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Ausgabe:

1884 Nr. 11

Spalte:

274-277

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dieffenbach, G. Chr.

Titel/Untertitel:

Evangelische Hausandachten. Zur Ergänzung und Fortsetzung der evangelischen Hausagende. 3 - 6. Monatsheft 1884

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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Theologifche Literaturzeitung. 1884. Nr. 11.

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fämmtlich mit entfchieden ausgefprochenem evangelifchen zugleich der ftaatliche Schulzwang in der Form befteht,
Bekenntnifs. Auf dem gleichen Grunde mit diefen Ver- dafs die freie Schule keinen Raum hat, wird, fo fürchten
einen und in naher Fühlung mit dem Rheinifch-Weft- : wir, der Schein nicht vermieden werden können, als ob
fälifchcn, aber ein Gebiet betretend, das jenen Vereinen j der fo tief berechtigte Kampf um die confeffionelle
bis dahin mehr oder weniger fern gelegen hatte, bildete Schule doch nur ein Kampf um l'arteimacht wäre,
fich 1876 der .Verein zur Erhaltung der evangelifchen | Wir beklagen das tief, aber einen Ausweg fehen wir
Volksfchule' unter der begeifterten und unermüd- nicht.

liehen Leitung des Pfarrers Zilleffen in ürfoy a. Rh. Eine ähnliche, nur noch viel heikeligere Frage be-

Er unternahm einen erfolgreichen öffentlichen Kampf handelte der wirklich bedeutende Vortrag von Pf. Zil-
gegen die unter dem MiniflerFalk in reifsender Schnellig- .t leffen auf dem zweiten Congrefs (S. 105 ff.) über die
keit um fich greifende Simultanifirung der Volksfchule, Schu lau f fi chtsf r age, nämlich betreffs der Elementar -
mit aller Macht dafür eintretend, dafs der Volksfchule fchule. Heikelig infofern, als die Befeitigung der meift
hr confeffioneller, ihr evangelifcher Charakter gewahrt 1 durch Pfarrer gehandhabten Localfchulinfpection nicht

bleibe. Um eine Vereinigung der verfchiedenen chrift-
lichen Schul- und Lehrervereine, deren Vertreter fämmtlich
dem Verein zur Erhaltung der evangelifchen Volksfchule
angehörten, herbeizuführen, unternahm Zilleffen
1882 die Berufung eines Congreffes, deffen erfter
Statuten-Paragraph lautet: ,Der Congrefs für die Freunde
evangelifch-chriftlichen Schulwefens in Deutfchland fleht

nur von Seiten derer gefordert wird, welche jedes Band
der Kirche und der Schule löfen wollen, fondern auch,
wie die nicht gerade in hervorragend befcheidenem Tone
gehaltene Eingabe einer Anzahl Rheinifcher Lehrer im
Anhange zur Denkfchrift 1882 S. 121 ff. beweift, von
Seiten einer grofsen Anzahl von Lehrern, welche, felbfl
auf dem Boden evangelifchen Glaubens flehend, den

auf dem Bekenntnifs Apoftelgefch. 4, 12. Er vertritt ftreng chriftlichen Charakter der Schule erhalten wiffen
demgemäfs auch dies Bekenntnifs in allen feinen Con- ; wollen. In überaus gefchickter und weifer Art entledigte
fequenzen auf dem Schulgebiet'. — Uiefem fpeeififchen fich Redner feiner Aufgabe; eine ungefchickte Behand-
Charakter des Congreffes durchaus entfprechend, ob auch lung würde aller Wahrfcheinlichkeit nach einen tiefen
nicht dem gefchichtlichen Urfprung Rechnung tragend, Rifs in den Congrefs gebracht haben; in Folge der überbegann
der erfte Congrefs mit dem Referate des Lic. zeugungskräftigenundfriedfertigenAusführungZilleffen's
Dr. Kolbe über das Thema: ,aus welchen Gründen ifl j wurde nicht ein Hervortreten differenter Anfchauungen
auch für die höheren Schulen der confeffionelle Cha- ■ vermieden, aber die echte evangelifche Einmüthigkeit
rakter wünfehenswerth, und was kann unter den obwal- i wurde bei aller Offenheit der Ausfprache auch nicht
tenden Umftänden zu Gunften desfelben gefchehenr' Mit [ geftört. Zwar die Erfüllung der Forderung, die Aufficht

einem warmherzigen und das Bekenntnifs zu Chrifto un
umwunden betonenden Referate war der Congrefs dadurch
eröffnet und auch die Discuffion verlief, die
Differenzen ausgleichend und ihnen ausweichend, in
fachlich anregender Weife, nur an einem Punkte in

in erziehlicher Hinficht, die dem Geiftlichen zukomme,
von der in unterrichtlicher Hinficht, die einem Schulfachmann
zukomme, zu fcheiden (Thefe 2 u. 5), wird
fo lange wohl unmöglich fein, als durch Erziehung unterrichtet
und durch Unterricht erzogen wird. Auch wird

polterhafter Weife geftört. Differenzen find allerdings j fchwerlich den Wünfchen der Betheiligten entfprochen
vorhanden; fie liegen in der Verfchiedenheit, in der das werden, wenn (Thefe 8) die Localaufficht dem Geiftlichen
Verhältnifs zwifchen Chriftlichkeit und Kirchlichkeit hüben genommen und dem vielköpfigen, aus Pfarrer, Bürgerund
drüben beltimmt wird, und daher in der Verfchieden- meider, Lehrer und etlichen Gliedern der Schulgemeinde
heit des Inhaltes, der den Worten ,Confeffion' und 1 bedehenden Schulvordand, dem fogar auch die metho-
.confeffionell' gegeben wird. — difch-technifche Seite des Schulwefens unterdehen foll

Höchd indruetiv für die Tendenz des Schulcon- | übertragen wird. Die Thefen follten jedoch nur die'
greffes, der den Zweck des Vereins zur Erhaltung der ; Zufammenfaffung des Vortrags fein, nicht zur Discuffion
evangelifchen Volksfchule zu dem feinigen gemacht hat, id gedellt werden; eine Refolution wurde allerdings an<»e-
der Vortrag von Pfarrer Zilleffen (Denkfchrift 1882 nommen, nachdem viel für und wider, beides mit »rofsem
S. 81 ff.): ,Die Beendigung des Schulkampfes auf dem ,' Emde, geredet war, aber das Hauptgewicht des Ganzen
Volksfchulgebiete-. Unter der Vorausfetzung des ltaatlichen lag nicht in diefer Refolution, fondern in der Thatfache,
Schulzwanges bedeht die Forderung im Namen aller | dafs eine fo fchwierige und klippenreiche Frage in Frei-
chridlich gefinnten Eltern, dafs ihre Kinder in der Schule ; heit behandelt und befprochen werden konnte, ohne dafs
im evangelifchen Bekenntnifs erzogen werden; die Eltern j die Einigkeit im Geide verletzt wurde. Mit vollem Rechte
zu zwingen, ihre Kinder in die Simultanfchule zu fchicken, I konnte Dr. Frick in feinem Schlufsworte rühmend herweiche
, weil fie des Bekenntnifses entbehrt, nothwendig | vorheben, dafs die böfen Hinderungen aller Einigkeit in
das Religiöfe verflüchtigt und entfärbt und nur ver-
fchärften Streit gebiert, id ein Eingriff in die garantirtc
Gewiffensfreiheit und in die Freiheit der Religionsübung.
Die Religion aber, das Bekenntnifs, id die Seele aller
Erziehung; und nur wenn der Staat auf alle Erziehung
in der Schule verzichten will, um lediglich Fachunter-
weifung ertheilen zu laffen, kann er der evangelifchen,
der confeffionellen Volksfchule entbehren. Wir treten
mit voller Ueberzeugung dem Ref. zur Seite; allein feine
Forderung, dafs die Eltern der Kinder darüber ent-
fcheiden follen, ob confeffionelle oder aconfeffionelle
Schule, dafs ferner denen, die aconfeffionelle wünfchen,
folche eingerichtet werden follen, ebenfalls im Namen
der Gewiffensfreiheit, offenbart uns nur die Schwierigkeit
der Frage. Denn folche Doppelfchulen fcheinen
uns Utopien zu fein, fowohl auf dem Gebiete des elementaren
als des höheren Schulwefens; oder foll fich
neben dem confeffionellen Gymnafium ein aconfcffionelles
erheben, und zweierlei Töchterfchulen neben einander
beftehen? So lange der Gegenfatz Von chriftlicher und
moderner oder naturaliftifcher Weltanfchauung währt und

unferer Zeit, die Begriffsverwirrung und die Brüchigkeit,
auf dem Congreffe fiegreich überwunden feien.

Noch von manchem guten Worte könnte berichtet
werden; nur im Vorbeigehen fei die treffliche, an echt
evangelifchem Gehalte fo reiche Predigt des O.-K.-R.
Dr. von Burk erwähnt, vieler tüchtiger Aeufserungen in
den Discuffionen zu gefchweigen. Wir fchliefsen mit
dem Wunfche, dafs die folgenden Congreffe die Einheitlichkeit
evangelifcher Pofition fo treu bewahren, den
Geift evangelifcher Liebe und chriftlichen Friedens fo
fegensreich bewähren mögen, wie die Congreffe zu Frankfurt
und Kaffel.

Marburg. Achelis.

Dieffenbach, G. Chr., Evangelische Hausandachten. Zur

Ergänzung und IAortfetzung der evangelifchen Hausagende
. 3—6. Monatsheft. Bremen, Heinfius, 1883.
(ä 88 S. gr. 8.) ä M. 1 —; cplt. M. 4.80; geb. M. 6.—

Die Monatshefte 1 u. 2 der evangelifchen Hausandachten
haben in der Theol. Lit.-Zeitung 1883 Nr. 6