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Ausgabe:

1884 Nr. 1

Spalte:

20-22

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vaihinger, H.

Titel/Untertitel:

Commentar zu Kants Kritik der reinen Vernunft 1884

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung. 1884. Nr. 1.

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es wirklich unmöglich fein, dafs die Geiftesmacht des
Chriftenthums Object des menfchlichen Erkennens würde,
ohne dafs darum der hier wirkfame h. Geift den Betrachtenden
im Innerften erfafste? Damit dies letztere
gefchehe, ift eben kein Organ, eine Empfänglichkeit im
Innerften eines menfchlichen Seelenlebens die Voraus-
fetzung, die nicht bei Jedem zutrifft. Man braucht nicht j
zu fagen: diefe Empfänglichkeit ift nicht Jedem gegeben.
Sie kann, und zwar ohne befondere perfönliche Ver-
fchuldung, vernachläffigt, unentwickelt geblieben fein. Um j
ein beftimmtes Beifpiel zu geben, erinnern wir an D. Fr.
Straufs. Seine abfchätzigen Ürtheile über das Chriftenthum
find zweifellos. Wird man ihm deswegen die Läfterung I
des h. Geiftes imputiren dürfen? Wir glauben, eben deswegen
nicht, weil es ihm an dem religiöfen Organ gefehlt j
hat. Wir berufen uns aber auch auf das biblifche Wort:
der natürliche Menfch vernimmt nichts vom Geifte Gottes.
Uebrigens können wir unfere Einfprache aus des Verf.'s
eigenen Aufftellungen beleuchten. Es ift confequent von
feinem Grundgedanken aus, wenn er S. 73 ausfpricht,
die Geiftesläfterung fei die Sünde der religiös Gefinnten,
der fog. frommen Leute, welche um Gottes willen den |
h. Geift profaniren zu müffen meinen. Aber follen nun
die S. 81 als Beifpiele der Geiftesläfterung angeführten Ge-
fchichtsforfcher, Literaten, Handelsleute und Reifende, j
welche das Chriftenthum und die Miffion herunterfetzen,
auch folche religiös gefinnten, frommenLeute fein, welche
um Gottes willen ihre Sünde begehen ? — Noch an einem
andern Punkt zeigt fich die Unhaltbarkeit der Anficht
des Verf.'s. Derfelbe bekämpft mit aller Entfchiedenheit
die Anficht, dafs die Läfterung des h. Geiftes die be-
wufste und grundfätzliche Entfcheidung gegen das klar
erkannte Gute fei. Eine folche wäre ihm, hierin trifft
er mit Lipfius, Dogm. 1. Aufl. $482 überein, ein pfycho-
logifches Unding (S. 102 u. a. a. O.). Vielmehr gefchieht
fie (S. 67) in einer dem Zuftand des Irren, welchem die
Kraft der Unterfcheidung zwifchen der wirklichen und
feiner eingebildeten Welt verloren gegangen, analogen, |
durch eingetragenen religiöfe Wahnvorftellungen hervor-
gerufenen Verwirrung des Gemüthslebens. Geben wir
zu, diefer Zuftand fei pfychologifch begreiflicher als jene j
grundfätzliche Entfcheidung gegen das mit voller Klarheit
erkannte Gute : wird dann nicht die daran geknüpfte
Unvergeblichkeit um fo unverhältnifsmäfsiger und undenkbarer
? Stellen wir uns die Sache doch ganz im
Sinn des Verf.'s (S. 68 f.) vor: ein Menfch erhält
irgend einmal einen beftimmten Eindruck von der Wahr- |
heit des Chriftenthumes; aber er ift noch befangen in
feinen bisherigen, vielleicht in ernftem Streben erworbenen
Vorausfetzungen ; er weift alfo jenen Eindruck zurück an
der Schwelle feines Seelenlebens; und nun — ift alles vorbei
; er ift zu ewigem Wahne, zu ewiger Verdammnifs
verurtheilti! Wir geftehen, diefe Schwierigkeiten der mit
allem Fleifs ausgedachten Auffaffung des Verf.'s Rheinen I
uns fo unüberwindlich, dafs uns die vom Verf. als Rationalismus
bezeichnete Auffaffung Schleiermacher's doch der
nochmaligen Ueberlegung werth dünkt, nach welcher die
Läfterung des h. Geiftes eine Verfündigung ift, die nur
im Zeitalter Chrifti möglich war. Sie wäre dann das
Gegenftück jener Geifteserweifungen, welche mit der
erften Epoche der chrifti. Offenbarung gleichfalls er-
lofchen find. Für den dogmatifchen und praktifchen
Gebrauch würde das Herrnwort Mt. 12, 31 f. den Werth
eines Grenzbegriffs behalten, welcher am äufserften Ende
unterer Vorftellungen von der Sünde fteht, über welchen
wir aber, als über ein Noumenon für unferen jetzigen
Standpunkt, nichts weiter zu lehren hätten.

Noch haben wir eines Punktes Erwähnung zu thun,
der für Charakterifirung des vorliegendes Buches von
Wichtigkeit ift. Das ift die durchgängige, gefliffentlich
polemifche Stellung, welche der Verf. der Ritfchl'fchen
Theologie gegenüber einnimmt. Es würde zuweit führen,
wenn wir auf die dahin gehenden Ausführungen des

Verf.'s näher eingingen. Jeder Kenner der Ritfchl'fchen
Theologie wird ja fchon wiffen, was er davon zu halten
hat, wenn aus R.'s Betonung der Sündenvergebung als
eines Befitzes der Gemeinde eine ernftliche Gefährdung
des religiös-fittlichen Lebens mit feiner Forderung von
Reue und Bufse abgeleitet wird (S. 19, 84 ff.) — ange-
fichts des Nachdrucks, mit welchem Ritfehl z. B. Unterricht
1. Aufl. § 58, in directem Anfchlufs an Luther's
1. Thefe vom 31. Oct. 1517, die ftete Bereitfchaft des
durchgebildeten Chriften zur echten Reue als das Gepräge
feines ganzen Lebens verlangt; wenn S. 36 die
Rede ift von der weitgehenden Kunft des Verfchweigens,
welche R. in feinen Berufungen und Citaten an Luther
geübt hat — angefichts der von Ritfehl, Rfg. u. Vföhn.
I. p. 180 beigebrachen Stellen, welche fo ziemlich den-
felben Inhalt haben, wie die von unferem Verf. an der
angeführten Stelle citirten; wenn aus R.'s Bekämpfung
der ffofflichen Auffaffung des h. Geiftes der Verf. An-
lafs nimmt (S. 36), nicht nur R. zu infinuiren, dafs ihm
der h. Geift nichts Reales fei, fondern auch den Materialismus
als die richtige Confequenz des R.'fchen Syftems
zu bezeichnen. Aber das wollten wir doch hervorheben,
dafs wir in dergleichen Ausfällen, zu denen wir insbe-
fondere auch den mit der S. w. d. h. G. doch
in gar keiner Beziehung flehenden Excurs über den
Rationalismus Ritfchl's S. 5 Anm. rechnen, eine Förderung
des vorliegenden Problems nicht zu erkennen vermögen
.

Ulm a. D. . A. Bilfinger.

Vaihinger, Privatdoc. Dr. H., Commentar zu Kants Kritik

der reinen Vernunft. Zum 100jährigen Jubiläum der-
felben hrsg. 1. Bd. 2. Hälfte. Stuttgart, Spemann,
1882. (S. 209—506. gr. 8.) M. 7. 50.

Diefe II. Hälfte des I. Bandes beftätigt im vollften
Mafse die Erwartungen, welche die erfte 1881 erfchienene
erregt hatte (vgl. Th. L.-Z. 1881, Nr. 23), dafs uns mit die-
fem Commentar ein wefentliches Hülfsmittel zum Studium
Kants werde geboten werden. Es wird jetzt der Commentar
zur Einleitung der Kritik, dem fchon die letzten
50 Seiten der erften Plälfte gewidmet waren, zum Ab-
fchlufs gebracht. Trotz der Ausführlichkeit des Com-
mentars, auf die fchon die Seitenzahl hinweift, und trotzdem
für die definitive Erledigung mancher Fragen eine
Reihe von Supplementen in Ausficht geftellt wird (z. B.
über die Gefchichte der Streitigkeiten über die Apriori-
tät der Mathematik, die Caufalität, der Unterfchied ana-
lytifcher und fynthetifcher Urtheile u. f. w.), kann von
einer überflüffigen Breite in diefer II. Hälfte nicht mehr
die Rede fein. Denn die Einleitung zur Kritik hat wegen
der Beziehungen zum Ganzen, die in ihr überall fich
aufdrängen, eigenthümliche Schwierigkeiten. Wie man
auch zu den Refultaten des Verf.'s im Ganzen und im
Einzelnen fich flehen möge, unftreitig wird jeder Lefer
ihm zu grofsem Danke verpflichtet lein, fowohl wegen
der ftaunenswerthen Fülle exegetifchen Materials, das
hier zufammengetragen und überfichtlich dargeflellt ift
(der Commentar giebt ein fehr anfehauliches Bild von
dem Chaos widerftreitender Anflehten, zu dem fich die
100jährige Kantliteratur gehaltet hat), fondern auch
wegen der peinlichen Genauigkeit, mit der jeder Satz,
ja jedes Wort auf feinen Sinn und feine Klarheit geprüft
, wegen des methodifchen Scharffinns, mit dem den
Problemen Kant's nachgegangen wird. Man freut fich
deffen, dafs man auf Schritt und Tritt zur erneuten Prüfung
feiner bisherigen Auffaffung gezwungen wird.

Zu den bisherigen Auffaffungen fleht lieh der Verf.
allerdings anfeheinend in einen grofsen Gcgenfatz. F.r
warnt nicht nur eindringlich vor dem Vorurtheil, dafs
die Kantfrage durch die bisherige Literatur zu befriedigendem
Abfchlufs gebracht fei, fondern fucht auch zu