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1884 Nr. 19

Spalte:

453-463

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Analecta sacra Spicilegio Solesmensi parata edidit Joannes Baptista Card. Pitra, Episcopus Tusculanus S. E. R. Bibliothecarius. Tom. II. III. IV. (Fortsetzung.) 1884

Rezensent:

Loofs, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1884. Nr. 19.

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einbar erfcheinen, und auf neue Probleme, die ihm un- niger eingehende Befprechung möglich, ja nothwendig
lösbar fcheinen; und das ift der Grund, weshalb felbft fo ! ift, dennoch den Lefern, wenn fie des Beten Referirens
viele, denen doch einft überzeugend genug die wiffen- j nicht müde werden, auch über diefen längeren Abfchnitt
fchaftliche Schriftauffaftung docirt worden, in praxi immer ; einen leidlich genau orientirenden Ueberblick geben zu
wieder zu der altorthodoxen Auffaffung zurückkehren, können.

Eben darum durfte eine Schrift wie diefe auch nicht die Beginnen wir damit, Einiges nachzuholen, das bei

Aufgabe umgehen, diefe von ihr bekämpfte Schriftauf- ^ Pitra ,cxtra Seriem tcmporum et extra locum1 mitgetheilt ift
faffung in ihrem ganzen Zufammenhange mit all ihren | 9. Ganz am Schlufs des tom. II (p. 624—634) findet
Vorausfetzungen und Folgen darzulegen, weil gerade aus , fich ein Abfchnitt über den Evangeliencommentar des
ihrer inneren Gefchloffenheit die Nothwendigkeit eines Theophilus, der, wenn auch nicht fachlich, fo doch um
völligen Bruches mit ihr, aber dann auch erft die Mög- des Herausgebers willen von befonderem Intereffe ift.
lichkeit, auf anderem Wege dem in ihr fich geltend Diefer Abfchnitt ift erft nach Zahn's bekannter Publica-
machenden Bedürfnifs Befriedigung zu gewähren, nach- tion (Forfchungen zur Gefch. d. neuteftamentl. Canons
gewiefen werden kann. Dafs zur Löfung diefer Aufgabe II. 1883) gefchrieben, jedoch, ehe Pitra von der p. 650
doch die Form einer viel principielleren, wenn auch erwähnten Abhandlung Harnack's (Texte und Unterimmerhin
populär gehaltenen und durch fchlagende Ue- fuchungen u. f. w. I, 4. Heft) Kenntnifs genommen hatte,
tails illuftrirten Erörterung geeigneter gewefen wäre, ift Er bietet p. 626—634 zum Zahn'fchen Texte die variae
mir kaum zweifelhaft. | lectioiies des cod. Bruxellcnsis, ausführlicher als Harnack

Es kann beiderpopulären Haltungder Schrift nicht die i fie zu veröffentlichen für nöthig hielt. Schon vor 30
Aufgabe fein, fich mit einzelnen Aeufserungen, gegen welche , Jahren ift diefe von Harnack im letzten Sommer ans
man trotz aller Uebereinftimmung mit den Grundgedanken Licht gezogene Handfchrift (f. Texte u. f. w. a. a. O.
Widerfprucherhebenmüfste.auseinanderzufetzen. Ammei- j S. 159 ff.) von Pitra abgefchrieben. Weshalb fand diefes
ften dergleichen hätte ich in dem Abfchnitt über die Betrach- ,egregium opus inter antemcacna monumenta singulari cum
tung und Behandlung des Alten Teftaments im Neuen zu honore collocanduni1 in den Analecten nicht früher einen
moniren. wo ich, auch abgefehen davon, dafs hier der Verf. Platz — etwa neben der clavis des Melito? Offenbar
felbft mir die Fragen nach der Stellung Jefu und der Apoftel hat erft Zahns Gelehrfamkeit dem römifchen Theologen
zu der vorbereitenden Offenbarungsgefchichte und zu der den ruhigen Genufs der ,antenicaena venustask des Com-
Schrift Alten Teftaments zu vermifchen fcheint, mit gar mentars möglich gemacht. Man glaubt noch jetzt aus
Manchem meinen Diffens erklären müfste. Aber be- 1 den Prolegomenen herauszulefen, welche Bedenken Zahn
fonders auffallend ift mir gewefen, dafs, während er die bei Pitra niedergefchlagen hat. Gewifs, Pitra hat dies-
Frage der altteftamentlichen Kanonbildung ausführlicher mal gern proteftantifcher Gelehrfamkeit geglaubt, fonft
behandelt, als es für feine Zwecke m. E. nöthig war, er hätte er gegenüber dem mit Vergilfchen Floskeln ver-
doch die Frage nach dem neuteftamentlichen Kanon zierten (Pitra p. 625 vgl. Harnack, Texte u. f. w. S. 166 ff.)
eigentlich gar nicht eingehend und principiell befpricht. Prolog, den Zahn ja nicht kannte, fo ungläubig bleiben
Hier begegnen uns Aussprüche, die auf eine fehr fubjec- ] müffen, als er es gewefen zu fein fcheint. Nun weifs er
tive Norm für die Würdigung der einzelnen neuteftament- I fich zu tröften: der Prolog rührt von dem Ueberfetzer
liehen Schriften führen (vgl. z. B. S. 119. 143), höchftens j des Werkes her, das — mag es mit dem Prolog flehen,
auf den Luther'fchen Kanon, dafs die biblifchen Bücher ; wie es will — von Zahn unwiderleglich als ein Werk
darauf anzufehen feien, ob fie Chriftum treiben (S. 205), des Theophilus erwiefen ift. — Im Nachtrag (p. 650) wird
an dem doch ficher mit Recht die Kirche nicht feftge- der controversia nuper oborta inter Tlieodoruvi Zahn et
halten hat. Soll dies auf die Beurtheilung des Chriften- Adolphiun Harnack gedacht. Ganz fpurlos ift fie auch
thums der Apoftel nach dem Chriftenthum Chrifti heraus- an Pitra nicht vorübergegangen: ,vix probabile1 ift Har-
kommen (vgl. S. 216), fo fragt fich eben wieder, woher nack's Urtheil. Charakteriftifch für den Herausgeber, der
wir die geficherte Kenntnifs von diefem entnehmen, da ihn intereffirenden Handfchriften gegenüber für Gründe
doch die gefchichtliche Glaubwürdigkeit der Evangelien innerer Kritik nur zu oft kein Auge mehr übrig hat, ift
wieder eine Frage der Wiffenfchaft ift und jedenfalls die Pitra's nunmehriges Endurtheil p.650: Atpriusquam causa
Lehre der Apoftel nicht ohne Einftufs auf ihre Darftel- conclamata sit, novus testis, novusque codex accersendus est,
lung geblieben. Gewifs ift der Verf. diefen Fragen ignotus aeque hactenus, scilicet cod. Vatic. Palatin. 287
aus dem Wege gegangen, um nicht in das abfichtlich saec. IX, fol. 84—114, optimae notae cum eadem serie,
von ihm gemiedene Labyrinth der hiftorifch-kritifchen iisdemque auetuariis apud nos (und ebenfo bei Harnack
Einleitungswiffenfchaft hineinzugerathen; aber es zeigt a. a. 0.) editis ex cod. Bruxellensi. Etiam in Palatino
fich dadurch eben, dafs man Fragen, die nothwendig integrum exstat pol. avulsum inter f. 147 et 148 cod. Bru-

zufammengehören, nicht wohl von einander löfen kann, xellensis (vgl. Harnack a. a. O. S. 163 No. 4h _ Der

auch um eines praktifchen Zweckes willen nicht. letzte der citirten Sätze zeigt leider in empfindlicher

Berlin Weifs. Weife die Undeutlichkeit des fchlechten lateinifchen

Stiles, den P. fchreibt. Will P. fagen, dafs jenes ganze
Blatt auch im Pal. fehle, oder befagt der Satz trotz des
Etiam das Gegentheil? Letzteres ift wohl das Wahr-

Analecta Sacra Spicilegio Solesmensi parata edidit
Joannes Baptista Card. Pitra, Episcopus Tuscu- fcheinlichere. Diefe kurze~nachgebrächte Notiz'übe^die

lanus S. E. R. Bibliothecarius. Tom. II. III. IV. Patres
Antenicaeni. Parisiis, A. Roger et F. Chernoviz.
(Tom. II. 1884 XLVII et 660 S.; III. 1883. 640 S.;
IV. 1883. XXXIV et 518 S. gr. 8 °.) fr. 45. —

(Fortfetzung.)

Bis zu Irenaeus incl. war in der 17. Nummer

neue Handfchrift ift das Wichtigfte in dem Abfchnitt über
Theophilus.

10. Gleichfalls extra Seriem temporum erfcheinen II,
265—268 einige Bemerkungen zu (Pfeudo-)Juftin. ,Expo-
sitio rectae confesswnis variis aueta lectionibus1 fo charac-
terifirt P. felbft (praef. XXVIII) ihren Inhalt. Es handelt
fich um 8 im gedruckten Text vorliegende Fragmente,

diefer Zeitung das Referat über Pitra's Analecta fort- 1 deren 7 fchon von Mai edirt waren. P. giebt nicht in
geführt. Folgen wir heute der Reihe der Väter bis > extenso den Text, fondern nur die Varianten von 4 codd.,
Origenes einfchliefslich — ein anderer Einfchnitt läfst j welche bei Otto, Corp. Apol. ed. tertia, IV, p. VIII sq!

fich kaum machen —, fo ift der heutige Abfchnitt freilich
unverhältnifsmäfsig länger fowohl als der bereits
behandelte wie als der bleibende, doch hofft Ref., da
bei den 6co dem Origenes gewidmeten Seiten eine we-

noch nicht genannt find. Von derfelben pfeudojufti-
nifchen Schrift wird IV, 11 —16. 287 — 292 cf. XI die fy-
rifche Ueberfetzung des cod. Mus. Britt. ,add. Mss. 14538',
foweit fie lesbar und vollftändig war, mitgetheilt (f. Otto