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Ausgabe:

1884 Nr. 15

Spalte:

367-368

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Justus, Jonas

Titel/Untertitel:

Das Christenthum im Lichte der vergleichenden Sprach- und Religions-Wissenschaft und in seinem Gegensatze zur aristotelisch-scholastischen Speculation 1884

Rezensent:

Krauss, Alfred

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Theologifche Literaturzeitung. 1884. Nr. 15.

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Bildung noch in Fleifch und Blut fitzt, hätte leicht I als ein Zeichen dienen, wie tief fich der Rationalismus
illuftrirt werden können an dem Fortfpinnen desfelben j auch in die katholifchen Kreife eingefreffen hat, und wie
durch Hegel und Straufs, an der beliebten Formulirung fchwer es auch den an das heilige Myfterium des Abend

des Gegenfatzes zwifchen dem Jefus der Gefchichte und
dem Chriftus des Glaubens. — Die Widerlegung fetzt
ein mit dem zunächft überrafchenden Hinweis, dafs jenes
Aufklärungsdogma den Fehler der Myftik theile, die

mahls gläubigen Katholiken wird, gegen den Stachel der
modernen Wiffenfchaft zu löken. Die Widerfprtiche, in
denen fich der Verf. bewegt, find zu mannigfaltig, als
dafs einzelne Stellen herausgehoben werden könnten.

ebenfo wie jenes Dogma die Religion nur als eine Er- j Faft kein Blatt ift, wo nicht Fragezeichen gemacht werden
kenntnifs des Ewigen und ein Ergriffenfein durch das- müfsten. Ein pathologifches Intereffe wird aber das Buch
felbe kenne, mithin nur dasjenige Element der Religion bei Allen hervorrufen, welche fich für den Kampf zwi-
cultivire, welches fie mit der Wiffenfchaft und dem fchen befohlener und felbftändig arbeitender Religion
äfthetifchen Genufs theilt. Für den religiöfen Glauben und Theologie intereffiren.

ift das Ewige nicht nur eine zeitlofe Wahrheit und
Schönheit, in die er, fich felbft und alles Zeitliche ver-

Strafsburg iE. Alfred Kraufs.

geffend, fich verfenken mag, fondern vor allem die Ziller, weil. Prof. Dr. Tuiskon, Grundlegung zur Lehre
Kundgebung eines Willens, den er als den Ausdruck vom erziehenden Unterricht. 2. verb. Aufl , hrsg. von
feines eigentlichen Wefens anerkennt und durch deffen j p f Dr Jh v t j d . Vei & c gg
unbedingte Geltung er fich den Machten der Welt gegen- I „ ö^M8 —

über in feinem perfönlichen Werthe bewahrt weifs. Da- v*"> 557 ?• gr- °-) iVi- °~

durch gewinnen auch alle gefchichtlichen Ereignifse, die 5 Bei dem von Jahr zu Jahr wachfenden Intereffe, mit
an ihn herantreten, den Charakter göttlicher Kund- welchem fich die Lehrerwelt in und aufser Deutfchland
gebung, durch welche er felbft befähigt wird, fich der der Herbart-Ziller'fchen Pädagogik zuwendet, verdient
Welt gegenüber in feinem die Natur überragenden Werthe j diefelbe wohl auch von Seiten der Theologen einer ein-
zu behaupten- Damit ift für ihn jener unfelige Contraft, I gehenderen Beachtung gewürdigt zu werden, zumal da
der die Freude am Ewigen in einen Gegenfatz zum ge- diefe Pädagogik fich mit aller Entfchiedenheit auf reli-
fchichtlichen Wirken bringt, überwunden. Der Glaube ' giös-ethifche Grundlagen ftellt. — Das vorftehend angebraucht
gefchichtliche Ereignifse zu feiner Begründung, zeigte Werk ift unter den Leiftungen diefer Richtung
,weil wir nur aus Ereignifsen unferer Gefchichte den j eine der hervorragendften. Profeffor Vogt in Wien, der
Eindruck gewinnen können, dafs Gott uns in unferem 1 nach dem Tode des Verfaffers die Herausgabe der 2.
zeitlichen Leben auffucht und fich unferer annimmt'. Den ! Auflage desfelben beforgt hat, konnte dazu ein im
Weg, der von hier aus zu den gefchichtlichen Grund- j Nachlaffe Zillers vorgefundenes Exemplar benutzen,
lagen des chriftlichen Glaubens überhaupt führt, deutet die j welches im erften Drittel zahlreiche Aenderungen und
Rede nur an. Sie hat auch genug gethan, indem fie die j Verbefferungen, Streichungen und Zufätze von deffen
Axt an die Pfahlwurzel jener fchädlichen und doch fo I Hand enthielt, und ift aufserdem auf Verminderung der
verbreiteten Meinung gelegt hat, die aus Aufklärung und j allzu zahlreichen und deshalb oft Hörenden Citate der
Myftik ihre Nahrung zieht. 1. Auflage bedacht gewefen, entfprechend dem vom

Salbke b. Magdeburg'. M. Beffer. j Verfaffer felbft in anderen feiner Schriften geübten Vcr-

--fahren, fo dafs das Buch auch in der 2. Auflage ganz

Justusjonas, Das Christenthum im Lichte der vergleichenden ais ein Werk Ziller's erfcheint.

Sprach- und Religions-Wissenschaft und in feinem Gegen- Dafs der Unterricht erziehend wirken folle, ift heut-
fatze zur ariftotelifch-fcholaftifchenSpeculation. Wien, zutage eine ebenfo bekannte als anerkannte Forderung.
Gerold's Sohn in Coram, 1883. (VIII, 244 S. gr. 8.) Ziller unterfucht nun diefelbe in feiner .Grundlegung'

> j v > -r-r t, ^ eingehend fowohl nach ihrem Inhalte als nach den Be-
M- 4- dingungen ihrer Verwirklichung. Er unterfcheidet den

Ein ganz merkwürdiges Buch. Mitunter ift man ver- Unterricht, der erziehen foll, von demjenigen, bei welchem
fucht, an eine Myftification zu denken; denn der Wider- j dies nicht beabfichtigt ift. Letzterer wird in den Fach-
fpruch gegen die treibenden Ideen der katholifchen fchulen ertheilt, deren Aufgabe es ift, ihren Schülern
Dogmatik tritt trotz aller Verficherung der Unterwerfung : eine gewiffe Summe von Wiffen oder Können zu über-
unter jedes dogma declaratum fo offen zu Tage, dafs der ; mittein, deren fie zu ihrem Berufe oder zu anderen
Verfaffer nur entweder die Widerfprüchc im katholifchen Zwecken bedürfen, erfterer in den Erziehungsfchulen,
Dogma felbft auf diefe Weife dem Bewufstfein weiterer | deren Grundformen die Volksfchule, die höhere Bürger-
Kreife aufdecken wollte, oder dann felbft noch in einem | fchule oder Realfchule und das Gymnafium find. Der
unglaublichen Widerfpruch mit fich felbft befangen ge- i erziehende Unterricht hat den Zweck, auf den Wil-
blieben ift. Seine Abficht richtet fich darauf, die Scho- j len des Zöglings einzuwirken, ihn zu einer fittlich-
laftik wegen ihrer durchgängigen Abhängigkeit von dem 1 religiöfen Perfönlichkeit auszubilden, fo dafs Chriftus
Heiden Ariftoteles als die in den blofs empirifchen Vor- ' in ihm Geftalt gewinnt und er fich dem göttlichen Ideale
ftellungskreifen fich bewegende und als das böfe Ver- j der Perfönlichkeit annähert. Da hierdurch der Charakter
hängnifs der katholifchen Dogmatik hinzuftellen, und aus i beftimmt wird, fo kann als der Zweck des erziehenden
vergleichender Sprachforfchung und neuerer Naturwiffen- Unterrichts auch die fittlich-religiüfc Charakter-
fchaft die richtigen Erkenntnifse als eine von Adam her- bildung bezeichnet werden. Soll nun der Unterricht
flammende, aber vielfach durch die Erbfünde und deren j in diefer Weife auf den Zögling einwirken, fo mufs er
Folgen verdunkelte Tradition nachzuweifen. Zu diefem demfelben das Wiffen, das er zum Gegcnftande hat, fo
Ende werden Ausgangspunkt der Philofophie, Bedingungen übermitteln, dafs er es als etwas Werthvolles empfindet,
der principiell chriftlichen Philofophie, Erfchaffung, Ur- I es Anderem vorzieht, und dafs in ihm ein Streben nach
zuftand und Sündenfall, Urzeiten, Entftehung der Ab- ' Erweiterung und Geltendmachung desfelben entlieht, m.
götterei, Gottesbegriff unter den Juden, Ariftotelismus, E. W., er mufs dem Zögling Intereffe für den Gegen-
fcholaftifche Theologie, letzte Dinge in zehn Abfchnitten , ftand des Wiffens einflöfsen, denn aus dem Intereffe entdurchgenommen
. Ueberall aber, von der erften bis zur fpringt zuverläffig ein Wollen. Da aber der Wille, wenn
letzten Seite des Buches, geht der Kampf gegen den I es zur Ausbildung eines fittlich-religiöfen Charakters
Ariftotelismus und die von ihm beeinflufste alte und neue kommen foll, ftark genug fein mufs, um die ihm ent-
Scholaftik, befonders alfo auch gegen Thomas Aquinas.— | gegenftehenden Hemmungen zu überwinden, fo mufs
Wiffenfchaftlicher Gewinn ift aus dem Buche nicht zu j das Intereffe des Zöglings ein vielfeitiges fein, und das
ziehen. Soll es ernft genommen werden, fo kann es nur | wird dadurch erreicht, dafs in ihm eine genügende Maffe