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Ausgabe:

1884

Spalte:

15-20

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lemme, Ludw.

Titel/Untertitel:

Die Sünde wider den heiligen Geist 1884

Rezensent:

Bilfinger, A.

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Theologifche Literaturzeitung. 1884. Nr. 1.

hat J. G. Walch zum Zweck des Unterrichts in der Po- Bearbeitungen, welche es gefunden hat, auch die wiffen-
lemik aufser anderen Streitigkeiten in der lutherifchen i fchaftliche Theologie doch fo wenig zu übereinftimmen-
Kirche auch die um den Pietismus literarifch feftgeftellt j den Refultaten gelangt ift, auf's Neue in Angriff genommen
und dogmatifch beurtheilt. Dabei läuft ja manches I hat. Mag eben die letztere Thatfache auch geeignet
Thatfächliche mit unter, aber in fehr unvollftändiger ; fein, die Hoffnung, dafs dem erneuten Verfuche gelingen
Weife. Trotzdem haben die Kirchenhiftoriker Schröckh ' werde, was den vorausgehenden nicht gelungen war,
und Henke diefes Walch'fche Material fo in die Kirchen- j herabzuftimmen, fo kann das doch nicht abhalten, dem-
gefchichte eingeftellt, als wenn es den Pietismus erfchöpfte. felben die volle Aufmerkfamkeit zu fchenken, welche
Dabei hat es auch Schmid (1863) im Wefentüchen ge- ! jede monographifche Bearbeitung dogmatifcher Themen
laffen. Von den Dargun'fchen Pietiften wufste man dem- unferes Erachtens zu beanfpruchen hat, um fo mehr,
gemäfs aus dem fünften Bande von Walch nur, dafs wenn fie einer Frage zugewendet ift, welche da und dort
mehrere Prediger in dem Mecklenburgifchen Amte Dargun, | ins praktifche Chriftenleben eingreift, wie fie denn auch
welches als Apanage der Prinzeffin Augufla überwiefen j durch ein directes Wort unferes Herrn angeregt ift. Wir
war, feit 1735 in Predigten und Druckfchriften die Theorie ! geben im Folgenden zunächlt die Grundgedanken des
vom Bufskampfe vertreten haben, und darüber von j Verf.'s. Von ,Sünde wider den h. Geift', welche BeTheologen
in Roftock und Greifswald beftritten worden ! griffsbezeichnung Verf. obwohl fie nicht biblifch ift, doch
find. Das war fchliefslich nicht von befonderem Intereffe, | als an fich fehr wohl möglich acceptirt, kann nur geredet
wenn man wufste, dafs Francke jene Methode aufge- werden auf Grund eines richtigen Begriffes vom heiligen
bracht hat, und dafs fie fich in leicht entdeckbare Geift. Der Rationalismus, welcher denfelben als den
Widerfprüche in fich verwickeln läfst. Der Verf. vor- chriftlichen Gemeingeift erklärt, ift unfähig, jene Sünde
liegender Schrift begründet nun aus archivalifchen Quellen | zu begreifen. Denn ein chriftlicher Gemeingeift exiftirt
ein ganz anderes Intereffe an der mecklenburgifchen theils überhaupt nicht; theils, foweit man von ihm reden
Gruppe des Pietismus, und rollt ein lebensvolles Bild j kann, ift er ein mcnfchliches Product, das niemals religiöfe
auf, in dem der Streit um den Bufskampf einen fehr j Achtung heifchen darf. Der heilige Geift ift vielmehr
untergeordneten Zug abgiebt. Die genannte Prinzeffin 1 wahrhaft von Gott ausgehender Geift; er ift reale, über-
(1674—1756) war eine jüngere Schwefter der Gräfin ■ weltliche himmlifche Wirklichkeit. Da nun diefer reale
Chriftine von Stolberg-Gedern, welche Spener nahe ftand, I Gottesgeift durch Chriftus auf die Erde verpflanzt und
und welche eine vormundfchaftliche Regierung für ihren j am Pfingfttage in die Herzen feiner Jünger ausgegoffen
Sohn Chriftian Ernft in Wernigerode mit Umficht und ift, fo ift der Boden, auf welchem von S. w. d. h. G.

Energie geführt und dem Pietismus in ihrer Familie einen
ftarken Rückhalt verfchafft hat. Wie diefe ältere Schwefter
war auch die jüngere, unverheirathete, der Peterfen'fchen
Lehre von der Wiederbringung ergeben. Wir lernen in
deren Secretär Jak. Chr. Hellwig einen Vertreter aller

geredet werden kann, lediglich der des neuen Bundes.
Ein Analogon derfelben findet fich im A. T. allerdings
in dem Widerftreben des Volkes gegen den aus den
Propheten heraus redenden Gottesgeift. Aber abgefehen
davon dafs hier der Geift Gottes nur intermittirend,

aparten Lehren des radicalen und myftifchen Pietismus | wirkt, wendet er fich nur an die Gefammtheit, nicht an
kennen, die er unter dem Hofgefinde der Prinzeffin die Einzelnen. Das Widerftreben gegen denfelben ift
verbreitet. Für die Wiederbringung gewinnt er auch alfo nicht individuelle Sünde. Andere Analogien aus
einige der. pietiftifchen Prediger, welche die Prinzeffin : dem A. T., wie die Sünde mit erhobener Hand
allmählich; auf Empfehlung ihres Neffen in Wernigerode, ! und die Läfterung des göttlichen Namens, will Verf. als
an den Kirchen ihres Patronates anftellt. Endlich aber nur verwirrend ganz bei Seite gelaffen wiffen. Für den
wird zuerft der Einftufs Hellwig's, dann er felbft durch , neuteft. Standpunkt ift es charakteriftifch, dafs der Ein-
den Hofprediger Zachariae verdrängt, welcher von Wer- zelne das Object des andringenden h. Geiftes wird. Alfo
nigerode her berufen mit der Halle'fchen Theorie des ! kann auch hier erft das Widerftreben gegen denfelben
Bufskampfes die klare Einficht in die Fremdartigkeit der in mannigfaltigen Formen und eben darum auch hier
Peterfen'fchen und böhmiftifchen Liebhabereien verbindet. ! erft die gefteigertfte Form desfelben, die unvergebliche
Die literarifche Debatte diefes Mannes und feiner Ge- I Sünde der Läfterung des h. Geiftes, zur Erfcheinung
hülfen über jene Hauptlehre ift ferner eingefafst durch kommen. Um nun die letztere in ihrer fpeeififchen Art
eine Reihe perfönlicher Conflicte mit den Mächten der zu erkennen, ift daran zu erinnern, dafs allerdings jedes

Rechtgläubigkeit. Dabei aber erfcheint die Prinzeffin

Widerftreben gegen den h. Geift, wofern es nicht auf-

nicht blofs als eine umfichtige Schützerin diefer ihrer j gegeben wird, das ewige Verderben bewirkt. Allein es
Clienten, fondern auch als Fürforgerin für alle mögliche ] darf diefe Gleichartigkeit des Endausgangs doch nicht
Wohlfahrt der ihr anvertrauten Unterthanen. Sie tritt , zu der Behauptung (Schleiermacher, J. Müller) verleiten,
dadurch in die Reihe der hochgeftellten Anhänger des dafs jede Sünde, welche das ewige Verderben bewirkt,
Pietismus, welche in diefer Richtung die Antriebe der fich fchliefslich in der Geiftesläfterung vollenden müffe.
Humanität fanden, denen fie in ihren wenn auch noch Es bleibt der Unterfchied, dafs diefe die Möglichkeit der
fo befchränkten Wirkungskreifen Folge leifteten, wie die Vergebung aufhebt, während bei jeder anderen Sünde

genannte Gräfin Chriftine von Stolberg, der Graf Johann
Friedrich von Solms-Laubach und feine Gemahlin, Benigna,
geb. Gräfin von Promnitz, Graf Heinrich XXIV. von
Reufs-Köftritz, Graf Erdmann Heinrich von Henckel.
Auch nach diefer Seite hin ift die vorliegende Arbeit
von hohem Werth für eine wirkliche Gefchichte des
deutfehen Pietismus.

Göttingen. A. Ritfchl.

Lemme, Prof. Lic. Ludw., Die Sünde wider den heiligen

Geist. Eine Abhandlung zur Glaubenslehre. Breslau,
Köhler, 1883. (VI, 115 S. gr. 8.) M. 1. 80.

Man wird demVerfaffer der vorliegenden Schrift zum
Voraus Dank dafür wiffen, dafs er ein Problem, hinfichtlich
deffen in dem chriftlichen Gefammtbewufstfein fo dunkle
Vorftellungen walten, und über welches trotz der vielen

diefe Möglichkeit noch offen ift. Und wenn es auch
Sündenzuftände — der Sicherheit, Leichtfertigkeit, Selbft-
gerechtigkeit und Verftockung — giebt, welche als
finalis impoenitentia zu beurtheilen find und die Bekehrung
in Wirklichkeit ausfchliefsen, fo find doch auch
diefe mit der Läfterung des h. Geift nicht identifch.
Denn die Ausfichtslofigkeit des Antheils an der Erlöfung
ift nicht mit diefen Zuftänden als folchen nothwendig
verbunden, fondern haftet an dem einzelnen Fall; die
Geiftesläfterung aber trägt jene Ausfichtslofigkeit in fich
felbft. — Die wichtigfte Frage ift demnächft die: wer
die Läfterung des h. Geiftes begehen kann, die Wiedergeborenen
, oder die Nichtwiedergeborenen? Aus Rom.
8,38 f. 1 Tim. 1, 2 und 4, 8 fleht dem Verf. feft, dafs
der Stand der Wiedergeburt das donum perseverantiae
alfo die Unmöglichkeit der S. w. d. h. G. in fich fchliefst.
Dagegen Rheinen freilich die gewöhnlich mit den Grund-