultät zurückgegeben
, während der Herausgeber bei heben anderen, i gezogen hat, aber nicht umhin kann, in unpraktifcher
bisher fchon gedruckten die richtige Datirung feftzuftellen ; Weife zu vermitteln.

fucht und Varianten mittheilt. Das hier Gebotene mufs
als fehr werthvoll bezeichnet werden und verdient ganz
befonders Nr. VII, die bisher nur verftümmelt bekannt
war und geradezu als ein Compendium Luther'fcher
Ethik bezeichnet werden kann, beachtet zu werden. Ver-
mifst hat Ref. eine Unterfuchung über die Textgeftalt
und Herkunft der Predigten. Ohne Zweifel liegen doch
in den uns mitgetheilten Texten zwei ganz verfchiedene
Concipienten oder Nachfchreiber vor, die Wittenberger
in faft nur lateinifcher Sprache mit eingcftreuten dcutfchen
Worten, die Coburger in reinem Deutfch. In welcher
Weife denkt fich der Herausgeber die vorliegenden Texte
entftanden? — Möchte derfelbe uns bald mehr mittheilen,
wodurch er fich den Dank aller Reformationsforfcher
verdienen wird.

Erlangen. Theodor Kol de.

Knapp, Geo. Chrn., Beiträge zur Lebensgeschichte August

Gottlieb Spangenbergs. (1792.) Zum erftenmal hrsg. von

Dir. Dr. O. Frick. Halle, Buchh. des Waifenhaufes,

1884. (XXII, 135 S. 8.) M. t. 80.
Der nachher als Bifchof der Brüdergemeinde berühmt
gewordene A. G. Spangenberg wurde 1732 von Jena, wo
er Magister legens war, als Adjunct der theol. Facultät
und als Infpector der Schulen im Waifenhaufe nach Halle
berufen. Er war durch myftifche Schriften erweckt
worden, fah demgemäfs über eigenthümliche Ueber-
zeugungen, z. B. die Lehre von der Wiederbringung,
die Anerkennung der prophetifchen Gaben bei Anderen
hinweg, ohne ihnen darum die Gemeinfchaft zu ver-

weigern, dachte über das Abendmahl wie die Separa- I oberflächlichen und verworrenen religiöfen Impulfe d
tiften, namheh dafs es nur in Gemeinfchaft mit Geiftesnchtung als Fehlrzänpe und hrl „E t r
nachweislich Gläubigen zu halten fei, ähnlich über die j an das Lufhe^ujj, L?r^iae^-
Kindertaufe, und ftand mit Zinzendorf in engem Verkehr, 1 als Selbfttäufchungen zu, erkennenulff bS!^ g ^

Göttingen. A. Ritfchl.

Petersen, Paft. Rieh., Henrik Stettens. Ein Lebensbild
Aus dem Dänifchen von AI. Michelfen. Mit ftith.
Portr. Gotha, F. A. Perthes, 1884. (VII, 419 S. gr. 8.)
M. 6. —

Der Verfaffer rechtfertigt am Schlufs feiner Darfteilung
fein Unternehmen damit, dafs Steffens, der weder
als Forfcher, noch als Schriftfteller hervorgeragt hat,
feiner Zeit die Gemüther der Jugend in Bewegung gefetzt
habe. Das trifft auch mehr für Dänemark als für Deutfch-
land zu; dort ift Grundtwig's Auftreten wefentlich durch
das Vorgehen von Steffens bedingt. Deshalb hatte der
dänifche Verf. genügenden Grund, feinen Landsleuten
den Mann in Erinnerung zu bringen, welcher den gröfsten
Thcil feines Lebens fern von feinem Vaterlande zugebracht
hat. Als Quellen haben ihm aufser den zehn
Bänden: Was ich erlebte, allerlei dänifche Publicationen
gedient, durch welche er die Autobiographie feines
Helden ergänzen konnte. Dafs er aber im Ganzen diefe
umfangreiche Darfteilung nur zu excerpiren hatte, merkt
man dem Buche leider nur zu ftark an. Dafs dasfelbe
an diefem Ort beurtheilt wird, findet feine Erklärung
darin, dafs der Verf. auf die religiöfe Seite der Entwicklung
des Romantikers ein befonderes Gewicht legt.
Diefelbe ift ja auch bunt genug. Allein deshalb hätte
es einer noch gröfseren Aufmerkfamkeit bedurft, diefe
Erfcheinungen für das gegenwärtige Gcfchlecht zu deuten,
als der Verf. darauf verwendet hat. Wir find jetzt weit
genug von der Epoche der Romantik entfernt, um die

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welcher damals mit den radicalen und feparatiftifchen
Frommen fich tief eingelaffen hatte. Die Halle'fchen
Theologen waren mit jenen ihnen fehr heterogenen
Meinungen Sp.'s unbekannt. Kurze Frift, nachdem derfelbe
feine Thätigkeit in Halle begonnen hatte, fchon

wärtig nicht mehr diefe Erfcheinungen durch den Con-
traft gegen den .Rationalismus' zu glorificiren, wie der
Verf. durchgängig thut, obgleich er (S. 207) 'in einem
Falle auch bezeugt, dafs in einer Hamburger Familie
ungeachtet ftark rationaliftifcher Denkweife aufrichtige