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Ausgabe:

1884 Nr. 9

Spalte:

224-225

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wahrmund, Rich.

Titel/Untertitel:

2+5=8 oder Luther-Götzendienst und Reformation. Eine Warnung 1884

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1884. Nr. 9.

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Abgefehen von den Beilagen ift das Buch in fol- i
gende zehn C'apitel getheilt: 1)Einleitung; 2) Abälard's |
Leben, Studien und Schriften; 3) zur Beurtheilung des
philofophifchen Standpunktes; 4) die Gliederung des
Syftems, die Präliminarfragen der Glaubenslehre; 5) Lehre
von Gott und der Welt; 6) Trinitätslehre; 7) Chrifto-
logie; 8) Lehre von der Sünde; 9) Lehre von der Erlö-
fung; 10) Schlufsbetrachtung. Im 2. Cap. bleibt in der
biographifchen Skizze (S. 34) unklar, worauf fich der
.Argwohn'Fulbert's bezog, und unter den philofophifchen
Schriften (S. 80), die doch alle angeführt werden follen,
vermifst man die Glossae in librum de interpretatione (Cous.
Ouvrag. p. 595—601), fowie eine andere (allerdings noch
nicht wiederentdeckte) wahrfcheinlich De loco et argu-
mentationc betitelte Abhandlung. Andererfeits ift aber
hinzuweifen auf die guten Bemerkungen des Verf.'s über
den Zweck, den Ab. bei der Veröffentlichung feiner
Autobiographie im Auge hatte (S. 46 f.), fowie über das
Tendentiöfe feiner übrigen (von vornherein auf das Publicum
berechneten) Briefe (S. 94), fodann auf die treffende
Schilderung feiner Charakterfehler (S. 51). Seine
Bekanntfchaft mit der Literatur des Alterthums bezeichnet
Verf. als eine relativ ausgedehnte, aber keineswegs unerhörte
; elementare Kenntnifs auch des Griechifchen und
Hebräifchen mifst er ihm bei, jedoch keine genauere.
Hinfichtlich des Verhältnifses der Theologia christiana
zur Introductio entfeheidet fich Verf. mit Goldhorn für I
die Priorität der erfteren, nur dafs er in der Theol. ehr.
nicht fowohl den in Soiffons verurtheilten Tractat de
unitate et trin. div. felbft, als eine Neubearbeitung desfel-
ben findet (S. V und 46). — Im 4. Cap. giebt Deutfch
zu, dafs es dem Ab. an Tiefe des religiöfen Lebens
fehle und ihm die Religion zu fehr Verftandesfache fei,
ferner, dafs er nicht nur das Vertrauen auf die Sicher- !
heit der kirchlichen Tradition zu erfchüttern fuche, fondern
auch die fpeeififche Dignität der den biblifchen
Schriftftellern zu Theil gewordenen Offenbarung infofern
nicht anerkenne, als er auch heidnifche Philofophen und
Dichter für infpirirt erkläre, endlich, dafs eigene freie
Ueberzeugung und Freiheit der Forfchung fowie der
Discuffion fein Lofungswort fei. Auf der anderen Seite
fucht er aber zu zeigen, dafs doch auch er von der Kirchenlehre
fich noch in bedeutendem Mafse innerlich gebunden
fühle, dafs er wenigftens die Autorität der dogmatifchen
Decrete der ökumenifchen Concilien nicht antafte, dafs
er die Realität einer befonderen Offenbarung nicht in
Abrede ftelle und dafs er zum Inhalte auch des nach I
feiner Anficht den Heiden Infpirirten doch eben Chriftum
mache. Was aber das Verhältnifs zwifchen Glauben
und Wiffen betrifft, fo räumt Verf. zwar ein, dafs Ab.
in feinen fpäteren Schriften (der Introductio u. f. w.), die
man von feiner Theologia ehrist. fcharf fondern müffe,
allerdings gegen den blofsen Autoritäts- und im Fiebrigen
unmotivirten Glauben entfehieden Front mache,
leugnet jedoch, dafs derfelbe an die Stelle des credo, ut
intelligam ohne Weiteres das intelligo, ut credam fetze,
da er vielmehr nur allenthalben eben einen hinreichend
motivirten Glauben fordere, unter einem folchen aber
zwar einen der Vernunft nicht widerfprechenden,
jedoch keineswegs wefentlich einen aus reiner Vernunft
flammenden oder demonftrabeln, auch nicht immer einen
lediglich auf das fittliche Bewufstfein geftützten verliehe,
das entfeheidende Motiv vielmehr oft gerade wenigftens
in dem Zeugnifs derer erblicke, denen eine göttliche
Offenbarung zu Theil geworden fei, oder gar in unverkennbaren
, unmittelbaren göttlichen Manifeftationen. Dafs
Ab. den formalen Supernaturalismus nicht von der Hand
weife, fchliefst Verf. im Cap. 5 unter anderm auch aus
feiner Lehre vom Wunder, welche mit der Auguftin's
faft gänzlich übereinkommt. Dafs aber Auguftin von
einem befonderen unmittelbaren Eingreifen Gottes in den
Naturlauf nichts wiffe, hat zwar Auguft Dorner (Augu-
ftinus S. 76) wiederum behauptet, ift indeffen von dem

Ref. (Auguftinus' Lehre vom Wunder, S. 61) beftritten und
wird auch von Deutfch (S. 244) mit Recht bezweifelt.
Andererfeits Hellt doch auch letzterer, fo forgfältig er
auch den Spuren einer pofitiven Theologie bei Ab. nachgeht
, nicht in Abrede, dafs fich infolge eines (vielfach
(ich kundgebenden) Mangels an Folgerichtigkeit unleugbare
Merkmale eines materialen Rationalismus und des
Pelagianismus bei demfelben finden. Denn er leugnet
nicht, dafs es nach ihm doch nur das dem Menfchen
anerfchaffene natürliche Gefetz der Gottes- und Men-
fchenliebe war, was Chriftus — freilich mit erftmaliger
voller Klarheit und feinerfeits mit der Beftimmtheit eines
pofitiven Gefetzes — kundmachte und wirklich ausführte.
Disputabel ift die Bemerkung des Verf.'s (279), dafs man
Abälard den nicht unbegründeten Vorwurf des Sabel-
lianismus thatfächlich nicht gemacht habe. Denn wenigftens
nach Otto von Freifing {de gest. Frid. 1,47) erfolgte
feine Verurtheilung zu Soiffons geradezu wegen fabel-
lianiftifcher Ketzerei.

In den werthvollen Beilagen wird 1) nachgewiefen
(S. 433—452), dafs Abälard's Dia/ogus inter philosophum,
Judaeum et Christianum, deffen Inhalt genau analyfirt
wird, uns höchft wahrfcheinlich nur fragmentarifch vorliegt
und theils deshalb, theils wegen feines fchon aus
dem Bruchftücke fich ergebenden Zweckes als ein urkundlicher
Beweis für die angeblich dem Chriftenthum negativ
gegenüberftehende, dasfelbe in feinen pofitiven Elementen
als ein blofses Accidens der natürlichen Religion
anfehende Richtung Abälards nicht gelten kann; 2) wird
(S. 453—56) die Benutzung der Senteniiae, d. h. der
von Rheinwald fogen. Epitome (in der der Verf. mit dem
Ref. ein nach Vorträgen Abälard's niedergefchriebenes
Heft zu erkennen geneigt ift) für die Darftellung feiner
Theologie gerechtfertigt. Es folgt 3) eine Abhandlung
(S. 456—63) über die verfchiedenen Texte von ,Sic et non,
welche Schrift fchon von Ab. felbft in verfchiedenen
Bearbeitungen herausgegeben fei. Daran fchliefscn fich

4) der Nachweis der Benutzung Abälard's in der ,ehemals
berühmten, in neuerer Zeit faft vergeffenen' Evangelienharmonie
des Zachariase h ry f o p o Ii t a n u s (S. 463 —66);

5) der Erweis, dafs der Ungenannte, gegen den Bernhard
von Clairvaux feinen Tractatus de baptistno
aliisque quaestionibus gerichtet hat, Abälard ift (S. 466—72);

6) Bedenken gegen die Hypothefe J. Bach's, dafs zwei
von diefem in Klofterneuburger Handfchriften
entdeckte Briefe an Abälard gerichtet feien (S.472—73).
Den Schlufs bildet (S. 473—82) eine Reihe von höchft
dankenswerthen Emendationen zum Texte der Schriften
Abälard's.

Möge diefe forgfältige und gut gefchriebene Monographie
die Beachtung finden, welche fie in vollem Mafse
verdient.

Kiel. F. Nitzfeh.

Wahrmund, Rieh., 2 + 5 = 8 oder Luther-Götzen-
dienft und Reformation. Eine Warnung. Zürich,
Verlags-Magazin, 1884. (60 S. gr. 8.) M. —.80.

Dem Titel nach konnte man wohl eine ultramontane
Kapuzinade gegen unfer Luthcrfeft erwarten; nur der
Verlagsort (Zürich, Verlags-Magazin) wies auf ein
ganz anderes Lager hin, dem diefe Streitfchrift entflammt.
Und in der That, wir finden hier das nicht minder unerbauliche
Kehrbild des Luther, den uns mit unermüdlichem
Behagen die katholifche Lutherliteratur vor Augen gemalt
hatte. Hier werden wir nämlich belehrt, es fei
Luther's unverzeihlicher Fehler gewefen, dafs er im
Bauernkriege die politifche Situation nicht begriffen und
theils aus Unverftand, theils aus Eigenfinn die Sache der
deutfehen Nation im Stiche gelaffen und leichtfertig von
der Partei der Unterdrückten zur Partei der Unterdrücker
hinüber gefprungen'. Die Reformation ift damit ge-
fcheitert, ,Luther hat Deutfchland dem Papfte gerettet'.