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Ausgabe:

1884

Spalte:

265-268

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cotterill, J. M.

Titel/Untertitel:

Modern Criticism and Clement‘s Epistles to Virgins 1884

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1884. Nr. ig.

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hat, fondern die der Begriff Gott involvirt. — Nicht
übereinftimmen kann ich mit einem Rcfultat, auf welches
W. viel Gewicht legt: Chriftus habe in feiner Präexiftenz
ein Gottwefen und in feiner gefchichtlichen Erfcheinung
ein Menfchenwefen und einen Knecht dargeftellt, ohne
jenes und diefes wirklich zu fein (S. 31—39). Befonderen
Werth für diefes Refultat legt der Verf. auf den Ausdruck
nfioitofia. Chr. fei ,Abgebilde' menfchlichen Wefens
geworden, aber damit fo wenig Menfch, als ,die Nach-
geftalt jemals zur Urgeftalt werde'. Nun ifi aber logifch
durchaus nicht ausgefchloffen, dafs die ,Nachgcftalt' zugleich
der ,Urgeftalt' wefensgleich ift. Ferner ift der
Ausdruck nf.inioif.ia unrichtig gefafst. Wenn der Verf.
fich an den LXX orientirt hätte, würde er gefunden
haben, dafs b/i. nicht blofs ,Nachbild', fondern auch und
hauptfächlich einfach ,Geftalt' heifst, und diefe Bedeutung,
die in allen neuteftl. Stellen pafst, ift hier durch den
parallelen Ausdruck ayfiia geradezu gewiefen. Beides
verhält fich wie die blofse von aufsen gegebene Natur-
beftimmtheit und die von innen heraus geiftig beftimmte
Natur, wie forma und habitus, wie das rein Materielle
und das durchgeiftete Materielle. Der Unterfchied von
Urbild und Abbild ift in keiner Weife indicirt. Aber
auch von anderer Seite ergiebt fich die Unzuläffigkeit
der Confequenz des Verf.'s. Diefer felbft legt ja Gewicht
auf das Fehlen des Artikels bei den Gen. Ssor, öovlnv,
av&Qt&nov. Fs ift alfo die Rede von einer Fxiftenzweife,
wie fie der Begriff des Göttlichen einerfeits, des
Menfchlichen andererfeits mit fich bringt. Selbft wenn
alfo 0/1. mit ,Nachbild' zu überfetzen wäre, fo würde
doch das Nachbild deffen, was im Begriff Gott, Knecht,
Menfch gegeben ift, fchlechterdings nicht eine Discrepanz
von dem Wefen diefer Begriffe ergeben. Endlich trägt
die Berufung des Verf.'s auf die Wortftellung nichts aus.
Denn die Voranftellung von bfioltofia und aylpia beruht
einfach auf dem Umftand, dafs es die beiden Theil-
vorftellungen find, welche aus dem Begriff (toqqn'i als
dem allgemeineren herausgehoben werden follen und
alfo zu einander in Gegenfatz flehen. Dafs aber der
Begriff fiOQqrq nicht den Ton haben kann, folgt aus dem
Zufammenhange. Denn dafs nur äufserlich, nur in der
Dafeinsform der Wechfcl bei Chr. beftanden habe, würde
eine Herabminderung des Gedankens fein, die durch den
Zufammenhang nicht nur nicht gewiefen, fondero abge-
wiefen wird. W. hat Recht, dafs der Kern des Wefens
Chrifti von dem Wechfel nicht betroffen wird, aber
darauf liegt nicht der Nachdruck. Dafs aber &eo$ und
äovlov nicht an der Tonftelle flehen, hat feinen Grund
darin, dafs nicht auf den Zuftandsformen, zwifchen denen
gewechfelt wird, fondern auf dem Wechfel felbft der
nächfte Nachdruck liegt. — Sehr frappant ift die Deutung
des i/ioioth'iog, iniyeiog, -/.mayiloviog: alle drei follen
fich auf die Chriften beziehen, der erfte Ausdruck auf
die der erften Auferftehung theilhaften Märtyrer, der letzte
auf die übrigen geftorbenen Chriften. Die Deutung
fcheitert aber für mich daran, dafs ich die ,doppelte'
Auferftehung bei dem Apoftel nicht zu finden im Stande
bin. Es wird alfo wohl fein Bewenden dabei behalten,
dafs das Reich Chrifti fich über alle Weltfphären erftreckt.

Greifswald. Erich Haupt.

Cotterill, J. M., Author of ,Peregrinus Proteus', Modern
Criticism and Clement's Epistles to Virgins (first printed
1752) or their Greek Version newly discovered in
Antiochus Palaestinensis, with Appendix containing
newly found versions of fragments attributed to
Melito. Edinburgh, T. & T. Clark, 1884. (VI, 127 S.
gr- 8.)

Eine Unterfuchung, in welcher der Verfaffer von
einer wichtigen Entdeckung berichten kann, verdient
unter allen Umftänden Dank. Eine folche Entdeckung

wird aber in vorftehender Schrift mitgetheilt: Cotterill
hat hier nachgewiefen, dafs umfangreiche Abfchnitte aus
den beiden räthfelhaften pfeudoclementinifchen Briefen
ad virgines, die bisher nur in einer einzigen fyrifchen
Bibelhandfchrift (v. J. 1470) vorlagen und deren Exiftenz
im Alterthum uns bisher lediglich von drei Vätern
(Epiphanius, Hieronymus und Timotheus Alex.) bezeugt
war, fich in dem llavdeAXijg Trjg ccyiag ypaaffjc. des Mönches
Antiochus von St. Saba {saec. VII. mit.) finden.
Verwerthet aber ift diefe Entdeckung in vorliegender
Unterfuchung nach derfelben Methode, nach welcher der
Verf. i. J. 1879 in feinem ,Peregrinus Proteus' eine Serie
von mehr als einem Dutzend alter Schriften, unter ihnen
auch den 1. Brief des Clemens an die Korinther, in das
Renaiffancezeitalter gefchoben hat (f. Theol. Lit.-Ztg.
1879 Nr. 17). Der Verf. weift auch diesmal nach, dafs
die Citate des Epiphanius und Hieronymus nicht auf die
uns vorliegenden Briefe ad virgines zurückgehen können,
dafs jene Briefe vielmehr auf Grund jener Stellen
gefälfeht find; er weift ferner nach, dafs nicht Antiochus
unfere Briefe benutzt haben kann, fondern dafs umgekehrt
ein Falfarius aus den Homilien des Antiochus
unfere Briefe componirt hat, und nach Bcfeitigung des
Zeugnifses des Timotheus glaubt er den unumftöfslichen
Beweis geliefert zu haben, dafs die uns erhaltenen Briefe
ad virgines früheftens im 7. Jahrhundert verfafst find,
läfst aber durchblicken, dafs man noch dreift ein paar
Jahrhunderte zum Datum der Abfaffung zuzulegen berechtigt
ift. Die hohe und epochemachende Bedeutung
diefer feiner Unterfuchung, die ein neues Stadium der
literarifchen Kritik begründen foll, fieht der Verf. darin,
dafs nun an einem Beifpiel eelatant und unwiderfprech-
lich gezeigt ift, dafs Eälfchungen im fpäten Mittelalter
auf Grund von verfteckten Notizen der alten Väter in
grofser Zahl gemacht worden find. Sind die Briefe ad
virgines aus des Hieronymus' Schrift gegen Jovinian, den
Homilien des Antiochus u. f. w. zufammengeftoppelt,
dem Clemens untergefchoben und felbft in eine Bibelhandfchrift
aufgenommen worden, fo ift es nicht mehr
unglaublich, dafs mntatis mutandis dasfelbe bei dem
1. Clemensbrief {ad Cor.) der Fall gewefen ift. Der
Kritiker verkündet bereits die Niederlage aller feiner
Gegner, behandelt die verdienteften englifchen Gelehrten,
vor allem Lightfoot, aufs übermüthigfie und nimmt
für ficher an, dafs nun alle die Ergebnifse, die der
,Pcregrinus Proteus' gebracht hat, von den befchämten
fog. Kritikern anerkannt werden müfsten.

Man kann den Verf., der bereits hoffnungslos einer
rafenden Methode anheimgefallen ift, nicht mehr überzeugen
; diejenigen Lefer feines Buches aber, welche auf
dem betreffenden Gebiete einigermafsen bewandert find
— und nur folche werden die unerträglich breit ge-
fehriebene Abhandlung in die Hand nehmen —, werden
keinen Moment darüber im Zweifel fein, dafs hier jene
Methode angewendet ift, nach welcher man die Urkunden
nach Belieben durch fünfzehn Jahrhunderte wirbeln
kann. Unfer Verfaffer bevorzugt das 15. Jahrhundert;
augenfeheinlich hat er keine dogmatifchen Tendenzen
und bricht auch für den Verfaffer von Supernatural
Religion — oder ift das nur tiitt'le/.ir/.mg? — eine Lanze.
Man kann nach derfelben Methode philologifcher Klein-
meifterei und fyftematifcher Grillenfängerei umgekehrt
auch die werthlofelten Producte fpäter Jahrhunderte zu
klaffifchen Originalwerken Rempeln, wie das ja noch
jüngfi zu regifiriren war. Hier wie dort derfelbe Ueber-
muth in Bezug auf ^Modern Criticism', fowie diefelbe
Nichtachtung des bisher Erarbeiteten und aller inneren
Gründe, die für die Abfaffungszcit einer Urkunde fpre-
chen. Proclamirt Zahn: ,Unterfuchungen über die Ent-
fiehungszeit einer Schrift, welche von der fonderbaren
Vorausfetzung ausgehen, dafs wir die EntRehungsge-
fchichte der wichtigeren kirchlichen Einrichtungen und
chriRlichen Ideen fo ziemlich kennen, find werthlos', fo

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