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Ausgabe:

1884 Nr. 8

Spalte:

199-203

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Heer, J. Justus

Titel/Untertitel:

Der Religionsbegriff Albrecht Ritschl‘s 1884

Rezensent:

Herrmann, Wilhelm

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199

Theologifche Literaturzeitung. 1884. Nr. 8.

200

Die zweite befchäftigt fich mit den Familienbezieh- ! ihm irgendwie nahe gekommen ift, und fuchcn ihm klar

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ungen Utenhove's und der Klarftellung einiger Dunkelheiten
, die bezüglich des Stammbaumes die bisherigen
Forfchungen zurückgelaffen hatten.

Die dritte giebt ein zuverläffiges und gutes Perfo

zu machen, dafs er wohl nur deshalb einen, theologifch
beurtheilt, grundlofen Glauben pflege, weil die Wirk-
lichkeit Chrifli in der Welt doch im Stillen auf (ein
Inneres gewirkt und den wahren Grund des Glaubens in

nenregifler; die vierte notirt die Druckfehler, deren Zahl 1 dasfelbe eingeführt habe. Und was nun das Andere be-
flch allerdings bedeutend vermehren liefse. [ trifft, dafs es noch heute Chriffen gebe, welche aus der

Die 5. bringt die 21 Disputationsthefen des Promo- j Betrachtung der Natur und der Menfchengefchichte reli-
venden, die fich theilweife auf die Arbeit beziehen, theil- | giöfe Erkenntnifs fchöpfen, fo geben wir dies nicht nur
weife allgemein theologifchen und theilweife kirchenpoli- bereitwillig zu, fondern wir fagen fogar, dafs der nicht
tifchenlnhalts find, namentlich niederländifche Verhältnifse : ein Chrift ift und von der Offenbarung Gottes in Chriftus
berückfichtigend. ' gar nichts verftanden hat, der nicht in der Natur und

Halle aS Paul 1 der Menfchengefchichte, vor Allem in der eigenen Ge-

| fchichte das Andringen der ernften Liebe Gottes verfpürt.
' j Aber allerdings meinen wir, dafs das Licht, welches eine
Heer, Kirchenr. Pfr. J. Juftus, Der Religionsbegriff Albrecht folchc religiöfe Deutung der Welt möglich macht, über-
Ritschl's, dargeftellt und beurteilt. [Aus: ,Verhandlgn. all von einem befonderen Ereignifs ausitrahlt, in welchem
d. asket. Gefellfch. in Zürich.'] Zürich, Schultheis, der Menfch die unwidcrjprechhche Manifeftation Gottes
qo /ttt o c o tt gefunden zu haben glaubt. Dafs abgefehen davon die

1884. (III, 87 S. gr. 8.) M. 1. — blofse Gefetzmäfsigkeit des Naturlaufs eine Quelle reli-

Die Vorzüge diefer Auseinanderfetzung mit Ritfehl giöfer Gotteserkenntnifs fein könne, wie der Verf. an-
vor den wunderlichen Producten, welche in Deutfchland nimmt, beftreiten wir aus guten Gründen. Ebcnfo find

diefem Zwecke gewidmet zu werden pflegen, prägen fich
deutlich in dem Schlufsurtheil des Verf.'s aus: ,find feine
Gedanken erft ihrer Einfeitigkeit entkleidet, fo werden
fie Gemeingut von bleibendem Werth in der Theologie

wir aus guten Gründen überzeugt, dafs das Zeugnifs der
Welt von ihrem Schöpfer nur dann richtig vernommen
werden kann, wenn man fich an den gefchichtlichen
Chriftus hält, als an diejenige Erfchcinung in der Welt,

werden'. In Deutfchland find die Schlagworte, welche ', welche als das klare und alle anderen auslegende Wort
von berufenen Männern urfprünglich nur zu dem Zwecke Gottes zu verftehen ift. Unfere Gegner find mit dem
gebildet waren, um weiteren Kreifen ein wiffenfehaft- j Herrn Verf. anderer Anficht. Ihnen erfcheint es ,pofi-
liches Urtheil in diefer Sache zu ermöglichen, allmählich tiver,' die Welt als eine von der Offenbarung Gottes in
zu einer Feffel für die eigentlichen theologifchen Ver- j Chriftus unabhängige Erkenntnifsquelle des Glaubens zu
handlungen geworden. Der Verf. hält fich die Möglich- j verehren. Für diefe Thatfache giebt es nur eine Er-
keit offen, dafs er in wichtigen Punkten auch von Ritfehl j klärung, auf welche fchon die für RitfchTs Auffaffung
etwas lernen könne und discutirt die Differenzen fo, dafs : gewählte Bezeichnung .Dualismus' hindeutet. Es wird

auch der Gegner ihm gern dabei folgt. Die Einwürfe,
welche er macht, find zwar nicht originell, aber fo, wie
er fie vorbringt, halten fie fich auf der Höhe der heutigen
Theologie.- Der Verf. ift wie Viele der Anficht,

den Gegnern bange um die Rationalität des Chriften-
thums. Sie fürchten, wie dies namentlich Luthardt
kund gegeben hat, dafs ein Beweis für das Recht und
die Allgemeingültigkeit der chriftlichen Wahrheit fich

bei der Entfcheidung für oder gegen Ritfehl handle es ; nicht mehr führen läfst, wenn man Ritfehl folgt. Diefer
fich vor Allem darum, ob man feinem Dualismus, wie j Beforgnifs können wir nur immer wieder die Erinnerung
man es nennt, beitreten wolle oder nicht. Gemeint ift entgegenftellen, dafs unfer Glaube felbft feinen Anfpruch
damit Ritfchl's Satz, dafs alle religiöfe Gotteserkenntnifs j auf die Menfchheit damit rechtfertigt, dafs die Menfchen
auf befondercr Offenbarung beruhe. Der Verf. wendet durch ihn feiig werden. Eine Theologie, welche einen
fich zunächft, an einen Ausdruck von Thikötter an- , anders angelegten Beweis des Glaubens verfucht, hemmt
knüpfend, dagegen, dafs Ritfehl und feine Schule die aus I die dem Glauben felbft innewohnende Gewifsheit, ander
Betrachtung der Natur und aus dem Gewiffen fich | ftatt fie zur Klarheit zu bringen. Es ift nichts anderes
herfchreibende Gotteserkenntnifs wie etwas dem Chriften- als die Anwendung der chriftlichen fteiavoia auf die
thum Feindliches zu bekämpfen fuchten. Es fei doch ' Arbeit der Theologie, wenn man darauf verzichtet, den

nicht recht, eine Seele, welche fich an Gott klammere
darin ftören zu wollen, weil fie es nicht in der vollkom-
menften Weife thue. ,Es ift eine Thatfache, die man
auf Ritfchl'fchem Boden nicht verkennen follte, dafs auch
heutzutage viele lebendige Chriften aus der Betrachtung
der Natur und der Menfchengefchichte religiöfe Erkenntnifs
und Erhebung fchöpfen'. Dazu habe man als Chrift

Glauben durch feine Congruenz mit dem Welterkennen
oder mit irgend einer anderen aufserhalb feines eigenen
Gebietes liegenden Thatfache zu begründen. Wie überall,
fo muthet uns auch hierbei der Act der «£r«)'o<« nur
das zu, dafs wir auf Scheingüter Verzicht leiften, deren
fich aber in diefem Falle nicht blofs der Chrift zu fchä-
men hat, fondern jeder, der an dem Erwerbe der Wiffen-

ebenfowohl Anlafs und Recht wie die Pfalmiften. Gewifs 1 fchaft theilnchmen will. Bei dem Verf. äufsert fich der

hat man das. Ich beeile mich auch zu erklären, dafs
Keiner von uns darauf ausgehen wird, einem Menfchen,
der mit aufrichtiger Frömmigkeit fich in dem Gedanken-
kreife der natürlichen Theologie bewegt, feinen Glauben
einfach zu zerftören. Einem Manne, der felbft das Amt

Weltfinn, den er in feiner Theologie noch nicht überwunden
hat, in der freundlichften, uns von Jakobi her
bekannten Form. Ein religiöfer Sinn, den der Verf. mit
dem Inftinct der Thiere vergleicht, foll dem Menfchen
die fichere Gewähr geben ,für die Realität jenes feinem

eines Seelforgers bekleidet, ift es nicht zu verübeln, dafs j irdifchen Gefichtskreis transfeendenten göttlichen Seins
er einen rückfichtslofen Angriff auf hülfsbedürftige Ge- Ganz ficher fcheint ihm freilich diefe fichere Gewähr

müther zu fehen glaubt, wo wir nur auf theologifche
Gedanken Jagd machen. Wir werden, wenn wir es mit
einem Menfchen jener Art zu thun haben, fo verfahren,
wie wahrfcheinlich auch der Verf. Das werden wir ihm
zeigen, dafs, wenn einmal feine tieffte Noth fich ihm
enthüllen wird, er rathlos fein mufs, wenn er nur den
Gott, deffen Ehre die Himmel erzählen, zu kennen meint,
und nicht den Gott, der in dem gekreuzigten Chriftus
in unfere Mitte getreten ift. Gehört er der chriftlichen
Gemeinde an, fo folgen wir der Zuverficht, dafs Chriftus

auch nicht zu fein. Denn er meint, wie fchon Kant(!)
gezeigt habe, dafs die Sinneserfahrungen ,ftets fubjec-
tiver Art find', fo gelte dies noch vielmehr von den
Erfahrungen des religiöfcn Sinnes. Er will .immerhin
nicht überfehen, dafs bei der religiöfen Werthfehätzung
das fubjective Moment viel ftärker mitwirkt, als bei der
finnlichen Anfchauung. Denn die religiöfe Anlage liegt
wie die fittliche auf dem Boden der Freiheit und fie bedingen
fich gegenfeitig'. Hiermit fagt der Verf., wenn
ich nicht irre, dafs die religiöfe Anlage nur wirkfam