Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1884 Nr. 1

Spalte:

463-465

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Förster, Th.

Titel/Untertitel:

Ambrosius, Bischof von Mailand. Eine Darstellung seines Lebens und Wirkens 1884

Rezensent:

Harnack, Adolf

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

4Ö3

Theologifche Literaturzeitung. 1884. Nr. 19.

nichts griechifch vorlag, in lerem., in Ezechiel, und in I
Danielem.

g) Zur Charakteriftik des Excursus in liexapla Ori-
genis (III p. 551 — 578) genüge ein Citat aus II p. 394:
Hexaplorum quoque satis ampla seges in derelicto meo a
multis annis horreo jacuit. Ecce autem omnia fere mihi
docte praeripuit cl. v. Fridericus Field in novo, et locuple-
tissima Origenis Hexaplorum editione Oxoniensi; ut fere
nesciam an exigua quaedam auctuaria ausim et possim ad
psalmortim calcem subjicere.

h) Den ganzen Abfchnitt über Origenes befchliefsen
,Orige?iis miscellanea latina'. Unter diefem nicht ganz
paffenden Titel folgen Verzeichnifse derjenigen Origenes-
Fragmente bei D. Barbarus {Aurea in L psalmos catena ■
1569), Agellius {Commentarii in Psalmos 1606) und Cor-
derius, welche von den neuern Herausgebern beileitge-
laffen find, und endlich diejenige, angeblich von Origenes
herrührende expositio symboli, deren erften — damals
wirklich unbekannten Theil (bis credo in deum patrem bei
Pitra p. 584) fchon Caspari, Alte und neue Quellen
u. f. w. 1879 S. 310 —12 veröffentlicht und mit bekannter
Gelehrfamkeit beurtheilt hat. Ua auch P.'s Handfchriften
nur die Caspari's find, fo laufen die Analecta bei Origenes
in Nachträge und Neudrucke aus. Aber wenn auch
die Zahl der Anecdota in den Analecten überhaupt geringer
ift, als man aus P.'s Einleitungen u. dgl. zunächft
folgert, — dafs man ihm zu danken allen Grund hat,
zeigt auch gerade diefer Abfchnitt über Origenes. Und
wenn einem der Lefer, wie ich faft fürchte, dies Referat
zu dürr und langweilig erfchienen ift, fo rechne er dies
nicht nur dem Referenten als Schuld, fondern Pitra zu
Ehren an, ermeffe daran, mit welcher Mühe Pitra jenen
Dank fich erworben hat.

Leipzig. F. Loofs.

Förster, Ü. Th., Ambrosius, Bischof von Mailand. Eine
Darflellung feines Lebens und Wirkens. Halle a/S.,
Strien, 1884. (VIII, 336 S. gr. 8.) M. 8. -

Die Leetüre diefer forgfältig gearbeiteten Monographie
hinterläfst einen um fo befriedigenderen Eindruck,
als der Verfaffer fich im Fortgange feiner Darftellung
feinem Gegenftande immer mehr gewachfen zeigt. In
dem erften Buche (,Der Bifchof'), in welchem die Lebens-
gefchichte des Ambrofius erzählt wird und die kirchen-
politifchen Actionen des grofsen Kirchenfürften darge-
ftellt werden, ift es dem Verf. m. E. nicht gelungen, den
hohen Anforderungen, welche diefe Aufgabe ftellt, völlig
zu genügen. Die abftracte Betrachtung der Kirche, wie
fie in der Zeit des Ambrofius beftand, das an fich berechtigte
Beftreben, den grofsen Bifchof als einen Grofsen
vorzuftellen, und eine nicht ausreichende Kenntnifs der
politifchen und focialen Zuftände, der Rechtsordnungen
und Inftitutionen im Reiche und in der Kirche, haben
hier zur Entftehung eines Bildes zufammengewirkt, welches
fich von dem bekannten Bilde herkömmlicher Ge-
fehichtsfehreibung nicht wefentlich unterfcheidet. Man
vergleiche z. B. die Ausführungen über des Ambrofius
Verhältnifs zu Eugenius, oder Bemerkungen wie die (S.
277): ,Die Erwähnung von Hypotheken u. a. zeigt, wie
entwickelt damals bereits das Gefchäftsleben und der
Geldverkehr war' u. A. Die Kritik im technifchen Sinne
des Wortes ift des Verfaffers ftarke Seite augenfeheinlich
nicht; in der Weife Neander's gleitet er häufig über
Anftöfse hinweg oder fucht Mittelwege einzufchlagen.
Bemerkenswerth ift — und das ift wohl auch auf die
Schule Neander's zurückzuführen — die Scheu (f. auch
das 2. Buch), die vorausgefetzte Individualität des Helden
zu gefährden, fowie das Beftreben, die Chriftlich-
keit desfelben möglichft rein hervortreten zu laffen und
daher möglichft wenig in feinem Charakterbilde aus der
Antike abzuleiten. Nun aber ift Ambrofius derjenige
Kirchenvater, der hierbei am wenigften verliert. Ein

Gregor von Nazianz ift als Perfönlichkeit ein Zerrbild
eines antiken Charakters neben Ambrofius; diefer kann
nur gewinnen, wenn man ihn nach dem Mafsftabe mifst,
den er fich felbft gewünfeht hat. Die Serenität und
Nobleffe des hohen Mannes, die Ruhe und das edle
Mafshalten, welche ihn auszeichnen, find ein Erwerb der
Antike, welchen der Bifchof nicht als Phrafe, fondern
als habituelle Stimmung feilgehalten und durch chrift-
liche Liebe verklärt hat'). Die Bedeutung des Ambrofius
beruht eben darauf, dafs er es verftanden hat, in feiner
Perfon das kirchliche Chriftenthum mit der pofitiven
Ethik der Antike lebendig zu verbinden. Er hat zuerft
gezeigt, dafs dies möglich ift; er hat es nicht nur als
Schriftffeller, fondern als Kirchenfürft gezeigt, und damit
zuerft das Ideal realifirt, an welchem fich die römifchen
Bifchöfe gebildet haben. Er ift der erfte ,heilige Vater'
in dem prägnanten Sinne des Wortes, wie fich derfelbe
an die charaktervollen und klugen, ftrengen und doch
nachfichtigen, weltbeherrfchenden nnd weltverachtenden
Päpfte des Mittelalters knüpft. Dabei dürfen bei dielen
fo wenig wie bei Ambrofius die oft wenig erfreulichen
Mittel verkannt werden, die fie in Anwendung gebracht
haben.

Dem zweiten Buche hat der Verfaffer die Auffchrift
,Der Kirchenlehrer' vorgefetzt. Die hier gegebenen Ausführungen
(vgl. namentlich das 5.—7. Cap.) find gröfsten-
theils vortrefflich und bezeichnen einen wirklichen Fort-
fchritt in der Erkenntnifs der Theologie des Ambrofius
(f. Deutfch, Des Ambrofius Lehre von der Sünde und
Sündentilgung 1867, eine Abhandlung, welche Förfter
rühmend hervorhebt). Sehr dankenswerth ift es namentlich
, dafs durch die zahlreichen Quellenauszüge, die der
Verf. mittheilt, das Verhältnifs des Auguftin zu Ambrofius
hell beleuchtet wird. Es ift noch immer nicht ausreichend
feftgeftellt, was Jener Diefem verdankt. Zu
überfchätzen ift es fchwerlich. Von Ambrofius flammt
der Satz: ,Idem igitur sacerfos, idem et hostia, et sacer-
dotium tarnen et sacrificium humanae cönditionis officium
est. Natu et agnus ad immolandum duetus est, et sacerdos
erat secundum ordinem Melclüseded {de fide III, 5 ; Frörfter
S. 137). Ambrofius bereits hat die Worte geichrieben:
,Amplius nobis profuit culpa, quam noeuit: in quo redemp-
tio quidem nostra divinum munus iuvenil. Facta est mihi
culpa mea merces redemptionis, per quam mihi Christus
advenit. Propter me Christus mortem gustavit. Fructuosior
culpa quam innocentia. Innocentia arrogantem me fecerat,
culpa subjedum reddidit .... Felix ruina, quae reparatur
in melius' {de instit. virg. 17. de Jacob I, 6, 21. In ps.
40 exp. 20; Förfter S. 136). Es fcheint, dafs fchon Ambrofius
jene heiligen Paradoxien geprägt hat, durch
deren virtuofe Ausbildung Auguftin, fein Schüler, noch
heute auf unferen Kanzeln fo wirk/am ift. Sehr ausführlich
hat Förfter die Ethik des Ambrofius behandelt
(S. 175—200); er fetzt fich hier befonders mit Ewald
(,Der Einflufs der ftoifch-ciceronianifchen Moral auf die
Darftellung der Ethik bei Ambrofius' 1881) auseinander;

1) Wie febr der antike Mafsftab beflimmend ift, das lehrt vielleicht
am deutlichft.cn der Eingang des Tractates über dieBufse, alfo über ein
fpeeififeh chriftliches Thema (c. i): .Wenn das letzte und höchfte Ziel
aller Tugend dahin geht, dem geiftigen Nutzen des Nebenmenfchen in
meglichfter Ausdehnung zu dienen, fo darf man als eine der fchönften
Tugenden das milde Mafshalten bezeichnen, welches nicht einmal diejenigen
verletzen will, die feiner Verurtheilung unterliegen, während es
diefelben gleichzeitig gerade durch die Verurtheilung wieder der Los-
fprechung würdig zu machen ftrebt. Diefe Milde ift es einzig, welcher
die Kirche, die der Herr in feinem Blute geftiftet hat, ihre Ausbreitung
verdankt. Sie ahmt dem himmlifchen Wohlthäter nach; indem fie auf
die Rettung Aller bedacht ift, verfolgt fie jenes heilbringende Ziel mit
einer Milde, dafs die Herzen nicht zurückweichen, die Geifter nicht er-
fchrecken können. In der That mufs ja auch derjenige, welcher die
Fehler menfehlicher Schwäche beffern will, diefe Schwäche felbft ertragen;
er mufs fie gewiffermafsen auf feine Schultern legen, nicht aber verdnefs-
lich abwerfen. Lefen wir doch auch, dafs jener Hirt des Evangeliums
das verirrte, müde Schaf heimgetragen, aber nicht abgeworfen habe.
Darum fagt auch Salomo: „Sei nicht allzugerecht"; denn weifes Mafshalten
mufs die Gerechtigkeit fänftigenl'