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Ausgabe:

1884

Spalte:

233-236

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cheyne, Thomas Kelly

Titel/Untertitel:

The prophecies of Isaiah. Vol. II. 2. ed. revised and enlarged 1884

Rezensent:

Guthe, Hermann

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack und D. E. Schürer, Proff. zu Giefsen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 10.

17. Mai 1884.

9. Jahrgang.

Cheyne, The prophecies of Ifaiah. Vol. II. 2.

edit. (Guthe).
Buchwald, Der Logosbegriff des Johannes

Scotus Erigena (A. Harnack).
Sickel, Das Privilegium Otto I. für die römi-

fche Kirche vom Jahre 962 (von der Ropp).

Wiclif's Lateinifche Streitfchriften, hrsg. von

Buddenfieg (Möller).
Luther's Evangelien-Predigten, ausgewählt von

Sehl off er (Rade).
Peter von Cornelius (Rade).

Bergmann, Ueber das Richtige (Herrmann).
Windelband, Präludien. Auffätze und Reden

zur Einleitung in die Philofophie (Gott-

fchick).
Erklärung.

Cheyne, Rev. T. K., M. A., The prophecies of Isaiah.

A new translation with commentary and appendices.
[In 2 vols.] Vol. II. 2. ed. revised and enlarged.
London, Kegan Paul, Trench, & Co., 1882. (XIII,
308 S. gr. 8.) Cloth. 12 s. 6 d.

Dem erflen Bande diefes Commentars, den ich in
Th.L.-Z. 1880 Nr. 26 befprochen habe, folgte im Anfang
des Jahres 1881 der zweite Band. Er kam kurz, bevor
ich meine Reife nach Paläftina antrat, in meine Hände
und mufste damals ungelefen von mir bei Seite gelegt
werden. Im Jahre 1882 find beide Bände in zweiter
Auflage erfchienen. Leider war ich damals durch andere
Arbeiten verhindert, die Befprechung des zweiten Bandes
fogleich nach dem Erfcheinen der zweiten Auflage
vorzunehmen, und wenn ich diefelbe jetzt noch nachhole
, fo gefchieht es nicht fowohl um den Werth des
Commentars hervorzuheben — in diefem Falle hat der
buchhändlerifche Erfolg mit vollem Recht entfehieden —
als vielmehr weil der zweite Band in feinen ,Essaysl den
Schlüffel zum Verftändnifs des von dem Verf. einge-
fchlagenen Verfahrens liefert. Der Verf. hat kein,Partei-
Buch' fchreiben, fondern möglichfl vielen ,students' eine
philologifch gefunde Anfchauung vom Text des Jefaias
liefern wollen, um ihnen damit eine fichere Bafis zur
Prüfung der fchwierigeren Probleme der Kritik zu bieten
(p. 179). Er trägt ftets Bedenken, in diefem Buche die
Grenze der Exegefe nach dem Gebiete der höheren
Kritik hin zu überfchreiten, und will dadurch die eng-
lifchen Theologen nachdrücklich daran erinnern, nicht
die Richtung (,biasl), fondern die forgfältige philologifche
Forfchung fleh angelegen fein zu laffen (p. V) — eine
Mahnung übrigens, der man auch diesfeits des Kanals
noch immer Beachtung wünfehen mufs. Daher vermeidet
er, in die Erklärung Erörterungen behufs Beftimmung
des Verfaffers etc. der angezweifelten Stücke des Buches
Jefaia einzuflechten, und auch in den ,Essays' theilt er
dem Lefer mehr feine Grundfätze in der Behandlung
der hiftorifchen und literarkritifchen Fragen mit, als dafs
er diefelben zur Entfcheidung bringt. In diefen ,Essays'
treten die Vorzüge der Arbeit Ch.'s deutlich hervor:
eine umfaffende Kenntnifs des Materials, gefchickte Ver-
werthung von lehrreichen Parallelen, vollkommene Ueber-
ficht über die in Betracht zu nehmenden Punkte und
eine gründliche Einficht in die Tragweite der einzelnen
Entfcheidung.

So fehr ich nun den Zweck billige, den der Verf. bei
feinem Verfahren im Auge hat, fo will mir doch die
Zurückhaltung des entfeheidenden Urtheils namentlich
in den ,Essays' nicht gerechtfertigt erfcheinen. Wer fleh
der Führung Ch.'s in der Erklärung der Reden des
Buches Jefaia anvertraut, der darf doch erwarten, von
Gh. bis an das erreichbare Ende des Verfländnifses geleitet
, aber nicht etwa auf dem letzten Theil des Weges
allein gelaffen zu werden und von dem Kundigeren
gleichfam die Worte zu hören: ,Was ich nun noch weifs,
behalte ich für mich!' Freilich lagt Ch. zu feiner Rechtfertigung
(p. 210), die Hauptfache fei, nicht zu wiffen
wer eine Weisfagung gefchrieben hat, fondern ihrewefent-
lichen Gedanken zu verftehen und fleh anzueignen; bisweilen
mache es freilich für das Verftändnifs viel aus,
die näheren Umftände einer Rede zu kennen, aber bei
Jefaia fei das doch nicht fo fehr wichtig. Der erfte Satz
ift vollkommen richtig, aber der zweite Satz wird erft
richtig, wenn man die Einfchränkungen Ch.'s fortläfst.
Das ifl; ja gerade der Mangel, den wir namentlich gegenüber
den Reden der älteren Propheten empfinden, dafs
wir ihre fo enge Verknüpfung mit den Zeitverhältnifsen
immer deutlicher ahnen, aber doch nicht nachweifen
können. Und was Jef. 13 f. 24—27 und namentlich 40—66
betrifft, fo ift das Verftändnifs diefer Abfchnitte von dem
gefchichtlichen Hintergrund, aus dem man fie heraustreten
läfst, doch vollkommen abhängig, was Ch.'s Exegefe
felber zur Genüge beftätigt. Er betont hier wiederholt,
dafs der Standpunkt des Propheten die exilifche oder
z. B. in 26, 18 die nachexilifche Zeit fei, läfst aber offen,
ob derfelbe als wirklich oder nur als angenommen betrachtet
werden folle. Die letztere Auffaffung ift nun
bekanntlich eine Theorie, die lediglich erft auf Grund
diefer ftreitigen Capitel entftanden ift. Ch. fordert aber
eine Exegefe, die ,self-deuying and theory-denying1 fei
(p. 269 und fonft); wenn er dennoch jene fowohl aus
fachlichen Gründen (p.213. 216) als auch in diefem Falle
wegen ihrer Herleitung aus dem ftreitigen Objecte felbft
doppelt bedenkliche Theorie in die exegetifche Dis-
cuffion aufnimmt, fo ift er in diefem Punkte felbft von
feiner Lofung abgewichen. Das ift ganz begreiflich und
beweift eben, dafs Ch.'s Forderung fleh niemals vollkommen
erfüllen läfst. Wohl aber foll man in der Darfteilung
die exegetifchen Thatfachen von den daraus zu
ziehenden Pcflgerungen fcheiden.

Auch in einem anderen Punkte ift Ch. in feiner Auslegung
offenbar über die "Feftftellung der exegetifchen
Thatfachen hinausgegangen. Er befchäftigt lieh in dem
3. Essay p. 179—198 mit der näheren Erläuterung des
Satzes der Vorrede in Bd. I, p. VII: ,There is aphilolo-
gical exegesis, and there is a Christian'. Das Merkmal
der ,chriftlichen Exegefe' foll fein, dafs man wegen der
Beziehung des A. T. auf Chriftus eine befondere pro-
videntielleLcitung gewiffer Perfonen und ihrer Aeufserun-
gen annimmt, und [dafs man diefe Annahme in der
autoritativen Interpretation des A. T. von Seiten Chrifti
beftätigt fleht. Darum ,erwartet' Ch. im A. T. vorbildliche
Weisfagungen (,foirshadowingsl) befonderer Umftände
des Lebens Chrifti, fowie beftimmte Schilderungen
des leidenden Mefflas und — findet fie auch! (Vgl& p.

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