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Ausgabe:

1884 Nr. 15

Spalte:

366-367

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Herrmann, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Warum bedarf unser Glaube geschichtlicher Thatsachen? 1884

Rezensent:

Besser, M.

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Theologifche Literaturzeitung. 1884. Nr. 15.

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mir u. f. w. ... Aus dem ganzen N. T. erfehen wir
offenbar, dafs von den Juden, welche von Alters her
die glaubhafte Selbftbezeugung Gottes an ihre Väter in
der Ausführung aus Aegypten und dem Wort der Thora
und der Propheten befitzen, Chriftus und feine Jünger
nichts weiter als den fchlichten Glauben, dafs er, Jefus,
der Verheifsene fei, verlangten'. Man foll, wie Paulus
Rom. 10, 6 fordere, weder über eine Herabkunft Chrifti
vom Himmel noch über die Geburt vom h. Geift grübeln;
man foll auch nicht forfchen und grübeln, wie es mit
der Auferftehung von den Todten bewandt fei, ,welche
doch etwas dem Naturlauf Widerfprechendes ift und
bleibt', fondern man foll auf den Auferftandenen feine
Hoffnung fetzen. Durch den .Vcrnunftglaubcn' find die
Heidenchriften in die Irre geführt worden. Die Apoftel
haben folche Heiden bekehrt, die des Vernunftglaubens
baar waren. ,Der fchlichte göttliche Glaube fand in
ihren Herzen eine fefte Stätte. Sie erkannten, nachdem
die erften Verkündiger zu Gott hingenommen waren, das
bisher in göttlichem Glauben Erkannte auch mitteilt
Vernunftglauben; aber diefer letztere Glaube, indem
er mit dem göttlichen Glauben rivalifirte,
begann deffen Duft in den Herzen der Heidenchriften
zu zerfetzen und die Neubekehrten auf
Abwege zu drängen. Gemeint ift hauptfächlich, wie
es fcheint, die katholifchc Trinitätslehre und Chriftologie
(das Taufbekenntnifs ift ausdrücklich anerkannt). ,Es
wäre leider der heidenchriftlichen Welt kein lauterer Begriff
von Chriftus und feinem Heil verblieben, wenn nicht
von Zeit zu Zeit gottbegeifterte Eiferer für die Wahrheit
und den reinen Chriftengiauben aufgetreten wären, um
den Gottesglauben gegen feinen Rivalen, den Vernunftglauben
, zu vertheidigen. Diefe fuchten nun den wahren
Glauben zu umzäunen, indem fie mancherlei Glaubensartikel
in fefte Formen brachten — alles das nur infolge
deffen, dafs jene Neubekehrten keine Er-
kenntnifs und Empfindung des nun durch den
Herrn in Erfüllung gebrachten Alten hatten;
fie fahen das N. T. für eine fchlechthin neue
Thora an, als ob es keinenjüdifchen Stammbaum
hätte'. —i In Bezug auf die cäremoniellen Gebote wird
in den Erläuterungen gelehrt, dafs diefelben verfchieden
und veränderlich fein können und müffen. ,Wir Juden
find gemäfs der Thora und dem N. T. verpflichtet, die
Befchneidung zu vollziehen, aber zu vollziehen nur darauf
hin, dafs fie etwas unferen jüdifchen Brüdern zur Auszeichnung
gereichendes fei, nicht um uns damit vor Gott
zu rechtfertigen'. ,Was das Sabbathgebot betrifft, fo
haben wir alles zu halten, was in dem: Gedenke des
Sabbathtages, — Kopf und Herz angeht, und was insbe-
fondere das Ruhen von Arbeit betrifft, fo haben wir
alle Arbeit zu unterlaffen, deren Unterlaffung nicht
nach Ort, Zeit und Sinn der Völker, unter denen
wir leben und verkehren, ftörend in die
Lebensordnung eingreift'. ,Was die Ordnungen des
N. B.'s betrifft, fo liegt uns lediglich ob, die Taufe und
den Genufs von Brod und Wein zum Gedächtnifs des
Herrn zu beobachten, und zwar in jenem jüdifch
reinen Geift und Sinn, welcher fich aus den ATlichen
Schriften ergiebt, nach dem Vorbild der Chriften
lauteren evangelifchen Bekenntnifses in England
und Deutfchland'. Eine Auseinanderfetzung
über die Einheit Gottes bildet den Befchlufs: Der Eine
Gott und fein Wort und fein h. Geift find eins. Das ift
den Juden geläufig. Anders die Heidenchriften; fie waren
an den Polytheismus gewöhnt, und für fie war es noth-
wendig, nachdrücklich zu betonen, dafs die drei Per-
fonen, die fich dem Auge des Gläubigen in den h.
Schriften und der Erfüllungsgefchichte darfteilen
eins feien. Was hat aber Ifrael dermalen mit
der Löfung eines Problems zu fchaffen, welches ein fol-
ches nur für die Heiden — und zwar nur in der Anfangszeit
— war? Die Kirchen haben vielmehr von den jü-

1 difchen Urapofteln zu lernen, welche vermöge des h.

Geiftes urtheilten, dafs man die dem Glauben an Chriftus

fich Zuwendenden nicht mitDingen behelligen foll, welche
; ungeeignet find, allgemeine Annahme und Vertretung zu

finden. Auch finden wir nirgends in den h. Schriften,
'. dafs der Glaube an die drei .Perfonen' ein nothwendiger
| Beftandtheil des Bekenntnifses fei. Auch in Bezug auf

die Geburt Jefu kann man fich begnügen, zu glauben,
j dafs er geboren ift durch den h. Geift.

In der .Ordnung des Herrnmahls' ift dasfelbe als

wirkliche Mahlzeit gedacht und find die alten jüdifchen

Gebete verwerthet. Der ganze Ritus erfcheint reich und

würdig.

Der mitgetheilte Brief des Lehrers Friedmann bekämpft
die 13. Thefe (f. oben; und ruft die Gemeinden
zu kirchlicher Entfchiedenheit auf. ,Unfer Heiland will
nicht allein, dafs die Menfchen ihn als den Sohn David's,
den Meffias Ifraels bekennen ... Ihr feid nicht mehr
ferne vom Wege der Wahrheit und des Friedens, aber
1 Ihr habt ihn noch nicht befchritten'.

Die judenchriftliche Erklärung (auf der Conferenz zu
Kifchinew) beanfprucht das Recht, von dem väterlichen
Gefetz und den Volksfitten alles beibehalten zu
dürfen, was nicht mit dem Wefen des Chriftenthums in
Widerfpruch fleht. ,Wir glauben, dafs das Gefetz feiner
religiöfen Seite nach in Chriftus erfüllt ift, glauben aber
andererfetts, zwar nicht religiös aber patriotifch verpflichtet
zu fein, das Gefetz, foweit es national ift und es die Um-
ftände ermöglichen, zu halten'. Rabinowitz erklärte, ein
Jude, der fein Kind nicht befchneide und den Sabbath
nicht halte, begehe dadurch keine Sünde, entfremde fich
hierdurch aber feinem Volke. Das Verhältnifs der Juden-
chriften zu den übrigen Chriften erläuterte er nach dem
prophetifchen Bilde: ,Der Wolf foll ruhen beim Lamme'(l).
Dem Talmud und den rabbinifchen Schriften wurde das
autoritative Anfehen abgefprochen. Betreffs der Sacra-
mentslehre erklärte Rabinowitz fein Einverftändnifs mit der
lutherifchen Kirche. — Es ift mit Bedacht über die einzelnen
Actenftücke befonders hierreferirt worden, weil fich
in ihnen nicht nur ein fchneller Fortfehritt vom Allgemeinen
zum Befonderen, fondern auch vom Unpräcifen und
Schwankenden zu feftcrenBeftimmungendarftellt. Welche
Perfpectiven eröffnen diefe Actenftücke aus der Feder
eines unzweifelhaft einfichtsvollen Mannes! Wer darf fich
getrauen, zu prophezeien, dafs die Bewegung im Sande
verlaufen oder erftarken, dafs fie zum Heile und zur
Klärung oder zum Unheile und zur Verwirrung führen
wird? Alles wird davon abhängen, ob eine innerliche
Erneuerung die Triebfeder ift.

Giefsen. Adolf Harnack.

Herrmann, Prof. Dr. W., Warum bedarf unser Glaube geschichtlicher
Thatsachen? Rede, zur Feier des 22. März
1884 in Marburg gehalten. Halle, Niemeyer, 1884
(31 S. gr. 8.) M. -.60.

Während der Patriotismus feine Wurzeln in der
Macht gefchichtlicher Ereignifse hat, bringen Kunft und
Wiffenfchaft eine Stimmung hervor, in der man unter
dem Eindruck, dafs das Ewige uns ergriffen hat, die
Bedeutung gefchichtlicher Thatfachen, ja fogar fich felbft
vergifst. Wie ift diefe verderbliche Kluft zwifchen
unferem patriotifchen, politifchen Leben und unferer
Bctheihgung an den Gütern der Wiffenfchaft und Kunft
zu überbrücken? Der Standpunkt, auf welchem das
Intereffe an dem Gefchichtlichen und das Intereffe an
dem Ewigen fich zu einer Einheit verbinden, ift der des
chriftlichen Glaubens. — So bahnt fich die Rede in
geiftreicher Weife den Weg zum eigentlichen Thema.

Leffing, Kant und J. G. Fichte werden vorgeführt
als Vertreter des Gedankens, dafs der chriftliche Glaube
keiner gefchichtlichen Thatfachen bedürfe. Wie tief
aber diefes verführerifche Aufklärungsdogma'der heutigen