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Ausgabe:

1884 Nr. 2

Spalte:

535-537

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Meuss, Ed.

Titel/Untertitel:

Lebensbild des evangelischen Pfarrhauses vornehmlich in Deutschland 1884

Rezensent:

Rade, Martin

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535

Theologifche Literaturzeitung. 1884. Nr. 22.

Meuss, Prof. Konfift.-R. Dr. Ed., Lebensbild des evangelischen
Pfarrhauses vornehmlich in Deutfchland. Ein
Beitrag zur Kulturgefchichte und Paftoraltheologie.
2. wefentlich erneute u. bereich. Aufl. von: ,Leben
und Frucht des evangelifchen Pfarrhaufes'. Bielefeld,
Velhagen & Klaflng, 1884. (X, 431 S. gr. 8.) M. 4. —

1877 erfchien das nun in zweiter Auflage vorliegende
Buch zum erften Male unter dem Titel ,Leben und Frucht
des ev. Pfarrhaufes' (Th. Lit.-Z. 1877 Nr. 16). 1878 folgte
Baur ,Das deutfche ev. Pfarrhaus' (2. Aufl. noch 1878.
Vgl. ebenda 1878 Nr. 9), 1880 Wiener ,Das ev. Pfarrhaus
in feiner fozialen Bedeutung' 'ebenda 1881 Nr. 16).
Wiener behandelt feinen Gegenitand vom praktifchen,
zeitgefchichtlichen Gefichtspunkt; Baur entwirft mit Künft-
lerhand eine Reihe von Gemälden, die uns das Pfarrhaus
hervorragender Männer in den verfchiedenen Zeiten vor
Augen führen; Meufs endlich ifl der Gelehrte unter ihnen,
er hat ein reiches, culturgefchichtliches Material gefam-
melt, das Hellt er in den Dienft eines praktifchen Zwecks:
er will Fürfprache thun für das Pfarrhaus vor den Zeit-
genoffen (Vorw. zur 1. Aufl.). Wir haben in diefen drei
Büchern den fchönen Anfang einer Literatur über das
Pfarrhaus, und fchon in ihrer Verfchiedenheit bcweifen
fle, dafs fleh auf diefem Gebiete etwas thun läfst.

Was Meufs als zweite Auflage hat ausgehen laffen,
ift ein neues Buch. Der Grundgedanke zwar ift derfelbe
geblieben. Aber wie der Titel, fo ifl: die äufsere Er-
fcheinung eine andere geworden: ftatt Kleinoctav Grofs-
octav und ftatt 158 Seiten 431. Das Inhaltsverzeichnifs
weift eine ftraffere, eingehendere Gliederung und einen
erheblichen Zuwachs an neuen Abfchnitten auf. Auch
innerhalb der alten Capitel ift kaum eine Seite unverändert
geblieben. So in der Einleitung. Da begegent
uns gleich Seite 4 als Einfchiebfel die merkwürdige
Nachricht, dafs 1493 die Oftfriefen bei Alexander VI. die
Aufhebung des Cölibatszwangs für ihre Priefter durchgefetzt
haben, dann S. 4 f. ein Bericht über die bei den
böhmifchen Brüdern heimifche edlere Geftalt des Cöli-
bats. Seite 5 wird die durchgreifende Wandlung, welche
das geiftliche Amt Dank der Reformation erfahren hat,
kurz charaktcrifirt und fo der Aufhebung des Cölibats
ihre Stellung im Ganzen des gefchichtlichen Fortfehritts
angewiefen. Seite 7 ift der Satz neu: ,Das Pfarrhaus ift
in der That ein Symbol des Proteftantismus und nächft
der Bibel wohl das verbreitetfte und unwiderfprochenfte,
welches es beützt'. Seite 8 wird feftgeftellt, dafs erft
feit der pietiftifchen Periode das Pfarrhaus feiten der
Paftoraltheologie Beachtung gefunden hat. Selten hat
der Bearbeiter geftrichen (S. 8 vgl. i.A. S. 8 Vofs' Luife.
S. 83 vgl. 1. A. S. 44 eine für die Stellung des Land-
geiftlichen zum Gutsherrn hoffentlich nicht gar zu bezeichnende
Anekdote. Dagegen i.A. S. 27 die Bemerkung
Schuppe's findet fleh in anderem Zufammcnhang
2. A. S. 45); vielmehr hat er fo viel hinzugethan, dafs
Ref. darauf verzichten mufs, noch weiterhin genauer
darüber Bericht zu geben. Eine Fülle neu gefammelter
gefchichtlicher Thatfachen kann er jetzt zur Belebung
und befferen Begründung feiner Anflehten verwerthen,
obwohl auch fchon in der 1. Aufl. daran kein Mangel
war. Nicht zum Schaden der Sache will M. alles hifto-
rifch begreifen und beweifen; denn nur die Vergangenheit
zeigt uns fefte und ausgeprägte Züge.

So ift denn einer der beften Abfchnitte im Buche
das erfte Capitel des erften Theils, welches das ev.
Pfarrhaus im Gange der Gefchichte behandelt (S. 12—76).
Es laufen in der Gefchichte des Pfarrhaufes naturgemäfs
zwei Ströme zufammen: Die Gefchichte der Kirche und
die Gefchichte der Frau. Vermifst hat Ref. eine gerechte
Würdigung des rationaliftifchen Pfarrhaufes. Es war
doch das Verhältnifs der Paftoren zu ihren Gemeinden
in jener auch von M. viel gefchmähten Periode vielfach

ein fo erfreuliches, dafs felbft wir Heutigen von jenen
.Landwirthen, Bienenzüchtern und Obftbauern' etwas lernen
könnten. Damit hängt zufammen, dafs M. nirgends
in feinem Buche gegen die unevangelifche Scheidung
des Paftorenchriftenthums und des Laienchriftenthums
proteftirt, wie fle vor und nach der Periode des Rationalismus
beftand oder befteht, obwohl er mehrfach dazu
Gelegenheit gehabt hätte. Als Luther im Jahre 1524
nicht mehr in der Kutte, fondern im Rock die Kanzel
betrat, ftand er darin der Gemeinde ganz anders gegenüber
, als wenn wir jetzt in demfelben Rock amtiren.
Und man kann ein fehr ernftes Bewufstfein von dem
eigenthümlichen Berufe des ev. Geiftlichen haben, braucht
durchaus nicht zu denen zu gehören, die ,das Gewicht
des Amts höchft unbequem finden und fleh am liebften
in der Maffe des allgemeinen Priefterthums verftecken
möchten' (S. 399), und kann doch fchmerzlich beklagen,
dafs die helle Verkündigung des allgemeinen Priefterthums
, welche unferer Reformation die Bahn gebrochen
hat, unter dem gefteigerten Amtsbegriff weiter Kreife
fo gar verklungen ift. — Wie fehr übrigens der gefchicht-
liche Abfchnitt gewonnen hat, mag man daraus erfehen,
dafs Seite 26—30 der 1. A. (1580—1618) in der 2. A.Seite
35—42 umfafst. Aber auch alle ferneren Abfchnitte
bringen eine Menge von Notizen zur willkommenen Ergänzung
des fo gegebenen Grundriffes.

Im zweiten Capitel des erften Theils (,Der Gefammt-
charakter des ev. Pfarrhaufes') wird das ev. Pfarrhaus in
Stadt und Land, im 3. das ev. Pfarrhaus in den Stadien
feines Einzellebens, im 4. das ev. Pfarrhaus in den
durchgehenden Zügen feines Charakters behandelt. Ueber
das Pfarrhaus auf dem Lande wollte Ref. fo manches
vermiffen, fand fleh aber unter Cap. 4 entfehädigt, da
die dort wiedergegebenen durchgehenden Züge' doch
vornehmlich auf das Landpfarrhaus zutreffen. Ganz neu
und ganz vorzüglich ift Cap. 3. Es umfafst auf 22 Seiten
des Pfarrers Berufung ins Amt und den Anfang feines
Hausftandes, den Kinderfegen, den Verkehr mit Amtsbrüdern
, Mangel und Ueberflufs, Verfetzung, endlich die
Auflöfung des Pfarrhaufes durch den Tod der Frau oder
des Mannes: einzelnes darin ift von ergreifender Wahrheit.

Die umfangreichfte Zuthat ift der zweite Theil: ,Der
verfchiedene Schauplatz des ev. Pfarrhaufes' JS. 122—287J.
Zur Gefchichte des Pfarrhaufes eine Geographie desfelben.
Verf. verhehlt fleh felbft nicht die Schwierigkeiten diefes
Unternehmens. Sie find in der That kaum zu überwinden
. Es ift zwar möglich gewefen, Dank der Special-
gefchichte der einzelnen proteftantifchen Länder, Schlaglichter
auf die befonderen Bedingungen zu werfen, unter
denen das Pfarrhaus dort exiftirt und wirkt, aber im
Ganzen ift doch zu viel von Kirche und Amt die Rede

I und zu wenig vom Haus. Indcffen auch fo ift das Gebotene
von Werth. Am beften ift die Zeichnung der
ausländifchen Gebiete geglückt, z. B. von England. Unbillig
behandelt M. die Schweiz. Wenn fein Urtheil fonft
zumeift mild und gerecht ift, fo fchlägt hier fein Partei-
ftandpunkt merklich durch, welcher nicht enger und
nicht weiter als jener der fog. pofitiven Union in Preufsen
ift. Die kirchlichen Zuftände der Schweiz erfcheinen ihm
denn in dem Lichte, beffer in der Finfternifs, worin ge-

I wiffe deutfche Kirchenzeitungen auf Grund von mancherlei
freilich bedauerlichen Aeufserungen des dortigen
kirchlichen Liberalismus fic erfcheinen laffen. In Wirklichkeit
ift nicht einmal die Pfarrwahl auf Kündigung fo
verwüftend, wie fle auf den erften Blick ausfleht; die
Arbeit der Pfarrer an den Gemeinden ift b ei geringer
Befoldung von gleichem Eifer getragen wie bei ihren
Genoffen im Reich und an wiffenfehaftlicher Regfamkeit
übertreffen fle diefelben gewifs, feltene Kreife ausge-

| nommen. Man vergleiche Finsler, Gefch. der theol.-
kirchl. Entwicklung in der deutfeh-ref. Schweiz (Zürich
1881), befonders die Schlufsworte. Völlig unbillig wird
aber die Darftellung, wenn der Hinweis auf Albert