Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1884 Nr. 18

Spalte:

430-431

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kölling, Wilh.

Titel/Untertitel:

Geschichte der Arianischen Häresie von Nikäa bis Constantinopel, von 325 bis 381. 2. Bd 1884

Rezensent:

Harnack, Adolf

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

429 Theologifche Literaturzeitung. 1884. Nr. 18. 430

gefunden haben. Die Frage nach der Echtheit der j in das Schriftwort einzudringen und es der Gemeinde zu
meditationes von Bonaventura hat Verf. gar nicht be- I erfchliefsen, allein wahr ift es doch, bei folchen Ar-
rührt. Befonders dankenswerth find die Mittheilungen 1 beiten, die halb populär und halb gelehrt find, weifs man
aus niederländifchen Quellen (Jakob von Marmlandt, i nicht recht, was und wo fie wirken follen. Von den
Johannes Brugman). Auch fonfl werden eine Anzahl Einen werden fie nicht verflanden, die Andern überzeugen
vitae Chrifti in Poefie und Profa erwähnt. Auch der fie nicht. Es werden Fragen aufgeworfen, für welche die
Beftrebungen, die miy(iaxa Xqiotov an feinem Leibe zu Einen fich nicht intereffiren und welche den Andern in
haben, von Franz von Affifi bis zu den ,Stigmatifirten' diefer Weife nicht gelöft werden können. So werden
der Gegenwart werden angeführt. Nicht ohne mannig- 1 z. B. die verfchiedenen evangelifchen Berichte über einen
fache Anregung kann man das mit dem vom Verf. be- I Text verglichen und die fynoptifchen Fragen dabei bekannten
Gefchick gefchriebene Büchlein aus der Hand | rührt, wie es für die Gemeinde meift gleichgiltig, wenig-
leeren. Ein doppeltes dürfte daran auszufetzen fein, ftens nur bei gröfserem Eingehen, als es die Predigt
Erftlich hat der Verf. fein Thema zu weit gefafst, wenn zuläfst, wichtig ift. Auch wird zu fehr das Beftreben
es ihm ,um den Einflufs des Heilandbildes auf das Ge- betont, auf dem Boden der geficherten Errungenfchaften
müth des Volkes' zu thun ift. Da können zuletzt alle der übrigen Wiffenfchaften, zumal der führenden Natur-
fittlichen Impulfe des Chriftenthums dazu gerechnet forfchung, feften Fufs zu gewinnen'. Das mag der
werden. Und anders ift es nicht, wenn z. B. die im ' Theolog und auch der Prediger in feiner wiffenfehaft-
.Waltarilied' gepriefene Treue als der im ,Heliand' ge- , liehen Arbeit thun. In der Predigt fteht er auf einem
forderten verwandt dargeftellt wird (?). Wenn ferner im höheren Boden. — Im Einzelnen fei noch bemerke: Das
.Parfifal' der ,Gral' und die Feier des Karfreitags (in der Bild von den Waffern Siloah ift nicht johanneifch',
Begegnung mit dem grauen Ritter) fo bedeutungsvoll fondern jefaianifch (III, 23), gleich auf der folgenden
find, fo kann man wohl fagen, dafs das Chriftenthum, Seite wird der bekannte Ausfpruch Schillers, diefer
aber doch nur in abgeleiteter Weife, dafs ,das Leben ; Märtyrer unter den Citaten, angeführt: ,dies ahnet in
Jefu' das Centrum diefes Gedichtes bildet. Sodann ift , Einfalt ein kindlich Gemüth' (oft hört man auch ,fiehet'
doch andrerfeits der Stoff zu fehr begrenzt. Nur flüchtig ftatt ,übet').

gefchieht ,der Spiele'und der Kunft Erwähnung. Welche j Leipzig. Härtung.

Quelle der Kenntnifs des Lebens Jefu liegt in den Bildern, ——--—--

die wir aus dem Mittelalter haben? Ganz gefchwiegen Kölling. Superint. Paft. Dr. Wilh., Geschichte der Aria-
wird von der Predigtliteratur. Und doch fleht man nicht nischen Häresie von Nikäa bis Constantinopel, von 325
nur bei den Predigern vor der Kloftergemeinde, auch bis 8l 2_ ßd Gutersioh, Bertelsmann, 1S83. XI,
bei einem Volksprediger, wie Berthold von Regensburg, , „ s t M S

wie er bei feinen Zuhörern das Leben Jefu im wefent- ■> ' §r' ')

liehen als bekannt vorausfetzen darf, mehr vielleicht als .Vielleicht hätte der Verfaffer feine Neigung, be-

ein Prediger unferer Tage. Aber das ift eben das Eigen- deutfame Parallelen zwifchen dem behandelten Stücke
thümliche, dafs dies Leben mehr und mehr nur unter älterer chriftlicher Gefchichte und unferer kirchlich-theo-
den Gefichtspunkt der imitatio geftellt wird. Nicht als ; logifchen Gegenwart zu ziehen und demgemäfs die Arianer
ob es nicht das höchfte für den Chriften wäre, zu dem I als Vorbilder des die Gottheit Chrifti leugenden Unglau-
Bilde Chrifti erneuert zu werden, aber diefe (Etliche Be- , bens, die Eufebianer aber als Vorläufer des mittelpartei-
deutung des Lebensbildes Jefu für uns kann nur dann liehen Halbglaubens oder des Semirationalisnius der
in rechter und gefunder Weife zur Geltung kommen, J Schule Ritfchl's zu charakterifiren, einfehränken follen'.
wenn feine religiöfe Bedeutung rein gewahrt wird. Sonft So fchreibt der Recenfent vorftehenden Buches in der
wird Chriftus der erfte unter den Heiligen, und die apo- j .Neuen Evangelifchen Kirchenzeitung'. Wenn fogar die
kryphenhaften und legendenhaften Züge finden nur zu Kirchenzeitung, deren Partei in den Parallelen des Verleicht
Eingang. Die Nachfolge Chrifti wird in myftifcher j faffers fleh über Mifshandlungen nicht zu beklagen hat,
Weife geiftig fublimirt oder in mönchifcher Weife ver- l findet, dafs hier zu viel gefchehen fei, fo ift man auf
finnlicht, und dies um fo mehr, je einfeitiger nun die j üble Dinge gefafst. Und doch wird Niemand, der das
Leidenszüge an feinem Bilde uns zum Vorbild hinge- 1 Buch nicht gelefen, im Voraus ahnen können, Dis zu
Hellt werden. So hoch wir die religiöfen Kräfte an- ! welchem Grade die kirchenpolitifche Methode des Mifs-
fchlagen, die auch in der mittelalterlichen Kirche wirkfam ' brauchs der Gefchichte hier ausgebildet ift. Das Buch
gewefen find, fo fehr wir uns freuen, dafs feit länger [ darf fich rühmen, dafs ihm zur Zeit in der theologifchen

als einem Jahrtaufend unfer Volk fich in die Herrlichkeit
diefes Lebensbildes verfenkt hat, wir dürfen nicht ver-
geffen, dafs erft die veränderte religiöfe Betrachtung
Chrifti in der Reformation uns zu feinem Leben in die
rechte Stellung verfetzt hat. DiefeErkenntnifs tritt in dem
Schriftchen zurück. Ift die Rückficht auf die Männer, mit
denen Verf. doch in den erwähnten Vorträgen zufammen-
gewirkt hat, daran Schuld? Allein alle perfönliche Achtung
vor den Fuhrern des Altkatholicismus wird uns die
Thatfache nicht verbergen können, dafs nicht blofs das
Papalfyftem mit feinen alten und neuen Anmafsungen
die katholifche Geftalt des Chriftenthums von der evangelifchen
fcheidet. Von den in den beiden andern Heften
beigegebenen 6 Predigten fagt Verf. im Vorwort: ,fie
find das Gegentheil von dem, was fie fein follten; nicht
nur viel zu lang und zu wenig populär, fondern obenan

Literatur jedes Seitenftück fehlt. Die Ungerechtigkeit wetteifert
hier mit einer feltenen Gefchmacklofigkeit, die
häufig an'sKomifche ftreift. Da diefe Zeitung einer ernften
Aufgabe dient, fo ift es unmöglich, Proben und Auszüge
zu geben.

Aber von den das ganze Werkdurchziehenden kirchen-
politifchen Reflexionen auf Zeitereignifse abgefehen —
die Behandlung, welche der Verfaffer den Nicht-Nicänern
angedeihen läfst, ift noch viel ungerechter als feine Behandlung
der Ungläubigen und Halbgläubigen unferer
Tage. Seine Gefchichtsfchreibung bezeichnet einen Rückfall
— aufweiche Stufe? Das ift fchwer zu fagen. So-
krates und Sozomenos find jedenfalls Mufter von Unparteilichkeit
gegen ihn. Man mufs nach den obscurften
kirchlichen Scribenten fuchen, um für die Gefchichtsbe-
trachtung des Verfaffers Zeugen zu erwecken. Man lefe
unter dem Gefchick leidend, dafs fie nicht an die wirk- I in diefer Hinficht den grofsen Abfchnitt über Julian,
liehe Gemeinde des Seelforgers gerichtet fein konnten, j ,den Fanatiker des Heidenthums, den Semitophilen, den
vielmehr aus dem Bedürfnifs des Univerfitätslchrens er- ! Chriftomachen', oder man lefe aus dem 1. und 2. Bande
wuchfen, über die Probleme feiner Fachdisciplin fich die Charakteriftik des Arius. Dem ftelle man die Licht-
felbft Rechenfchaft abzulegen'. Ref. hätte fein Urtheil j bilder gegenüber, welche der Verfaffer von Conftantin
nicht fo fcharf ausgedrückt, fchon um des fittlichen und j und den Kappadociern entwirft. Auch in diefer Hinficht
religiöfen Ernftes und des aufrichtigen Strebens willen, 1 ift es Pflicht der Kritik, auf jede Discuffion zu verzichten.