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Ausgabe:

1884 Nr. 17

Spalte:

419-420

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bitzius, Alb.

Titel/Untertitel:

Predigten. (Aus dem Nachlaß hrsg. 2. unveränd. Aufl.) 1884

Rezensent:

Meyer, Ernst Julius

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Seite 1

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419

Theologifche Literaturzeitung. 1884. Nr. 17.

420

die ihr geftellten kirchlichen Aufgaben und Probleme fondern baut, in dem Sinne, den die 7. Predigt (.nicht

ins Licht gehellt wird, und in meifterhafter Durchführ- auflöfen, fondern erfüllen') fehr fchön entwickelt. Nicht

ung fehen wir bis ans Ende die Aufgabe feilgehalten, ; ein Mann der Doctrin, fondern ein Mann des Lebens und

die charakteriftifchen Züge und Ergebniffe der Zwingli- ' ein Mann des Volkes durch und durch, voll Geift und

fchen Reformation zu gleicher Zeit in ihrer hiftorifchen : Feuer, theilt er mit feinem Vater die ideale und poetifche

Entfaltung, wie in ihrer bleibenden Bedeutung für die Natur, der fich das wirkliche Leben verklärt und die auch

Gegenwart zur Geltung zu bringen und auf diefem Wege das fcheinbar Unbedeutende und Aeufserliche finnig zu

den ihr zugefprochenen eigenthümlichen Werth] und Ge- deuten verheilt (vgl. 14. und 35. Predigt), den offenen

halt ins Licht treten zu laffen. In die intereffanten Ein- Blick für Natur und Menfchenleben, das warme Herz

zelerörterungen des Verfaffers einzugehen verbietet auch i für das Volk und die Gabe plaftifcher Darheilung, volks-

hier der Raum. Ich bemerke nur, dafs ähnlich, wie er thümlicher Beredfamkeit. Er kennt die Bedeutung der

in Bezug auf die Erwählungslehre die Lehre Zwingiis ! erhaltenden Mächte im Leben des Volkes, zumal die Be-

von den göttlichen Eigenfchaften dazu benützen konnte, deutung der Sitte und fpeciell der religiöfen Sitte (vgl.

um bei ihm felbh dieAnfätze zu einer vollkommeneren 15. Predigt), über die der fchablonenmafsige Reformer,

Fafsung nachzuweifen, auch feine Lehre von der Ver- j der Mann der Schule mit der Brille der Doctrin, .kühnen'

föhnung von diefem Gefichtspunkt aus wird verhanden Blickes hinwegfieht, und geht in gemüthvoller Weife auf

werden müffen (vgl. IV. 5. Ho. III. 206 f.) und erinnere he ein: die Bande der Pietät und der Treue, im Leben

in Bezug auf die centrale Stellung der Lehre von der des Haufes, der Familie und des Volkes pflegt er mit

Vorfehung bei Zwingli an die von Kefsler berichtete 1 Liebe und fucht he mit religiöfen Motiven zu durchdringen

Thatfache, dafs he auch auf der Synode zu St. Gallen [ (vgl. 28. 44. 45. 46. Predigt); in der 46. Predigt z. B.

das Thema feiner Predigt bildete, fowie an das von führt Bitzius vortrefflich den Gedanken durch, wie das

feinem Schüler Bullinger in feiner Gedächtnifsrede ihm Geheimnifs aller wahren Erziehung Anderer die eigene

gegebene Zeugnifs, er allein habe ,die Allmächtigkeit und ; fittliche Selbfterzichung in Gott ift und wie man dazu

Güte Gottes, die durch die Anrufung der Heiligen ver- j der beftändigen Vergebung von Gott bedarf; undwiejerem.

hnftert war, zu der alten Schönheit wiederbracht.' Einige Gotthelf in der Gabe der Pfychologie ein Meifter erften

leicht zu verbeffernde Druckfehler und Verfchreibungen Ranges ift, oft an Shakespeare erinnernd, fo verlieht auch

in den Namen wird man gerne durch die in der Vorrede fein Sohn mit tiefen Blicken in das Labyrinth des Men-

beklagte Hemmung der Sehkraft des ehrwürdigen Ver- fchenherzens, ohne von der Sünde viel in abstracto zu

faffers entfchuldigen; diefe urfprünglich frei gehaltene reden, fie in concreto darzuftellen, mit heiligem Ernfte

und nachträglich mit fo werthvollen Bereicherungen nie- mächtig an die Gewiffen zu fchlagen und fie mit frei-

dergefchriebene Rede ift jedenfalls, in Verbindung mit ; müthiger Rede, nicht feiten in prophetifchem Tone, zu

der ihr vorangegangenen Rechtfertigung Zwingiis gegen 1 fchärfen, wie in den beiden ergreifenden Predigten Nr. 33

Janfsen in der Proteftantifchen Kirchenzeitung (1883 Nr. und 34 (,Sünde unfer einziges Unglück' — ,des Bruders

16—18. 23—27) ein glänzendes Zeugnifs, dafs die geiftige Hüter'; beide bei Anlafs von Selbftmorden gehalten).

Kraft und Klarheit ihres Verfaffers, trotz jener Hemmung Oft erhebt fich Bitzius zu hohem poetifchem Schwung

ihm noch ungefchwächt zur Verfügung fleht. oder weifs auch in lieblichen, herzandringenden Tönen

Als Anhang zu diefer Jubiläumsliteratur feien zu reden, aber immer aus der Tiefe einer gefunden Em-

fchliefslich noch die im Volksblatt für die reformirte pfindung heraus; mitunter freilich fpricht der Verf. in

Kirche der Schweiz, 1884, Nr. 27—31 abgedruckten, kir- ganz vulgären Ausdrücken, die doch, fclbft für einen nicht

chengefchichtlich fehr intereffanten Mittheilungen Finslers prüden Gefchmack, der Kanzel fremd erfcheinen.
über die früheren Züricherifchen Reformationsjubiläen ; Was auch diefe Predigten an Vertiefung in die chrift-

feit 1619 erwähnt, die uns allerdings zeigen, dafs das liehe Heilswahrheit vermiffen laffen, fie find doch unver-

Jubelgedächtnifs der Reformation von 1819, fowohl was kennbar Producte echter religiöfer Begeifterung, fruchtbar
die allgemein reformationsgefchichtliche, wie was die an fchönen Winken für lebendige volksthümliche Predigt,
fpecielle biographifche Literatur über Zwingli betrifft, an die allezeit, auch wo fie dem Verftändnifs des Volkes
Productivität die Geburtsfeier Zwingiis von 1884 weit hin- viel zumuthet und von den gewohnten Geleifen paftoraler
ter fich zurückläfst. Betrachtung weit abweicht, an das Herz des Volkes zu

reden weifs, und immer im fchönen Glauben an den bef-

Bafel. R. Staehelin.

Bitzius, f. Z. Pfr. Alb., Predigten. (Aus dem Nachlafs
hrsg. 2. unveränd. Aufl. Bern, Dalp, 1884. (XVI, 352

S. gr. 8.) M. 3.50; geb. M. 4.50 Predigt zeigen, aber doch einen urfprünglichen und frifchen

feren Kern im Volke, dem Wahlfpruch des Verf.'s gemäfs:
.vertrauet dem Volk; das Volk liebt feine Idealiften'. Die
Prediger, namentlich die jüngeren, können viel aus diefen
Predigten lernen, die zwar nicht das Ideal der chriftlichen

Der Verf. diefer Predigten, Albert Bitzius, Sohn des Commentar zu dem Worte geben das Goethes Fauft mit

gröfsten Volksfchriftftellers der neueren Zeit, des unver- feinen vielen trefflichen Regeln für den Homileten auch

gefslichen Jeremias Gotthelf, aus deffen Schriften jeder diejem zum,ft: -greift nur hmein in s volle Menfchenleben

Pfarrer ein Studium machen föllte, ift im Herbft des Jahres "nd wo ihr s packt, da ift s intereffant'.
1882 geltorben. Die gegenwärtigen Predigten, bereits in Dresden. Meier,
zweiter Auflage erfchienen, flammen aus der Zeit feiner

Amtirung in Twann. Es lebt Etwas von der Ader des BlDllOgrapnie

Vaters im Sohne: die Predigten erinnern vielfach, zumal von Dr. Caspar Rene Gregory.

in ihrer Sprache, an J. Gotthelf. Zwar wurzelte der Vater jEcutfcbc Literatur,

tiefer im Glauben der Kirche, als der Sohn, der ein _ Ai. T u.« . • j , .,,*<,<> rr ■ • -a ui.

1 , V r c- • r •/- 1 cU j 11. Genz, Ii., Die Lokalkenntnis der Bibel. Anklam, 18S4. Leipzig, Buchh.

Haupt der Reformer war. Sein relormenfcher Standpunkt d. Vereinshaufes.) (IV, 39 S. 8.) — 50

tritt namentlich charakteriftifch in den Feltpredigten her- Bloch, J. S., Beiträge zur Einleitung in die talmudifche Literatur. i.Thl.
vor. Die o-rofseil Heilstliatfacheil: das Weihnachtswunder Einblicke in die Geschichte der Entftehg. der talmud. Literatur.

der ertötenden Gottesliebe, der Verföhnungstod Chrifti, tVrie%D- t£2!im*i ^It^'J* H •„ ■ , n*

Arne , _,. tJ-__jal.i |ar„ t.»t«n ;„ 1 Cloter, Gh., Auflofung der Zahl d. Gegenchriflus 666 111 der Giftende
Auferftehung und die Himme fahrt Jefu treten in den barung Johannes a nebft ■ leicghtverftändl. Erkrärg, d. ganzen

Hintergrund, fie find nur Sinnbilder innerer Vorgange. Buches, als SchlUITel zum Verftändnifs der jetz. Weltlage, durch Bil-

Aber die Predigten flehen hoch über den gewöhnlichen der erläutert. 6. Aull. Weiltingen, 1884. [Leipzig, C. A. Koch.]
Reformpredigten. A. Bitzius ift im Grunde eine pofitive (iv; 6* s,8-) , , .„ TT 50

Natur, die nicht von der Polemik zehrt, fondern von ,9,^tiSwS^1änSit IT gr'echifcheD Kirchenh,ftorlkem-
tiefen und fruchtbaren Gedanken lebt, die nicht zerftört, Aus Jahrbb. f. eins*. Philol.