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Ausgabe:

1884 Nr. 20

Spalte:

490-493

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Briefe aus dem Himmel 1884

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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489 Theologifche Literaturzeitung. 1884. Nr. 20. 490

Logos hat diefe menfchliche Natur, die er (ich fo zu Nathusius, Paft. Mart. v., Katechismuspredigten, nach der

eigen gemacht, dafs Gott keinen Unterfchied mehr machte
zwifchen ihm und uns, nicht im Wege eines ethifchen
Proceffes geheiligt, indem er auf der fcharfen Kante
zwifchen den Gegenfätzen des posse peccare und non

Ordnung des Kirchenjahres gehalten. 2. Tl. Leipzig,
Hinrichs, 1884. (VII, 312 S. gr. 8.) M. 4. 50.

Da wir den 1. Theil diefer Katechismuspredigten

posse peccare fich hindurchbewegte, fondern er hat fie i bereits in Nr. 2 der Literaturzeitung ausführlich be
Gott dargeftellt unfträflich von der Krippe an bis auf I fprochen haben, fo foll hier die Predigtweife des Verf.'s
Golgatha. Kraft ewigen Geiftes hat er das Gefetz der j nicht abermals charakterifirt werden. Auch die vorlie-
Sünde und des Todes, das-auch bei ihm Zugang fuchte j genden Predigten werden Befeftigung des Glaubens und
und die Sünde lebendig machen wollte, abgewiefen und | der Erkenntnifs Allen denen bieten, welche von der
dem Gefetze des Geiftes des Lebens zum Durchbruch chriftlichen Heilsverkündigung vor Allem eine derbe
verholfen. Durch feinen Gehorfam Bellte er unfere Natur Deutlichkeit erwarten. Diefe Merkmale treten uns fofort
fo hin, dafs Gott fortan den Sünder um Chrifti willen 1 bei den erften Predigten entgegen, welche fich über das
gerecht fpricht. Dem ,beleidigten, in feiner Ehre ge- j Gebet verbreiten und reichen Erfahrungsftoff auf einen
kränkten Vater im Himmel' ift .Genugthuung' gefchehen. klaren, fafslichen Ausdruck bringen.
.Durch diefe Darfteilung bekommt der Pelagianismus j Es ift befremdlich, dafs der Verf. da zunächft von
einen Stöfs in's Herz, und die Lehre von der Heiligung i der Fürbitte redet und auf die Umftände hinweift, ,in
nach Chrifti Vorbild . . . wird durch die Rechtfertigungs- denen man betend Anderen nützen und helfen kann',
lehre definitiv verdrängt'. Hier fchlägt der pietiftifche Auch weicht der Verf. ganz von dem wohlbegründeten
Grundfatz durch: Der Menfch nichts, Gott alles. Daher Sprachgebrauch ab, wenn er die Frage (teilt: Was beten
fchliefst das Buch: .TJnfer Heiland hat längft am Kreuze, j wir? Um klar zu machen, dafs Alles, worauf die menfch-
ja von feiner Empfängnifs im Mutterfchofse an alle jene liehe Sorge fich bezieht, in's Gebet aufgenommen werden
Obliegenheiten auf fich genommen und zum guten Ende dürfe, weift er auf einen Kaufmann hin, ,der ganz ver-
gefuhrt, welche, im Fall dies nicht gefchehen wäre, von j ftört und forgenvoll von der Börfe kam und zu dem fein
jedem einzelnen Menfchen bis auf den letzten hin hätten Freund fagte: .Würdeft Du Dich forgen, wenn RotMchild
übernommen werden müffen. Seitdem Chriftus das ge- ; Dein Compagnon wäre:' Dann fährt der Verf. fort: ,Nun
than — hat aller Menfchen-Thun ein für allemal ein | fieh, und Du forgft, obgleich der himmlifche Vater Dein
Ende. Soli Deo gloha." Compagnon ift, zu dem Du in allen Deinen Verlegen-

Eine Wunderlichkeit fei fchliefslich noch erwähnt, heften kommen kannft'. Der Verf. ilt gewifs weit davon
weil fie vom Verf. offenbar beftimmt ift eine Rolle zu I entfernt, die Börfenfpeculanten mit dem lieben Gott in
fpielen und fogar eine Capitelüberfchrift liefert: Die allzu nahe Verbindung zu bringen; daher hätte er fie auch
Lehre von den Typen Chrifti. Er verfteht darunter die hier weglaffen und die Auslieht auf das himmlifche
Vorfahren Chrifti, deren Namen uns das von Matthäus Compagniegefchäft fofort näher beftimmen füllen. Im
überlieferte, von Lucas ergänzte Gefchlechtsregifter offen- weiteren Verlauf der Rede wird mit Recht das .Beten
bart, die ,um eines befonderen Grundes willen litten, in allen Dingen' fetter begrenzt durch die Bedingung,
lebten und auf Erden errettet wurden, nämlich fofern j ,dafs der Beter in vertraulichem Umgang mit dem Vater
ihr Leben, Leiden und ihre Errettung eine grundlegende 1 ftehen müffe'. Damit foll wohl angedeutet werden, dafs
(!) Bedeutung hatte und die Sache des Heils der Men- ; das Gebetsleben feine fittlichen Schranken in fich felbft
fchen förderte', — ,die (wie Luther einmal tagt) Chrifto trage, dafs die Gebetsverheifsungen Chrifti und der
in dem Leiden zugefeilt find und in feiner Gefellfchaft Apoftel fich an die wenden, welche als Chritten beten
litten'. In den Lebenswegen diefer feiner Väter ift die und als folche nach ihres Lebens Vollendung ringen.
Fleifchwerdung des Logos vorangekündigt, wir haben in Auch ift es bedeutfam, dafs Job. 15, 16 die Gebetsver-
ihnen .Anfänge und Anfätze' derfelben zu erkennen, heifsung mit der Erinnerung verbunden ift: ,Ich habe
Ein Beifpiel. ,Wie einft Ifaak den Glauben Abraham's, Euch gefetzt, dafs ihr Frucht bringt'. Frucht bringt der
fo ftellt auch diefes Urbild Ifaak's (Chriftus) den Glauben - Baum für Andere. Daher darf Alles in's Gebet aufge-
feiner Mutter auf die härtefte Probe. Als die Hoffnung nommen werden, was geeignet ift, unfer Verhältnifs zu
auf einen Sprofs von Abraham und Sarah bereits auf- 1 Anderen fruchtbarer zu geltalten.

cre^eben war, kam Ifaak; fo kommt Chriftus aus dem
abgehauenen Stumpf Ifai's (Jef. II, 1), aus der Jungfrau
ijef. 7, 14), dem Weibe, deffen Same Er ift (Gen. 3, 15).
. . . Gleichwie Ifaak's Geburt ein Wunder, das allen zum
Lachen Anlafs giebt (Gen. 17, 17 bis 19), fo ift Chriftus
ein Kind, in arme Windeln gewickelt, in einer Krippe

Dresden. Löber.

Briefe aus dem Himmel. Bremen. Müller, 1884. 216 S.S.)
M. 2. 80.

liegend — kurz ein Wunderkind. Ifaak wird geboren Der grofse Erfolg der .Briefe aus der Hölle' hat die

als der Erftling einer grofsen Nachkommenfchaft; Jefus, | Verfafferin nicht fchlafen laffcn. bis ein Seitenftück aus

das Urbild, als der Erftgeborene unter vielen Brüdern
(Rom. 8, 29)'. Und fo fort! Was läfst fich nicht auf
diefe Weife zufammenfabeln! Aber, um mit Bi zu reden,
,für ihn ift das alles eine Kleinigkeit'.

Wenn die angekündigte Dogmatik erfcheint, wird es
an der Zeit fein, mit dem Verf. über die Principien zu
rechten. In der vorliegenden Schrift, welche nur ein in
feiner Wichtigkeit verkanntes Problem ,in's Rollen bringen'
foll, ift alles zu fkizzenhaft. Die dogmengefchichtlichen
Bemerkungen erheben fich nirgends über die Linie des
Traditionellen, und darum gefchieht z. B. dem Flacius
wie gemeinhin Unrecht: indem für ihn die substantia
materialis vom Fall unberührt geblieben, die forma siib-
stantialis dagegen, d. i. die Willensrichtung, böfe geworden
ilt. hat B. keine Urfache wider ihn zu ftreiten.

Schönbach. Rade.

dem Himmel gefchrieben war. Das ift ein gewagtes,
für gewöhnliche Sterbliche fogar ein vermeffenes Unternehmen
, wenn die Darfteilung mehr fein foll, als in
Nachahmung Dante's eine dichterifche Leiftung. Soll
fie mehr fein, fo kann fie nicht gelingen, nicht weil dort
der Gegenfatz und Wideripruch, an dem unler irdifches
Denken fien orientirt, aufgehoben wäre — er befteht
wenigftens kräft der Erinnerung an irdifche Verhältnifse
und Mifsverhältnifse noch fort —, fondern weil die Aufgabe
geftellt ift, göttliche Gedanken und göttliches Thun
in göttlicher Weife zu denken, göttlich weit, göttlich
rein und göttlich tief, und das geht fo weit über das
Mafs des Irdifchen hinaus, dafs wir im Himmel, denke
ich, noch recht lange und feiig daran zu lernen haben
werden. Die heil. Schrift begnügt fich, die Eschatolome
nur in Umriffen, in irdifchen Gleichnifsen und Bildern zu
behandeln, und der Chrift hat auf Grund der Offenbarung
Gottes in Chrifto fich genügen zu laffen an der Gewifs^